Foldew mood fo
Freiheit
Nr. 232 2. Jahrgang
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Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Samstag, 6. Oktober 1934
Chefredakteur: M. Braun
Gewaltiger Eindruck dec Rede Max Brauns
Dokument deutscher not
Der Kriegstreiber Göcing
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( Von unserem Korrespondenten.) A. Ph. Paris , 5. Oktober. Rechts oder links, das ist die Frage, die seit Monaten die Gemüter aller politisch denkenden Franzosen bewegt, eine Frage, die auch in den Kämpfen zu den am kommenden Sonntag stattfindenden Generalratswahlen eine Rolle spielt. Die Regierung Doumergue verdankt ihr Entstehen der Zusammenarbeit der Parteien der Rechten und Mitte mit den von Herriot geführten Radikalsozialisten. Wird dieser Burgfrieden, den hervorragende Politifer als etwas Unnatürliches, ja sogar Widernatürliches ansehen, den Monat Oktober überdauern? Niemand weiß es. Auf der einen Seite stehen Sozialisten und Kommunisten, zusammengeschlossen in der Front Commun", auf der anderen Seite kämpfen die Regierungsparteien. Aber sie stellen keine Einheit dar. Denn nur ein Teil der Radikalsozialisten ist mit dem Herzen bei der Nationalen Union. Viele von ihnen werden zummindest im zweiten Wahlgang für die Kandidaten der Einheitsfront ihre Stimme abgeben. Am 13. Oktober plant diese öffentliche Kundgebungen in Paris , und schon rusen die Gegner zu Gegenfundgebungen auf. Sollen sich die blutigen Februarereignisse in Paris wiederholen? Wenn man gewisse Aeuße= rungen aus dem Rechtslager ernst nimmt, dann fann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die innerpolitischen Dinge in Frankreich wieder einmal so gespannt sind, wie sie es am Ausgang des letzten Winters waren.
Rebecq und der Nationalverband der Kriegsteilnehmer erflären:
„ Die Anhänger der Einheitsfront wollen am 18. Oftober auf die Straße gehen, um Paris in Verwirrung zu brin: gen. Sameraden vom nationalen Frontkämpferverband, haltet Euch bereit, um nötigenfalls die Ordnung in der Hauptstadt aufrechtzuerhalten.
Freiwillige und gediente Leute sollen fich allwöchentlich Generalstreik in Spanien
in einer Turnhalle vereinen, um dort vollkommen körper: lich ausgebildet zu werden und alle notwendigen Anweis sungen zu erhalten."
Fing es nicht ähnlich in Deuthland an?
Pierre Lafue sagt in dem Wochent: att 1934":
Wenn die Kantonalwahlen, die in einer politischen At: mosphäre sich abwidelu, der Nationalen Union Unrecht zu geben scheinen sollten, wenn sie also die Radikalen in dem Glauben ließen, daß Frankreich nicht die geplanten Ver: fassungsänderungen wünsche, dann würde man teine par: lamentarische Mehrheit finden können, die sich für eine mit Reformaufgaben betraute Nation... versammlung entscheiden würde. Was dann? Dann würde es nur ein Mit:
tel geben: das Referendum der Straße müßte
das unsichere Referendum der Wahlurnen eriezen. Entweder geht man auf dem gesetzlichen Wege nach Versailles ( dorthin muß die Nationalversammlung einberufen werden die Redaktion der„ D..") auf ruhi: gen Wegen, die nur ein paar Polizeibeamte bewachen wer den, oder man wird in einem Zug des Aufruhrs dorthin gebracht werden, ähnlich wie ein solcher Zug Ludwig XVI . am 5. nnd 6. Oftober 1789 begleitete."
Alles steht still
Madrid , 5. Oft. In der Nacht zum Freitag ist von den Gewerkschaften der Generalstreit erklärt worden als Ants wort darauf, daß der Staatspräsident den Weg für eine Ents wicklung nach rechts und für eine antifozialistische Regierung freigemacht hat. Madrid gleicht gegenwärtig einer toten Stadt. Es verkehren weder Autobusse noch Straßenbahnen, noch Untergrundbahnen. Man befürchtet, daß die lebenswichs tigen Betriebe im Laufe der nächsten Stunden ebenfalls stillgelegt werden Auch die Fernfprechverbindungen in das Ausland sind außerordentlich erschwert. Ferner ist damit zu rechs nen, daß die Zeitungen nicht mehr erscheinen.
