Frethel

Nr. 264-2. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Dienstag, 27. November 1934 Chefredakteur: M. Braun

Diplomatische Inteigen um

die Saar

Seite 3

Finanzierung sa

dec Arbeitsbeschaffung

Seite 4

Die Folterungen eines Rabbiners

Seite 7

Starke Spannung in Berlin

Gewitter wolkenalynn

Der jugoslawisch- ungarische Konflikt

Die politische Lage ist in diesen Tagen wieder einmal so gespannt, daß man die schlimmsten Befücchtungen hegen muß. Die jugoslawische Note an den Völkerbundsrat über die Rolle Ungarns beim Marseiller Attentat hat eine

Ein Minister, der sich nach der Popularität des Doktors" schnt außerordentliche Berschärfung der Situation hervor

Die Krise im Reichskabinett

Berlin , 25. November.

Neulich haben wir über eine Rede des Reichspropaganda­ministers und noch immer Berliner Gauleiters Dr. Goebbels am Grabe eines alten Rämpfers" berichtet und geschildert, wie matt Goebbels sprach, und wie falt die versammelten Parteigenossen seine müde Verteidigungs­rede aufnahmen. Seitdem hat sich der Verfall der Goebbels­schen Popularität in Berlin , die bis in die jüngste Zeit wirflich groß war, rapide fortgesetzt, und man darf sagen, daß sich allmählich gerade in den Reihen der alten Kämpfer" eine Atmosphäre des Haffes gegen den Er­oberer Berlins " sammelt. Ob es bei diesen alten" Nationalsozialisten, die ihren Toftor" so manchesmal buchstäblich mit ihren Leibern gedeckt haben, nur ent­täuschte Liebe ist, oder ob der mächtige Gegner des Goeb= bels, unser Reichstagsbrandmeister und Lametta- Hermann Göring , durch seinen Agenten nachhelfen läßt, mag da­hingestellt bleiben. Jedenfalls hat Goebbels nun schon wiederholt grobe Vorwürfe und Beschimpfungen gerade von solchen Parteigenossen einstecken müssen, die mit ihm Berlin eroberten".

Sein Versuch, die alten Kämpfer" in einer geschlossenen Bersammlung zu beruhigen, ist vollkommen gescheitert. Geschickt hatte er sich dazu den 9. November ausgewählt, den Tag der Erinnerung an die Toten der Bewegung und des Gedenkens an die Schmach der Novemberverbrecher" von 1918. Daß er in dieser feierlichen Veranstaltung nicht nur stürmisch unterbrochen, sondern verhöhnt und mit Schimpfworten bedacht wurde, hat den sonst so vitalen demagogischen Agitator tief deprimiert.

Er ist sich natürlich auch bewußt, daß er in der vers unglückten Feier im Friedrichshain nicht spontanen Aus: brüchen der Enttäuschung, sondern einer wohlorgani: fierten Revolte gegenüber stand.

Um marxistischen Provofateure fann es sich nicht gehandelt haben, denn es war, troß mannigfacher Bemühungen, feinem von uns möglich, in die Versammlung zu fommen, weil die Kontrolle sehr scharf war, aber die Teilnehmer haben nachher in den Betrieben und an den Stempelstellen

Koalitionspolitif zurüdverfezt, wenn Goebbels immer wieder entschuldigend auf das üble Erbe verwies, das die Regierung übernommen habe.

Auch die Sozialdemokraten, und sie gewiß mit vollem Recht, wiesen auf ein übles Erbe hin: den verlorenen Weltkrieg. während die Nationalsozialisten

und einen

diese Erkenntnis verbreitet sich immer mehr Staat und eine Wirtschaft übernommen haben, die bei ihrem Machtantritt viel günstiger standen, als nach fast zwei Jahren nationalsozialistischer Führung. Die ganze Rede von Goebbels war trostlos ohne jeden anfeuernden Ausblick und das Versprechen, daß es unsere Kinder" in fünfzig Jahren besser haben würden, machte nicht viel Eindruck. Es scheint, daß der Beifall am Schluß mehr der rednerischen Akrobatik als dem Inhalt des Vortrages galt.

Die Gerüchte, daß zu den nationalsozialistischen Größen, die in Ungnade gefallen sind bestimmt 2ey und Streicher, wahrscheinlich auch Darré- binnen furzem auch Goebbels gehören werde, wollen nicht ver­stummen. Dem Besuche Hitlers bei dem noch immer franfen Reichswehrminister Blomberg im Weißen Hirsch bei Dresden wird große Bedeutung beigemessen. Wieder einmal wird behauptet, die Besetzung des noch immer offen gehaltenen Bizefanzlerpostens stehe bevor, und zwar solle eine Machtverteilung zwischen Blomberg und Göring , derart stattfinden, daß Blomberg Vize: tanzier und Göring Reichswehrminister wird..

