Entit
Nr. 183 2. Jahrgang
Chefredakteur: M. Braun
( 税 込
Zahlreiche
katholische Priester verhaftet
Saarjustiz
Seite 2
gegen Saarregierung
Seite 3
Seite 4
Wo ist der Reichstagsbrandstifter Kruse?
Die schweizerische Bundesanwaltschaft in Bern fahndet nach dem geflohenen Diener Röhms Bern, 9. August. Am 22./23. Juli haben wir den Brief des SA. - Mannes Kruse an den Hindenburgs Testament
Reichspräsidenten von Hindenburg veröffentlicht. Kruse, der seit Jahren dem Stabe Röhms zugeteilt und dessen persönlicher Diener war, hat sich in diesem Brief selbst der Teilnahme an der Brandstiftung des Reichstages durch Röhm, Heines und ausgewählte SA.Leute bezichtigt. Die Angaben sind genau und enthalten die Namen aller an dem Verbrechen beteiligten SA .- Leute.
Das Aufsehen, das der Brief durch die Bekanntgabe in der ,, D. F." erreicht hat, ist groß und hält noch immer an. Jede Post bringt uns Fragen, die nähere Auskunft verlangen. Man wird sich aber noch einige Zeit gedulden müssen.
Die Reichsregierung und ihre Dementierapparate hüllen sich in begreifliches Schweigen. Der Schweizer ,, Polizeianzeiger" vom 3. August erhält nun im Auftrag der Bundesanwaltschaft in Bern eine Fahndungsanzeige gegen den SA.- Mann Ernst Kruse. Gründe werden nicht angegeben. Man weiß also nicht, welche Beschuldigung gegen Kruse erhoben wird. Auch bleibt ungewiß, ob der Bundesanwalt aus eigenem Willen handelt oder ob ein Schritt der deutschen Reichsregierung vorliegt. Nach den im ,, dritten Reich" üblichen Methoden ist es durchaus möglich, daß man Kruse ein kriminelles Verbrechen( natürlich nicht den Reichstagsbrand) anzuhängen versucht, um seine Auslieferung nach Deutschland und damit seine Erledigung zu erreichen. Darüber wird sich wohl auch das Schweizer Bundesgericht klar sein.
Jedenfalls wird die Existenz des SA .- Mannes Kruse, die man da und dort bestritten hat, nun sozusagen amtlich bestätigt. Kruse soll sich bis vor kurzem in einem schweizerischen Gebirgstal verborgen gehalten haben. Wir bezweifeln, daß es den Behörden gelingen wird, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln. Er hat allen Grund, sich an sicherer Stelle zu verbergen. Nicht wegen der schweizer Behörden, sondern wegen der deutschen Agenten, die ihm auf den Fersen waren. Agenten der Gestapo haben schon seit Wochen in der Schweiz Jagd auf ihn gemacht und haben auch unbeteiligte Leute in der Schweiz belästigt und bespitzelt. bold 200
Man erinnert sich, daß Kruse schrieb, er sei in dem Besitz des Tagebuches von Röhm and anderer sehr wichtiger Dokumente, und man wird begreifen, welchen Wert die Reichsregierung auf die Erlangung dieser Papiere legen muß. Geben wird der Hoffnung Ausdruck, daß der SA.- Mann Kruse seine Absichten verwirklichen kann. Wir bitten zu verstehen, daß wir uns jeder näheren Angabe enthalten. Dafür liegen triftige Gründe vor.
