Fretheil

Nr. 291 2. Jahrgang

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Sonntag/ Montag, 30./31. Dezemb. 1934 Chefredakteur: M. Braun

Berlin voller Gerücht

Judenpogrom in Mainz

Seite 2

Ein ,, 30. Juni" für die Saar­Franzosen

Seite 3

Ein Römer und ein Nazi

Seite 7

Konzentrationslager an der Saar

Für Katholiken und Marxisten Auf Seite 3 der vorliegenden Ausgabe bringen wir Enthüllungen eines Führers der deutschen Front" über die gefarnte Einrichtung eines Konzentrations­

Jagd der Gestapo auf ausländische Zeitungen lagers an der Gaar. Listen über vorgesehene Insassen, Der Führer" im Mittelpunkt der Erzählungen

Berlin , 29. Dezember.

Die Jagd, die seit einigen Tagen von der Gestapo auf französische Zeitungen unternommen wird, hat die Unzahl der Gerüchte noch vermehrt. Alle französischen Zeitungen, die über innere Auseinandersetzungen im Regime geschrieben haben, wurden beschlagnahmt, auch der Temp s". Infolge­dessen flingen die Gerüchte über die Gründe der nächtlichen Blockierung des Reichswehrministeriums durch Soldaten und Schupo für viele sfeptische Ohren nun glaubhafter.

Alle Welt spricht von Attentatsversuchen gegen Hitler . Man ist nun so weit, daß nur noch wenige an den 3-

ſammenstoß" glauben, den Hitlers Sonderzug mit einem

Autobus gehabt haben soll.

Es wird allgemein erzählt, daß eine Bombe auf dem Bahn­terper einige Minuten vor dem Eintreffen des Sonderzuges explodiert sei und 16 Schauspielern statt Hitler das Leben gekostet habe. Man behauptet, niemand von den Insassen des Sonderzuges habe diesen verlassen dürfen, als er an der Un­glücksstelle lange gehalten habe.

Plötzlich steht Hitler selbst im Mittelpunkte afler Gr­zählungen, und feineswegs allgemein in einem für ihn rithmlichen Sinne. Man flüstert von seiner Attentatsfurcht und von den psychischen Nachwirkungen, die der 30. Juni bei ihm hinterlassen habe. Viel beredet wird ein vor einigen Tagen erlassenes amtliches Dementi, in dem gesagt wird, Hitler befinde sich nicht in Berlin, sondern wahrscheinlich" auf seiner Besitzung in Oberbayern.

Man sagt sich, daß natürlich das Propagandaminifterium in jeder Stunde Hitlers genauen Aufenthalt wisse. Man wolle aber Hitlers Aufenthalt, wenn er außerhalb Berlins sei, geheim halten, um ihm ein Gefühl größerer Sicherheit und Beruhigung zu geben.

Dabei wird allgemein die Ansicht vertreten, daß persönliche Gefahren dem Führer" nicht von den Marristen drohen, die sich auf wachsende illegale Propaganda beschränken, sondern von erbitterten Desperados aus seinen eigenen Reihen. Zwar schreitet die Entmachtung und die Entwaffnung der SS. durch die Reichswehr siegreich fort und an eine Erhebung der SS. gegen die Staatswaffe ist faum zu denken, aber Einzel­aftionen des Widerstandes sind möglich, und die Massen­verhaftungen von SA .- und SS. Führern haben zweifellos vorbeugenden Charakter.

Mit welcher Unbedingtheit sich Hitler von den sozia­ listischen Demagogen in seiner Bewegung trennt und auch die SS. den alten Herrenschichten ausliefert, zeigt die Tat­sache, daß er den Gruppenführer Udo von Woyrsch, den

darunter viele katholische Priester, werden veröffentlicht.

Stommandanten der schlesischen S., zum S. O be Des Führers Führerwechsel

gruppenführer ernannt hat. Von Woyrsch war der militärisch- fendale Gegenspieler des abgesetzten Brückner, der wegen seiner Gegnerschaft gegen die schlesischen Grundbesitzer gestürzt worden ist.

Mein Kampf gesäubert? Auf Befehl Frankreichs

Berlin, 29. Dezember.

Der Reichsfanzler und Führer" beabsichtigt, feinen Friedenserklärungen an Frankreich einen größeren Nach­druck zu geben, als sie in seinen bisherigen Worten liegen. 3war soll Mein Kampf" nicht aus dem Buchhandel zurück­gezogen, aber das Buch soll in einer neuen Auflage von allen Stellen gereinigt werden, die auf Frankreich verletzend wirfen könnten. Die Verleumdungen der anders als Herr Hitler denkenden deutschen Volksgenossen bleiben natürlich stehen.

Berlin, 29. Dezember.