Dieser Kombination steht zwar die Kränklichkeit Blom­bergs entgegen, aber die Linie dieser Aemterverteilung wird, auch wenn die personellen Entscheidungen bis nach der Saarabstimmung vertagt werden oder anders fallen sollten, zweifellos verfolgt, weil das Regime die flare Schwenfung zu einem fonservativ- militärisch- hochkapita­listischen Kurs braucht und lieber die weitere Einschränkung der Massenbasts, die ohnehin schwindet, ertragen will, als Konflikte mit der Reichswehr , der hohen Bürokratie und den fonservativen fapitalistischen und agrarischen Kräften.

an hämischen Bemerkungen über ihren reich gewordenen Blomberg ist eingetroffen

Doftor" nicht gespart.

Goebbels floh in die Oeffentlichkeit auf den Kampsplab, wo er seine größten rednerischen Triumphe erlebt hat, in den Sportpal a ft. Am Freitag saßen wir mit vielleicht 15 000 Berlinern mehr oder minder gespannt in der riesigen Halle. Es war mit Musik und vielen Fahnen und Transparenten dasselbe bewegte Bild, wie in den letzten Jahren, aber die Menschen waren anders, beinahe so falt und grämlich wie der späte Novembertag draußen, und die Rhetorif von Goebbels machte sie faum wärmer. Wie tief und bitter müssen die Anklagen gegen ihn sein, wenn sich dieser aggressive Geist verleiten ließ, eine reine Ver­teidigungsrede zu halten, die in langen Partien ohne jedes Echo in der Riesenversammlung blieb.

Zeitweise fühlten wir uns in die Atmosphäre etwa einer fozialdemokratischen Versammlung der ersten Jahre Jahre

Berlin , 26. November 1934. Der Reichswehrminister von Blomberg ist überraschend aus Dresden hier eingetroffen, obwohl seine Gesundheit noch feineswegs. wieder hergestellt ist. Man schließt aus seinem Eintreffen, daß er persönlich seine Interessen gegenüber den Intrigen wahrnehmen will, die im Reichskabinett und in der nationalsozialistischen Führerflique um die Machtvertei­lung im Gange sind. Blomberg fürchtet, daß Hitler , der ihm vor einigen Tagen noch Treueerklärungen abgegeben hat, unter den Einwirkungen seiner nächster Umgebung schwan­fend werden könnte. Wohlverstanden geht es hier nicht um die Haltung der Reichswehr zum Regime, sondern um Per­soiren und Führerposten.

Hat Streicher die Sprache verloren?

Verwirrung in der Parteitagstadt

Nürnberg, 25. November.

Der so lärmende Gauleiter Julius Streicher ist seit Wochen ein stummer Mann geworden, und auch seine Iran­fische Tageszeitung" bringt weder Reden noch Bilder von ihm. Ob er seine neulich unterbrochene Kaltwasserfur fort­setzt? Das ist faum zu glauben, da doch sonst illustrierte Be­richte über sein Badeleben bestimmt in seiner Presse zu finden wären. Er hat vor einigen Wochen seine grope Ver­nichtungskampagne gegen die Gerüchtemacher in seinem Gau inszeniert, aber das war vergeblich, denn infolge seines Ver­stummens sind die Gerüchte nur noch zahlreicher und hart­näckiger geworden. Im Wesentlichen wird behauptet, daß sein eheliches und außereheliches Familienleben" endlich bei Herrn Hitler , der es allerdings seit mehr als einem Jahr zehnt aus sehr naher Beobachtung kennt, Anstoß erregt habe. Man erinnert sich, daß Hitler auch an dem Serualleben Röhme erit am 29. Juli 1934 fittlichen Anstoß nahm. Jeden­falls glaubt hier niemand mehr, daß die Beteuerungen Streichers in seiner letzten großen Nürnberger Berjamm­

Tung, zwischen ihm und dem Führer" sei noch alles in Ordnung, den Tatsachen entspricht.

Da Vorträge und Artikel gegen die Gerüchtemacher nichts mehr helfen, setzen prompt die nötigen Ablenkungsmanöver ein. Es sind schon mehrere Personen wegen Gerüchten" verhaftet und einige in das Konzentrationslager von Dachaut eingeliefert worden. Auch Aktionen gegen den " Wucher" seßen ein, und so wurde denn als erster Triumph in Nürnberg ein fleines Friseurgeschäft geschlossen. Als wenn die unter der Teuerung leidenden und fluchenden kleinen Leute keine andere Sorge hätten! In Zirndorf wurde der Verleger Bollmann verhaftet, weil in seinem Verlage ein firchliches Flugblatt erschienen ist, das als hezzerisch" be­zeichnet wird.