Ungelöste Spannungen im Reich
Was Millionen Deutsche über den ,, Volksentscheid' am 19. Augunst denken
Aus dem Reiche wird uns geschrieben: Wir haben Wochen großer Spannungen und Sensationen hinter uns, und die Volksstimmung war mancherlei Schwankungen ausgesetzt. Nach dem tiefen Einbruch in das Vertrauen zum Regime am 20. Juni riß die Reichskanzlerrede gegen die„ Meuterer" im Reichstage die Zweifler wieder etwas hoch. Aber schon nach wenigen Tagen war zu spüren, wie die Wirkung dieser Rede nachließ. Nun kam der Tod Hindenburgs und die rasche Lösung der Krise durch die Selbsterhöhung Hitlers zum Alleinherrscher über Deutschland . Wieder gab es bei vielen ermüdeten Nationalsozialisten ein Aufflackern des Glaubens, daß Hitler es doch vielleicht schaffen werde, und wieder wird diese Hohnung furzlebig sein und trügen. Immer wieder dringen die wirtschaftlichen Sorgen in den Vordergrund. Die meisten und erbittertsten Feinde hat Hitler seit Monaten bei den Bauern. Man darf ohne Uebertreibung sagen, daß es in weiten bäuerlichen Bezirken, wie zum Beispiel in Nordbayern, in Oberhessen, in der Eifel und andern rheinischen Bezirken innerlich treu gebliebene Nationalsozialisten nur noch wenig gibt. Gerade in dem alten antisemitischen oberhessischen Besitzstand ist die Enttäuschung groß. Die Zwangswirtschaft mit ihrer Ablieferungspflicht zu Preisen, die als viel zu niedrig empfunden werden, die rigosose Eintreibung von Steuern, der Futtermittel: mangel, der zu Notschlachtungen treibt, werden als niederträchtig empfunden. In einigen Bezirken hält man rückständige Steuern gleich von dem Gegenwert der gelieferten Waren ab, was sehr erbitternd wirkt. Die Mißernte drückt auf die bäuerliche Stimmung. Da die Ernte etwa ein Viertel gerinaer uit als in einem nor
malen Jahre, kann der Bauer angesichts des staatlichen Getreide monopols und einem Zwangspreise, der zur Vermeidung einer Brotpreiserhöhung nur um 5 v. H. gegen das Vorjahr erhöht ist, nur mit einem Ertrage von etwa 80 v. H. des vorjährigen Erlöses rechnen. Die Bauern fürchten infolgedessen, aus der Substanz zusetzen oder neue Schulden aufnehmen zu müssen. Ob infolgedessen die Ablieferungspflicht einigermaßen glatt erfüllt werden wird, muß man bezweifeln. Es wird jetzt schon mit dem Einsatz der staatlichen Machtmittel gedroht. Da das Regime den Bauern nichts bieten kann, was sie zufrieden stellen könnte, ist an neue politische Eroberungen Hitlers auf dem Lande nicht zu denken.
Ein verbürgter charakteristischer Vorfall aus West= deutschland sei hier eingeschaltet. In einer Dorfwirtschaft hatte ein Bauer sich mißliebig über die Regierung ge= äußert. Ein fanatischer Nazi denunzierte ihn, und die Gendarmerie wollte zur Verhaftung schreiten. Die Bauern rotte= ien sich zusammen und drohten Gewalt anzuwenden, da ihr Freund nur die Wahrheit gesagt habe und jeder von ihnen dieselbe Ueberzeugung habe. Die Gendarmen forderten SS. zur Unterstützung an, und diese traf auf Lastwagen im Dorfe ein. Trotzdem gaben die Bauern nicht nach, sondern sagten, wohl habe die SS. die Macht, den Bauern fortzuführen, aber sie alle würden dann sofort aus der NSDAP . und der SA . austreten. Die Ver= haftung unterblieb. Der Name des Dorfes ist uns befannt, aber wir nennen ihn nicht, um nicht die Zentralbehörden auf den Vorfall aufmerksam zu machen.
Die Vorgeschichte des Staatsstreichs
vom 1. August
Die Basler„ National- Zeitung" sagt in einem längeren Aufsatz sehr zutreffend, in den letzten Tagen sei es immer deutlicher geworden, daß„ die unermeßliche Welle von Pietäts- und Verehrungsgefühlen für Hindenburg in vollem Ausmaß von der Hitler - Regierung für die Rehabili tierung ihres am 30. Juni und durch die Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß beschädigten Ansehens" a us ge
beutet worden sei.
