ausschuß oder die Fraktionen Gelegenheit gehabt hätten, sich mit ihm zu beschäftigen. Die Absicht der Ueberraschung muß also mitbestimmend gewesen sein.
Wollte die Regierung diesen Anschein vermeiden, so hätte fie dieses Gesetz sofort nach Zusammentritt des Reichstags
Es ist unbedingt notwendig, daß sich die zuständigen Stellen zu diesen Angaben äußern. Vielleicht erfährt man auch, was die Staatsanwaltschaft in dieser Angelegenheit bisher unternommen
hat.
daß die Mannschaften unter einen Umständen nach Ruh land zurüdtehren. Die immer wiederholte Feststellung von tampffrohen und tampfentschlossenen Soldaten zeigt, daß es sich hier feineswegs um eine harmlose und friedliche Bewegung handelt. Wir sind begierig, was die deutschnationale Presse, die dauernd von der Gefahr der russischen Gefangenenlager
kampfentschlossenen Zaren- fafelt, zu dieſem Dokument ſagen wird. Von der Regierung er
unterbreiten müſſen, ſo daß eine Diskussion darüber ebenso Die kampfentschlossenen Zaren
möglich gewesen wäre, wie seine glatte Verabschiedung. So wenig aber wie das geschehen ist, so wenig hat sie sich bisher auch veranlaßt gesehen, den Entwurf ihrer Verordnung über die neuen Erzeugerpreise, der bereits seit dem 2. Juni fertiggestellt ist, dem Reichstage vorzulegen. Gegen einen solchen Versuch, über die wichtigen Interessen der Massen mit einer Handbewegung hinwegzugehen und die Volksvertretung der Möglichkeit zu berauben, ihren Einspruch dagegen in voller Oeffentlichkeit geltend zu machen, mußte deshalb entschiedener Widerstand geleistet werden.
Das waren die Gründe, die die Unabhängige Reichstagsscattion bewogen haben, der dritten Lesung dieses Gesetzes zu widersprechen und damit seine Verabschiedung unmöglich zu machen. Kein objektiv Denkender kann daraus die Folgerung ableiten, daß sie damit irgendwie für eine Erhöhung der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise verantwortlich zu machen sei. Diese Verantwortung liegt in vollem Umfange bei der Regierung und bei den Parteien, die durch ausdrückliche Zustimmung zu der bisherigen Preispolitik der Regierung ihr erst den Rücken gesteift haben, so daß sie eine solche Steigerung beschlossen hat. Zu diesen Parteien aber gehörten bisher auch die Rechtssozialisten. Sie sind deshalb, wenigstens zum Teil, verantwortlich, wenn diese Preiserhöhung jetzt kommen würde.
Aber ob die Regierung das wagen wird, ist besonders dann fraglich, wenn die Rechtssozialisten nach der Erklärung ihres Redners bei der Interpellation der Unabhängigen Partei handeln und mit der Unabhängigen Sozialdemokratie gemeinsam dieser Liebesgabenpolitik an die Agrarier den allerschärfsten Kampf ansagen. Bisher aber haben wir von dieser Unterstützung noch sehr wenig bemerkt. Wollen die Rechtssozialisten sich nicht dem Verdacht aussetzen, als ob sie der Regierung nur Sche inopposi= tion machen, so müssen sie jest Farbe bekennen, und den schärfsten Widerstand auch ihrer Anhänger gegen die volksfeindlichen Maßnahmen der Regierung entfachen.
