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Entita
Nr. 2032. Jahrgang
Fretheil
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Sonntag/ Montag, 2./3. Sept. 1934 Chefredakteur: M. Braun
Deuscher Staatsbankrott in Sicht!
Die Antwort der Weltmei
mung auf die Drohrede des Reichsbankrotteurs
Dr. Schacht
Die französische Regierung antwortet auf die inhaltlose Phrasenrede des„ Führers" mit konkreten Sicherungsforderungen an den Völkerbund Gold und Garantien sind notwendig
Der Völkerbund wird sich in seiner am 10. September beginnenden Tagung neben dem Antrag Rußlands auf Eintritt in den Völkerbund vor allem mit der Saarfrage beschäftigen. In vier Monaten am 13. Januar soll die Entscheidung über das politische und wirtschaftliche Schicksal des Saargebiets durch eine Voltsabstimmung fallen.
Die Saarfrage ist kein deutsch - französisches Problem, sondern ein Völkerbundsproblem. Immer wieder ist Frank reich mit Erfolg den Bemühungen der Diktatur Hitler ausgewichen, das Saargebiet zu einer territorialen Streit- und Ausgleichsfrage zwischen Deutschland und Frankreich werden zu lassen. Frankreich verweist alle Entscheidungen über den Abstimmungskampf, das Plebiszit selbst und seine Folgen an die nach dem Friedensvertrag allein 81. tändige Stelle, den Völkerbund.
In diesem Sinne ist auch eine Denkschrift gehalten, die der französische Ministerrat am Freitag zur Vorlage für den Völkerbund beschlossen hat. Diese Denkschrift läßt aber, soweit ihr Inhalt bisher bekannt wird, auch erfennen, daß Frankreich nicht gewillt ist, seine eigenen Intereffen gegenüber dem Befehlston der Herren Hitler , Schacht u. Co. zurückzustellen und ebenso wenig übersieht Frankreich , daß während des Abstimmungskampfes und nachher hochpolitische europäische Fragen aus dem Saarproblem erwachsen werdenn. Der„ Excelsior" schreibt,
daß Frankreich zugleich sein Recht und das Selbstbestim= mungsrecht der Saarbevölkerung wahren wolle. Das Blatt zählt die zu regelnden einzelnen Fragen wie folgt uf: 1. Das Schicksal der 15 000 französischen Staatsangehörigen und der Schutz ihrer Person und ihres Eigentums, 2. die fünftige Stellung der Saargruben, 3. die fünftigen französisch- saarländischen Handelsbeziehungen, eine wichtige Frage, wenn man bedenke, daß die Saar der viertbeste Abnehmer des französischen Außenhandels sei, 4. Eintreibung der 1200 bis 1500 Millionen Goldfranken, die im Falle einer Rückgliederung zu Deutschland in unkonversierbare Papiermark nicht umgewechselt werden dürften. Hoffentlich lente die französische Denkschrift die Aufmerksamkeit des
Hitler- Deutschland
Der„ Führer" zur Unterernährung
Das vom Landeshauptmann der Provinz Westfalen , der einen großen Teil des westdeutschen Industriegebietes umfaßt, herausgegebene amtliche Mitteilungsblatt„ Westfälische Wohlfahrtspflege" enthält in seiner soeben erschienenen Nummer einen aufsehenerregenden Bericht über den schlechten Gefundheitszustand der Schulkinder. Die von den Gemeindeverbänden hierzu gemeldeten Zahlen find so alarmierend, daß es offenbar sogar den Zensoren des Herrn Dr. Goebbels den Atem verschlagen hat und sie den die grauenerregenden Folgen des Faschismus entlarvenden Bericht passieren ließen. Danach sind in dem Industrieort Datteln von 3600 vorhandenen Schulkindern 33,4 Prozent unterernährt, gegen nur 9,8 Prozent in den Jahren vor der
Hitlerdiktatur.
Von den Schulkindern in der Industriestadt Schwerte sind in den unteren Klassen 42,6 Prozent der Knaben und 24,1 Prozent der Mädchen unterernährt, von den Knaben im fünften Schuljahr 21,9 Prozent, von den Mädchen 10,9 Prosent; von den Knaben des 8. Schuljahres 13,8 Prozent, von den Mädchen 10,8 Prozent.
Der naziamtliche Bericht muß selbst feststellen, daß erst die letzten Jahre die Einwirkungen des Nahrungsmangels ge= bracht haben.