Die ebenso kritischen wie zutreffenden Bemerkungen des Blattes über die Rolle, die man noch dem toten Hindenburg zugedacht habe, nämlich zur Verherr lichung des dritten Reichs" beizutragen, sind je doch nicht entscheidend. Das Basler Blatt legt vielmehr die größte Bedeutung auf einen allzu schnell vergessenen, von vielen übersehenen Aufsatz der„ Basler Nachrichten" vom 2. August, der sich mit dem viel besprochenen politischen Testament Hindenburgs schäftigt. Wir geben diesen Artikel, der zur Vorgeschichte des Staatsstreichs vom 1. August ungemein wichtiges Material beibringt, nach der„ National- Zeitung" wieder: „ Der angesehene 0.- Leitartikler der Basler Nachrichten" hat im Extrablatt dieser Zeitung vom 2. Angust zu Hindenburgs Tod unter dem Titel„ Um die Nachfolgefrage" intereffante Mitteilungen wiedergegeben über das, was man nach den Ereignissen vom 30. Juni in Berlin sich zugeflüstert habe. Er beruft sich dabei auf den historischen Moment des wichtigen Todesfalles für die Ueberwindung seiner sonstigen Bedenken gegen bloß geflüsterte und nicht gedruckte Nachrichten.
Ohne einer solchen vorgreifen zu wollen, halten wir uns heute doch für verpflichtet, die Darstellung des Artikels, der außer den Käufern jenes Extrablattes der Oeffentlichfeit, mit Einschluß der regulären Leserschaft der Basler Nachrichten", unbekannt geblieben sein muß, inhaltlich wiederzugeben und dazu Stellung zu nehmen.
Der Inhalt ist furz folgender: Der Feldmarschall habe im Bewußtsein seines nahenden Endes ein politisches Testament aufgesetzt. Er habe darin zur Vermeidung der Verwirrungen einer Volkswahl, die nach der Verfassung erforderlich gewesen wäre, testamentarisch seinen Nachs folger ernannt in der Person des Herrn v. Papen, und die Reichswehr zur Vollstreckung seines Willens eingesetzt.
Dieses Testament hätte bis zum Tode des Präsidenten geheim bleiben sollen. Sein Inhalt sei aber vorzeitig durchgefickert, mit verhängnisvollen Folgen:
Herr von Papen habe sich seiner Sache sicher gefühlt, aber in seiner unternehmenden Art etwas übriges tun wollen und seine Marburger Rede gehalten.
Damit habe er sich als Vertrauensmann aller vernünftigen Rechtskreise vorstellen wollen, aber sich mit Göring und. Goebbels tödlich verfeindet.
Hitler habe eingesehen, daß er sich nun mit der Reichs wehr verständigen müsse, um sie von der Vollstreckung des Testaments abzuhalten. Er habe von der Nachfolge von Papens nichts wissen, aber auch nicht selbst Präsident werden wollen, da er dazu einen General zwecks besserer Fühlung mit der Reichswehr für geeigneter hielt. Sein Kandidat sei General von Epp gewesen. Von Papen habe er als Vertreter hohenzollernscher Machtwünsche betrachtet. Die Verständigung mit der Reichswehr habe die Säuberung der SA . verlangt.
Röhm sei über diese Sachlage tödlich erschrocken und habe ohne genügend Zeit und Verstand ein dilettantisches Komplott vorbereitet.
Die Säuberungsaktion sei programmwidrig verlaufen, da Göring seine Polizei und die SS .- Leute in Rechtsfreisen herumfunktionieren" ließ, die an dem röhmschen Komplott völlig unbeteiligt gewesen seien. So habe er die ganze Umgebung von Papens„ tahl schießen lassen" und hätte auch den damaligen Vizekanzler selbst umbringen lassen, wenn ihn die Reichswehr nicht gerettet hätte.
So habe die Aktion schließlich unentschieden geendet. Das von Hitler erstrebte Ziel, die Versöhnung mit der Reichs wehr , sei nur teilweise erreicht. Die Rechtskreise seien verstimmt, die gefährliche SA. in Umorganisation begriffen. Auch Görings Absichten seien nur halb durchgeführt, Papen prtiebung stehe 2. Seite sei nicht tot amar nicht mehr Bizefanaler, aber defignierter