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Sonntag, den 8. August 1920
Nummer 320
Morgen- Ausgabe
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greiheit
der
Arbeiter, Sozialisten!
Von Tag zu Tag mehren sich die Gerüchte, daß Ententetruppen am Rhein zusammengezogen, daß dort Kriegsmaterial und Lebensmittel angehäuft werden, die dazu bestimmt find, in dem durch Schuld der polnischen Regierung entfesselten polnisch- russischen Krieg die Polen gegen die Roten Armeen zu unterstützen.
Erzwingt die Entente den Durchtransport von Truppen und Kriegsmaterial durch Deutschland , so bedeutet dies den Bruch der deutschen Neutralität und hat hat zur Folge, daß Deutschland Kriegsschauplay wird.
Die deutsche Arbeiterklasse muß dies mit Deshalb allen Mitteln verhindern. fordern wir die deutschen Arbeiter auf, den Vera suchen der Ententemächte, Truppen, Kriegsgeräte und Munition zu transportieren, jegliche Hilfe zu verweigern.
Der Londoner Vertreter des Matin" hält die Lage seit gestern für gebessert, besonders bemerkenswert sei, daß Kamenew und Krassin sich in der Unterredung mit Lloyd George bereit gefunden hätten, noch am Abend Lenin das Ergebnis ihrer Verhandlungen zu telegraphieren, das den Entwurf eines Abtomments mit der englischen Regierung enthalte. Die Sowjetvertreter hofften, Sonntag vormittag zu der Zusammenkunft Millerands mit Lloyd George die Antwort von Mostau geben zu können.
London , 7. August. ,, Daily Telegraph " erklärt, Bonar Law werde Lloyd George nach Hythe begleiten. Es bleibe eine schwache Hoffnung, daß Mostau den Standpunkt, den es in der letzten Note eingenommen habe, ändern werde. Die entgegenkommende Haltung der Sowjetdelegierten bei der gestrigen Unterredung lasse vermuten, daß es nicht unmöglich sei, die äußersten Maßnahmen zu vermeiden, aber die amtlichen Kreise verhehlten nicht, daß die Aussichten sehr düster seien. Werde die bolschewistische Armee ihren Vormarsch ein stellen? Das sei die Hauptfrage.
London , 7. August. Reuters Bureau teilt über das Ergebnis der geflern abend abgehaltenen fünfeinhalbstündigen Konferenz zwischen den englischen Minister und den Sowjetvertretern folgendes mit: Ramenew und Krassin haben sich verpflichtet, eine Note an die Sowjetregierung zu senden und sie gleichzeitig z bitten, ihre Antwort so zeitig zu erteilen, daß sie der am Sonntag in Boulogne oder Follestone statt findenden Konferenz zwischen den französischen und englischen Ber tretern vorliegen tann. In dieser Konferenz würden die Alliierten endgültige Beschlüsse über ihre Haltung gegenüber Rußland fassen.
Die russisch - polnischen Verhandlungen
( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".)
Der Moskauer Funkdienst meldet: Indem Polen die Ver handlungen abbricht, zeigt es, daß es den Frieden in Wirklichkeit nicht wünscht. Polen hat Rußland und die Entente hintergangen. Die Polen wünschten Ruhe, um einen neuen Schlag vorzubereiten, wie Daszinski zu Lafont gesagt hat und wünschten den Frieden zu vermeiden. Rußland schlug vor, daß die Vollmacht für Friedensverhandlungen durch Funtspruch gesandt werden solite und die Dokumente später durch Stier, jedoch sollten die Friedensverhandlungen sofort nach erhaltenem Funkspruch beginnen. Auf den Kurier sollte nicht erst gewartet werden. Trotzdem reisten die Polen nach Warschau . Die Friedensvorschläge haben sie vertrieben.
Aus Warschau wird der Inhalt des Funkspruchs gemeldet, ben der Minister des Aeußeren Fürst Sapieha an Tschitscherin nach Moskau gesandt. In diesem Funkspruch sucht die polnische Regierung die Verantwortung für die Verzögerung der Waffenstillstandsverhandlungen Rußland aufzubürden. Es heißt dann weiter: Die polnische Regierung ist der Ansicht, daß angesichts der Weigerung der Sowjetregierung, einen regelrechten Waffenstillstand zu schließen, vor Eröffnung der Verhandlungen eine Unterbrechung jeglicher militärischen Angriffsaltionen von beiden Seiten gefordert werden muß. Die polnische Regierung ist bereit, einen Frieden auf der Grundlage der gegenseitigen nerkennung der unbestreitbaren Rechte der Nationalitäten zu schließen und wird versuchen, eine Lösung aller Fragen zu finden, um den Frieden unb bie guten Beziehungen mifchen Boten und seinen öftlichen
Die Eisenbahner und Transportarbeiter haben die Gefahr erkannt und die größte Wachsamkeit gezeigt. Sie dürfen der Unterstützung der gefamten Arbeiterschaft sicher sein.