In der Großstadt Dortmund stieg der Prozentsatz der schlechternährten Schulkinder von 1933 bis 1934, also unter der Herrschaft Hitlers , von 15 Prozent auf 17,6 Prozent, der der völlig unterernährten Kinder von 1,9 auf 3,3 Prozent. Bezeichnend sind auch die erhöhten Ziffern über die Tuberfulose- Infektionen. Sie sind in Tortmung von 1932 bis 1984 von 8 Prozent auf 12,4 Porzent geftiegen, in der ge
Bölkerbundsrates auch auf die Bedeutung der Entscheidung
hinsichtlich des fünftigen Militärftatuts im Saargebiet hin, das strategisch von erster Wichtigkeit sei. Jede Bernach läffigung in dieser Hinsicht könne ernste Rüdwirkungen auf die Wahrung des Friedens haben. Auch sei Frankreich an der Polizeifrage interessiert, da gegenwärtig noch ein frü: herer Ratsbeschluß gelte, daß die Regierungskommission in dringenden Fällen zur Wiederherstellung der Ordnung französische Truppen beanspruchen dürfe. Außerdem sei die Frage der Behandlung der Minderheiten und der für sie zu findenden Sicherheitsgarantien zu behandeln, denn sonst würde wohl die Gefahr bestehen, daß die anders denkende Bevölkerung auf die Nachbargebiete flute und dort das Elend der Flüchtlinge und Arbeitslosigkeit teilen. Die französische Denkschrift wirft auch eine Frage auf, die für die Abstimmungsbewegung von entscheidender Bedeutung sein wird. Es ist bekannt, daß sowohl die Sozialdemo fratic, die Rommunisten und die oppositionellen Katholiken im Saargebiet am 18. Januar feine endgültige, sondern nur provisorische Entscheidung über das politische Schicksal des Saargebiets zu treffen wünschen.
Wenn in Deutschland also an Stelle einer barbarischen Tyrannei irgendeine Verfassung mit der Gleichberechtigung aller Volksgenossen wieder kommen sollte, muß für das Saargebiet die Möglichkeit einer neuen Abstimmung ges geben werden, die im Versailler Vertrag zwar nicht vor= gesehen, aber auch nicht ausgeschlossen ist.
Nicht minder wichtig ist, daß der Völkerbund jetzt schon erfennen läßt, welches Mitbestimmungsrecht die Saar: bevölkerung erhalten wird, wenn das Saargebiet durch die Abstimmung für den Status quo einstweilen Völkerbundsland bleibt.
Wenn richtig ist, wie behauptet wird, daß in der franzöfischen Saardenkschrift auch auf die Dringlichkeit hingewiesen wird, eine absolut gerechte und freie Durchführung der Abstimmung zu sichern, und Maßnahmen zu ergreifen, um die Saar„ vor einem Handstreich zu schützen", so würde Frank reich mit dieser Forderung dem Völkerbund einen Weg weisen, der zur Sicherung des Friedens unbedingt gegangen werden muß.
Hunger- Deutschland
nannten Gemeinde Datteln von 5,4 Prozent auf 11,7 Prozent Der Nazibericht muß selbst zugeben, daß auch die Tuber: kulosesterblichkeit steigt und weit über dem Durchschnitt liegt. Sie beruhe nur darauf, daß ein großer Teil der Bevölkerung nicht in der Lage ist, sich fett- und eiweißhaltige Nahrung in ausreichender Menge zu beschaffen."
Noch schlimmer liegen die Verhältnisse in den Städten Wanne und Wattenscheid sowie in Bockum- Hövel. Dort wurden 63 Prozent der Mädchen und 64 Prozent der Knaben als unterernährt festgestellt. Ein aus Westfalen beschicktes Kinder- Ferienheim an der Nordsee meldet 60 Prozent aller Knaben und 50 Prozent aller Mädchen als unterernährt. Endlich verzeichnet der Bericht eine zunehmende Erfranfungsgeläufigkeit der Kinder, vor allem die zunehmende Aus: breitung hartnäckiger Diphtherie- Epidemien in mehreren großen Bezirken des westfälischen Industriegebiets. Diese Ausbreitung der Seuchen wird auf die steigende Unterernährung der Kinder zurückgeführt.
Die herrlichen Zeiten", in die der Führer" das deutsche Volf führt, machen sich fühlbar. Es ist zu beachten, daß eine amtliche Stelle festhalten muß, welche steigende Kinder verelendung das glorreiche„ dritte Reich" zeitigt. In Nürn berg wird man davon nicht reden. Aber man wird einige Millionen Mark verklopfen, um Hitler zu glorifizieren, um Aufmärsche abzuhalten, um Feuerwerk loszubrennen. Es gibt Deutsche im Kindes- und Erwachsenenalter, denen der Magen fnurrt? Sie mögen Rüben essen, Heil und Hurra schreien und damit beweisen, daß sie gute Deutsche sind... Dann wird der„ Führer" ihnen verfichern, darin eben liege das Große" der Zeit,..
