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Sonntag, den 1. August 1920

Nummer 308

Morgen Ausgabe

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greiheis

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Heraus mit der Amnestie!

Eine zwingende Notwendigkeit

einer Verständigung unter den Parteien. Danach sollten alle feit November 1918 begangenen, mit inneren Unruhen in Zusamenhang stehenden Handlungen amnestiert werden. In diesen Stand der Verhandlungen plagte die von der Bayerischen Volkspartei vertretene und aller Wahrscheinlich­feit nach von der bayerischen Regierung bestimmte Forde rung auf, daß eine Amnestie in diesem Umfange, da sie in die rung auf, daß eine Amnestie in diesem Umfange, da sie in die bayerischen Soheitsrechte eingreife, ihren heftigen Wider­spruch hervorrufen würde. Nun vollzog die Reichsregie: rung einen vollständigen Umfall. Sie machte sich diese Forderung zu eigen und erklärte, feiner Amnestie zustimmen zu können, die nicht die in Bayern begangenen Bergehen ausnehme. Auch die bürgerlichen Parteien ließen die bereits getroffenen Grundlagen im Stich, besonders die Deutsche Volfspartei, das Zentrum und die Demokraten. Die Deutschnationalen dagegen, denen an der Amnestie für ihre Kappisten gelegen war, traten mit den Rechtssozialisten und den Unabhängigen für allgemeine Amnestie ein.

Die große Zeit

Jm Kreislauf des Jahres sind wir wieder zum 1. August zurückgekehrt, dem unseligen Tage, an dem 1914 durch die eingeleitet wurde. Wir stehen den Dingen noch zu nahe deutsche Kriegserklärung an Rußland der Weltkrieg und wir leiden noch zu unmittelbar unter den fürchterlichsten Folgen des Verbrechens, als daß wir uns darauf beschränken fönnten, diesen Tag als ein geschichtliches Datum zu re­gistrieren. Voller Grimm und Erbitterung denken wir an jene Zeit, die unsere Patrioten eine große nannten und auch heute noch nennen, an jenes Erwachen der Unmenschlichkeit, an den Triumph des imperialistischen Wahnwiges, an die nichtswürdige Leichtfertigkeit, mit der das Glück von Millio nen Menschen und die Wohlfahrt der Nationen aufs Spiel gelegt wurde. Wir denken an die entseglichen Opfer, die gebracht wurden, an die, die auf dem sogenannten Felde der Ehre ihr Leben für kapitalistische Interessen gelassen haben und an die zahllosen anderen, die verfrüppelt und ver­stümmelt in die Heimat zurückgekehrt sind.

