Freihei
Nr. 233 2. Jaargang
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Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Sonntag/ Montag, 7./8. Oktober 1934 Chefredakteur: M. Braun
Die schwarze Polizei
des, dritten Reiches"
Seite 2
Seite 3
Niedergang des freien Sports
Seite 7
Reklamebluff und Volksnot
Die Sprache der Tatsachen gegen das Geschrei des„ Führers"
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Das geht auch aus anderen halbamtlichen Zahlen hervor. So wurde dieser Tage im Rundfunk eine Steigerung der Einzelhandelsumsäße bekanntgegeben, jedoch erstreckten sich die Zahlen nur auf Möbel und auf Haushaltungsgegen stände, also auf Waren, für die Ehestandsdarlehen aus öffentlichen Mitteln gegeben worden sind, und auf Textilien, in denen aus Sorge um die Rohstoffnot seit Monaten tüchtig nie in Hülsenfrüchten gesunken sein muß, und noch weiter abfällt, weiß jeder Arbeiter. Selbst nach den hitleramtlichen Zahlen ist der Lebensmittelverbrauch im letzten Vierteljahr 1932 um 4,5 v. H. höher gewesen als im 4. Vierteljahr 1933, also nach einem Jahre Hitlerreich. Das sind Tatsachen, die auf die Dauer nicht von den Propagandaphrasen verschleiert werden können.
Noch immer hat das Sammen für das Winter Hilfswerk nicht begonnen. Im vorigen Jahre wurden die als bedürftig und würdig Anerkannten und es soll nicht bestritten werden, daß das sehr viele waren schon vom 1. November an mit Lebensmitteln. Kleidungsstücken und Heizmaterial beliefert. In diesem Jahre steht dicht vor dem November erst der Aufruf des„ Führers" für das Win- gehamstert worden ist. Daß der Verbrauch sowohl in Fett terhilfswerk bevor, und er wird wohl trotz allem Weihrauch, in den man ihn einhüllt, sehr wohl wissen, daß in diesem Jahre die Sammlungen nur einen Bruchteil dessen bringen werden, was im vorigen Jahre aufgekommen ist. Da wurden über 300 Millionen Reichsmark errechnet. Diesmal wird es, real betrachtet, vielleicht die Hälfte werden. Dem steht gegenüber, daß Reich, Länder und Gemeinden nach ihren eigenen Angaben die Aufwendungen für So: zialpolitik und Fürsorge, die in den verruchten Zeiten der
Republik von Weimar bis auf 8 bis 10 Milliarden Reichs:
mart im Jahre gestiegen waren, um rund 5 Milliarden gesenkt haben.
Während tiefer wirtschaftlicher Pessimismus über allen Volksschichten lagert, und da kann man wirklich nur die verbonzten Nuznießer des Systems ausnehmen, macht die Presse nach wie vor in Optimismus. Sie verweist auf das im lezten Jahre zweifellos start gestiegene Produftionsvolumen und behauptet, daß die industrielle Gütererzeugung im Juli und im August d. J. rund 90 b. S. des Standes in dem Konjunkturjahre 1928 wieder erreicht habe. Die Erwerbslosigkeit habe man von über 6 Millionen auf 2,4 Millionen Arbeitslose herabgedrückt. Viele Deutsche im Reiche stehen mehr oder minder ratlos vor diesen 3isfern, weil ihre eigenen Erfahrungen an sich selbst und an ihrem nächsten Beobachtungsfreise diesen Schönfärbereien widersprechen. Deshalb sind sie mißtrauisch, ohne daß sie immer in der Lage wären, die Quellen des Betrugs aufzutecken, weil man sorgsam zutreffende Vergleichzahlen unterschlägt und es eine offene Kritik der amtlichen Wirtschaftszahlen in der Presse nicht gibt.
Manchmal aber verrät die Leichtfertigkeit der amtlichen Journalistik selbst die Beschwindelung des Volkes. So
brachte die ganze deutsche Presse, daß der Reichspressechef Dr. Dietrich vor der Weltpresse auf dem Parteitag in Nürnberg verkündet hat, das deutsche Volkseinkommen habe sich im ersten Jahre der herrlichen Zeiten unter Hitler um rund 1 Milliarde Reichsmarf von 45,5 auf 46,6 Milliarden Reichsmart erhöht.
Der gute Reichspressechef hätte von dieser„ Erhöhung" schwerlich viel Aufhebens gemacht, wenn er gewußt hätte, daß unter der berüchtigten marxistischen Mißwirtschaft im Jahre 1929( Reichskanzler Müller) nach den Veröffent lichungen des Reichsamts das Voltseinkommen 73,8 Mil: liarden und selbst in der Krise unter Brüning noch 59,2 Milliarden betrug, also über 12,5 Milliarden mehr als im britten Reiche".
Sieht man aber noch genauer zu, so kommt man dahinter, daß die angebliche Wirtschaftsbelebung Hitlers sogar eine Einkommensverminderung gebracht hat, und zwar ganz all
gemein.
