Poniface
Nr. 212 2. Jahrgang
Fretkell
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Donnerstag, 13. Sept. 1934 Chefredakteur: M. Braun
Seite 3
Die Schlächterei von Rieseberg
Seite 4
Unparteiischer
Nürnberger Festbericht
Seite 7
Illegale Arbeit
der Sozialdemokratie
Seite 8
Räuberbande- Reichspräsident
Die
,, deutsche Front" verlangt Knebelung der Pressefreiheit im Saargebiet
Die Saarbrüder Zeitung" richtet folgende Anfrage an die Regierungskommission:
In einer redaktionellen Vorbemerkung zu einem Artikel Faschismus und Nazismus", der in Nr. 211 vom 12. September der Deutschen Freiheit" erschienen ist, findet sich der Satz:„ Ein Staatsoberhaupt von normaler geistiger und moralischer Beschaffenheit hätte niemals den Staat einer Räuberbande ausgeliefert, wie es Hindenburg unter Bruch seiner Treuepflicht und seines Eides getan hat." Wir fragen:
1. Ist die Regierungsfommission der Ansicht, daß diese ungeheuerliche Beschimpfung des toten Reichspräsidenten ,, allein dem Urteil des Anstandes und der öffentlichen Meinung" unterliegt? Oder liegt hier mit Rücksicht darauf, daß die deutsche Bevölkerung des Saargebiets diese Gemeinheit gegenüber dem verstorbenen Reichspräsidenten als eine unverschämte Herausforderung betrachten muß, nicht auch eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit vor?
2. Was gedenkt die Regierungskommission zu tun gegenüber der Tatsache, daß in dem oben angeführten Saz der Führer und Reichskanzler, das jeßige Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches , als einer Räuberbande angehörig bezeichnet wird?
Wir stellen dazu feft:
Die Tatsache, daß der verstorbene Reichspräsident v. Hin denburg den deutschen Staat einer Räuberbande" ausgeliefert hat, wird durch den Herrn Reichskanzler Hitler selbst bewiesen. Er hat am 30. Juni und in den Tagen nachher bis in seine Reichstagsrede vom 13. Juli die Führer der SA. und der SS., darunter einen aktiven Reichsminister, mehrere aftive Polizeipräsidenten und höchste sonstige Würdenträger der regierenden NSDAP . bezeichnet als: Sittlichkeitsver: brecher, Knabenschänder, Väderasten, Säufer, Meineidige, Spizzbuben, Defraudanten, Volksbetrüger, Fresser und Schlemmer, frankhafte Lügner, Verschworene Gliquen, Poftenjäger, Feiglinge, Pathologische Ehrgeizlinge, Landesverräter, Erpresser, Terroristen, Mörder.
Ist das nun eine Räuberbande oder nicht? Wir fordern Antwort von der gleichgeschalteten Presse des Saargebietes! Wir haben nie gelesen, daß sie ein Verbot der entsprechenden Kundmachungen des Reichskanzlers gefordert hätte.
Der Reichskanzler hat in allzuspäter Erfenntnis nur bestätigt, was die„ Deutsche Freiheit" vorher schon in über 300 Ausgaben tausendfach bewiesen hatte: die Beraubung und Schändung des Deutschen Reichs und ungezählter Bürger und Bürgerinnen durch regierende Banditen. Verletzung der Treue gegenüber seinen Wählern und
der Eide spflicht gegenüber der Reichsverfassung ist dem Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg schon vor Jahren
durch den feßigen Herrn Reichsminister Dr. Goeb
bels vorgeworfen worden.
Wir sind bereit, vor jedem Gericht unter Beweis zu stellen, daß Herr von Hindenburg die Treue gebrochen hat gegenüber Millionen Marristen und Katholiken, die ihn im Vertrauen auf seine Verfassungstreue im Jahre 1932 zum Reichspräsidenten gewählt haben gegen Herrn Hitler und nicht für Herrn Hitler .
Wir sind bereit, vor jedem Gericht nachzuweisen, daß die gesamte Gesetzgebung und Exekutive der Diktatur Hitler auf schwerster Verlegung der Verfassung beruht, die der verstorbene Herr Reich 3 präsident und der lezige Reichskanzler und Führer" beschwo
ren haben.
In vielen tausenden Zeitungen aller Zungen, in den ParIamenten großer Länder ist von deren angesehensten Mitgliedern dieselbe historische Feststellung gemacht worden. Und uns im Saargebiet soll das verboten werden?
Oder ist etwa die Stelle von der geistigen und moralischen Beschaffenheit eine„ unverschämte Herausforderung"?