das
Ein gutes Geschäft
Der abstinente Arbeiter", das Organ des Deutschen Arbeiter Abstinentenbundes, macht über einen Weinverkauf durch Reichsverwertungsamt folgende Angaben: Im März d. J. verkaufte das Reichsverwertungsamt an ein Konfortium von 11 großen Weinfirmen, darunter die Firmen Dr. Sandmann und Kempinsti in Berlin 550 000 Liter ungarischen Weißwein zum Preise von 10,50 Mart einschließlich Zoll und Gebinde ab Lager Grünberg in Schlesien. Die Zahlung erfolgte halb in bar, zur anderen Sälfte in Kriegsanleihe. Mit diesem Abschluß haben die Großfirmen ein gutes Geschäft gemacht, denn nach dem Gutachten des vereidigten Sachverständigen für Weine und Siprituosen der Handelstammer Sagan, Ed. Brühn, ist der Wein mindestens 18 Mart pro Liter im Wiederverkauf wert. Und in einem Artikel des Liegnizer Tageblattes", das sich mit diesem Weinverkauf beschäftigte, wurde angedeutet, daß das Konsortium den Wein auch mit 18,50 M. pro Liter weiterveräußert habe und zwar an Firmen, die ihrerseits wieder die Ware mit Gewinn weiterverkauften. Die Firma Albert Buchholz in Grün berg ( Schlesien) hat Veranlassung genommen, die Staatsanwalt schaft Glogau auf die Angelegenheit aufmerksam zu machen. Sie weist darauf hin, daß die faufenden Firmen durchweg Teilhaber der Weinhandelsgesellschaft Berlin und zum Teil Mitglieder des engeren und weiteren geschäftsführenden Ausschusses der Weinhandelsgesellschaft und daher an den Geschäftsergebnissen der Weinhandelsgesellschaft interessiert seien. Der in Frage fommende Wein fostete im Eintauf 18 M. und darüber, so daß durch den Verkauf der Ware zum Preise von 10,50 M. pro Liter das Reich einen Verlust von mehreren Millionen Marterleide. Der Inhaber der Firma Buchholz teilt dann in dem Schreiben an die Glogauer Staatsanwaltschaft weiter mit, daß er den Vertrag der Firma Sandmann als wider die guten Sitten verstoßend angefochten habe, worauf dann durch die Erfassungs abteilung des Reichsschahministeriums, 3weigstelle Liegnig, eine Beschlagnahme des in Grünberg lagernden Weines und ein Berbot Der Herausgabe der Weine an das Konsortium erfolgt sei. Von Berlin aus sei dann aber bald ohne Rücksicht auf die in Liegnig gemachten Feststellungen die Beschlagnahme aufgehoben, mit der Begründung, daß das Ministerium den Bertrag abs geschlossen und die untergeordnete Liegniger Behörde sich dem zu fügen habe.
Müßige Gedanken über die Bolschewiki
Bon Jerome K. Jerome. Einzig berechtigte Uebertragung aus dem Englischen von Hermynia zur Mühlen .
-
Was ist ein Bolschewit? Die Antwort auf diese Frage interessiert mich, weil ich selbst bisweilen von meinen Bekannten ein Bolschewit genannt werde. Und da ich nicht genau weiß, was diese Bezeichnung bedeutet, vermag ich den Vorwurf nicht mit jenem 3orn und jener Ueberlegenheit zurückzuweisen, die ich fühle es von mir erwartet werden. Von einem braven gottesfürch tigen Orforder Professor wird erzählt, er sei eines Tages in Streit mit einem Höfer geraten. Der Höfer, der sich feineswegs einer gewählten Sprache befliß, schien bereits den Sieg davonzutragen, ba ermannte sich der Professor und wandte sich gegen den Feind. Er nannte ihn ein verblödetes Parallelogramm, deutete an, er set um nichts besser als ein Rhomboid, tönnte sogar eine Differential rechnung sein. Der Höfer verstummte entsetzt, und flammerte fich hilfefuchend an einen Laternenpfosten. Wie, wenn ich tatsächlich ein Bolschewit bin? Dieser Gedante verfolgt mich. Ich weiß nicht, was ein Bolschewit ist, weiß nicht, welche Ideen er verficht, ich weiß nicht einmal, wie man das Wort richtig schreibt oder ausspricht. Ich habe versucht, mir selbst die Antwort zu finden. Was ist ein Bolschewit? Wird man schon als Bolschewit geboren oder wird man erst später einer? Woran erkennt man den Bolschewit? Bor etlichen Wochen veröffentlichten die Zeitungen, um mich zu belehren, die sogenannten einundzwanzig Punkte des Bolschewismus. Der Teufel mag beim Lesen vor Reid gelb ge worden sein. Etliche dieser einundzwanzig Punkte waren ihm nie in den Sinn gekommen. Mich deuchte, der gewissenhafte Bol schewit, der bestrebt sei, alle diese Puntie zu erfüllen, tönne niemals Zeit für seine Mahlzeiten finden. Ein Puntt- ich glaube, es war der siebzehnte war bloß mit Kreuzen bezeichnet; der Rebatteur erklärte in einer Randbemerkung, dieser stebzehnte Buntt sei so furchtbar, daß ihn fein anständiger englischer Redat teur bringen fönne. Vielleicht hatte er recht; pielleicht hätte ich die Lettüre nicht zu ertragen vermocht. Dennoch fühle ich. der art verderbt ist der Mensch einen unbezwinglichen Wunsch, gerade diesen siebzehnten. Punkt zu erfahren. Doch hätte er vielleicht meine Seele befleckt und es ist besser, ich verbleibe im Zustand der Unschuld und vermag an die Güte der Menschen zu glauben.