Seit Mitte 1933 find die Lebenshaltungsfosten in unaushaltsamem Aufstieg und liegen heute um 4,5 v. 5., für die Ernährung allein um etwa 7,5 v. H. über den Kosten bei Hitlers Machtergreifung, und das nach hitleramtlichen Zah Ien. Nehmen wir allzugünstig nur eine Gesamtsteigerung der Lebenshaltungskosten von 2,5 v. H. im Jahre 1933 an, jo ereibt sich, daß der Realwert des Volkseinkommens nicht nur nicht gestiegen, sondern sogar gesunken ist. Da der Reichspressechef über das laufende Jahr eine weitere Erhöhung des Volfseinkommens von nur einigen" Milliarden Reichsmark zu prophezeihen wagt, die Lebenshaltungskosten bis Ende dieses Jahres selbst nach den gefälschten hitleramtlichen Zahlen um mindestens 6 bis 7 v. H. über denen des Vorjahres liegen werden, so wird sich auch für 1934 tatsächlich feine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung des Volkseinkommens ergeben.
Und das alles bei einer enormen Produktionssteigerung und bei einer angeblichen Vermehrung der Erwerbstätigen um nahezu vier Millionen Menschen Es muß also nicht
Der sogenannte Führer hat in seiner Erntedankfest- Rede Lande kein großes Echo gefunden hat, seine Vorgänger faul und unfähig geschimpft. Es gehört schon eine riesenhafte Portion Verlogenheit und unbegründete Selbstverhimmlung dazu, um so etwas in die Welt zu schreien.
cuf dem Bückeberg, die, wie die ganze Erntedankfeierei im
Unter seinen marxistischen Vorgängern betrug beispiels weise die deutsche Ausfuhr im Jahre 1928 12 276 Millionen,
im Jahre 1929 jogar 13 483 Millionen. Bis zu Papens ruhmreichen Regierungsjahre 1932 war fie auf 5 740 Millionen heruntergewirtschaftet. Hitler hat im Jahre 1938 noch eine weitere Milliarde verloren und im laufenden Jahre wird man wohl kaum noch über 4000 Millionen Reichsmart kommen,
Nimmt man dazu noch, daß bei dem Ausscheiden der Marristen aus der Reichsregierung die Reichsbank einen Goldund Devisenbestand von 3000 Millionen hatte und bei HitTers Machtergreifung immer noch 1000 Millionen, die nun futsch sind und trotz aller Anstrengungen und Schiebungen bisher nicht einmal mit ein paar Millionen wieder aufge= füllt werden konnten, so ergibt sich ein flares Bild von den „ Erfolgen" der Hitlerregierung.
Vier Wochen Presse- und Versammlungsfreiheit, und das ganze deutsche Volk würde die Gauner und Betrüger zum Teufel jagen, die ihm in Ermangelung wirklicher Leistungen
Reklamegaufeleien vorjeßen. Da die Freiheit der Aufflä
rung fehlt, müssen wir unter unsagbaren Schwierigkeiten den Volksmassen die Wahrheit bringen. Das geschieht und wird zum Erfolge führen.
Für das Winterhilfswerk
Berlin , 6. Oft. Wie von der obersten Leitung der Parteiorganisation, Amt für Volkswohlfahrt, mitgeteilt wird, eröffnet der Reichsfanzler das Winterhilfswerk 1934/35 am 9. Ottober. Infolgedessen wird der Bernstein Tag, der als erster Tag des Winterhilfswerkes 1934/1935 durchgeführt wird, auf diesen Tag verlegt. Aur Herstellung der Bernsteinabzeichen sind über 20 000 kilogramm Bernstein verwendet worden.
..Wie sie lügen"
Die Bauernunruhen in Schleswig- Holstein
Mehr als eine Woche ist es her, daß„ Observer", eines der ernstesten und angesehensten Blätter Englands, die Nach richt über Bauernunruhen in Schleswig- Hol stein brachte. Die Meldung gab der Straßburger Sender weiter, und dann wurde sie von vielen Zeitungen über nommen. Vor zwei Tagen gabe es endlich ein hitleramt liches Dementi: es habe keine Bauernunruhen in Schle sien gegeben. Darin wurden wilde Schimpfereien auf die Emigranten und Separatistenpresse gehängt. Auf den lügnerischen Widerspruch festgenagelt, behauptet man jeßt, auch in Schleswig- Holstein habe es keine Bauernunruhen gegeben. Es habe da oben in Angeln ein Fest gegeben; aber man hätte hier sicherlich aufs eifrigste darüber diskutiert, wenn es Unruhen gegeben hätte. Das hätte ein dänischer Berichterstatter geschrieben. Seine Naivität ist bestaunenswert. Sie soll der Welt beweisen, wie unton trolliert" Greuelmeldungen verbreitet würden. Wir geben die erschütternde Widerlegung" unsern Lesern weiter. Sie werden jeßt vollkommen davon überzeugt sein, daß es
nur die Arbeit, sondern auch das Einkommen so„ eftreckt" an der Wasserfante sehr ernste Bauernunruhen gegeben
worden sein daß semohl für den eingen wie für die Ge samtheit in Minus herausgefommen ist.
haben muß. Sonst würde man sie nicht mit solch dummen Argumenten zu verbergen suchen.
