Fretheil

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

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Nr. 213 2. Jahrgang

Saarbrücken , Freitag, 14. Sept. 1934

Chefredakteur: M. Braun

9119 254

Es lebt

eine neue Front!"

Kritik eines illegalen

Sozialdemokraten

im Reiche an uns!

Seite 4

Industricflucht aus Deutschland

Lieferungssperre englischer Fabrikanten und Händler gegen die deutsche Kundschaft Deutsche Textilfabriken wandern wegen Rohstoffmangel nach England aus

Berlin , 13. Sept. Die gleichgeschaltete deutsche Presse berichtet, daß der Präsident des agrarwissenschaftlichen Kon= gresses in Eilsen, ein Engländer, jetzt nach einer Studien­reise durch Deutschland sich voller Begeisterung über das dritte Reich" geäußert habe, Er und seine Kollegen, so heißt es bei den Gleichgeschalteten, seien als Kritiker gekommen und fehrten als Evangelisten des dritten Reiches" nach England zurück. Da wird also die deutsche Wirtschaft nun

Land aus vorgenommen. Die Maschinen wurden sämtlich

in England gekauft. Renn andere deutsche Textil- ciße Fragen an der Saar

firmen werden sich in London niederlassen. Die 18 Firmen sollen über einen Auslandsabfaz im Wert von etwa 2 Millios nen Pfund Sterling jährlich verfügt haben und sollen bestrebt sein, dieses Exportgeschäft jetzt von England aus zu pflegen.

hoffen dürfen, daß die Eity in London und die britischen Pumpen und exportieren

Fabrikanten und Händler in Birmingham und Manchester sich zu den Moratoriumsvorschlägen und Kreditwünschen des Herrn Reichsbankrotteurs, Dr. Schacht, frendig bekehren werden. Immer vorausgesetzt, daß der englische Agrarwissen: schafter sich so geäußert hat, wie die Zeitungen des Herrn Goebbels schreiben, und nicht etwa bedauerliche Mißverständ: nisse und Uebersetzungsfehler unterlaufen sind, wie es der Presse des dritten Reichs" leider wiederholt passiert ist.

Einstweilen kommen Meldungen ans England, die wenig evangelistisch, aber umso realistischer lauten. Die Baum= wollindustrie Englands hat schon neulich beschlossen, feine neuen Lieferungen mehr nach Deutschland vorzuneh men, bis man zu einer befriedigenden Vereinbarung über die von Deutschland für frühere Lieferungen noch geschul: deten Beträge gekommen ist. Diesem unfreundlichen Be schluß sind nun auch die englische Wollindustrie und der Wollhandel gefolgt. Auch sie behandeln das dritte Reich" als oberianl und erklären, einstweilen feine Ware mehr nach Deutschland zu liefern. Industrie and Handel Eng­lands haben nämlich noch rund 1 Million Pfund Sterling von deutschen Schuldnern zu fordern, eine Summe, die in: folge Devisenmangel nicht zu transferieren ist.

Der Manchester Guardian" berichtete aus Lon = don, daß mehrere deutsche Textilfirmen fich in England

niederzulaffen beabsichtigen. Es handelt sich zunächst um neun deutsche Firmen, die im Industriebezirk von Manchester Fabriken eröffnen wollen, zum Teil sofort, um mit ihren Lieferungen noch in die Wintersaison hineinzukommen. Es sollen hauptsächlich besondere Sorten von Damenklei dern und mäntel für die bereits von Deutschland her bestehenden Geschäftsbeziehungen in England, Skandinavien und Holland produziert werden, wobei jede Firma sich auf besondere Stile spezialisieren wird, Wie in Manchester mitgeteilt worden ist, werden die neuen Firmen, die abge: schen von deutschen Vorarbeitern etwa 250 ortsansässige Arbeitskräfte einstellen werden, der dortigen Industrie keine Konkurrenz machen, da ihre Spezialprodukte bislang aus: schließlich in Deutschland hergestellt werden. Das zu ver arbeitende Material wird nach dem vorliegenden Bericht in Lancashire und Yorkshire eingekauft werden. Die Firmen werden als englische Gesellschaften mit englischen Vorstands= mitgliedern registriert werden, sie werden jedoch nicht in England finanziert. Nach dem Bericht des Man chester Guardian", der sich auf die Mitteilungen des Sekres tärs des Manchester Development Committee ftüßt, wird die Finanzierung, angesichts der Schwierigkeit, aus Deutschland Rapital zu exportieren, von einem anderen festländischen