Eine der ersten Handlungen der Unabhängigen Reichs­tagsfrattion war die Einbringung eines Antrages auf po litische Ammestie. In der furzen Anfangstagung des Reichs: tags war seine Beratung nicht mehr zu erzwingen. Sofort nach Wiederbeginn des Reichstags hat deshalb die Fraktion mit aller Kraft für seine baldigste Verabschiedung gewirkt. In eingehenden langwierigen Verhandlungen mit den übri­gen Parteien über die Art und die Form der Erledigung dieses Antrages hat die Unabhängige Fraktion vor allen Dingen den zähen Widerstand ber bürgerlichen Par teien bekämpfen müssen, die zunächst gegen jede Amnestie waren, vor allen Dingen den Widerstand der Demokraten, Und nicht nur das Gefühl des 3ornes ist es, das uns be nach deren Anschauung eine Amnestie im Widerspruch mit ber Staatsautorität stehe. Je weiter die Parteien nach feelt, sondern auch die Sch am steigt in uns auf, wenn wir uns daran erinnern, wie groß auch unter den Proletariern rechts orientiert find, ie größer war ihre Geneigtheit die Masse derer war, die sich von dem Taumel der Begeiste zur Gewährung einer allgemeinen Amnestie. Bon Von rung mitreißen ließ und verbrannte, was sie zur Zeit des großer Wichtigkeit war die Tatsache, die im Ausschuß fest- Die tagelangen Verhandlungen aber find Friedens angebetet hatte. Friedens angebetet hatte. Die Besinnung ist ja langsam gestellt wurde, bak bisher auch nicht ein einziger Brozek iegt endgiltig gescheitert, so daß die Frage, ob zurückgekehrt, aber das ist nur ein schmaler Trost angesichts gegen Rappisten auch nur bis zur mündlichen Verhandlung und wie eine Amnestie zustande fommen wird, von den Ver= der furchtbaren Verwirrung der Gemüter, die damals in die gelangt ist, daß be eine Bestimmung, die die Kappisten nicht handlungen des Reichstags am Montag ab. Erscheinung trat. Mit doppelter Eindringlichkeit sollen wir in die Amnestie einbegriff, ohne Bedeutung sei. Die Ent hängen wird. Sowohl die Unabhängigen als auch die es uns heute sagen, daß wir den Tatsachen nicht gerecht wer­heibung pigt also mehr und mehr auf die Frage zu, Rechtssozialisten vertreten die Anschauung, daß der Reichs- ben, wenn wir nune dem Militarismus und dem nationa ob eine allgemeine Amnestie zustande tommen würbe, tag unter feinen Umständen auseinandergehen darf, ohne die die politischen Bergehen aller Richtungen umfassen daß die Amnestie bewilligt ist. Sie haben des würbe, aber gar feine. Dabei mußte natürlich die erhalb erklärt, daß sie die Verabschiedung des Notetats so lange wähnte Tatsache von großer Bedeutung sein, daß von einem Berfahren gegen die Kappisten so wenig wie in der Ver­gangenheit, so auch in der Zukunft die Rede sein würde.

Auf der Grundlage der Gewährung einer allgemeinen Amnestie tam es deshalb auch bereits vor einigen Tagen zu

Die Saboteure des Friedens

DA. London, 31. Juli. Laut Daily Chronicle" hat 2 lo n b George nach seiner Rüd­fehr aus Boulogne hinsichtlich der Zustimmung Frankreichs zur Londoner Konferenz noch erklärt, Frantreich habe in eine Konferenz in London nur eingewilligt unter der Bedingung, daß zuvor ber Friebe mit Bolen in einer befriedigenden Weise geschlos sen morben fet. Der Wunsch der französischen Regierung gehe bas hin, bak dieser Friebe gleichfalls in London geschlossen werde. Die nachher folgende große Friedenstonferenz in London ( General Beace Conference) würde nicht nur Bertreter Großbritanniens , Frankreichs und Italiens , sondern auch Lettlands , Estlands , Lit tauens und Rumäniens umfassen. Die am 3. Auguft in Riga statt­findende Konferenz der Randstaaten trifft nach in London vor: liegenden Rachrichten bereits die Vorbereitungen für diese Konfe­renz der Oststaaten in London .

SR. London, 31. Juli.

Ein Telegramm aus Warschau meldet, wenn die Forderungen der Bolschewitt teilweise darin bestehen sollten, daß in Polen ein Sowjetregime eingeführt oder eine Einrichtung getroffen würde, durch die die Bolschewisten einen freien Zugang nach Deutschland befämen, wenn fie ferner verlangen wollten, daß Polen teilweise entwaffnet werden oder daß die Grenzen so verändert werden soll. ten, daß die Lage noch ungünstiger würde als nach den Vorschlägen Lloyd Georges, so müßte Polen die Bedingungen ablehnen.

Der Inhalt des Warschauer Telegramms zeigt eine erstaun. liche Aehnlichkeit mit der Schwindelmeldung des Kiewer ,, Kom­munist", die bereits von Litwin of dementiert worden ist. Der 3wed diefer Meldungen ist vollkommen durchsichtig. Es soll durch Verbreitung berartiger Nachrichten Miẞtyrau en gegen die Friedensbereitschaft Sowjetrußlands gesät undStim­mung für die Einleitung einer großen militärischen Hilfs. aftion für Polen gemacht werden. Die treibende Kraft bei diesen Machenschaften ist augenblicklich die französische Regie: rung, vor der Lloyd George in Boulogne von seinem ur­Sprünglichen Standpunkt start zurüdgewichen ist.