Jm autoritären Staate führt allein der Führer. Das haben wir so oft gehört, daß wir es nicht zu bestreiten wagen. Rur bleibt daneben immer die entscheidende Frage: Wer führt den Führer?

Das beliebte fromme Mütterlein mag sich ja seinen Hitler norstellen als den Mann, der alles weiß und kann, dem notfalls der liebe Gott einen Boten sendet mit der Anweisung, wie es zu machen sei. Aber man braucht nur ,, Mein Kampf" zu lesen, um den erschütternden Mangel an positivem Willen bei Hitler, seine geistige Abhängig­keit von anderen festzustellen.

In einem Falle hat Hitler sogar selber seine geistige Abhängigkeit betont: nämlich die auf wirtschafta lichem Gebiet. Er bekennt, die Leitgedanken seines wirtschaftlichen Programms, die Jdeen des nationalen Sozialismus", von Gottfried Feder empfangen zu haben. Es gibt auch nicht den kleinsten Beweis dafür,

Eine formale Purifizierung des Schundbuches würde prat daß Hitler den Ideen von der Brechung der Zinsknecht

fisch nichts bedeuten, da die ganze außenpolitische Konzeption Hitlers die Vernichtung Frankreichs fordern muß. Außerdem bleibt die Verhetzung der deutschen Jugend durch die zahl­losen Organe der nationalsozialistischen Bewegung bestehen. Die Reinigung von Hitlers Mein Kampf" soll öffentlich erst nach der Saarabstimmung bekanntgegeben werden.

Und die Lesebücher?

Berlin, 29. Dez.( npreß.) Berfaßt von einem Herrn Alschner, ist in Deutschland ein Schul- Lesebuch heraus­gekommen, das den Kindern geschichtliche Vorfommnisse in folgender pazifistischer Form vermittelt: Der Schand­frieden von Versailles brachte: Unruhe, Unglück, Unbill, 1n­raft, Unehre, Uneinigkeit. Unheil.. Der Franzose besetzte das Ruhrgebiet, bedrückte die Bevölkerung, belästigte, be­seitigte, bespielte, beleidigte...

Paris: Gott erhalte Adolf Hitler!

schaft" usw. irgendetwas aus eigenem zugefügt hat.

Aber Feder ist doch nun kaltgestellt, pensioniert, ein erledigter Mann! 3eigt das nicht, daß der Führer sich auch auf wirtschaftlichem Gebiete geistig selbständig ge­macht hat. So blind, wie er früher auf die Lehren Gott fried Feders war, so blind schwört Hitler jetzt auf Sial­mar Schacht.

Hitler hat seinen Getreuen neuerdings wiederholt ver­sichert, daß die Verdienste Schachts um das Reich so ge waltig seien, daß seine Weisungen unbedingt be folgt werden müssen. Von wannen diese Begeisterung des Apostels in der Windjacke für den Busineßman im hohen Stehkragen? Sie ist leicht erklärt: Hitler war nach seinem Herrschaftsantritt verpflichtet, vor der Menge seiner gläubigen Anbeter ein wirtschaftliches Wunder zu tun. Er tat es auf die Weise eines Jahrmarktsgauklers: Er zauberte wie dieser Goldstücke aus dem leeren Hute, Reichtümer aus dem Nichts. Er erweckte den Anschein, als schüfe er Schäße, während er in Wahrheit die letzten vorhandenen Reserven hinauswarf. Er trieb Arbeits­beschaffung durch Kapitalvernichtung. Berauscht, von den Scheinerfolgen einer durch wahnsinnige Schuldenmacherei und Zukunftsbelastung erkauften Konjunktur, wollten die wirtschaftlich noch ahnungsloseren Unterführer Hit­

Der Nationalsozialismus ist Deutschlands Schwäche und frankreichs Stärke lers dies Spiel fortsetzen, ja noch steigern. Wäre es ge

Paris, 29. Dezember.

Von unserem Rorrespondenten

Wladimir d'Ormesson schreibt über Deutsche Aus­sichten in Figaro": Hinter dem eisernen Vorhang der Diftatur nehme man in Deutschland sonderbaren Lärm wahr. Wo man aber, so fönnte man ergänzen, Lärm hört, da läßt sich nicht vermeiden, daß man schließlich erfährt, marum gelärmt wird.....

