Völker In Sturmzelten Nr. U

Völker in Sturmzesten Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers

Bonnertte«, 4. Oktober 1«S«

So war es in Versailles ...

Von Victor Schiff

Victor Schiff, der Autor de« Buches, schreibt uns:Der Abdruck meines Versailles - Buches in derDeutschen Freiheit" erscheint mir, besonders in der jetzigen Zeit, ohne eine Klarstellung nicht ganz unbedenklich. Dazu möchte ich mich in aller Offenheit äußern. Das Buch ist aus Anlaß des 10. Jahrestages der Unterzeichnung des Friedensvertrages erschienen. Sein Zweck war ein dreifacher: 1. den Lesern im Inlande, besonders der inzwischen herangewachsenen Generation, zu zeigen, welchen Zustand der totalen militärischen Ohnmacht und diplomatischen Isoliertheit das zusammengebrochene kaiserliche Regime dem deutschen Volke als Weltkriegserbschaft hinter­lassen hatte; 2. den Lesern im Auslande vor Augen zu führen und diesen Zweck hat besonders die englische Ausgabe erfüllt, wie die Besprechungen in der britischen Presse bewiesen, wie die siegreichen Regierungen sich an der jungen deutschen Republik versündigt haben, indem sie sie von vornherein mit der furchtbaren Hypothek rücksichtsloser, vielfach ungerechter, zum Teil auch sinnloser Bedingungen belasteten, die nicht einmal das Ergebnis von Verhandlungen mit den Besiegten, sondern eines Diktates waren; 3. den vielen Menschen in Deutschland , denen von der nationalistischen Reaktion dauernd eingetrichtert wurde, die Republik sei an allem schuld, das Gedächtnis aufzufrischen und ihnen die ungeheure Aufwärtsleistung aufzuzeigen, die vor allem auf außenpolitischem Gebiete unter Führung der Sozialdemokratie von 1919 bis 1929 vollbracht worden war. Der Zweck dieses Buche« war aber nicht, wie ich in dem Vorwort zur ersten Ausgabe betonte, beim Leser nationalistische Erregung auszulösen. Hier hieß es wörtlich:Wenn also ein Sozialdemokrat Erinnerungen an die traurige£eit von Versailles niederschreibt und dabei mehr unerquickliche als erfreuliche Episoden schildern muß, so geschieht das nicht, um ver­narbte Wunden wieder aufzureißen und eingeschlummerte Leidenschaften wieder zu wecken, sondern in der Absicht, den ungeheuren Fortschritt aufzuzeigen, den die Menschheit in diesen zehn Jahren in ihrem Denken und in ihren Taten auf dem Wege zum wahren Frieden voll­bracht hat." Man kann heute sehr verschiedener Meinung sein, ob der Fortschritt soungeheuer" ist. In der Möglichkeit, bei manchen Lesern nationalistische Empfindungen zu erwecken, liegt gewiß eine Gefahr des Abdrucks in der heutigen Zeit. Das Buch ist, wie die meisten seiner Art, zeitlich bedingt. Gewiß, was man einst aufrichtig empfunden und wahrheitsgetreu geschildert hat, dazu soll man jederzeit stehen, und das tue ich auch. Aber ich kenne andererseits die verlogene Redensart jener Gleichgeschalteten:An alledem ist die Entente und das Versailler Diktat schuld", die sich hinter diese Ausrede verkriechen, um die Hitler -Barbarei zu beschö­nigen und zu entschuldigen. Und ich möchte nicht, daß der jetzige Abdruck dieser Versailles - Erinnerungen bei auch nur einem einzigen Leser derartige Gedanken erwecke. Hingegen begrüße ich die Veröffentlichung in derDeutschen Freiheit" unter einem anderen Gesichtspunkt. Der Vergleich zwischen 1919 und 1929 zeigt auf, wie vergänglich jedes Diktat ist, das aus dem Haß geboren ist, auf der nackten Gewalt beruht und der Ver­nunft ins Gesicht schlägt. Unter sozialdemokratischer Führung ist schon eine Besetzungszeit überwunden worden. Atich die bra >ne Besatz""<»sarm«»<» f nicht ewig über Deutschland herrschen." Nach aer Überreichung Die Bedingungen

