aumaly mahallafloro 23h00

A

Freiber

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Nr. 210 2. Jahrgang

Saarbrücken , Dienstag, 11. Sept. 1934

Chefredakteur: M. Braun

Die ersten Genfer

Saardebatten haben begonnen

Seite 3

So sieht das Ausland Schacht

Seite 4

Die Verständigung

zwischen Frankreich und Italien

Seite 8

Lämmermann- Mord- ohne Sühne

Neue Einzelheiten über das Plauener Verbrechen- Mörder aus Ueberelfer" freigelassen Aufrechte Gegner bleiben im Konzentrationslager: Das ist die Justiz des dritten Reiches"

Nürnberg und Geni

Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, daß der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler gen Süden flog, um in Venedig mit seinem Diktatorkollegen Mussolini zu fammenzutreffen. Wir kennen die Bilder, die beide vor den jubelnden Volksmassen zeigen. Wir erinnern uns der tönenden Berichte in den gleichgeschalteten Zeitungen, die Hitlers überragenden außenpolitische Fähigkeiten priesen und sich nur noch nicht recht getrauten, den deut­ schen Führer" weit über den italienischen Duce zu er­heben. Wenn man daran geglaubt hätte, wäre man tief beeindruckt gewesen von dem Bündnis der beiden auf­ftrebenden jungen antifaschistischen Mächte gegen die ver­sinkende greise westeuropäische demokratische Welt. Heroische Führergestalten gegen die alten ausgedienten Parlamentarier ohne Schwarzhemd und ohne Braun­hemd, die etwa in Paris sich vor Kammer und Senat zu rechtfertigen hatten.

Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, und doch sind nicht hundert Tage seitdem vergangen. Welch ein Szenenwechsel. Derselbe Mussolini , der im Juni auf dem Markusplatz zu Venedig mit großer Geste die Italiener auf seinen Gast und Schüler aus dem Norden hinwies, damit er Anteil habe an der brausenden Ovation, hat nun in Bari über den deutschen Diktator und dessen Bewegung in so herabsetzenden Worten ge­sprochen, wie sie selbst bei heftigen Gegensäzen zwischen Staatsführern nicht üblich find: Dreißig Jahrhunderte unserer Geschichte gestatten uns, mit souveränem Mitleid auf gewisse Lehren zu schauen, die jenseits der Alpen von den Nachkommen von Völkern gepflegt werden, denen die Schrift noch unbekannt war, so daß sie keine Ur­kunden über ihre Existenz zu einer Zeit zu erbringen vermögen, da Rom bereits einen Cäsar, einen Virgil, einen Augustus besaß."

Das ist der Rausch des nationalistischen Ueberschwangs, der eben erst aus Nürnberg mit Pauken und Trompeten zu uns drang, ins Jtalienische übertragen.

In den zweitausend Jahren, die Mussolinis Erinnerung mit seinem Römerstolze rückwärts blickt, haben die Deutschen etliche kulturelle Leistungen aufzuweisen, die sich durchaus neben den römischen der Antike sehen lassen können, und gerade Mussolini hat darüber schon ganz vernünftige Ansichten geäußert. Wenn er jetzt in großen Teilen des deutschen Volkes einen nationalistischen Kult erlebt, den jeder gesunde Menschenverstand ablehnt, so sollte Mussolini nicht vergessen, daß er in seinen tollsten Beiten Reden über die europäische Mission seiner faschisti fchen Staatsideen gehalten hat, die so unerträglich waren wie das, was Berlin seit dem 30. Januar 1933 außen­politisch produziert. Mussolini ist Hitlers Vorbild. Wenn allerdings der Italiener seinen deutschen Nachbeter und Nachäffer für unzulänglich hält, wollen wir ihm nicht widersprechen.

Die deutsche Regierungspresse antwortet Mussolini recht kleinlaut. Sie findet mit zarter Höflichkeit die Rede des italienischen Staatschefs befremdend" und stellt Mussolini das Zeugnis aus, daß er sehr un beherrscht" spreche. Wahrscheinlich halten sich die Herren Sitler, Goebbels und Göring für Redner von muſter hafter Selbstbeherrschung und hoffen, daß Mussolini durch bie weise Abgeklärtheit Berlins an die Seite der deut­ schen Staatsführer zurückgeführt werde.

