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3. Jahrgang

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Nummer 406 Dienstag, 28. GSeptember 1920

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Morgen- Ausgabe

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greiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutfitlands

Worauf kommt es an?

Von Georg Ledebour.

Um zur Klarheit über die Meinungsverschiedenheiten wegen der Gestaltung unseres Verhältnisses zur 3. Inter­nationale zu fommen, muß man sich zunächst vergegenwärti­gen, worüber wir denn einig sind.

Wir alle sind der Ansicht, daß das Massenelend, das der Weltkrieg über die arbeitenden Klassen in Deutschland ge­bracht hat, noch geraume Zeit andauern wird und womöglich im Winter eine Steigerung erfährt. Wir geben uns auch nicht der Täuschung hin, daß die Abhilfemittelchen, zu denen die Regierung von ihrem kapitalistischen Klassenstandpunkt allenfalls bereit ist, uns aus dieser wachsenden Rot retten fönnen. Wir sind vielmehr durchdrungen von der Ueber­

zeugung, daß nur die folgerichtige Durchführung der sozialisti schen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung uns retten kann. Wir sind bereit, für dieses Ziel unsere ganze Kraft einzu­seken. Wir wollen uns deshalb einrichten und be­reit halten für die neuen revolutionären Aftionen des Proletariats, die der beginnende Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung unvermeidlich pernotwendigen wird.

Wir wissen aber auch, daß ähnliche Mißstände, wenn auch in verschiedenen Abstufungen, die übrigen Länder verseuchen, die in den Weltkrieg hineingerissen wurden, daß früher oder später sie den nämlichen Entwicklungsgang zu durchlaufen haben und daß deshalb die internationale Ber= ständigung und das internationale Zusam= menwirken der Landesorganisationen des revolutio­nären sozialistischen Proletariats nach Möglichkeit zu er wirten ist.

Wir alle sind uns auch bewußt, daß unsere dringendste internationale Pflicht die möglichste Abwehr aller An­griffs- und Schädigungsbemühungen ist, die Ben ben Ententemächten gegen Sowjetruß

von

land unternommen werden.

Soweit sind wir einig. Meinungsverschiedenheiten er­geben sich aber über unseren Weg zur Verwirklichung dieser Aufgaben.

Die Bartei hatte sich in Leipzig verständigt über den zu sammenschluß mit der 3. Internationale unter Wahrung der Autonomie, des Selbstbestimmungsrechts unserer Partei in den politischen Aktionen, die wir hierzulande zu unternehmen haben. Die Organisation der in Moskau bes gründeten Internationale ist jedoch völlig zentralistisch aufgebaut. Sie negiert die Landesautonomie. Die einzelnen Landesorganisationen sollen nur Seftionen der Internatio nale sein. Das internationale 3entralfomitee in Moskau, in dem die russischen Kommunisten durch 5 Vertreter gegenüber 10 Vertreter 10 verschiedener anderer Landesorganisationen den ausschlaggebenden Einfluß haben, soll die endgültige Entscheidung treffen über revolutionäre Aftionen in den ein­zelnen Ländern.

Der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit

Giolitti über die soziale Frage

Rom, 26. September.

3m Senat jagte bei Behandlung der Interpellationen über die Metallarbeiterbewegung Ministerpräsident Giolitti, jeder Staatsmann müsse sich die Tatsache vor Augen halten, daß die ganze Welt vor einer wirklichen sozialen

um bildung stehe. Das Emporkommen des vierten Standes habe

fich in den legten Zeiten des vergangenen Jahrhunderts bemerkbar zu machen begonnen, und die Versuche, seinen Lauf aufzuhalten,

hätten Teine guten Folgen gehabt. Giolitti wies sodann auf die wirtschaftlichen, sozialen und finanziellen Folgen des Krieges hin und tabelte das Zurschaustellen des Reichtums der Kriegsgewinns ler. In dem Konflikt zwischen Kapital und Arbeit müsse die Regierung eine wachsame Neutralität beobachten und, wenn forderlich, beruhigend wirfen. Giolitti be­tonte, Aus:

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habe den Industriellen abgeraten, die sperrung zu erklären, andernfalls fönnten sie auf teine Unter­ftügung der Staatsgewalt rechnen. Giolitti erklärte ferner, zur Verhinderung der Besetzung hätte man alle verfügbaren Kräfte

auf mehr als 600 Werte verteilen müssen und zu deren gewalt­samer Räumung wäre ein Kampf mit ernsten Folgen nötig ge= wesen, während doch der Allgemeine Gewerkschaftsverband vers sichert hätte, daß die Bewegung nicht politischer, sondern wirtschafts licher Natur sei. Die Vergehen der Einzelnen seien bei den Ge­richtsbehörden zur Anzeige gebracht worden.

Die Regierung habe geglaubt, im gegebenen Augenblick in den Streit eingreifen zu sollen, und daraufhin sei eine Bereinbarung getroffen worden. Es sei beabsichtigt, den Gang der Industrien in der Weise umzubilden, daß die Arbeiter von den Verhält­nissen in den Fabriten Kenntnis erhielten. Dann könnten sie sich über die Billigkeit oder Unbilligkeit ihrer Forderungen Rechen schaft ablegen. Das von ihm infolge der Vereinbarung erlassene

Dekret schaffe kein Präjudiz. Ein paritätischer Ausschuß solle Vor­schläge zur Abfassung eines Gesetzentwurfs unterbreiten.

Der

Arbeiter jolle zu einem Verbündeten, nicht zu einem Gegner des Industriellen gemacht werden. Giolitti betonte, daß der Grundfaz der Ueberwachung schon am 5. März 1919 von den Vertretern der Arbeitgeber zugestanden wors den sei und daß im Dezember 1919 die Kammer eine Tagesord nung zugunsten der Kontrolle der Betriebe angenommen habe. Täglich würden Betriebe geräumt und die Arbeit werde bald

vor dem Eintritt in die revolutionäre Aktion und

denen während der revolutionären Aktion selbst.

fann.

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Die Befürworter dieser internationalen Zentralisation find des Glaubens, daß nur so eine erfolgreiche Durchführung Eine proletarische revolutionäre Aktion hat zur unerläß­der beginnenden Weltrevolution gewährleistet werden könne. lichen Vorbedingung, daß sie getragen wird von dem ent­er bei der Grundirrtum der 3. Internationale. Die wirt schlossenen Massenwillen des zu ihrer Durchführung berufe Das ist schaftlichen, fulturellen und politischen Verhältnisse in den nen Proletariats selbst. Sie fann auch nur Erfolg haben, wenn wirtschaftlich und politisch die Verhältnisse reif sind einzelnen Ländern sind trok der gegenwärtigen Borherr­schaft des Kapitalismus und trotz der gleichartigen Ber­für eine Neugestaltung von Grund auf. Der Masse tann aber nicht ein solcher Entschluß auftommandiert werden durch bat, boch so weit von einander verschieden, daß die zentra- irgendeine diktatorische Führerinstanz. Er muß sich in ihr elendungstendenz, die der Krieg ihnen überall eingeimpft listische Leitung der proletarischen Aftionen aller Länder von auf Grund der Lebenseindrüde unter Erwägung früherer einem Mittelpunkte aus, gleichgültig, ob das nun Mostau Erfahrungen durch Rede und Gegenrede entwickeln. Auch oder Berlin, Paris oder London ist, unausbleiblich zu einer der Werdegang einer Revolutionsbewegung ist ein dialekti­Fehlerquelle werden würde, die jeden Versuch, auf solche scher Prozeß, der durch individuelles Beispiel gefördert, der Weise die Weltrevolution durchzuführen, zum Scheitern brin aber niemals durch ein Instanzenkommando ersetzt werden gen müßte. Unvermeidlich ist es, daß die Moskauer Zentrale die Ber­Sobald jedoch der Augenblick der Tat gekommen ist, dann muß allerdings einzelnen Personen dikta hältnisse der anderen Länder durch die russische Brille be­trachten und dann auf ihre Abwägung der Erfolgsmöglich. torische Gewalt übertragen werden. Dann ist die Zeit teiten das russische Intereſſe einen überwiegenden Einfluß der vorbereitenden Massenerörterung vorüber. In diese ausüben müßte. Wie groß die Gefahr ist, das tritt jetzt Vorbereitungsperiode gehört allerdings auch die funlichste schon zutage in den Moskauer Richtlinien, die den übrigen Vorherbestimmung der Vertrauensleute, denen die difta­Landesparteien die aus russischen Verhältnissen entstandenen torische Gewalt während der Aktion in die Hände gegeben Methoden der russischen Revolution schablonenhaft aufzwin- werden kann. Was aber nun in Moskau geplant wurde, ist die Ein­gen wollen, so in der Regelung der agrarischen Ver= segung einer internationalen Zentralinstanz, der die dikta­hältnisse und in der terroristischen Ausübung der torische Gewalt über die Bestimmung des Beginns Diktatur sogar über das Proletariat und Die eigenen Parteigen offen. Die russische Agrar- revolutionärer Aftionen und deren Oberleitung in den ein­politit auf Deutschland übertragen, würde durch Zerschlagunzelnen Ländern übertragen werden soll. Diese Idee wider­gen und Aufteilung des Großgrundbesitzes einen wirtschaft: streitet so sehr dem Grundgedanten des proletarischen Eman­lichen Rüdschritt herbeiführen und die Sozialisierung auf zipationstampfes, der Selbstbestimmung des Proletariats, bas äußerste erschweren. Die terroristische Dittatur irgend daß sie wie eine Satire auf die Weltrevolution anmuten eines Zentralfomitees würde sich aber das Proletariat müßte, wenn man nicht als ihren Kern das Bedürfnis der Deutschlands ebensowenig gefallen laffen wie das Englands Rußland regierenden Bolschewiki- Partei erkennen würde, aber irgendeines anderen wirtschaftlich hochentwickelten daß die angeschlossenen Parteien der anderen Länder als Hilfstruppen für die Festigung der tommunistischen Partei­herrschaft in Rußland ausgenutzt werden müſſen.