Als die einzelnen Uebcrsetjer nach Ablieferung ihres Pen­sums den Speisesaal betraten, um sich zu restaurieren es war mittlerweile 11 bis 12 tJhr nachts geworden, wußten die einzelnen von dem Vertrag nur das, was gerade in ihrem" Abschnitt enthalten war. Es begann nun in der fiebernden Erregung dieses schicksalsschweren Tages ein gegenseitiger Austausch von Mitteilungen, aus dein man bei aller Konfusion einer solchen improvisierten Berichterstattung sofort den Eindruck gewann, daß die schlimmsten Befürch­tungen weil übertreffen waren und daß uns Ungeheuer­liches zugemutet wurde, das wir unmöglich annehmen könnten. Der große Saal glich einem Ameisenhaufen. Ge­spräche schwirrten, bastig. abgerissen durch die Gruppen: Das Rheinland bleibt 15 Jahre besetzt..." Ostpreußen wird durch einen Korridor vom Reiche ab­getrennt und Danzig wird besonderer Freistaat." Deutschland wird in den Völkerbund gar nicht auf­genommen/' Mit dem Verlust von Posen hatten wir ja gerechnet, aber ganz Oberschlesien wird uns weggenommen." Wo bleibt das Selbstbestimmungsrecht der Völker!" Auch ein ausdrückliches Anschlußverbot für Oesterreich Wird ausgesprochen." Wir sollen überhaupt alles bezahlen. da wir allein am Kriege schuld sein sollen. Zunächstnur" 20 Mil­liarden, die Gesamtsumme toll uns erst noch mitgeteilt werden." Alle Kolonien verloren!" Fast die ganze Handelsflotte wird abgeliefert!" Das kommt vom U-Boot-Krieg. Lloyd George hat seine Drohung wabrgeinacht:Tonne für Tonne!" Das gesamte Eigentum der Ausländsdeutschen wird ä Konto Wiedergutmachung liquidiert." Memel nehmen sie uns weg. wissen aber anscheinend «elber noch nicht, was sie damit anfangen sollen." Wir sollen Kriegsverbrecher an alliierte Kriegsgerichte ausliefern als ob es bei uns solche gäbe!"' Holland soll Wilhelm ausliefern." Die wollen wohl Propaganda für die Wiederherstellung der Monarchie in Deutschland machen." Wo sollen wir bloß die Kohlenmengen hernehmen, die wir jahraus, jahrein ohne Bezahlung abliefern müssen!"

Dafür können wir uns bei Ludendorff bedanken. Dieser Befehl, die Gruben in Nordfrankreich vor dem endgültigen Rückzug zu zerstören, war ja ein verbreche­rischer Blödsinn." Wenn ich bloß wüßte, warum die Belgier den Kreis Eupen bekommen sollen...." Wie ist es möglich, daß Wilson das alles mitmacht?" ..Wir kriegen ein kleines Söldnerheer aufgebrummt, fast ohne Artillerie und ganz ohne Flugzeuge, und eine militä­rische Kontrollkommission in Berlin ." Alle Verträge von Brest-Litowsk werden annulliert." Darum ist es nicht schade. Dem Geheimrat Kriege ist das nur zu gönnen."(Diese sarkastische Bemerkung fiel aus dem Munde eines heute sehr hohen Herrn des Aus­wärtigen Amtes, der einst in Brest-Litowsk vergebens gegen die Absichten dieser allgewaltigen kaiserlichen Exzellenz anzukämpfen versucht hatte.) 140 000 Milchkühe haben wir abzuliefern." Das ist ja Kindermord!" Die privaten V orkriegsschuldeu sind in Gold zurück­zuzahlen." Da kann mein Bankhaus sofort Konkurs anmelden."' Am schlimmsten ist es doch mit den Ostgrenzen." Ich denke, wir tun am besten, morgen abzureisen." Zumal von mündlichen Verhandlungen keine Rede ist. Nur schriftliche Bemerkungen sind zugelassen." Toll! Das nennt Wilson offene Diplomatie." Von den 14 Punkten scheint überhaupt nichts übrig geblieben zu sein." Von der Rückgabe unserer Kriegsgefangenen ist einst­weilen keine Rede." Selbst für die Dänen ist gesorgt: Drei Abstiuimuugs- zonen in Schleswig-Holstein ." Wie sollen wir jemals wieder Handel mit den Entente­ländern treiben, wenn deutsche Waren dort jederzeit konfisziert werden können?" Dieser Friede bringt uns den Bolschewismus." Welch ein Anreiz für den Separatismus!" Finis Germaniae..." Haben Sie denTemps " gelesen? Der beschwert sich darüber, daß die Bedingungen zu milde»eleu und daß Clemenceau in so vielen Punkten habe nachgeben mii»«en!