In Planen im Vogtlande gab es Anfang August eine Beisezung, die in ihrer prunkvollen äußeren Aufmachung bei: nahe einem Staatsbegräbnis gleichkam. Man begrub die Urne des Gymnafiafte und Sitlerjungen Lämmermann, der einige Wochen vorher im Zuge der Säuberungsaktion" in schauerlicher Weise ermordet worden war. Unter Bei­bringung von Dokumenten hat die Deutsche Freiheit" zuerst die grauenhaften Einzelheiten des Falls veröffentlicht. Die

nachträgliche Rehabilitierung ihres Sohnes hatte die Mutter Lämmermanns nur der Tatsache zu verdanken, daß ihr Mann

als hoher Offizier im Felde gefallen war und sie dadurch hohe" gesellschaftliche Kreise in Bewegung sehen konnte. Am Grabe hielten die Priester feierliche Weihreden. Auch der

Führer spendete einen mächtigen Kranz mit einer Riesen­

schleife...

Jetzt werden weitere Einzelheiten bekannt, die erkennen Lassen, welche Untat hier an einem Jungen, der Schule noch nicht entwachsenen Menschen verübt wurde. Man hatte ihn unter der Anschuldigung, er fei ein Aurier des erschossenen

Truppenführers Hyns zu Röhm, bu ch stäblich zu Tode geprügelt. Nachher versuchten feine Mörder, den Fried: hofswärter zu zwingen, die Ueberrefte zu beerdigen. Die Wärter aber weigerten sich und forderten die Sterbeurkunde. Darauf wandten sich die braunen Mörder an den Kremato: riumsdiener mit der Forderung, er solle den Sad mit der Leiche verbrennen. Aber auch dieser weigerte sich. Erft als der Plauener nationalsozialistische Stadtverordnete und Arzt Dr. Clauninger die Todesurkunde ausstellte( beren In­halt noch unbekannt ift), wurde die Verbrennung durch= geführt. Es versteht sich von selbst, daß die Mutter den er: schlagenen Körper ihres eigenen Kindes nicht mehr gesehen hat.

Schon bei der ersten Veröffentlichung hatten wir geschries ben, daß den Mördern Lämmermanns wohl kaum etwas ge= schehen würde. Ihr Führer" hatte sie schon im voraus amne­stiert. Ihre Tat fiel ja unter Uebereifer im Dienste an der nationalsozialistischen Bewegung", die Straffreiheit garans Hierte. Die an dem Morde beteiligten Führer der Hitler jugend sind jetzt bekannt. Es sind der Oberbannführer Gebiet Bogtland Melchior und der Sturmführer Süß, beide Kameraden des Ermordeten. Verantwortlich sind ferner der Brigadeführer Heß und der Stadtverordnete Dr. Clan: ninger. Alle vier wurden verhaftet. Inzwischen hatte die Mutter Lämmermanns erfolgreich den Beweis geführt, daß ihr Sohn mit einer Verschwörung gegen Hitler nicht das

Führer, der französische Heereslieferant Röchling , vor etlichen Diplomatentüren. Indes ist nicht sicher, ob er als deutscher Politiker oder als internationaler commis voyageur für seine Betriebe mit Offerten für Rüstungs­lieferungen auftritt.

Er bereitet in Genf die Niederlage des britten Reiches" an der Saar vor, wie sein hoher Chef in Berlin die deutsche Niederlage an der Donau besiegelt hat. Desterreich ist weit von Deutschland abgedrängt, und das ist allein die Schuld der verrückten gewalttätigen Erpan­sionspolitik des Nationalsozialismus auf österreichischem Gebiet.

mindeste zu tun hatte. Sie war mit ihrer Schwester nach Bers lin gefahren, um bei Hitler persönlich vorstellig zu werden. Der Führer" war jedoch für die Mutter des ermordeten Hitlerjungen nicht zu sprechen. Göring sagte ihr Genugtuung zu, forderte jedoch von ihr voll­tommenes Stillschweigen. Das Schweigegebot konnte jedoch nicht verhindern, daß der furchtbare Mord in allen seinen Einzelheiten in Kürze bekannt wurde, Noch in der Stunde der Einäscherung wußte die Mutter freilich noch nicht, ob in dem Sarg nicht schon das Häuschen Asche ihres Sohnes lag oder wirklich der grauenhaft zugerichtete Körper...

Was ist aus den Mördern geworden? Stehen sie vor der Aburteilung? Der am schwersten belastete

Brigadeführer Heß ist aus der Haft entlassen

worden. Man rechnet damit, daß auch die anderen Bes schuldigten in Kürze in dem vollen Besiz ihrer Freiheit sein werden.

Das ist die Amnestie im dritten Reiche". Kein Pg.

Mörder braucht sich Gedanken wegen einer Bestrafung zu machen, auch nicht beim Morde eines unschuldigen Kame= raden. Als damals die entseglichen Mißhandlungen in Stettin bekannt wurden und Göring in aller Oeffentlich­teit eine harte Sühne ankündigte was geschah? Die bestialischen Banditen wurden nach einigen Wochen, obwohl offiziell harte Suchthausstrafen über sie verhängt worden waren, sämtlich entlassen.