Bis jetzt drei Tote
Madrid , 5. Ott. Von verschiedenen Punkten der Stadt treffen Meldungen über Schießereien zwischen der Polizei und Marristen ein. Die Zusammenstöße dauerten noch in den frithen Morgenstunden an und hatten bis dahin drei Todes= opier gefordert. Außerdem soll es zahlreiche Verwundete ges geben haben. Etwa 200 Personen sind verhaftet worden, dess gleichen konnten von der Polizei große Bestände an Waffen
Große politische und soziale Stürme fündigen sich in und Munition beschlagnahmt werden. Frankreich an.
Zum 13. Oktober
Aufruf
*
Madrid , 5. Oft. Ueber die gesamte spanische Presse wurde die Zensur verhängt. Den Gerüchten nach soll in Ses villa, Valencia und Cordoba der Generalftreik erklärt wor den sein.
hat, dem Beispiel anderer nationaler Vereinigungen folgen, Wohin steuert Polen ?
In der Zeitung der Solidarité Francaise" vom 29. Sep- seine Mitglieder aufgefordert, sich für den 13. Oktober bereittember heißt es:
215e Section
Marseille.
Auf Veranlassung ihres Vorstandes rüstet sich die 11, Abteilung auf alles das, was ein Winterfeldzug erforderlich macht, der hart zu werden verspricht.
Die größten Anstrengungen müffen der Bildung von Schußtruppen gewidmet werden.
zuhalten, da die gemeinsame Front und die linksextremistischen Parteien für diesen Tag große Straßenfundgebungen planen. Dieser Aufruf sei keine Herausforderung, aber alle national denkenden Franzosen wünschten an diesem Tage geschlossen aufzutreten, um zu beweisen, daß auch sie eine Macht darstellten, mit der man rechnen müsse, und um eintretendenfalls mit eigenen Mitteln revolutionäre Störungen zu unterdrücken.
Am Sonntag, dem 7. Oftober, werden die Wahlen zum Conseil General und zum Conseil d'Arondissement stattfinden. Frankreich zerfällt bekanntlich in viele Tepartements ( Verwaltungsbezirke), die ihrer Größe nach etwa einem preußischen Regierungsbezirk entsprechen. Die Departements wiederum zerfallen in mehrere( 3-5) Arrondissements( kreisbezirke), die wiederum in Cantons zergliedert sind. Ein Arrondissement hat bis zu 15 Cantons, und die Cantons gliedern sich in Communes( Gemeinden). Ein Canton umfaßt zwischen 10 bis 18 Communes. Die Departements werden durch Präfekten geleitet, die vom Minister des Junern ernannt sind. Diesen Präfekten steht der Conseil General zur Seite, der rein wirtschaftliche und verwaltungstechnische Aufgaben zu lösen hat, die Finanzen des Departements verwal tet und auch die Gemeindeſtenern festsetzt. Die Arrondissements wiederum unterstehen Sous- Präfeften, denen der Conseil d'Arrondissements zur Seite gegeben ist. Die Mitglieder beider Ratsbehörden werden alle sechs Jahre neu gewählt und können alle drei Jahre bis zur Hälfte neu ge= wählt werden. Innenpolitisch sind die Wahlen am kommenden Sonntag deshalb wichtig, weil die Männer, die gewählt werden, u. a. auch die Zusammensetzung des Senats beftimmen.
In früheren Jahren hatten diefe Wahlen fein allzu großes Interesse erregt. Dies Jahr aber haben sie besondere Bedentung, da sie erstmalig seit der Erennung des gegenwärtigen Ministeriums stattfinden. Und das französische Volk hat auf diese Weise Gelegenheit, durch die Ausübung seines Stimm 1echts der Politik des Herrn Doumergue und dem Burg frieden der Parteien beizupflichten oder zu opponieren. 1480 Abgeordnete sind jetzt zu wählen. Nach den Statistiken
hatten die Konservativen bisher 6 Prozent, die gemäßigten Republikaner 19 Prozent, die Linksrepublikaner ebenfalls 19 Prozent, die Radikalen ohne Nordfrankreich 7 Prozent, die Radikalen Nordfrankreichs 34 Prozent, die unabhängigen Sozialisten 5 Prozent, die Sozialisten 9 Prozent und die Kommunisten 1 Prozent.
