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Einzelpreis 30 Pfg.

3. Jahrgang

Die Freiheit erscheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montags mue einmal. Der Bezugspreis beträgt bei freier Zustellung ins Haus für Groß- Berlin 10,-M. im voraus zahlbar, von der Spedition felbft abgeholt 8,50 M. Für Pofts bezug nehmen sämtliche Bostanstalten Bestellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland und Desterreich 16,50 m., für das übrige Ausland 21,50 m. zuzüglich Baluta- Aufschlag, per Brief für Deutschland und Desterreich 30,- m. Redaktion, Expedition und Verlag: Berlin C2, Breite Straße 8-9.

Donnerstag, den 22. Juli 1920

Nummer 290 Morgen- Ausgabe

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Die achtgespaltene Nonpareillezeile oder deren Raum koftet 5,- M. einschließlich Teuerungszuschlag. Kleine Anzeigen; Das fettgedruckte Wort 2,- M., jedes weitere Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien Anzeigen und Stellen- Gefuche 3,20 m. netto pro Zeile. Stellen- Gesuche in Wort- Anzeigen: das fettgedruckte Wort 1,50 m., jebes weitere Wort 1,- M. Sernsprecher: Bentrum 2030, 2645, 4516 4603, 4635, 4649, 4921.

greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Vor wichtigen

Deutsche Waffen für Polen ?

HN. London , 21. Juli. Zwischen den Alltierten und Sowjetrußland ist durch die polnische Frage eine schwierige Lage entstanden. In den nächsten Ta­gen wird hier eine außerordentlich wichtige Entscheidung über Krieg und Frieden fallen. Die Regierung hat sich, wie verlautet, auf den Standpunkt gestellt, daß die Antwort Sow­jetrußlands feine Annahme des Waffenstillstands bedeute.

Wenn Sowjetrußland danach trachten will, Polen zu besiegen, dann würde die ganze Arbeit, die England unternommen hat, um bessere Beziehungen zwischen Europa und Rußland herzustellen, umsonst gewesen sein. Die Antwort von Sowjetrußland gibt Bolen allerdings eine bessere Grenze im Osten als der Versailler Frieden.

Daily News befaßt sich bereits mit der englischen Antwort an Sowjetrußland und bemerkt, diese zeige deutlich, daß es das ein­zige Ziel der britischen Regierung sei, einen Frieden zu schließen, der die Unabhängigkeit Bolens gewährleiste, aber den Bolschewiti feinerlei Gebiete nimmt, auf die sie aus ethnographischen Gründen Anspruch haben. Im Falle eines bolschewistischen Eindringens würde die Lage eine große Veränderung erfahren. Alle polnischen Parteien würden sich für die Verteidigung der Grenze einigen. Es gibt in Polen noch genug Männer, und als Führer dürften die besten Offiziere von Westeuropa gewählt werden, darunter vielleicht auch Marschall Foch selbst. Was die Munition anbe­trifft, so ist ganz Ostdeutschland voller Lagerpläge mit Munition, die den Alliierten ausgeliefert würde. Nichts davon würde in polnische Hände kommen, wenn die Bolschewisten nicht in Bolen einfallen. Andererseits würde den Polen diese ganze Munition zur Verfügung gestellt werden.

Daily Chronicle will erfahren haben, daß die Alliierten Polen jekt geraten haben, sofort einen Waffenstillstand zu verlangen. Dann soll sich ergeben, ob Rußland Frieden oder Krieg wünscht. Wenn der bolschewistische Vormarsch fortgesett würde und sich auf polnisches Gebiet erstrecken sollte, würde die russisch - polnische Frage nicht nur für England, sondern für alle Staaten von höchster Wichtigkeit werden. Die Mitglieder des Bölkerbundes würden verpflichtet, Polen gegen einen Einfall der Bolschewiki zu helfen.

Daily Expreß berichtet, daß die britische Regierung Kamenew und Krassin habe wissen lassen, es sei ratsam, ihre Abreise nach England hinauszuschieben, bis die Haltung Sowjet­rußlands flar geworden sei.