Nun, man darf wohl bezweifeln, ob ein uralter Herr von 86 Jahren noch die geistigen Fähigkeiten hat, in Sturmzeiten ein zerrissenes und verhetztes Volk zu führen. Niemand anders als der jeßige Herr Reichskanzler selbst hat das ausgesprochen, als er in einer seiner rohen Reden den alten Herrn im Frühjahr 1932 verhöhnte, er werde länger leben als der Greis!
Und die Moral? Der Zusammenhang beweist, daß von politischer Moral gesprochen wird. Ist die gleichgeschal tete Presse des Saargebiets bereit, mit uns über die moralischen Zusammenhänge zwischen der mit einer Steuerschiebung verbundenen Schenkung eines Ritter gutes an den Sohn des Reichspräsidenten von Hindenburg , dem Osthilfestandal mit großen Subventionen an Freunde der Familie Hindenburg und dem Sturze des Reichskanzlerschleicher, den jetzt auf Befehl Hitlers ermordeten Vorgänger Hitlers , in eine Disfussion einzutreten?
Wir warten auf Antwort!
Es ist kindisch, die Kritik und das Urteil der Geschichte durch Pressefnebelung aufhalten zu wollen.
Den Zeitungen der„ deutschen Front" aber sagen wir dies: sie richten nur deshalb klägliche Hilferufe an ausländische Regierungsmänner im Saargebiet, weil es ihnen unmöglich ist, uns zu widerlegen.
Fünf Monate Urlaub für Papen? Kommt er jemals nach Wien ?
Wien , 11. Sept. Hier herrscht vollkommene Unklarheit darüber, wenn und ob Herr v. Papen hier als deutscher Gesandter auftauchen wird. Sicher ist bisher nur, daß er noch einen langen Urlaub beantragt und erhalten hat: man spricht von fünf Monaten, die er auf seinem Schloß in Wallerfangen zu verbringen gedenkt. Unter dem Schutz der fremden Regierung fühlt er sich leidlich sicher. Das Resultat seiner Ernennung ist also bis zur Stunde nichts anderes als seine endgültige Absägung als Vizekanzler. Herr v. Papen ist robust genug, um jede Demütigung ertragen zu können.
Die schweigenden Bischöfe
Das Geheimnis
des unterdrückten Hirtenschreibens
Es ist ein sehr schmales Heft, das vor uns liegt: es umfaßt nur 24 Seiten. Aber die Erfahrung hat gelehrt, daß die Anzahl der Druckbogen für die Bedeutung einer politischen und weltanschaulichen Anklageschrift nicht entscheidend ist. Wer künftig etwas wissen will von der Problematik des Katholizismus im„ dritten Reiche", seinen Sorgen, seinen Unterlassungen und seinen Krisen, der wird an diesen 24 Seiten niemals vorübergehen können. Auf dem Umschlag steht, neben einem Kreuze: St. Ambrosius und die deutschen Bischöfe." Der Autor nennt sich August Kirschmann, sein Verlag Liga- Verlag Luzern .
Kirschmann ist, jede Zeile verrät es, ein Katholik, der mitten in der Kirche steht. Er kann sich mit ihrer mächtigen Universalität, die mit Jahrhunderten rechnet und weite Räume in der Welt betreuen will, nicht beruhigen, seitdem im Herzen Europas die braune Diktatur Menschen quält und mordet. Es ist endlich ein Katholik da, dem es nicht entscheidend um die formale Anerkennung der Kirche geht; dessen Mut sich nicht erschöpft in Anklagen gegen die braune Areligiosität und das Neuheidentum. Er geht hinunter zu den Fundamenten, wo Relis gion nicht mehr Form und Dogma ist, sondern sich im Leben in der Verantwortung vor den„ Geschöpfen Gottes " bestätigen muß, wenn sie noch einen Sinn und einen Anspruch haben will in der Gestaltung der Zeit.
Es gab einmal, so beginnt Kirschmann, in der Zeit der Untergangsperiode des Cäsarenreiches einen Bischof, der
Michel, der Hund Streichers, als Schaustück bei einem Begräbnis em Raiſer ſeiner Zeit ein Donnerwort entgegenschleu
Nürnberg , 12. Sept. In den Tagen, als hier die Massenrevue des nationalsozialistischen Parteitages in Szene ging, hat sich auf dem Nürnberger Westfriedhof eine Episode abgespielt, deren Ablauf wir hier ohne die geringste Ausschmüdung nacherzählen müssen, weil sie in der Reihe der braunen Tollheiten bisher ganz ohne Beispiel ist.