Niederschmetternder Eindruck Auf diese Art, durch gegenseitige Mitteilungen in ab­gehackter Form, waren wir über den wesentlichen Inhalt de» Vertrages bald informiert. Der erste Eindruck war nieder­schmetternd. Die Empörung erreichte einen Grad, bei dem man die Dinge schon nicht mehr von der ernsten, sondern von der bitter-grotesken Seite nimmt. Man suchte den nagenden Schmerz, den ein jeder in seinem Innersten über das große Unglück des deutschen Volkes empfand, dadurch zu betäuben, daß man mit einer Art Galgenhumor die maß­losen Bedingungen der Gegner ins lächerliche zog. Und man war ihnen geradezu dankbar, daß sie einem durch diese Maßlosigkeit die Entscheidung über Annahme oder Ab­lehnung so erleichtert hatten. Diese Stimmung kam besonders stark im Hotel Vatel zum Ausdruck, wo die Pressevertreter wohnten und mit einigen Haupt delegier teil und Sachverständigen bis spät in die Nacht hinein Eindrücke austauschten. Am nächsten Morgen hatte die erste Reaktion der über­spannten Nerven einer ausgesprochenen depressiven Stim­mung Platz gemacht. Jetzt las der pro'"?"' s Vertrages im Zusammenhange vor. Auch die französische Presse veröffentlichte ein gedrängtes, aoer im wesentlichen richtiges Resümee des Gesamtinhaltes. Die Kommentare der meisten Pariser Blätter waren nur geeignet, unsere Nieder­geschlagenheit zu vergrößern. Im allgemeinen lobten die Blätter den Vertragsentwurf als ein Muster an Gerechtigkeit, aber die meisten ließen eine wahrscheinlich gespielte und von der Regierung angeordnete Unzufriedenheit mit der allzu großen Milde" durchblicken, die man Deutschland gegenüber an den Tag gelegt hätte. Solche Ausdrücke wie Frankreichs Großmut",unangebrachte Rücksichtnahme:", übertriebener Gerechtigkeitsfimmel" fanden sich in den Kommentaren fast der ganzen Pariser Presse. Nur in den beiden sozialistischen BlätternHumanite" undPopulaire" las man Stimmen des Protestes, die aber zunächst recht un­sicher und verlegen klangen, was schon durch die Zerrissen- heit der französischen Sozialisten in den Fragen der Kriegs­und Friedenspolitik zu erklären war. Ohne Diskussion! Vor allem aber wirkte auf uns die Tatsache deprimierend, die in der französischen Presse mit zynischem Behagen unterstrichen wurde, daß die Entente keine mündlichen Ver­handlungen zulassen, sondern lediglich schriftliche Be­merkungen in Empfang nehmen würde, wobei obendrein an­gedeutet wurde, daß sogar das nur eine belanglose Forma­lität sein würde, in die man nur eingewilligt hätte, um den Schein von Friedensverhandlungen zu wahren.> Könnten wir wenigstens in kontradiktorischem Verfahren, wie das hei allen Friedensverhandlungen der modernen Ge­schichte der Fall gewesen war, die Bedingungen diskutieren, hätten die deutschen Delegierten und Sachverständigen die Gelegenheit, von Angesicht zn Angesicht den Gegenspielern nachzuweisen, daß sie in diesem und jenem Punkte Deutsch land ein Unrecht zufügen würden, daß sie durch diese und jene Forderung Unmögliches von uns verlangten nun, dann hätte mau wenigstens eine Gelegenheit, zu kämpfen, eine Möglichkeit, die Gegenseite zu überzeugen, dann wäre vielleicht eine Aussicht, das Schlimmste zu verhüten. Aber so? Hatte es überhaupt noch einen Zweck, weiter in Ver­ sailles zu bleiben und für eine zahlreiche, unter ganz ande­ren Voraussetzungen sorgfältig zusammengesetzte Delegation hohe Auf enthalt»kosten den Reichsfinanzen aufzubürden? Dies Frage konnte natürlich nicht allein in Versailles ent­schieden werden. Darüber mußte vor allem die Reich» regierung Beschluß-fassen. Wir in Versailles aber erörterten sie nach allen Seiten hin, ohne daß sich zunächst eine be­stimmte Ansicht herauskristallisierte. Am Nachmittag gab Brockdorff-Rantzau seine Absicht bekannt, nach dem Abend­essen eine Plenarsitzung aller Mitglieder und Sach­verständigen der Delegation zu veranstalten, in der zu dem Inhalt des Entwurfes und zu der künftigen Taktik Stellung genommen werden sollte. Unvergeßliche Sitzung Diese historische Sitzung wird allen Teilnehmern unver­geßlich bleiben. Man stellte die langen Tische in Hufeisen- form auf und setzte sich in zwangloser Reihenfolge. Graf Brockdorff-Rantzau saß in der Mitte der Schmalseite und führte somit den Vorsitz. Mit einigen bitter-ironischen Sätzen über das uns zugedachte Diktat leitete er die Aussprache ein. Und nun begann der Reigen der Gutachten. Nacheinander und durcheinander wurde von den einzelnen Delegierten und Sachverständigen zu den verschiedenen Kapiteln Stellung genommen: Gebiets verstumme Inngen. Völkerbundssatzung, Kolonien, Kohlenlieferungen, Militärklauseln, Arbeitsfragen, Kriegsentschädigung. Leider hat, wie es scheint, damals niemand daran gedacht, über die Sitzung Notizen aufzu­nehmen, auch wurde von amtlicher Seite ein Protokoll nicht geführt. Das ist deshalb bedauerlich, weil man heute daraus ersehen würde, wie gelbst die größten Kapazitäten der deutschen Politik und Wirtschaft sicherlich aus tiefster Ueherzeugung und gestützt auf alle bisherigen statistischen und sozialen Erfahrungen für den Fall der Unterzeichnung dieser Bedingungen zu Schlußfolgerungen und Prophe­zeiungen gelangten, für die die Bezeichnungkatastrophal" noch viel zu milde erscheinen mußte. So sprachen Leiter der D-Banken, wie Urbig von der Discontogesellschaft und von Stauß von der Deutschen Bank, und wiesen mathematisch nach, daß die finanziellen Forderungen der Sieger um ein Vielfaches das gesamte deutsche Volksvermögen überstiegen und daß das gesamte deutsche Kreditwesen in kürzester Zei* zu-smmeuhrechen würde.