Das internationale Räubertum

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DA. Stockholm, 20. Juli. In einem Funtspruch aus Moskau werden die als Grundlage für die weiteren Verhandlungen mit Sowjetrußland genannten Bedingungen des Memorandums von Lloyd George fritisiert, besonders die darin enthaltene Wendung, die englische Regierung würde über die zu ergreifenden Maßnahmen" mit den Alliierten beraten, falls die Bedingungen innerhalb der gesetzten Frist nicht angenommen werden. In dem Funkspruch heißt es Dazu: Die räuberische Gesinnung der Regierung des englischen Kapitals verbirgt sich hinter der Kanzleiphraje Die zu ergreifen­den Maßnahmen". Die Politit des internationalen Räubertums in weißen Handschuhen, das ist die Politik der sehr ehrenwerten Londoner Gentlemen. Das französische Kapital beabsichtigt nicht, leine Waffen, oder richtiger gesagt, die Waffen seiner bezahlten Barbaren des ancien règime " noch einmal ergreifen zu lassen. Als Antwort auf die Bitte Pilsudstis um Hilfe schickt Herr Mille­tand zu den 700 Offizieren, die schon im polnischen Heere tämpfen, noch 300. Auf diese Weise wird bald der ganze Generalstab der französischen Armee in Bolen sein. Gleichzeitig unterhandelt die französische Armee sehr intensiv mit den Führern der konstitutio= nellen Demokraten in Paris und stellt diese Verhandlungen ganz demonstrativ den Verhandlungen Lloyd Georges mit Krassin gegenüber. Endlich setzen die franzöfifchen Diplomaten alles daran, ein Hervortreten Rumäniens zu veranlassen. Die Drohun­gen des englischen Memorandums werfen ein Licht darauf, in welcher Weise die Imperialisten ihre eigenen Meinungsverschieden heiten für ihre 3wede ausnuten wollen und sich dabei von den Verpflichtungen, die sie Rußland gegenüber übernommen haben, befreien."

Rußland verweigert jebe Entschädigung

DA. Kristiania.

3u den englisch - russischen Verhandlungen teilt ein Moskauer Funtspruch mit, daß Rußland jede Art von Entschädigung, sowohl dirett, als auch verschleiert, verweigert. Die gewaltigen Ver­heerungen des Weltkrieges werde man nie wieder gut­machen können. Die russische Delegation schlägt vor, daß beide verhandelnden Parteien mit allen Staaten ein Ueberein­tommen schließen, um einen internationalen Weltfonds zu gründen, aus dem die Mittel zur Wiedergutmachung der Schä­den bezogen werden könnten.

Die Antwort Rußlands an England

T. U. Reval , 21. Juli. Das russische Telegraphenbureau Moskau verbreitet einen län geren Auszug aus der Antwort Tschitscherins an die britische Re­gierung, in bem festgestellt wird, daß die gegenwärtige Haltung Englands in der Frage des Friedensschlusses zwischen Sowjet­rußland und seinen Nachbarn vollkommen den Auffassungen Ruß­

Ereignissen

lands entspreche. Aber die Sowjetregierung habe von der polni­schen Regierung noch keine direkte Erklärung erhalten, die den Wunsch ausspreche, Frieden zu schließen. Infolge seiner früheren Saltung zu Sowjetrußland und seinen Nachbarn könne England auch nicht als unparteiisch angesehen werden. In der Frage der Beilegung des Konflittes zwischen Sowjetrußland und Bolen seien nur die Interessen der beiden beteiligten Länder Das Hinzutreten einer dritten Macht würde die maßgebend. Schwierigkeiten nur vergrößern.

Der Friede zwischen Rußland und Litauen T. U. Kowno , 21. Juli.

Ein drahtloses Telegramm aus Moskau bestätigt, daß der Friede zwischen Sowjetrußland und Litauen am 12. Juli in Mostau unterzeichnet wurde. Der Friedensvertrag garantiert die Unab­hängigkeit Litauens seitens Rußlands . Unmittelbar nach der Ratifalition des Vertrages werden die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern wieder aufgenommen werden.

Avanti vom Hurramob gestürmt

Rom , 21. Juli. Manifestanten drangen in die Druderei der römischen Ausgabe des Avanti ein, zerstörten die Maschinen und schleppten die Zeitungen nach einem benachbarten Plak, wo sie sie verbrannten. Den Zeitungsverkäufern wurde der Avanti entrissen und daraus unter Absingung vaterlän= discher Lieder in den Straßen im Zentrum der Stadt Fackeln gemacht.

Epoca vetsichert, daß ein 24 stündiger Generalstreit ausgerufen werden wird.

Der Generalstreik erklärt

Mailand , 21. Juli. Nachrichten der hiesigen Blätter aus Rom besagen, daß infolge der gestrigen Zwischenfälle in Rom beschlossen worden ist, den Generalstreit für unbestimmte Zeit zu verkünden. An den Kundgebungen gegen die Straßenbahnangestellten wegen der roten Fahnen, die an den Wagen angebracht waren, haben angeblich auch zahlreiche Arbeiter teilgenommen, welche die Ents fernung der roten Fahnen verlangten und ihre Ersehung durch Fahnen in den nationalen Farben forderten.