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Hoppla! Sozialismus!
Nationalökonomische Tragödie in Aachen
Die Jdee des Sozialismus hat auf ihrem kaum hundert jährigen Leidensweg viel erlebt. Revolution und Reaktion, kühne Erneuerungsgedanken und konservative Restauration haben sich in den sozialistischen Wohlfahrtsmantel gehüllt, der breit genug war, auch den Unterdrückern der Schwachen Rechtfertigungen zu liefern. Jm Kommunistischen Manifest 1847/48 gibt es viele Stellen, in denen sich Karl Marx und Friedrich Engels über die pseudosozialistischen Kollektionen ihrer Zeit mit dem blitzenden Spott echter Wahrheitssucher lustig machten. haben die Nationalsozialisten. Nun wird der Begriff des Aber es kommt alles wieder. Achtzig Jahre später: wir Sozialismus durch die Hölle Dantes gejagt. Einstmals, zu Margens Zeit, hatte er immerhin noch etwas mit Humanität zu tun, mit unvergänglichen MenschenHumanität zu tun, ansprüchen, so oft er auch mißbraucht wurde. Heute ist " Sozialismus“ ein Werkzeug zur Niederhaltung und Peinigung von Sozialisten, eine Rute, getaucht in Lüge und Niedrigkeit, in menschliche Dummheit und in menschliche Gemeinheit. Heute wird die Jdee des Sozialismus von bluttriefenden Mäulern usurpiert, von frechen Nuzznießern der Macht an die Streitwagen gebunden und durch den Schmuß gezerrt.
"
Es liegt uns ein Beispiel von besonderer Beweiskraft vor. Vor kurzem hat der Präsident der Aachener- Jndustrie- und Handelskammer, der Fabrikant Leopold Peill , in einer Beiratssitzung der Kammer über Sozialisierung" gesprochen. Wir fanden den Bericht darüber in Nr. 487 der„ Kölnischen Zeitung ". Was ist Sozialisierung? Es ist nötig, den Begriff zu klären. Man versteht darunter die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, den Besitz der Naturgüter und jener Industriezweige, die die Volksgesamtheit für ihre Existenz unmittelbar nötig hat, in den Händen dieser Volksgesamtheit. Wir erinnern an die großen Sozialisierungsdebatten der Jahre 1919 bis 1923. Damals ging es um den Allgemeinbesitz der Kohle und des Eisens als der höchstentwickelten und entscheidenden Produktionsmittel im Rahmen einer konzentierten und kartellierten Industrie, die technisch- organisatorisch bereits vergesellschaftet war. Daß diese echte Sozialisierung scheiterte, steht auf den dunklen Blättern der Nachkriegszeit. Wir haben Fehler und Versäumnisse nicht zu beschönigen.
Jetzt aber sind wir, nach Herrn Leopold Peill , endlich mitten in der ,, nationalsozialistischen Sozialisierung". Was versteht er darunter? Man hat Festpreise für einige Getreidesorten eingeführt.„ Diese Feststellung allein genügt schon, wie außerordentlich segensreich für unser Vaterland sich die sozialistische Bewirtschaftung des Getreides ausgewirkt hat." Aber unser sozialistischer Pionier fühlt sich bereits als gesellschaftlicher Neufchöpfer. Der Regierung zum Gehorsam verpflichtet, müsse die Kammer Vorschläge machen ,,, wie am praktischsten die Sozialisierung der Wirtschaft durchgeführt werden kann". Jetzt seien ja, so bekennt er, die meisten Wirtschaftler Sozialiste'n. Das ergebe sich schon aus der Tatsache, daß heute viele Indu strien den Staat dazu veranlassen wollen, die Preiſe festzusetzen. Alle die Menschen, die so etwas wollten, verzichteten gern auf die Möglichkeit eines hohen Verdienstes zugunsten eines gesicherten Einkommens, denn, wiederum wörtlich,„ mit dem hohen Verdienst können sie ja doch nichts mehr anfangen, da die Lebenshaltung in ihren Kreisen eine viel einfachere gew 'or= den ist“.
So sind wir eigentlich schon mitten im Sozialismus, bank unserem unsterblichen Führer", den Herr Beill immer wieder liebend und lobend erwähnt. Was Peill propagiert, ist eine Art von Fest- und EinheitspreisSozialismus mit gesichertem Einkommen für die einfach gewordenen Unternehmer, die sich für ihre karge Lebensführung die braunen„ Führer" zum Vorbild nehmen. Klein, aber mein! Herr Peill ist der leidenschaftlichen