Es ist alles, rechtens". In Nürnberg hat der Justizbevolls mächtigte des Führers, Dr. Frank, wieder einmal ausge=

sprochen, daß das liberalistisch- individuelle Recht des Ein­

zelnen ausgelöst sei. Sein Recht gelte nichts gegenüber den Interessen der Allgemeinheit. Darum wird der Fall Läm mermann befehlsgemäß von der Presse totgeschwiegen. Darum gibt es feinen Kirchenprotest gegen die vichische Niedertrampelung eines Hitlerjungen.

Gefangen bleiben und in Konzentrationslagern gequält werden Männer, die zwar keines Mordes, wohl aber einer Gesinnung schuldig find. Dr. Mierendorff, Dr. Schuhmacher, Thälmann , Offiegky, Nen= bauer und zehntausende anderer sind nach wie vor in den Händen der Henker und Banditen des dritten Reiches". Die Mörder in betreßten Röcken und mit Rangligen machen inzwischen unter dem Protektorat der obersten Instanz Juftanz muntere Karriere.

Drähte zerrissen sind, werden sie zwischen Paris und Rom enger geknüpft, als bis vor kurzem Jtalien und Frankreich hoffen konnten.

Von Nürnberg her dröhnen nationale Kraftsprüche zu uns, aber die Tatsachen reden eine andere und sehr un­widerlegliche Sprache: das dritte Reich" hat Deutsch­ land in die Vereinsamung und in die Verachtung wieder hinabgestoßen, die es im Kriege und unmittelbar danach umgaben. Hitler hat alles vertan und verwüstet, was außenpolitisch in vierzehn Jahren Republik für Deutsch land gearbeitet und erreicht worden war.

Seine Worte sind Phrasen. Seine Taten sind nationale Katastrophen.

Die ,, Bubenparade" Gutgläubig und niedlich

Jn derselben Rede, in der Mussolini mit Sohn und Schimpf über das dritte Reich" sprach, hat er Worte herzlicher Freundschaft an Frankreich gerichtet und auf die Berhandlungen hingewiesen, die im Geifte der zu sammenarbeit zwischen beiden Regierungen schweben. Deren Ziel ist die internationale Garantie der Unab hängigkeit Desterreichs, die Jtalien am Brenner sichert, und die wirtschaftliche Organisation der Donaustaaten, die Oesterreich wirtschaftlich lebensfähig erhält. Darüber schreibt der Intransigeant", man habe gut reden, daß es hinaus hat Italien die kühne Konzeption eines all­gemeinen Donaupaktes, der außer der Kleinen Entente Desterreich, Ungarn , Polen und Italien umfassen soll. Ob nun dieses Ziel in absehbarer Zeit erreicht wird oder nicht, das britte Reich" hat nun glücklich an allen langen Bericht über den Aufmarsch der Jugendlichen. Der Grenzen Deutschlands jede außenpolitische Chance ver­ſpielt.

Paris , 9. September 1984. Zu dem Aufmarsch der 60 000 Jugendlichen in Nürnberg , sich hierbei nur um eine friedliche Manifestation handle. Viel­mehr seien diese ganzen Kundgebungen ihrer ganzen Auf­machung nach militärische Uebungen erster Ordnung. " Journal" gibt unter der Ueberschrift Die Bubenparade auf dem Nazikongreß in Nürnberg " einen zwei Spalten Berichterstatter schreibt, die Kinder hätten sich unendlich ab­gemüht und einen Höllenspeftafel mit ihren Musikinstru­menten vollführt. Dabei seien diese Knirpse so gutgläubig und sie seien so niedlich anzusehen, wie der fleine Quer­

Einstweilen ist Deutschlands Isolierung vollständig. Es ist von jeder außenpolitischen Mitwirkung ausgeschlossen und bleibt außerhalb aller europäischen Kombinationen, denen es nur noch als Objekt zu dienen hat. In Genf vollziehen sich alle Beratungen und Entschei­bungen ohne und gegen Deutschland . Rußlands große Wendung zum Bölkerbund hin, die Beratungen über deutsches Land an der Saar und das Schicksal Deutsch­Desterreichs: niemand kümmert sich darum, was das Wenige Wochen haben genügt, jeden Gedanken eines große dritte Reich" dazu denkt und sagt. Nur einige einflußlose deutsche Beobachter sind in Genf , und für die internationalen faschistischen Blocks in Träume zerflat pfeifer" auf dem bekannten Bild des französischen Malers deutschen Front" der Saar antichambriert deren tern zu lassen. Während zwischen Rom und Berlin alle Manet,