oder Landes.

Diese Moskauer Forderung der Dittatur über In das Proletariat spielt noch ein anderes Mißver= danonis hinein. Man sagt: In revolutionären Zeiten muß ständnis diftatorisch vorgegangen werben; also, da es sich um die Weltrevolution handelt, ist eine internationale Dittatur ein zurichten." Dieser Deduktion liegt die Verwechselung zu grunde zwischen den Lebensbedingungen einer Bewegung

Und damit kommen wir zu einem dritten Trugschluß der Befürworter internationaler Zentralisation. Sie glauben, auf diesem Wege fönne am sichersten oder gar ausschließlich Sowjetrußland gegen die Anschläge der Entente und andere fapitalistische Umtriebe geschützt werden. Auch das ist ein Irrtum.

ihren gewöhnlichen Gang gehen. Der Ministerpräsident schloß, die Zukunft des Landes hänge vor allem davon ab, wie die große soziale Frage gelöst werde.

Mit den Schlußworten hat Giolitti durchaus recht. Die Lösung der sozialen Frage ist das Zenfralproblem, an dem die Zukunft der Welt hängt. Sie wird nicht gelöst, indem man ben Arbeiter zum Berbündeten der Industriellen macht. Das würde höchstens derAusbeu tung und der Anarchie der fapitalistischen Produktion einen etwas libera­leren Anstrich verleihen, ohne die Grundlagen des Privateigentums und die Alleinherrschaft des Kapitals über die Produktionsmittel ernstlich zu erschüttern. Hier scheidet sich der bürgerliche Reformer vom revolutionäreit Sozialisten. Die Lösung ber sozialen Frage faun fich nur so vollziehen, daß statt der bisherigen ökonomischen Scheidung in Besitzende und Nichtbesitzende, in Ausbeuter und Ausgebeutete, das volle wirtschaftliche und politische Recht der Arbeiter hergestellt wird. Das kann nur im harten Kampf, Klasse gegen Klasse ge­schehen.

Wenn heute die italienischen Arbeiter den Kampf abbrechen, so nur, weil die gewaltige Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit nicht auf einmal erledigt wird, sondern in Etappen mit Sieg und Niederlage. Ihr Kampf geht nicht um Verständigung mit bem Rapitalismus, sondern um ueberwindung des Rapi. talismus durch den Sozialismus.

