)' 4 1 stow Die verhexte«Stadt. tfiHt Vetter««»tvvWveavestvtevt« von Jtorl ettlinoer. Copyryght by Georg Mülle/ Verlag K.*G. München . An alle dies« ivechselreichen Begebenheiten dachte Eduard, während ihn der altersschwache Droschkeugaul durch seine Vaterstadt zog. Die Gedanken hinderten ihn jedoch nicht, während der Fahrt aufmerksam das Straßenbild zu prüfen. Gar wenige Häuser kannte er noch. Erst als sie sich der Höhenstraße näherten, fielen ihm einige alte steinerne Bekanntschaften auf. Dort, das weihe Gebäude,■— hatte da nicht' ehemals die alte närrische Oberleutnantswitwe gehaust, deren niedliches Zimmermädchen über so kirschrote, saftige Lippen verfügte, daß ein gewisier siebzehnjähriger Eduard Bohukraut— Schwamm drüber! Und da drüben.in der Eckvilla mit dem schlanken Türmchen, war dort nicht der pensionierte Sparkaffenbuchhalter heimisch geivesen, dem man unbedingt„Rotnas'l" nachrufen mußte, weil er dann einen Wutanfall bekam? Am lebhaftesten aber dachte Eduard an de» alten Mann, der einst in der Höhenstraße 74 gewohnt hatte, der ihn aus reiner Liebe verflucht hatte, der so schnell auf seinen Eersöhnungsvorschlag eingegangen tvar, weil er ihm nie böse gewesen war, und der nun da draußen auf dem Friedhof ruhte unter einem Grabstein, den. sein Sohn nyr von einer Photographie her kannte. Der alte Friedrich Quickborn hatte ihm die Photographie geschickt, mit einem Brief, den Eduard zu beantworten stets von neuem verbummelte.' Und, alle Teufel, auch dein Rechtsanwalt Meier III hatte er seit fahren keine Antwort mehr gegeben, bis Meier III die zwecklose Schreiberei eingestellt hatte. Ra, einerlei, in zehn Mimten würde er vor Friedrich Quickborn stehen und morgen vormittag vor Meier III. Und heilte nachmittag noch vor dem Grabhügel, der das treueste Vaterherz deckt«. Hallo,— hatte die Eckvilla mit d?Nl Türmchen Doppelgänger bekomme»? Jetzt rumpelte er schon zum drittenmal an ihr vorüber. Oder fuhr ihn dieser niederträchtige Kutscher zum Vergnügen straßauf, straßab? Der Droschkenklepper machte wohl auf seine Kosten ein« Bewegungskur in der gilten stickstoffhaltigen Luft?!, e.. „Heda, ehrwürdiger Raffelenker, wohin denn? Habe gesagt: Nummer 74! Neun mal acht plus zwei! Lege keinen Wert auf Spa^erfahrten!, Bin heute schon genug in er Eisenbahn durcheinandergerüttelt worden." Phlegmatisch drehte sich der Kutscher auf dem Bock um:„Numurer 74 gibt's»ich! Ich such' die Nummer schon seit'ner halben Stunde!" '„O Alkohol, o Laster des Süsses!" dekta- ulierte Bohnkraut.„Ganze Stadt scheut zu Ehren des Indianerhäuptlings beduselt! Mensch, mach'die Augen auf! Ecke Höhenstraße und Mühlenweg, gar nicht zu verfehlen! Nebenan tvar mal ein bissiger Hund!" Der Kutscher wurde grob.„Wenn ich sag', Nunimer 74 gibt's nicht, dann gibt pe's nich! 72 gibt's und 76 gibt's, aber 74 iS nich! Und das mit der Besoffenheit nehmen Se zurück, oder Se können zu Fuß laufe»!" Er hatte den Wagen angehalten und die Zügel neben sich gelegt. -'„Dein Stolz ehrt dich, alter Knabe", lenkte Eduard gemütlich ein.„Nehme dich also von dem allgeineinen Delirium aus. Zufrieden?— Aber nun setze dich, wieder in Trab und expediere mich nach Nummer 74!" „Gibt's nich!" beharrte der Droschke n- charon.„Da hat wohl früher mal'n Haus gestanden, jetzt is nur noch'n Bauplatz da. Wenn Se sich dadrauf niederlassen wollen, mir kann's Pipe sein!"-,.,- Jetzt stieß Eduard Bohnkraut einen Fluch aus, wie sie nur in dem überaus fruchtbaren Klima Südamerikas gedeihen. „Drei Stockwerks nennst du Nilpferd einen Bauplatz? Wenn das mein alter Freusid Quickborn hört ES" „Der hört schon lange nichts mehr. Dkr hört seit zwei Jahren«irr noch die Engel ' Halleluja singen, da droben, verstehn Se!" „Was sagst du da? Friedrich Quickborn ist tot? Woher weißt du denn das?" „Nanu, ivenn die Leute begraben werden, sin st meistenteils tot!. Ich tverde doch Friedrich Quickborn gekannt haben!" Eduard stutzte. Quickborn tot?. Ja, zum Donnerwetter, dann wär' es wohl ain besten, schleunigst den Rechtsanivalt aufzu« suchen. „Zum Rechtsanwalt Meier HI!" brüllte er. Ihm war Plötzlich zweierlei zumute geworden. „Ich kenn' keine numerierten Rechts» anwälte! Da müffvn Se sich schon'n bißchen deutlicher ausdrücken!" „Dann fahr' zum Kuckuck!" „Bin ich nicht verpftichtet. Weiß auch nicht, wo der wohnt. Und nu kriechen Se mal gefälligst aus meinem Karren raus, der is kein Quartier für Obdachlose! Narren fahr' ich nich. Berappen Se Ihre zwölf Mark fuffzig uild leben Se wohl! Mei» Gaul kann Ihr Gebrüll nich vertragen. Paula hat Nerven." Eduard Bohnkraut nahm seine Reisetasche, sprang aus dem Wagen, zahlte und sanfte der Höhenstraße zu. Der Kutscher hatte recht: das Haus 74' gab es nicht mehr. Es war verschwunden. Spurlos verschwunden...»».■■■■-'S>‘ Nur noch Reste der Kellermauern zeugten, daß hier einmal ein Haus gestanden hatte, und allerlei Gerümpel, gemischt mit verrosteten Konservendosen» spottete des magi- stratrschen Schilde-:„Ablaven von Schutt ist hier strengstens verboten." Eduard stand mit offenem Munde da. Er kniff sich in die rechte Wade, er boxte sich auf die Nase:„Arffgewacht, old fellow! Bist nicht meßt auf dein großen Wasser!... Die Seekrankheit ist vorüber..'. Komm endlich zn dir!" Aber er mißhandelte feine ehrliche dicke Nase vergeblich. DaS Bild vor seinen Augen veränderte sich nicht. Eine unbändige Wut packte ihn. Wie oft hatte er sich in die Räume zurück- geträumt, darin er scim Kindheit verlebt hatte, wie treulich hatte er die ererbten Möbel hüten wollen, das alte Bcsuchszimuler, da Bett, in dem sein Vater gestorben war, da» große Bild seiner Mutter, den Tisch,<m dem er einst sein« Schulausgaben gemacht oder
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5 (27.6.1925) 4
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