-
-
Abgesehen von Punkt siebzehn jedoch fand ich nichts derart neues in der Geschichte der Verbrechen, das mir geholfen hätte, einen Bolschewit auf den ersten Blid zu erkennen. Ich muß daher
offiziere
Das Interniertenlager Altengrabow hat mehrfach die Aufmerksamkeit der Deffentlichkeit auf sich gezogen. Dort liegen be= fanntlich im geschlossenen Verbande die russischen Bermondt= truppen, die nach dem mißglüdten Baltikumabenteuer dort untergebracht worden sind. Sie werden im Gegensatz zu den russischen Gefangenen nicht als Gefangene, sondern als Internierte, ja zum Teil als Verbündete behandelt. Sie besitzen im Lager volle Bewegungsfreiheit. Die Offiziere sind im Besiz ihrer bl a n- ten Waffen, tragen alle ihre Orden und Rangabzeichen. Kein deutscher Offizier hat über die Truppe, die sich stets als eine ge schlossene Armee bezeichnet hat, Strafgewalt; diese Truppe besitzt vielmehr eine eigene Kommandantur unter einem russischen Werbungen, die in diesem Lager stattgefunden haben, ist, wie wir General, der die Strafen verhängt. Eine Kontrolle über die uns durch Augenschein überzeugt haben, fast unmöglich. Die amtlichen Stellen des Heeresabwidlungsamtes, wie auch der Staatstommissar für öffentliche Ordnung haben sich durch Augenschein oder auch Berichte davon überzeugen müssen, daß der geschlos fene russische Truppenverband, der unter der Leitung erzreaktionärer zaristischer russischer Offiziere steht, im. Lager Altengrabow eine ernste Gefahr für die öffentliche Ruhe und Ordnung darstellt. Es war deshalb der Beschluß gefaßt worden, diese Verbände so schnell als möglich aufzulösen, die Mannschaften von ihren Offizieren zu trennen und vor allen Dingen die Offiziere unter sorgfältigere Bewachung zu stellen. Da trog aller unserer Warnungen nichts geschehen ist, so halten wir uns nunmehr für verpflichtet, in aller Oeffentlichkeit auf die gefährlichen Treibereien hinzuweisen, die in diesem Lager vor sich gehen. Wir geben nachstehend die Uebersetzung eines russischen Briefes des Obersten uptsch insty aus Altengrabow an seinen Freund Putljajty im Lager Havelberg wieder.
Alten- Grabow, den 28 Juni 1920.
Lieber Freund Butljajky!
#
Jch bekam Kenntnis von Ihrer Abreise erst am Nachmittag des nächsten Tages. Sie sollten es so machen, wie ich es Ihnen sagte, d. h. in Alten- Grabow auf Arbeit bleiben. Sagen Sie dem Sintowitsch, Samojlento, Feldw. Jwanow, Wl. Jurkowsky und den anderen guten Kerls, daß sie bei ihrem Kommandanten bitten sollen, nach Lager Alten Grabow auf Arbeit entlassen zu werden. Sie sollen dann nach dem Lager tommen, und hier werden wir schon alles in Ordnung bringen. Sagen Sie dasselbe auch den Husaren Wischnewsky, Simin, Gurowsky und dem Unteroffizier Mataroff. Sollte es auf diese Weise nicht gehen, so schreiben Sie mir sofort und ich werde selber alles burch Berlin veranlassen. Teilen Sie allen guten Rerls mit, daß sie den Mut nicht verlieren sollen. Gott soll sie davor bewahren, an verschiedenen Komitees, Sowjets und ähnlichen schändlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Haltet Euch fern von alledem und gedentet, daß der Kommunismus bald fallen wird, und daß er bis heute noch von feinem zivilisierten Lande anerkannt ist. Bergeßt nicht, daß die Sowiets unser Baterland zugrunde gerichtet haben, und daß jekt der Kampf sich um die Frage dreht: Wer wird die Welt regieren: Juden oder Nicht- Juden? Solange in Rukland der Monarch Trotky herrscht, soll man dorthin unter feinen Umständen fahren. Ergreift alle Maßnahmen und agitiert unter den zus verlässigen, fampffrohen Leuten, daß sie nicht nach Rußland fahren. Je mehr tampfentschlossene Soldaten in Deutschland bleiben, desto besser. Die Deutschen werden uns helfen, den Bolschewismus zu zertrümmern und der Entente die Sude voll zu hauen. Dann wird Rußland und Deutschland niemand be fiegen fönnen. Hört auf mich. Ich habe nur den einzigen Wunsch an der Wiederaufrichtung unseres armen Vaterlandes mitzuarbeiten. Wir müssen unbedingt uns zusammentun. Grüße alle, und bitte gute Soldaten, sich an uns zu halten und auf Kopp und anderes verkäufliches Gesindel nicht zu hören. Jhr in Freundschaft Oberst Kuptschinstŋ. Alten- Grabow, Internierungslager, Stab 7, 3immer 6. B. S. Schreiben Sie mir, wie es Euch allen dort geht, wie die deutschen Sie behandeln, usw.