Der Teil der Abgeordneten, der 1931 gewählt worden ist und daher erst 1937 wieder zu erneuern ist, besteht aus ungefähr 1500 Mitgliedern, deren Zusammenseßung folgende ist:
5 Prozent Konservative
gemäßigte Republikaner Linfsrepublikaner
Radikalsozialisten ohne Nordfrankreich Radikalsozialisten Nordfrankreich unabhängige Sozialisten
16
17
"
10%
"
35
"
5
" 7
10% 2
"
Sozialisten
"
Kommunisten
5000 Kandidaten sind zum Conseil General aufgestellt, unter ihnen vier Minister: Sarraut , Flandin , Marin und Marquet, und 250 Senatoren und Kammerabgeordnete. Auch hier bekannte Namen wie Poincare , Pierre Cot , Dumesnil, Guernier, Ernest Lafont u. a.
Die Anstrengungen der Parteien sind diesmal besonders start, und vor allem bemüht sich die Einheitsfront, wie fie dies auch schon bei den Kammerteilwahlen in Mantes und Laon getan hat, in einer bisher noch nie geübten Weise, ihre Anhänger zum Siege zu führen. Die Zahl ihrer Versammlungen ist vervielfacht. In zahlreichen Departements, ebenso wie in den kleinen Gemeinden machen ihre Redner alle Anstrengungen, um die Stimmen der durch die Krise Unzufriedenen zu erlangen.
Fortsetzung fiehe 2. Seite.
Wenn auch allgemein bekannt ist, daß die polnisch- franzö sische Freundschaft einen Riß bekommen hat, so wirkt es dennoch überraschend, daß man heute in Frankreich bereits offen und ganz eindeutig den Verzicht auf den polnischen Bundesgenossen befürwortet.
In dieser Beziehung ist der vor einigen Tagen im „ Deuvre" erschienenen Artikel des bekannten französischen Journalisten Piot bezeichnend. Er ist der Ansicht, daß Frankreich für seinen Bundesgenossen zahlreiche Opfer gebracht und daß es sogar für Polen seine eigenen Interessen zurückgestellt habe.
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„ Wenn also ein Bündnis mit Polen nur noch Verpflichtungen ohne Gegenleistung enthält so schreibt Piot-, dann das ist ehrlicher- sprechen wir nicht mehr davon! Auf das Bündnis mit Polen zu verzichten, wird vielen sentimentalen Franzosen das Herz brechen. Aber es ist besser so, als immer nur die Illusionen aufrechtzuerhalten und auf dieser Illusion eine Politik aufzubauen."
Eine solch offene Sprache des französischen Journalisten fennzeichnet die veränderte außenpolitische Situation in Europa . Polen seinerseits scheint auf das Bündnis mit Frankreich nicht mehr den früheren Wert zu legen, sondern geht seinen eignen Weg, der- daß muß offen gesagt werden- für Polen vielleicht ein Dornenweg sein wird.
Hitler verzichtet auf den Korridor
Als Hitler kam, bemächtigte sich der polnischen Oeffentlichfeit große Unruhe. In Warschau nahm man an, daß das Hitlerregime eine Verschärfung der deutsch - polnischen Beziehungen bringen wird. Waren es doch die Nationalsozia= listen, die vor der Machtergreifung die Regierungen der Weimarer Republik deswegen des Verrates an den deuts schen Interessen beschuldigten, weil diese Regierungen Polen gegenüber eine schlappe" Politik geführt und den Korridor nicht durch einen Handstreich besetzt hätten. Aber die polnische Diplomatie hat ein typisches, vielleicht das typischste Mertmal des Nationalsozialismus übersehen: seine Gewisfenlosigkeit. Hitler und seinen Trabanten war es ja gar nicht um den polnischen Korridor zu tun, sondern dieser unglückselige Korridor war für die Nationalsozialisten nur ein Vorwand, um die Weimarer Republik zu unterhöhlen. Als deshalb Hitler die Macht in die Hände gespielt wurde, da hat er plößlich vergessen", daß er einst dem deutschen Volke versprochen hat, den Vertrag von Versailles zu zerheißen und den Korridor zurückzuerobern. Hitler war es im