Vielfach begegne man der Auffassung. als gehe es nun­mehr mit dem Hitlersystem zu Ende. Wenn dem so sei, sp sagt Wladimir d' Ormesson, so werde in Deutschland die Militärdiftatua fommen. Es gebe Franzosen, die sich darüber freuten, andere meinten, man müsse dem Führer langes Leben wünschen. Wer habe Recht? Die Militär­diftatur würde die Hohenzollern wieder auf den Thron führen. Gut, höre man sagen, die Wiedererrichtung des Kaiserreichs würde das Ende der Demagogie, des, Anti­

Auf der anderen Seite aber würde ein Weiterbestehen des Hitlerregimes bedeuten daß ein ich maches Regime am Ruder jei, das sich selbst zerfleische. Wirtschaftlich und finanziell bliebe es schwach. Unmöglich bliebe es ihm, sich irgendwelchen Kredit zu verschaffen. England sei ihm feindlich gesinnt, Italien iei ihm aus Eifersucht und Furcht feindlich. Rußland sei sein Feind.

Der erfolgreichste Agent der deutschfeindlichen Propa ganda in der Welt," so sagt Wladimir d' Ormesson, wor und ist noch Hitler."

Tarum hätten die Franzosen ein Interesse daran, daß Hit­ lers Regime anhalte, weil Frankreichs Außenpolitik dadurch unendlich erleichtert sei. Sehr wenige Franzosen begriffen das noch. Aber manche Deutsche besonders die, die an der Spitze der Reichswehr und des Reichsaußenministeriums ständen begriffen es von Tag zu Tag besser.

ſemitismus und der Revolution in Deutschland bedeuten. Streichers Briefkasten"

Eine Dynastie die im Kriege daran habe glauben müssen, würde den Frieden erhalten. Dentichland würde Kredit und Abjaßmärfte erhalten Es würde wieder aufblühen, und damit würde auch Europas Wiederaufbau beginnen.

Wladimir d'Ormesson will glauben, daß die Hohenzollern eine Zeitlang sicherlich sehr vorsichtig regieren und den Frieden halten würden

Deutschland aber würde dadurch bald zu großem Ansehen tommen. denn die Amerikaner, die noch vor zehn Jahren die Wiedereinsegung der Hohenzollern abgelehnt hätten, würden sie heute mit Jubel begrüßen. In England würde alles Mißtrauen verfliegen. Rußlands Blicke würden sich von neuem nach Berlin richten. Italien hätte nur noch einen Gedanken, den Dreibund, und Oesterreich würde das Band zwischen Rom und Berlin sein. Frankreich hätte den Schaden,

Streichers ,, Brielkasten"

Berlin, 29. Dezember. Im Briefkasten" der neuesten Nummer des Stürmer" findet sich unter anderen judenhezzerischen Antworten" auch folgende:

Metzgermeister R. 2., Barmen: Sie verlangen nun doch zu viel! Eine Mazzenbäckerei sollen wir Ihnen nennen, damit Sie derselben ein Angebot in Blut machen können. Mit dieser Offerte werden sie wenig Glück haben! Für Tierblut haben Mazzenbäckereien kein Interesse!"

Dazu bemerkt die Jüdische Rundschau": Wir erwarten, daß zuständige jüdische Instanzen bei den maßgeblichen Reichsstellen gegen diese Art der Verunglimpfung jüdischer religiöser Bräuche und gegen die neue Ritualmordbeichuldi­gung Protest erbeben."

Ichehen, so wäre heute schon der völlige Zusammenbruch des Zauberkunststücks in Gestalt zahlungsunfähiger Kassen bzw. einer unverschleierten Inflation deutlich sichtbar.

Davor hat Schachts Finanzpolitik Hitler einst weilen gerettet. Schacht hat einen Aufschub des Bankrotts erreicht, den Hitler selber mit seinen Fähig keiten nicht vollbracht hätte. Und darum gilt wie Hitler seinen unwissenden Anbetern Schacht wiederum dem naiven Hitler als der Wundermann.

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Indessen ist es mit Schachts Wundern nicht besser be­stellt als mit denen Hitlers. Sein Hauptwunder war eine großzügige des Prellerei Auslandes durch Nichtbezahlung gelieferter Waren. Durch diesen Trick hat sich Schacht allerdings eine 3wangsanleihe" von einigen hundert Millionen verschafft, aber auch den deutschen Namen und Kredit im Ausland restlos und gründlich zerstört.

Immerhin hat Schacht das eine erreicht, daß bis heute auf dem ausländischen Börsenzettel und annähernd in der inländischen Kaufkraft die Währung gehalten werden konnte. Der Schuldenberg läßt sich zwar immer schwerer balancieren; aber Schacht verhindert wenigstens ein so rapides Anwachsen, daß er völlig unregierbar wird. Dafür bewundert Hitler ihn. Da Hitlers ganze Wirt­schaftspolitik trotz der kühn angekündigten Vierjahres pläne nur noch darauf abgestellt ist, sich von heute auf morgen durchzubalancieren, so ist ihm der Mann hoch­willkommen, der immer wieder auf ein paar Wochen oder Monate Luft schafft. Mehr will Hitler ja längst nicht mehr. Er hat Bescheidenheit in Wirtschaftsdinaen gelernt