Grundsätze der Devisenzuteilung

Berlin , 13. Sept. Ueber die Handhabung der Devisen­zuteilung wird offiziös mitgeteilt:

Die Notwendigkeit, die gegen Kasse zu bezah­I ende Einfuhr nach Möglichkeit einzuschrän= ten, ergebe sich schon daraus, daß den Ueberwachungsstellen Kassadevisen zunächst nur in äußerst beschränktem Umfange" zur Verfügung gestellt werden könnten. In jedem Fall sei darauf Bedacht zu nehmen, daß die für die Einfuhr zur Ver­fügung stehenden Kreditmöglichkeiten voll aus= genützt würden. Devisenbescheinigungen sollen daher im allgemeinen nur dann erteilt werden, wenn die üblichen Zahlungsziele gewährt werden. Unter Umständen sei hierüber ein Sachverständiger gutachtlich zu hören. In der Regel werde den Anträgen der Vorzug zu geben sein, bei denen der ausländische Lieferant besonders günstige Zahlungsbedingungen gewährt habe.

In dem gleichen Abschnitt wird weiter hervorgehoben, daß für Rohstoffe und Halbfabrikate oberster Grundsaz sein müsse, die Versorgung des Exports unter allen Umständen sicherzustellen. Deshalb seien Anträge, bei denen die einzuführende Ware in verarbeitetem Zustande wieder ausgeführt werden solle, vor allen anderen Gesuchen zu be­rücksichtigen.

Annullierung von Textilaufträgen Das Ausland will keinen Ersatz

Berlin , 13. Sept. Laut deutschen Blättermeldungen sind in der letzten Zeit die ausländischen Aufträge bei der deutschen Textilindustrie, insbesondere bei der Konfektion, in weitestem Umfang wieder annulliert wor= den. Diese zurückziehung der Aufträge hängt zweifellos mit der stärkeren Verwendung von Ersatzprodukten, insbesondere von Kunstwolle, in der deutschen Industrie zu­sammen. Die Annullierung der Aufträge erfolgte meistens unter dem Vorwande, daß keine Einfuhrbewilligung zu er­halten sei. Die Blätter geben übrigens zu, daß speziell in der Konfektion das Kunstseidematerial eine ausnehmend große Rolle spiele, was ohne Zweifel ein typisches Zeichen der Zeit sei, das mit dem Rohstoffproblem in engster Beziehung stehe. Laut holländischen Meldungen habe übrigens in den letzten Wochen in Deutschland die Nachfrage nach Woll- und Baumwollabfällen in einem lange Jahre nicht er­lebten Umfang zugenommen. In den holländischen Häfen sind große Quantitäten von solchen Abfällen, insbesondere aus England, eingetroffen, die für Deutschland be= stimmt sind.

Verfallserscheinungen der Wirtschaft

Ein Bericht der badischen Industrie- und Handelskammer

Mannheim, 138. Sept.( Jnpreß): Der Bericht der badischen Industrie- und Handelskammer über die Lage der Industrie in Baden im August 1934, der soeben herauskommt, ist eine ausgezeichnete Ergänzung zu den Fanfaren des Parteitages. In dem Bericht wird gesagt: In der Industrie der Steine und Erden war die Nachfrage im Baggereigewerbe etwas zögernder; der Absatz nach dem Ausland fehlt noch immer... In der Ziegelindustrie ist die Nachfrage gering... In der keramischen Industrie ist das Geschäft saisonmäßig ruhig... Vereinzelte Rückgänge in der Metall- und Maschinenindu­strie sind saisonmäßig verständlich... In der landwirtschaft­lichen Maschinenindustrie hat der Auftragseingang... nach gelassen, desgleichen in der Fabrikation von Eisenbahnbedarf und Straßenbaumaschinen... In der Fabrikation von Näh

maschinen und Fahrrädern sind nennenswerte Veränderun­gen gegenüber dem Vormonat nicht zu verzeichnen. Die Preise sind nach wie vor stark gedrückt; in der Rechenma­schinenherstellung liegt das Augustergebnis gegenüber Juni und Juli etwas zurück, auch in der Pumpenherstellung muß Nachfrage und Absatz als etwas geringer bezeichnet werden.

In der chemischen Induſtrie ist der Umsatz in der Lack- und Farbenfabrikation sehr zurückgegangen... die chemisch­pharmazeutische Industrie flaat nach wie vor über Schwierig­feiten im Exportgeschäft, das allenthalben neue Störungen erfährt... Die Nachfrage nach holzhaltigen Papieren und Spezialpapieren hat im Berichtsmonat etwas nachgelassen.