Die deutsche Barriere" Seftige Kritik der englischen Preffe Saag, 31. Juli.

Der Artikel Churchills in der Evening News", der sich mit der Errichtung einer deutschen Barriere" gegen Sowjetrußland befaßt, hat in der englischen Bresse großes Aufsehen erregt. Es wird hervorgehoben, daß Churchill im vorliegenden Falle lediglich feine eigene Meinung geäußert habe und daß diese Meinung der von Lloyd George zwar nicht direkt entgegengesezt ist, aber auch nicht mit bessen Ansichten übereinstimmt.

Die Times", die der Ansicht ist, daß Churchill Recht hat, wenn er die Notwendigkeit der Berteidigung Bolens hervorhebt, fritifiert doch ben Minister, der aufs geratewohl Artikel an die Bresse fende, ohne fich vorher die Freiheit des Sandelns durch ein

hindern werden, bis das Amnestiegeset befchloffen ist. Und fie werden diese Erklärung wahr machen, unter Umständen unter Anwendung aller derjenigen ge Schäftsordnungsmäßigen Mittel, die zwei Fraktionen in einer Stärte von fast 200 Mann zur Verfügung stehen.

Abschiedsgesuch verschafft zu haben. ,, Westminster Ga­zette" schreibt: Churchills Sprache ist unerhört. Das Wichtigste in feiner Erklärung ist, daß sie von einem Mitglied eines Kabinetts Stammt, dessen Premierminister sich nach Kräften bemüht, den Frie ben mit Rußland zustandezubringen.

Die Lage im Osten Eine neue Front in der Narewlinie

DA. Lyd, 31. Juft.

Die vierte russische Armee hat in der Nacht vom 29. zum 30. Juli Bialistod besetzt. Die zerstreuten Reste der polnischen Nordarmee gehen panifartig zurüd, werden aber an der Narewlinie aufge halten, wo polnische Reserven zwischen Lomza und Ugwol(?) in aler Eile starte Stellungen auszubauen versuchen. Die Polen haben alle nur verwendungsmöglichen Formationen an die Front geworfen. Auch Teile der polnischen Freiwillenarmee sind bereits eingetroffen.

In Warschau sucht man inzwischen die Stimmung der Benölterung durch Trostmeldungen von der Entente zu heben. So wird verbreitet, daß sich einige hundert französische Offiziere über Basel nach Polen begeben hätten. Den Oberbefehl über die Koalitionsheere in Polen soll Marschall Foch innehaben. Außer Frankreich mobilisiere auch England die erste und

zweite Territorialarmee.

Rußland achtet die Souveränität Litauens

Kowno , 31. Juli.

Die ruffische Regierung hat dem litanischen Vertreter in Riga mitgeteilt, daß fie ihrer Heeresfeitung in Wilna untersagt habe, fich in innere Verwaltungsfragen Wilnas und der anderen belegten litauischen Gebiete einzumischen. Heute haben litauische Truppen Suwalti besetzt.

Vernichtung der tschechischen Waffen

TU. Hamburg. 31. Juli.

Eine mehrere hundert Berfonen starte Menschenmenge 30g in, der letzten Nacht nach Beendigung einer fommunistischen Versamm­lung in Harburg nach dem Unterelbe- Bahnhof und drang mit Gewalt in die Wagenschuppen ein, wo die abgenommenen Waffen und die Munition der in Harburg durchgekommenen tschechoslowakischen Kriegsgefangenen unterge bracht sind. Nach Ueberwältigung der Wache wurden die Wagen erbrochen und ein Teil der Gewehre zertrümmert, ein großer Teil gestohlen. Eine Abteilung der Samburger Sicherheitswehr ist heute in Harburg eingetroffen, um die Gaffen abzuholen. Es wurde eine Vereinbarung mit den Arbeitern getroffen, daß die Schlösser der Gewehre in Sarburg bleiben und die Gewehre selbst nag Samburg transportiert werden sollen.

liftisch gesinnten Bürgertum die Verantwortung zuschieben. Nein, die Arbeiterschaft ist mitschuldig. Sie war sich ihrer Pflichten nicht bewußt und hat der herrschen­den Klasse ihr Spiel gar zu fehr erleichtert. Führer und Berführte sind in der gleichen Verdammnis. Sie haben weder das Notwendige getan, um den Ausbruch des Kric es zu verhindern, noch haben sie ihre Macht gebraucht, um dem Unheil ein früheres Ende zu bereiten. Die Toten, die im Often und Westen verscharrt sind, fordern von uns Rechens schaft.