Secolo meldet, daß die Arbeiterkammer von Mai land im Hinblick auf die Ereignisse in Rom heute vormittag auf dem Platz vor der Stala eine Versammlung einberufen hat. Die Arbeiter sind aufgefordert worden, ihre Arbeitsstätten um 4 Uhr zu verlassen und an der Versammlung teilzunehmen.

Smillie zur Kohlenfrage

Saag, 21. Juli.

Nieuwe Courant meldet aus London : Der Bergarbeiters führer Genosse Smillie wies in einer Rede in Northumber­ land daraufhin, daß die Kohlenerzeugung Deutsch­ lands infolge der ungenügenden Ernährung der Bergleute sehr zurückgegangen sei. Er ist der An­sicht, daß, wenn die Entente an ihren Forderungen festhält, die Deutschen niemals imftande sein werden, die verlangte Kohlen­menge zu liefern, ohne daß gleichzeitig der deutschen Industrie ein derartiger Schaden zugefügt wird, daß von der Bezahlung einer Entschädigung teine Rede mehr sein könne.

Smillie machte ferner die vieljagende Bemerkung, daß die deutschen Bergarbeiter ein Teil der großen internatio nalen Bergarbeiterbewegung seien.

Frankreichs Gesamtkriegskosten

S.N. Paris , 21. Juli.

Der Senat behandelte den Jahresetat. Der Abg. Deumer berichtete über die Frage der Kriegskosten. Diese haben 1918 das Maximum erreicht, nämlich 54% Milliarden Francs. In den Sieben Monaten des Jahres 1920 haben die Ausgaben noch 25% Milliarden betragen, insgesamt habe der Krieg dem Staate 233 Milliarden 300 millionen Francs gefoftet. Der ge= wöhnliche und außerordentliche Etat schließt mit einer Gesamt­ausgabe von 26 316 000 000, wozu noch einige hundert Millionen für Sonderausgaben hinzukommen.

Das schwarze Bayern

T. U. München , 21. Juli.

Der Landtag trat heute in die große politische Aus= Sprache über die Programmerklärung der neuen Regierung ein. Der Redner der Bayerischen Volkspartei Dr. Knilling, sprach das volle Vertrauen seiner Partei zu der neuen Regierung aus. Der Sozialdemokrat Timm dagegen erklärte, daß seine Partei dem Ministerpräsidenten und besonders dem neuen Justizminister, Dr. Roth, fein Vertrauen entgegenbringen könne, da die neue Regierung fein demokratisches Ministerium set. Der Unabhängige Blumtritt sagte der neuen Regierung den ersten Kampf an und verurteilte die Nichtauflösung der bayerischen Einwohner­wehren als eine Berlegung des Vertrages von Spaa.

Die proletarische Weltmacht

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Der Boykott der gewerkschaftlich organisierten Arbeiters schaft Europas gegen das Ungarn des weißen Terrors ver dient als das wichtigste internationale politische Ereignis seit Jahren die aufmerksamste Beachtung der deutschen Ar­beiterklasse. So bedeutungsvoll die Verhandlungen in Spaa und die eigentlich nun erst beginnende Anwendung der Versailler Formeln für Deutschlands Arbeiterschaft besonders ihrer Folgen wegen sein mögen wichtiger noch ist die gewaltige internationale Attion gegen die Budapester Mörderfippe. Wichtiger, weil sie die praktische Probe auf die Wirksamkeit einer Attion internationaler Solidarität darstellt und ein Mittel zeigt, daß auch dem deutschen Pro­letariat helfen fann, die äußersten Konsequenzen der nach teiligen Folgen der drückenden Verpflichtungen von Versailles und Spaa abzuwenden ein Mittel allerdings, das nicht in den Dienst eines blöden deutschen Nationalismus, der sich häufig verbirgt hinter der lauten Entrüstung über die Forderungen der Alliierten, gestellt werden kann, sondern das für Deutschland erst wirksam zu werden vermag, wenn die deutsche Arbeiterklasse a Ilein als herrschende Macht die Verantwortung für die Ausführung des Friedensvertrages von Europa trägt. Ungemein wichtig ist die Aktion gegen Ungarn ferner, weil sie die erste Tat internationaler So lidarität ist. Zum ersten Male macht das international ora ganisierte Proletariat in dieser Form den Versuch, auf die inneren politischen Verhältnisse eines angeschlossenen Landes zugunsten der Arbeiterschaft umstürzend einzuwirken, eine Taktif, die von der Internationale bisher stets abgelehnt wurde, mit dem Bemerken, es sei Sache der Arbeitertiasse des betreffenden Landes selbst, tätig einzuwirken auf die Gestaltung der politischen Verhältnisse im Lande und auf die Handlungen der Regierung.