Dieses Dokument beweist unwiderleglich, daß die zaristischen Offiziere die Hoffnung auf einen Militärputsch in Deutschland und Rußland noch nicht aufgegeben haben. Sie warten auf den Zeitpunkt, in dem sie in Deutschland einem tonterrevolutionären Unternehmen ihre Kräfte leihen tönnen und sie hoffen, daß dann auch für sie die Zeit gekommen ist, mit einem unter der Militärdiktatur stehenden Deutschland auch Rußland wieder unter ihre Knute zu bekommen. Daß es sich dabei nicht um platonische Wünsche han belt, zeigen die sorgfältigen Vorbereitungen und das Verlangen,
die Taten der Bolschewitt, soweit dies eine väterliche Zensur zuläßt, studieren. Seit zwei Jahren haben sie ihr Land verteidigt, es erfolgreich gegen die Heere und Flotten Englands, Frankreichs, Ameritas, Japans, Polens, Deutschlands, Rumäniens, Finnlands, Estlands und Litauens verteidigt. Ich bitte um Entschuldigung, falls ich es unterlassen habe, weitere Verbündete zu nennen, dies geschah feineswegs aus Mangel an Achtung, sondern aus Gedächtnisschwäche. Ist also ein Bolschewit ein Mensch, der sein Baterland gegen äußere Feinde verteidigt? Zu gleicher Zeit hat die bolschewistische Regierung gegen innere Feinde einen erbitterten Kampf geführt. It also ein Bolschewit ein Mensch, der seiner Regierung hilft, Rebellionen zu unterdrücken? Man sagt mir auch, die Bolschewiti zwängen alle gefunden, starten Menschen zur Arbeit. Ich gebe ja gern zu, daß dies besorgniserregend flingt, ist es aber ein so absolutes Umstoßen der sozialen Gesetze, wie wir zu glauben geneigt sind? Mich deucht, einem meiner Ahnen wurde mitgeteilt, er solle im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen. Freilich ist es einem beträchtlichen Teil seiner Nach tommen gelungen, dieses Gesetz zu umgehen; vielleicht ist es wirklich so töricht und unmoralisch, wie sie behaupten. Ist aber jeder, ber es gern wieder in Kraft treten sähe, ein Bolschewit? Die Bolschewifi haben die Klassenherrschaft eingeführt, sie leugnen es teineswegs. Doch deucht mich dies gar nichts neues. Der einaige Unterschied scheint für mich darin zu bestehen, daß die Bolsches witi fordern, bie Werttätigen und nicht die Müßiggänger sollen herrschen. Auch sagt man mir, die Herrschaft der Wenigen über bie Bielen sei ein sicheres Tennzeichen des Bolschewismus. Können die Kritiker des Bolschewismus wirklich verlangen, daß wir uns heutzutage über die Herrschaft der Wenigen über die Vielen empören sollen?