*

DA. Mailand, 27. September.

Im italienischen Senat wurde am Sonnabend eine Tagesordnung eingebracht, worin die Regierung aufgefordert wird, das Problem des Brotpreises so schnell wie möglich zu lösen. Giolitti nahm bie Tagesordnung an, erklärte aber, daß sich die Negterung über die Art der Lösung volle Handlungsfreiheit vorbehalte.

Das Defret über die Produktionskontrolle enthält eine Stelle, wonach Arbeiter, deren Stellung in einer Fabrik während des Kon fliftes unhaltbar geworden ist, auf Beschluß einer viergliedrigen Rommission entfernt werben fönnen. Auf Grund dieser Bestimmung haben die Industriellen die sofortige Entlaffung aller jenes Arbeiter verlangt, die sich Uebergriffe gegen Personen oder Sach beschädigungen haben zufchulden fommen lassen. Giolitti hat jedoch erklärt, daß er diese Auffassung nicht gutheißen könne.

Italien verweigert Litwinow die Einreise TU. Rom, 27. September.

Dem Beispiel Englands folgend, verweigerte die italieni che Regierung dem nach Italien entsandten Vertreter der Mostauer Regierung, Litwinow, die Einreise.

Keine Zentrale in Moskau fann durch ihre Dekrete den Organisationen oder dem tatbereiten Proletariat der ein­zelnen Länder überhaupt größere Macht schaffen, als sie kraft ihres Entwickelungsganges zu den gegebenen Zeiten haben. Die Macht, die sie zur Zeit aus üben können, haben aber insbesondere die klassenbewußten Proletarier Deutschlands und Englands, in geringerem Maße auch die Frankreichs, eingesetzt durch ihre Weigerung, die Waffen- und Truppen­transporte zur Verstärkung der polnischen Reaktionstruppen zu verladen, oder zu befördern. Die Initiative dazu in Deutschland wurde durch die U. S. P. D. auf Grund eines einmütigen Beschlusses der Reichstagsfraktion ergriffen und nach ihren Vorschlägen auch ebenso einstimmig von den zu sammenberufenen Partei- und Gewerkschaftsvertretern, ein. schließlich der K. P. D., beschlossen. Sicher sind die beschlosse nen Vorkehrungen verbesserungsbedürftig. Perfekt funktio niert so etwas niemals auf einen Schlag. Aber wenn das deutsche Proletariat nicht einen Krieg Deutschlands gegen die Entente provozieren will, was ein unverantwortliches Babanquespiel, schlimmer als das Ludendorffiche 1918 fein würde, so läßt sich zur Zeit nicht mehr tun. Auch die ful minantesten Profiamationen einer Moskauer Zentrale können an den wirklichen Verhältnissen nichts ändern.

Also die Tatsachen beweisen, daß die U. S. P. D. sich ihrer internationalen Pflicht gegenüber Sowjetrußland bewußt ist und danach handelt. Der gegenwärtige Entwickelungsgrab der sozialen Verhältnisse in den einzelnen Ländern verbietet es, über eine internationale Organisation hinauszugehen, die auf föderaler Grundlage eine Verständigung der ein­

zelnen Länder ermöglicht, ohne durch eine Zentraldiktatur die Selbständigkeit der einzelnen Landesorganisationen zu er neugestaltet werden, dann kann sie dem Weltproletariat er. folgreiche Führerin sein.

töten. Auf dieser Grundlage muß die 3. Internationale

Ich habe mich bemüht, aus der unsere Partei aufwühlen­den Kontroverse die fachlichen Differenzpunkte herauszu schälen unter Ausmerzung alles des verbitternden Beiwerks, das sich um diese Kernfragen herumrankt. Zu diesen Ab lehnungsgründen tritt aber noch die notwendige Zurüd weisung der von Moskau diktierten Aufnahmebedingungen, die eingeständlich auf die Zertrümmerung unserer Partei und die Aufsaugung einzelner Trümmerteile durch die K. P. D. angelegt sind.