Diese ganzen Ablenkungsmanöver find so kleinlich und so wenig wirksam, daß man hier allgemein glaubt, die Macht Streichers sei bald zu Ende, weil man in Berlin seinen Radanantisemitismus nicht mehr brauchen fann

gerufen. Auf Grund der Verhandlungen, die Laval wäh rend seines Aufenthaltes in Genf mit dem jugoslawischen Außenminister Jeftitsch geführt hatte, konnte man ur­sprünglich annehmen, daß die Behandlung der jugoslawi­schen Note bis zur Januarsizung des Völkerbundes ver­tagt wird und daß dadurch eine gewisse Beruhigung ein­tritt. In den letzten Tagen hat sich aber die Lage durch die Haltung Ungarns und insbesondere Jtaliens grundlegend geändert.

Schon die scharfe Sprache, die der ungarische Bevoll mächtigte in Genf , Tibor von Eckart, und der unga­rische Ministerpräsident Gömbös wegen der jugoslawi­schen Anklagenote geführt haben, zeigten deutlich, daß ein offener Konflikt nicht zu vermeiden ist. Die jüngste Reise Gömbös ' nach Rom gab wohl dem ungarischen Minister­präsidenten die Gewißheit, daß das faschistische Italien im Falle eines Konfliktes Ungarn unterstützen werde. Diese Gewißheit veranlaßte die ungarische Regierung, dem Generaljekretär des Völkerbundes eine Note zu über­reichen, durch die eine überaus ernste Situation ge­schaffen ist.

,, Man übertreibt nicht mit der Erklärung," so heißt es u. a. in der Note, daß ernste Folgen für den Frieden, dessen Wahrung die wichtigste Aufgabe des Bölkerbundes ist, eintreten können, wenn Ungarn , seine Regierung sowie seine Behörden den verschiedenen Auf­reizungen und verleumderischen Anschuldigungen aus gesetzt blieben, die seit langen Wochen gegen dieses Land gerichtet werden." Diese Worte eines offiziellen Doku­ments zeigen mit aller Deutlichkeit, wie sehr wieder ein­mal der Frieden in Europa bedroht ist.

Ungarn verlangt vom Bölkerbund die sofortige Prüfung der Angelegenheit, die durch die jugoslawische Note ent­standen ist, um, so den ernsten Gefahren zu begegnen, auf die hinzuweisen die ungarische Regierung für ihre Pflicht hält.

Ungarn wird in feinein Schritt und dies ist vielleicht das wichtigste Ereignis der letzten Tage von Mussolini unterstützt. In dem amtlichen italienischen Kommuniqué heißt es u. a.:

In verantwortlichen italienischen Kreisen erfennt man voll das Recht Ungarns darauf an, eine sofortige Aus­sprache im Völkerbundsrat über diese Anklagen zu ver langen. Diejer ungarische Standpunkt wird von den italie nischen Vertretern im Völkerbund klar unterstützt werden. Die verantwortlichen italienischen Kreise sind der Ansicht, daß eine Nation nicht unter so schweren Anklagen bleiben fann, wie es die gegen Ungarn erhobenen sind. Die italie­mischen Kreise halten die geschaffene Lage für heifel, glauben aber nicht, daß sie unmittelbar zu ernstern Verwidlungen führen fann."

Angesichts der Haltung Italiens muß man wohl an­nehmen, daß die Bemühungen Lavals, die Behandlung des ungarisch- jugoslawischen Konflikts zu vertagen, als ges scheitert anzusehen sind.

Die offene Unterstützung des ungarischen Schritts durch Italien ist nicht nur als ein Zeichen der engen freundschaft­lichen Beziehungen zwischen Rom und Budapest , die wäh rend des jüngsten Aufenthaltes Gömbös ' bei Mussolini er­neut bestätigt wurden, zu betrachten, sie weist auch darauf hin, daß die französisch italienischen Annäherungsverhandlungen anscheinend nicht in der erwarteten Weise fortgeschrit ten sind. Die Gegensätze, insbesonder in bezug auf den jugoslawischen Bundesgenossen Frankreichs , sind immer noch so groß, daß Mussolini es für nötig hält, durch unter­stügung Ungarns und seiner Revisionsbestrebungen einen starken Druck auf Frankreich auszu üben. Man kann also auch in bezug auf die italienische Politik Frankreichs , wie die offizielle italienische Er­klärung zeigt, noch bei weitem von keinem Erfolg der Lavalschen Außenpolitik sprechen.

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Nachdem die ungarische Note bekannt wurde, fand in Genf eine Konferenz der drei Außenminister der Kleinen Entente-Benesch, Jeftitsch und Titulescu statt. Die drei Minister haben ihre Haltung in bezug auf Ungarn genau präzisiert und es scheint, daß auch die Türkei und Griechenland die Kleine Entente in ihren For­derungen unterstützen werden. Wie gespannt die Situation ist, geht aus den scharfen Ausfällen der Belgrader Presse gegen Ungarn hervor. Die Belgrader Presse erklärt, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, wo nicht nur Genug fuung für das Verbrechen von Marseille verlangt, son. dern auch mit den revisionistischen Be

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