Aber es gibt noch eine Anklage gegen den Bolschewismus, an feinen Früchten soll man ihn erkennen: der Bolschewismus ist bie umgekehrte Bergpredigt. Es scheint, die bolschewistische Regierung sei eine Regierung, die sich nicht streng an die Lehren Der Bergpredigt hält. Es ist schier unglaublich. Kann es sein, daß es irgendwo in der Welt eine Regierung gibt, die nicht mit demütigem und zerknirschtem Herzen ihre Politit der Bergpredigt anpaßt? Man begreift nicht, wie die armen unwissenden Bolsche witi sich, trotz dem guten Beispiel, das ihnen alle anderen Regierungen geben, von dem schmalen und geraden Pfad des Christentums haben abwenden fönnen. Sogar die jüngsten Bolschewiti hatten doch in den letzten sieben Jahren die Möglich teit, das geistige und materielle Glüd jener seligeren Nationen zu erkennen, deren Regierungen aus den direkten Nachfolgern der zwölf Apostel gebildet sind. Sir Rider Haggard und Herr
warten wir, daß sie nunmehr endlich mit den Beratungen ein Ende macht und energisch eingreift, dem standalösen Zustand in dem. Lager Altengrabow ein Ende bereitet und die dortigen Truppens verbände auflöst, ehe sie zu einer nicht mehr abwendbaren Ge fahr für die deutsche Republik geworden sind.
Die Breslauer Mörder
Das Freikorps Aulod hat während der Kapptage in Breslau gefangene Arbeiter in der viehischsten Weise mißhandeln lassen. Bon den Gefangenen sind dann acht Personen des Nachts vers schleppt worden, sie wurden totgeschlagen und in die Oder geworfen. Unter den Ermordeten befand sich auch unser Genosse Schottländer, dessen Leiche erst vor einigen Tagen gefunden werden konnte. Obwohl der Tatbestand des vollendeten Mordes ganz einwandfrei flargestellt war, wurde gegen das Freikorps. nichts unternommen. Es tam vielmehr als zuverlässige Truppe" ins Ruhrgebiet und half dort durch neue Untaten den Ruhm der Reichswehr vermehren. Jetzt endlich, nach vier Monaten, ist der Führer des Freikorps, der Oberleutnant v. Aulod, auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Breslau verhaftet worden und mit ihm noch zwei weitere Offiziere. Sie werden der Duldung von Mißhandlungen an Gefangenen beschuldigt. Diese Anklage geht nach unserer Auffassung aber nicht weit genug; sie muß ganz einfach auf Anstiftung zum Mord lauten, denn die Soldaten, die das Verbrechen in Breslau verübt haben, haben nur auf Anordnung ihrer Vorgesetzten gehandelt. Herr von Aulod ist außerdem Kappist, er muß also auch wegen Hochverrats und schweren Landfriedensbruchs unter Anflage gestellt werden, wenn das Gericht nicht bloß eine unwürdige Komödie spielen will.
Verfassungstreue wird bestraft
In Potsdam fand am Freitag, den 2. Juli eine öffentliche Versammlung des Republikanischen Führerbundes statt. Vom Artillerie- Regt. 3, Potsdam, wurde der Besuch dieser Versamms lung am Nachtmittag des 2. Juli verboten. Eigentümlicherweise war der Befehl, der den Batterien bekannt gegeben wurde, nicht unterschrieben. Am Sonnabend vormittag wurden die Mannschaften der 5. Batterie, die an der Versammlung teilgenommen hatten, vernommen und sind am Montag, den 5. dem Ges richtsoffizier zur Vernehmung vorgeführt worden.
Was sagt der Herr Reichswehrminister hierzu? Nach einer Unterredung, die die Bundesleitung des R. F. B. mit Herrn Geßler vor einiger Zeit hatte, sollen Vorgesezte, die den Besuch der Bersammlungen des Republikanischen Führerbundes verbieten, zur Rechenschaft gezogen werden.
-
-
Bon der 5. Batterie des L. A. R. 3 befindet sich der Fahrer Goldschmidt in Saft, angeblich, weil er für den Roten Soldatenbund" so nennt ein Offizier dieser Formation den Republitanijd Führerbund- geworben haben soll. Der Gefr. Schmerje, Angehöriger einer Formation, die in Wüns dorf ihr Quartier hat, befindet sich seit dem 30. Mai in Haft, weil er während der Kapptage seine Verfassungstreue bewiesen hat. Es heißt jetzt: Er habe den Geist der Truppe in lintsradikaler Weise beeinflußt. Untersuchung dieses Falles ist dem Republikanischen Führerbund von seiten des Reichswehrminifteriums zugesagt. Hoffentlich wird diese Untersuchung etwas beschleunigt, damit die Haftzeit des Gefr. Schmerse endlich beendet wird.