Wir erwarten mit aller Bestimmtheit, daß auch die französischen und englischen Arbeiter sich ihrer internationalen Pflicht bewußt sind und fie betätigen.
Haltet Euch bereit!
Die revolutionäre Situation
R. B. Die Note, die Kamenew am Freitag der englischen Regierung überreicht hat, ist geeignet, gewisse 3weifel zu zerstreuen, die noch über die Ursachen des Scheiterns der ersten Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Polen und Rußland bestanden haben. Die polnische Abordnung, die am 30. Juli in Baranowitschi erschien, besaß nur Vollmachten des Generalstabs, aber feine der politischen Behörden. Sie war infolgedessen nur befugt, über rein militärische Fragen zu verhandeln, und damit wollten sich die Vertreter der Sowjetregierung nicht begnügen. Der Abschluß eines einfachen Waffenstilstandes schien ihnen nicht die nötigen Sicherheiten zu bieten. Sie verlangten Bürgschaften dafür, daß Polen die Zeit der Waffenruhe nicht benutze, um sich mit Hilfe der Entente für neue Kämpfe zu stätten. Diese Garantie konnte ihnen nur eine mit polis
Hoch die internationale Solidaris tischen Vollmachten ausgestattete Kommission gewähren,
tät des Proletariats! Berlin , den 7. August 1920.
Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund . Sozialdemokratische Partei Deutschlands . Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands .
Nachbarn zu gewährleisten. Die polnische Regierung wird jedoch nicht über Bedingungen verhandeln, die einen Angriff auf seine Hoheitsrechte darstellen und sich in die höheren Angelegenheiten Bolens einmischen. Die polnische Regierung erwartet von der Sowjetregierung eine Erflärung über die Grundsäge, die als Grundlage für die Friedensbedingungen dienen."
Die polnische Regierung ließ gestern nachmittag um 4 Uhr 45 Minuten folgenden Funkspruch abgehen: Die polnische Regierung hat Kenntnis von neuen Vorschlägen der Alliierten bekommen. Die polnische Regierung glaubt verlangen zu können, daß mindestens ein Waffenstilstand abgeschlossen wird, der wäh rend seiner Dauer jede Aktion der beiden Gegner ausschließt.
Die polnische Regierung ließ gestern nachmittag um 4 Uhr anderem: Lord d'Abernon und Jusserand sind gestern abend von Warschau nach Paris abgereist. Ein Teil der englischen Besatzung begibt sich heute noch nach Posen. In Warschau ist man a IIgemein enttäuscht, daß die englische Regierung fortfährt, Roten nach Moskau zu senden.
Abreise der Deutschen aus Warschau Berlin , 7. August. Mus Warschau wird gemeldet, daß ein großer Teil der deutschen Kolonie die Stadt verlassen hat. Der deutsche Gesandte Graf Oberndorff ist auf seinem Posten verblieben.
Der russische Heeresbericht
( Eigene Drahtmeldung der Freiheit".) Ropenhagen, 7. Auguft.
Der russische Seeresbericht vom 6. meldet: Westlich von Lomsha haben wir Myschinez befeht. Bei Ostrolenta wird gekämpft. Bei der Station Snjaddowo haben wir eine Lokomotive, 4 Waggons und 2 Tants erbeutet. Am 4. August befeßten wir nach hartnädigen Kämpfen Ostrowo . In Richtung Siedlic bauern die heftigen Kämpfe auf dem linken Ufer des Bug an. Jm Abschnitt Brest- Litowst haben wir Terese pol besetzt. Durch einen erfolgreichen Ueberfall gelang es uns, einen feindlichen Panzerzug fampfunfähig zu machen und ihn zu ers beuten. Im Abschnitt Brody hat unsere Kavallerie nordöstlich der Stadt den Feind geschlagen und reiche Kriegsbeute gemacht. Sie ist in Richtung Lesnjuw vorgerückt und ihre Vorhuten haben Beresteschio erreicht. Im Abschnitt Sutschatsch erreichten unsere Truppen den Fluß Strypa und besetzten eine Anzahl Ortschaften auf dem östlichen Ufer dieses Flusses. In der Krim sind unsere Truppen im Abschnitt Alexandrowst zum Angriff übergegangen und haben die Stadt Alexandrowsk besetzt. Sie überschritten den Fluß Konstaja und fezten den Vormarsch fort.
Der polnische Heeresbericht
TU. Kopenhagen, 7. August.