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Es ist nicht nur die völlige Ohnmacht der ungaris schen Arbeiterschaft, die nach dem Ende der Sowjetherrschaft in Ungarn eingetreten ist, was den Gedanken zum inter­nationalen Eingreifen wachgerufen hat. Die Aktion hätte auch erfolgen müssen, wenn Ungarns Arbeiterklasse weniger desorganisiert wäre. Es ist auch nicht die rein gefühlsmäßige Empörung über die viehischen Greuel des blutbesudelten Horthy- Regiments. Was auf dem Spiele steht, sind-zu­nächst rein gewerkschaftliche Interessen der europäischen Arbeiterschaft, nur daß sich hier zeigt, daß es reine gewerkschaftliche, von den politischen ge­sonderte Interessen der Arbeiter nicht gibt. Aber das Ziel der großen Bewegung ist nicht die Förderung der Revolution über ein bestimmtes Stadium hinaus, nicht die Errichtung oder in diesem Falle die Wiedererrichtung der politi­schen Herrschaft der Arbeiterklasse in Ungarn , sondern die Herstellung eines inner politischen 3ustandes, der Sen Gewerkschaften iene Freiheiten garan tiert, die sie nicht entbehren können, wenn sie die un mittelbaren Lebensintereffen der ungarischen Arbeiterschaft wirksam vertreten, also ihre spezifisch gewerk schaftlichen Aufgaben erfüllen sollen. Das ist unmöglich ohne ein gewisses Maß von politischer Freiheit.

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Aber auch das Lohninteresse der europäischen Arbeiterschaft ist unmittelbar bedroht von der Herrschaft der blutrünstigsten Reaktion in Ungarn . Wir sehen ganz ab von der Gefahr der Fernwirfungen eines Triumpses der Reaktion, die sich in Deutsch - Desterreich bereits unverkennbar zeigt. Die Gefahr liegt vor allem darin, daß die ungarische Arbeiter­schaft auf dem internationalen Markt als 2ohndrücker in Erscheinung treten muß, wenn der Zustand der Untera brüdung ihrer gewerkschaftlichen Organisationen Dauer be kommt. Von solchen Erwägungen empfängt das Eingreifen der gewerkschaftlichen Internationale ihre Rechtfertigung.

Die klassenbewußte Gewerkschaftsbewegung in Ungarn ist gegenwärtig fast völlig zerstört. Die Organisationen sind aufgelöst, die Kassen und Bureaus sind beraubt, die Führer sind teils ermordet, teils in Haft, um der Era mordnung durch die Justiz zu harren.

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Aber damit begnügen sich die Herrscher über Ungarn nicht. Sie sind Christen" und nicht nur im Sinne der Gott gläubigkeit, sondern auch als Repräsentanten der wirtschafts­friedlichen Gewerkschaftsrichtung. Karl Huszar, vor furzem noch Ministerpräsident des Terrors, ist Mitglied des Vorstandes des internationalen christa lichen Gewertschaftsbundes. Er wird die Gea Tegenheit der Ohnmacht der flassenbewußten Gewerkschafts­bewegung benutzen, um seiner Richtung die Vormachts stellung unter den gewerkschaftlichen Strömungen in Un­ garn zu sichern. Gewinnt er 3eit dafür, so kann die gegen­wärtige Niederhaltung der sozialistischen Gewerkschaften eine fortwirkende tiefgehende Spaltung der ungarischen Gewerk­schaftsbewegung hinterlassen, zum Nachteil der ge= jamten freigewertschaftlichen Internation nale. Wie weit der Einfluß dieses Mannes in christlich­gewerkschaftlichen Kreisen reicht, zeigt die Tatsache, daß es ihm in diesen Tagen gelungen ist, auf einer internationalen Tagung der Christen in Holland eine Gegenerklärung gegen den Boykott durchzusetzen.

Die Mitwirkung der ungarischen Gewerkschaften im inters nationalen Kampfe um ihr eigenes Recht, ist, soweit sie noch einen Rest von Leben zeigen, völlig passin. Sie müssen