Der Gauleiter Julius Streicher hatte einen Chauffeur namens Hans Kleinlein. Dieser Mann schied in diesen Tagen freiwillig aus dem Leben. Ueber die Ursachen weiß man nichts Genaues. Es soll nach der Todesanzeige Julius Streichers Pflicht- und Ehrgefühl" gewesen sein, die den Selbstmord veranlaßten.
Kleinlein wurde am Samstag unter einem ungeheuren Aufgebot an brauner Bonzofratie, S.- und SA.- Leuten und vielem Volk zu Grabe getragen. Mit tränenerstickter Stimme sprach Streicher zur Trauerversammlung. Er, so jagte er, habe lange suchen müssen, bis er unter tausend den Einen gefunden habe, von dem er habe sagen können, er sei treu. Kleinlein haben sein Leben für ihn, Streicher, eingesetzt, bereit in der Gefahr, für ihn zu sterben. Nun aber habe er ihn hergeben müssen. Vor Rührung fonnte Streicher faum weiter sprechen. ,, Fort mit der Frau!"
Gleich darauf ermannte sich der Frankenführer. Kleinlein habe es gemacht wie ein Soldat, zuerst seine Waffe geprüft und sich dann den„ Abschuß" gegeben. Wer aber fei schuld gewesen? Vor der Trauerversammlung flagte er die Frau des Selbstmörders mit diesen Worten an:
„ Die Schuld ist bei diesem Weib, das es fertig brachte, ohne Träne mit der Frage nach Geld den Augenblick des Todes zu entweihen. Ich habe dieser Frau den Befehl erteilt, nicht mit ans Grab zu tommen." Ohne mit der Wimper zu zuden, hörten fich die braunen Honoratioren diele Beschimpfung einer Abwesenden am offenen Grabe an. Das Kind Klein leins stand vorn bei den Großeltern, als der Frankens führer seine Mutter der allgemeinen Verachtung preisgab. Michel der Hund
Nun aber fam der Clou dieser Beisetzung. Ein weißer For wurde ans Grab herangeführt. Es war der Hund des Frankenführers, den zu pflegen, zu füttern und zu betreuen zu den Obliegenheiten des SA. - Truppführers Hans Kleinlein gehört hatte. Alles reckte die Hälse, als Julius Streicher , der am gleichen Vormittag neben seinem führer auf dem Parteitage repräsentiert hatte, mit hallender Stimme über die vielhundertköpfige Versammlung schrie:
Wenn Ritter und Reiter starben, dann führte man ihr Pferd mit an das Grab. Jawohl, Ihr Männer und Frauen, einen Hund haben wir mit an das Grab gebracht. Mein Hund hatte seine ganze Liebe, und der Hund gab ihm zurück, was die warme Seele dieses hingeschiedenen Mannes diesem Tiere zuteil werden ließ. Noch am Abend vor seinem Tode kaufte er ihm von seinem Gelde das Geschirr, daß der Hund hier Bortfebung fiebe 2. Seite.
derte, weil er das göttliche und das sittliche Recht verletzte: durch einen furchtbaren Mordbefehl. Der Kaiser war Theodosius , der Bischof hieß Ambrosius . Man schrieb das Jahr 390, und der mächtige Kaiser tat Buße. Viele Jahrhunderte später, am 30. Juni 1934, wurden auf Weisung Adolf Hitlers ohne Widerstand und ohne Gericht eine bisher unbekannte 3ahl von Menschen getötet. Zu den Opfern gehörten auch Katholiken, die den Kirchengeboten zuwider verbrannt wurden.
*
Aber die deutschen Bischöfe haben zu diesen Ereignissen geschmiegen. Sie haben nicht gewagt, das kommandierte Schweigen der Presse Kirschmann kann ihnen einige neue hinzufügen, die biszu durchbrechen. Es sind die bekannten Tatsachen. Aber her nicht veröffentlicht wurden. Der frühere ,, Germania ". Redakteur Hagemann hat, so erfahren wir, in einem Rundschreiben an die Schriftleiter früher katholischer Zeitungen erklärt, die Bischöfe seien der Ansicht, daß es sich im Falle Klausener um eine„ politische Angelegenheit" handle und daß sie sich daher heraushalten" wür den. In dem gleichen Briefe wird die Ermordung des Herrn von Bose, des Mitarbeiters Papens, als ein ,, unprogrammäßiger Zwischenfall" bezeichnet. Was tat Bischof Bares vor den Aschenresten Klauseners? Er be= gnügte sich mit dem„ Mißverständnis" und sprach von „ Tragik".
Kirschmann sieht in diesem Schweigen und Tolerieren eine furchtbare Vertrauenskrise". Wie haben die Gläubigen auf ein Wort der Autorität ge