Am heutigen Sonntag werden Kriegsteilnehmer, Kriegs­verlegte und Hinterbliebene zusammen mit einigen pazififti­schen Vereinen hier in Berlin eine Demonstration ver­anstalten und den einmütigen Schrei, ausstoßen, daß nie wieber Krieg fein dürfe. Diese grundsägliche Ablehnung des Krieges ist gut und erfreulich, und das Bekenntnis zu ihm ist notwendig genug, da es immer noch zahllose Menschen in Deutschland gibt, auf die das Erleben der Jahre 1914 bis 1918 ohne Eindruck geblieben ist, die von Revanche träumen und den Tag herbeisehnen, an dem sie die Waffen, die uns unsere Gegner aus der Hand geschlagen haben, wieder cr greifen fönnen. Wir haben erst bei der Erledigung des in uns in Spaa aufgezwungenen Gesetzes über die Abschaffung der allgemeinen Dienstpflicht im Reichstag die Klagen ver nommen, die die bürgerlichen Parteien über die entschwun dene Herrlichkeit anstimmten und wir konnten aus ihren Worten die Ueberzeugung schöpfen, daß sie nichts unversucht lassen werden, die Vergangenheit wieder ins Leben zurüd­zurufen. Solche Bestrebungen zu vereiteln, ist die wichtigste Aufgabe allerderer, bieden Krieg hassen gelernt haben. Aber dieses Ziel wird nicht erreicht mit Kundgebungen und Resolutionen, und die fittlichen Erwägungen des Pazifismus, so ehrenwert fie an sich sein mögen, tönnen uns ihm auch nicht wesentlich ertennen und sie abgraben. näher bringen. Wir müssen die Wurzel des Uebels

Deshalb erörtern wir immer wieder die Schuldfrage und lassen uns dabei nicht von denen beirren, die, weil sie das Urteil der Geschichte zu fürchten haben, am liebsten die Schleier des Bergeffens über die Geschehnisse breiten möchten. Das Jahr, das hinter uns liegt, hat viel zur Aufklärung bei­getragen. Die Veröffentlichung der diplomatischen Aften aus Berliner und Wiener. Archiven und auch die Arbeiten bes parlamentarischen Untersuchungsausschusses haben bes stätigt, was wir unflar ahnten und aus der Kenntnis ver­Streuter Daten vermuten fonnten: das die deutschen Macht haber die Anstifter des Weltbrandes waren und daß fie in ihrem Sehnen nach der Weltherrschaft die Gelegenheiten zu einer früheren Beendigung des Krieges frivol vereitelten.

Gerade das, was sich am 1. August 1914 ereignete, liefert die stärksten Beweise: die Kriegserklärung an Rußland , die vom deutschen Generalfiab erzwungen wurde, der Versuch, nach der Kriegserklärung ben 3aren zu veranlassen, feine Truppen die Grenzüberschreitung zu untersagen, der die bis an ben Wahnwitz grenzende Kopfloftaleit und der gewissen­losen Leitung der deutschen Geschide illustrierte.

Wir werden unser Möglichstes tun, daß die Untersuchung der Schuld bis zur völligen Entlarvung der Verbrecher forts gesetzt wird, aber wir werden dabei niemals vergessen, daß biejenigen, die damals gehandelt haben, nur Diener des Kapitalismus waren, der in allen in Frage kommens den Ländern den Zündstoff zusammengetragen hat, dessen Explosion eine Welt vernichten mußte. Die Franzosen , die Engländer, die Italiener und alle die anderen, die uns gee genüberstanden, haben fein Recht, sich in die Brust zu werfen.