Nach dem polnischen Seeresbericht nehmen die polnischen Ope rationen bei Brody einen günstigen Verlauf. An der mittleren Front haben die Bolschewisten die Linie Koden- Kowel- Luc erfolglos angegriffen. Bei Wischny wurden zwei bolfchewiftische erfolglos angegriffen. Bei Wischny wurden zwei bolschewistische Regimenter zerstreut und 500 Gefangene und mehrere Geschütze eingebracht. Bolschewistische Angriffe gegen Lomshe wurde abe gewiejen
und deshalb mußte die Konferenz abgebrochen werden. Wie sehr das Mißtrauen der Russen berechtigt war und ist, geht aus einer Unterredung hervor, die der Bizepräsident des polnischen Ministeriums, Daszinsky, dem Franzosen Lafont gewährt hat. Mit einer geradezu naiv zu nennenden Offenheit hat Daszinsky seinem Besucher von den Unterstügungen gesprochen, die er von den Alliierten erwarte. Sie würden den Polen die Waffen und die Munition übergeben, die Deutschland auf Grund des Friedensvertrages und des Abkommens von Spaa auszuliefern oder zu zerstören habe, und der Waffenstillstand werde benutzt werden, um mit Hilfe dieses Materials die Reorganisierung der polnis schen Streitkräfte durchzuführen.
Daszinsky hat wohl, als er sich diesen Hoffnungen hingab, noch nicht gewußt, daß die deutsche Regierung in einer solchen Verwendung der auszuliefernden Waffen eine Verlegung ihrer Neutralität erblicke, und daß sie sich auch durch den Koder, man werde ihr zugeständnisse in Oberschlesien machen, nicht zu einer Aufgabe ihres Standpunktes bestimmen lassen fann. Aber wie dem auch sei, die Absicht der Polen , einen Waffenstillstand nur als Atempause zu benutzen, ging aus seinen Worten deutlich genug hervor, und es ist nun doppelt verständlich, daß die Sowjetregierung ihre Zustimmung zu der Einstellung der Feindseligkeiten von einer teilweisen Entwaffnung der polnischen Armee und von dem Verzicht auf die weitere Einberufung von Miliz- und Freiwilligentrups pen abhängig gemacht sehen will.
Des weiteren geht aus der Note Kamenews hervor, daß Rußiand bereit ist, den Abschluß des endgiltigen Friedens der Konferenz vorzubehalten, die nach Lon doneinberufen werden soll. Freilich besteht es darauf, daß an diesen Verhandlungen außer den unmittelbar Beteiligten nicht nur England, sondern auch die übrigen Großmachte der Entente teilnehmen. Zweifellos denkt es dabei in erster Linie an Frankreich . Die französische Republik soll vertragsmäßig gebunden werden, feinerlei Unternehmun gen gegen die Bolschewiti zu fördern, und wahrscheinlich geht die Hoffnung auch dahin, in London eine allgemeine Anerfennung der Sowjetregierung durch die Entente zu ers reichen.
Wie es scheint, ist England geneigt, diese Art des Vorgehens gutzuheißen, und es läßt sich vermuten, daß Lloyd George bei der Besprechung, die er heute in Sythe mit Millerand hat, versuchen wird, den französischen Verbündeten für die russischen Vorschläge zu gewinnen. Das wird ihm viel Ueber= redungskunst tosten, denn Frankreich , das nicht für ein Indien zu fürchten hat, sondern ausschließlich an die Zinsen seinet russischen Anleihen und an die Verhinderung einer deutschrussischen Verständigung denkt, ist nach wie vor von dem Wunsche beseelt, die Bolschewiti militärisch zu vernichten. Auf der anderen Seite aber wird es kaum wagen tönnen, in einen offenen Widerspruch mit der britischen Auffassung zu treten, und das um so weniger, nachdem die Aktionen, die die deutsche Arbeiterschaft gegen Waffen- und Munitions transporte unternommen hat, in den Protesten der englischen und französischen Arbeiter einen gewissen Rückhalt gefunden haben. Freilich wird das Proletariat unter feinen Umständen in seiner Aufmerijamfeit era lahmen dürfen, denn selbst wenn Millerand sich scheinbar Lloyd George fügt, ist damit noch keine Gewähr dafür geboten, daß die Versuche, Polen so oder so zu Hilfe zu eilen, tatsächlich eingestellt werden. 3u den deutschen Arbeitern haben wir in dieser Beziehung unbedingtes Vertrauen, und wir hoffen, daß es auch die französischen und englischen Ara beiter nicht bei papierenen Protesten bewenden lassen, sondern tatkräftig die Bemühungen ihrer Militaristen vereiteln. Es geht um ihre Zukunft so gut wie um die unsere.
Allerdings hat die französische Bourgeoisie ja auch noch andere Eisen im Feuer. Sie hat soeben eine Militärs tonvention mit ungarn abgeschlossen, die letzten Endes darauf hinausläuft, auch diefen Staat als Sturmbod gegen Sowjetrußland zu verwenden, und alle Anzeichen beuten darauf hin, daß mit Jugoslavien und Rumä nien Verhandlungen im Gange sind, die ähnlichen Zweden dienen. Dem Ungarn des Herrn Horthy werden als Gegentleistung Gebiete versprochen, die die Friedensverträge Deutschösterreich und der Tschechoslowakei zugewiesen haben, Und es darf angenommen werden, daß Jugoslavien mit bes