Kleine Anfragen. Der Genosse Bod hat wegen des 3 en surverbots des Regierungsfommissars Rolle eine fleine Anfrage im Reichstag eingebracht. Die bayerischen rechtssozialistischen Abgeordneten fragen, was die Regierung zur Bestrafung der Verschlepper und Hehler deutschen Staatseigentums und zur Hemmung weiteren WaffenSchmuggels und gegen die Störung des freundnachbarlichen Verhältnisses mit Deutschösterreich durch den Waffenschmuggel zu tun gedenkt.
Die Arbeiter der städtischen Betriebe in Königsberg haben Dienstag abend beschlossen, in den Sympathiest reit einzutreten. Die elektrischen Wagen fuhren in die Depots und das elektrische Licht erlosch. Auch die Wasserzufuhr versagte kurz darauf. Erhöhung der englischen Finanzzölle. Das Unterhaus nahm bei der Beratung der Finanzvorlage die Erhöhung der Bier und Spirituosensteuer an, ebenso die Erhöhung der Weinsteuer. Chamberlain schlug indessen mit Rücksicht auf die Vorstellungen Frankreichs vor, die besondere Wertsteuer auf Schaumweine von 50 Prozent auf 33% Prozent herabzusetzen. Dieser Vorschlag wurde angenommen.
Keine Brotkarte in Frankreich. Der französische Kabinettsrat hat die Wiedereinführung der Brotkarte abgelehnt.
Rudyard Kippling melden uns ein trostloses Bild: eine Welt beglückter Menschen, Engländer, Amerikaner, Franzosen, ja sogar Sunnen", zum fiegreichen Kampf gegen Satan organisiert, zieht unter dem Banner der Bergpredigt gen 3ion, und bloß die irrende Schar der Bolschewifi verschmäht die Wasser des Heils, die ihnen von den Ententeregierungen dargeboten werden.
Religiöser Sozialismus*)
Solitschers Weg führt näher an Tolstoi als an Marr vorüber, und sein Sozialismus trägt eine starte religiöse Färbung. Der Begriff des Proletariats verschmilzt mit dem Begriff der ganzen verfolgten Menschheit. Ein Roman, den Holtischer fürzlich geschrieben hat, offenbart seine humane Menschennatur in aller Reinheit und erwuchs aus starten, redlichen Gefühlen für das Proletariat, wenn auch die Handlung nicht in proletarischen Kreisen spielt. Aber der Marsch des Internationalen dröhnt hinter allen Vorgängen, und mit der ganzen ruhevollen, abgeklärten Kraft, die Holtischer eigen ist, hämmert der Ruf nach Aenderung aller Dinge. Seine Kritik gilt der Bourgeoisie, über die er das Todesurteil in seiner milden, weichen Sprache fällt. Aus den Kreisen dieser zerrissenen, seelisch unfruchtbaren Bourgeoisie löst er einen Mörder los, über den seine Klassengenossen sensationslüstern und racheschnaubend herfallen, aber dieser Mörder ist vom stärksten Verantwortungsgefühl gegen über wehrlos ausgebeuteter Menschheit durchdrungen und ruft ihr schamerfüllt, verzweifelt zu:„ Ich bins, den ihr beneidet!" Das Schuldbewußtsein des Besitzenden gegenüber dem Besiglosen, die Forderung nach den Pflichten des Menschen gegen den Menschen werden in allen Empfindungen der Handelnden gerecht und geben dem Buche eine evangelienhafte, warmblütige Kraft.
Aber diese seelischen Werte schädigen eine oft langatmige Dar stellungsart und eine traditionelle Gegenüberstellung verschiedener Schaupläge mit filmhaften Wendungen, so lebendig auch manche Bilder des Londoner Treibens und des großen Passagierdampfers geschildert sein mögen; gerade ber stete Wechsel des Schauplages schlägt die Wirkung von Handlung und Gegenhandlung tot. Die weibliche Hauptfigur ist ein schwaches, blutarmes Geschöpf und die Sinneigung Holtischers zu oftulistischen Problemen tann man nur mit Bedauern fonstatieren. Wenn man zugibt, daß er das Rätsel der Fernwirtung nur symbolisch ausbeuten möchte, wird man ihm den Vorwurf nicht ersparen können, ein billiges und verführerisches Mittel gewählt zu haben. Das Mißtrauen gegenüber jenem
* Arthur Solitscher. Adela Bourtes Begegnung. Roman. S. Fischer Verlag.