Und sie bewegt sich doch!
In Deutschland illegal gedrucktes sozialdemokratisches Flugblatt
Trotz Terror gewinnt die illegale Bewegung in Deutsch land ständig an Boden. Vor uns liegt ein Flugblatt, das uns aus Deutschland gesandt wurde, und das in Deutschland ge= druckt worden ist. Es trägt den Titel:„ Das Geheimnis um den Reichstagsbrand!" und enthält Auszüge aus dem in der Deutschen Freiheit" erschienenen Brief des SA.- Mannes Kruse an Hindenburg . Außerdem trägt es folgenden Zusatz:
" Deutsches Bolf! So sieht Deine Regierung in Wirklichfeit ans. Erinnere Dich daran, daß diese Regierung in den Tagen nach dem Reichstagsbrand die Tat als das größte Verbrechen am deutschen Volke gebrandmarkt hat. Dieses größte Verbrechen wurde von der heutigen Regierung in Szene gefeßt, um mit dieser Propaganda an die Macht zu tommen. Darum will feine Regierung mehr mit diesen Leuten verhandeln, weil die ganze Welt die Verbrechen und die moralischen Schwächen dieser Menschen kennt. E3 ist genug der Lüge und Verdrehung über uns gekommen, seit diese Führer" regieren. Deshalb jetzt mutig an der Selbstbefreiung gearbeitet. Mit dem Stimmzettel muß am 19. August jeder anständige Dentsche, jeder aufrechte, freis heitsliebende Mensch durch sein„ Nein" mithelfen, und von diesen Leuten zu befreien.
Wenn jeder seine Pflicht tut und mit Nein stimmt, hat das deutsche Volt wieder Gerechtigkeit und Freiheit." Von anderer Seite wurde uns bestätigt, daß dieses von Sozialdemokraten verbreitete Flugblatt bei der Wahl starfe Wirkung ausgelöst hat.
Heldenbutter und anderes
Die neue Verordnung über den„, Austausch der Arbeitsplätze"
Soeben verkündet der Staatssekretär Reinhard vom Reichsfinanzministerium den Beginn der Arbeits. schlacht des Herbstes. Das deutsche Volk hört in seiner großen Mehrheit mit Staunen zu, daß eine große Reklame- Aktion trotz ihres Mißerfolges wieder aufgenommen werden soll. Die„ Arbeitsschlacht" des Frühjahrs hat, außer der Beschäftigung von Arbeitern in gänzlich unproduktiven Unternehmungen, die erwartete und ver sprochene Erleichterung vom Druck der Arbeitslosigkeit nicht gebracht. Dafür aber Senkung der Löhne, Abbau der Unterstützungen und des Sozialrechtes vor allem aber eine Fülle von Schwierigkeiten bei der Versorgung der breiten Massen.
Die Katastrophe rückt näher. Man sucht ihr mit Maßnahmen zu begegnen, die lebhaft an die Kriegswirt schaft errinnern. Täglich sind neue Verordnungen da, mit Verbilligungsaktionen, Sparvorschlägen samt zugehörigen Ausschüssen. Genau wie in den letzten Kriegsjahren sind die Zeitungen voll von guten Ratschlägen und Empfehlungen, daß das noch Vorhandene und Erschwingliche im Grunde besonders bekömmlich sei. Dem Laien werden, wir zweifeln nicht daran, bald von deutschen Aerzten unterstützt werden, deren Hungerrezepte während des Krieges noch unvergessen sind.
Die Obst ernte ist in diesem Jahre besonders reichlich ausgefallen. Jezt teilt das„ Stabsamt" des Reichsbauernführers einen Plan mit, wonach fabrikatorisch hergestellte Obstmarmelade verbilligt und der bedürftige Teil des Volkes zusätzlich zu der verbilligten Versorgung mit Fett mit verbilligter Obstmarmelade beliefert werden soll. Beim Zucker soll die Verbilligung beginnen. Des halb hat das Reichsministerium für Ernährung und Land. wirtschaft die wirtschaftliche Vereinigung der Zuckerindustrie veranlaßt, von den ihr angeschlossenen Betrieben ie Zentner Grundkontingent eine Umlage von 9 Pfg. zu