Fortsetzung fiebe 2. Seite.

Katholische Priester im Abstimmungskampf

Nicht von ungefähr richten sich die Blicke Europas immer stärker auf die Saar . Das kleine Gebiet mit seinen 830 000 Einwohnern ist heute der Hexentanzplatz aller politischen Leidenschaften, aller weltanschaulichen Zerrissenheiten, die die Kulturwelt durchschütteln. Ueberall bilden sich Spa­liere, politische Meinungsverschiedenheiten verwandeln sich in tiefsten persönlichen Haß, und vor den Kruzifigen in den Kirchen verlassen die Priester die göttlichen Liebes­lehren, um mitten im Getümmel des Saarkampfes den Andersdenkenden des schändlichsten Verrats zu zeihen.

3wei katholische Priester haben in diesen Tagen zu den Saarproblemen das Wort ergriffen. Der eine ist der Pfarrer Wüsten, der eine Rede bei einer Kund gebung katholischer Saarpilger in München hielt. Sie wurde am Mittwochabend über alle deutschen Sender übertragen, und man konnte ihren dröhnenden Schall allerorts im Saargebiet hören. Wir sind weit davon ent fernt, einem katholischen Priester das Recht zur poli tischen Meinungsäußerung nehmen zu wollen. Dieses Recht hat ihm Hitler- Deutschland geraubt. Er darf hier nur noch politisch reden, wenn es den herrschenden Ge walten dienlich ist. Streng hat sich Herr Pfarrer Wüsten in München an dieses Gebot gehalten. Dafür aber hat er den Katholizismus zum Deckmantel des braunen Terrorregiments in einer bisher kaum erlebten Weise mißbraucht.

Herr Pfarrer Wüsten sagte zum Abstimmungskampf wörtlich: Verwunderlich auch, daß mit Waffen gekämpft werden darf, die mit Ritterlichkeit nichts mehr zu tun haben. Druck auf Stellung und Beruf, Drohungen, Ent­stellungen und Erfindungen aller Art." Wen hat Herr Wüsten gemeint? Wer ermangelt der Ritterlichkeit? Die Gegner der Rückgliederung zu Hitler- Deutschland! Ein Geistlicher, der die Wahrheit in ihr Gegenteil verkehrt; der, wenn er gutgläubig sein sollte, so blind ist, von dem täg­lichen Terror seiner deutschen Front" nie etwas gesehen zu haben und nichts davon zu wissen, hat seinen Beruf verfehlt. Er ermangelt der Kenntnis der seelischen Not unzähliger Gläubigen: ein Hirt, der die Verbindung zu seiner Herde verloren hat.

Herr Pfarrer Wüsten fuhr fort:

Wenn unser Deutschland das Angesicht hätte, wie es die Karikaturzeichner zeichnen, wahrlich, es fönnte einem wie beim Anschauen des Medusenhauptes das Blut im Leib erstarren lassen. Ich habe als katholischer Pfarrer jetzt schon drei große Saarpilgerzüge hier nach Bayern , Alt­ ötting , Oberammergau geleitet. Ich habe von allem nichts erfahren, was man da unten so oft lesen kann. Im Gegenteil: die wirksame Unterstützung, die ich gefunden habe an erster Stelle bei der Landesgruppe Bayern des Bundes der Saarvereine, bei allen städtischen und staatlichen Behörden, erfüllen mich und alle unsere Saarpilger mit größter Dankbarkeit und Hoch­achtung( Bravo ). Naturgemäß wird an den Pilger­führer gar oft im Laufe des Tages und der Reise Frage auf Frage gestellt, tausende und mehr. Aber keine Frage ist so oft und heiß an mich gerichtet worden, als immer wieder die Schicksalsfrage nach unserer Saar ."

Der Herr Pfarrer hat von allem nichts erfahren, was man da unten so oft lesen kann". Er hat den Herren von den Behörden und den Vereinen herzlichst die Hand ge­drückt, man war ein Herz und eine Seele, deutsche Brüder, etliche mit dem Hakenkreuz, andere im Priesterrock.

Wir richten aber unsererseits einige heiße Fragen" an Herrn Pfarrer Wüsten:

1. Hat er das nahe bei München gelegene Konzentrations= lager Dachau besucht, wo hunderte seiner Glaubens: brüder seit Monaten geguält, mißhandelt, in ihrer Mens schenwürde geschändet werden?

2. Hat er sich in München bei den Angehörigen des am 30. Juni ermordeten strenggläubigen Katholiken