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Einzelpreis 20 Pfg. 3. Jahrgang
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Donnerstag, 28. Oktober 1920
Nummer 459
Abend- Ausgabe
Ste adtgefpattene RonparetKegelle aber beren Raum koftet 5,- stuf Eenerungszuschlag. Kleine Anzeigen; Das fettgedruckte Wort 2- M., Jebes weitens Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszufchlag. Laufende Anzeigen laut Tarif Famillen Anzeigen und Stellen- Gesuche 3,20 m. netto pro Beile. Stellen Befuche in Wort- Anzeigen: das fettgedruckte Wort 1,50 m., jebes weitere Port 1,- Serufprecher: Bentrum 2030, 2645, 4518 4603, 4635, 4649, 4821
greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Der russisch- polnische Borfriede in Kraft
Austausch der Ratifikationsurkunden
TU. Liban, 28. Oftober.
Gestern nachmittag 3 Uhr wurden in Liban die Ratifilationsurkunden des Waffen tillstands- und Präli minarfriedensvertrages von Riga durch die Sekretäre ber polnischen und russischen Friedensdelegation ausgetauscht. Damit hat der Borfriedensvertrag seinen formellen Abschluß ge funden und ist somit offiziell in Kraft getreten. Die Delegationssekretäre treten ihre Rüdreise aus Libau am 28. früh
wieder an.
Der Streik in England
Fortsetzung der Verhandlungen Der Umstand, daß die Beratungen über die Beilegung des Bergarbeiterstreits zwischen der Regierung und den Bergarbeitervertretern hinter verschlossenen Türen stattfindet, hat zur Folge, daß die Meldungen aus England widerSpruchsvoll lauten. Die Beratungen werden natürlich forts
Die Rüstung der Bourgeoiste
London, 28. Oktober.
Das Unterhaus genehmigte gestern in dritter Lesung mit 238 gegen 58 Stimmen das Gesetz über die außerordents lichen Vollmachten für die Regierung.
Frankreichs Bedenken
Paris, 27. Ottober. " Journal des Débats" veröffentlicht eine halbamtliche Ers Härung über den Beschluß des englischen Ministes riums, auf§ 18 des Abschnitts 8 des Vertrages von Versailles zu verzichten. Das Londoner Kabinett habe den Botschafterrat durch seinen Vertreter in Paris von der getroffenen Entscheis bung und der der deutschen Regierung gemachten Mitteilung in Kenntnis gesetzt. Es sei deshalb sehr wahrscheinlich, daß der Botschafterrat in einer jeiner nächsten Sigungen mit der Frage befaßt werde. Er werde zu prüfen haben, ob der Schritt
der britischen Regierung rechtlich begründet sei, und er werde auch die Folgen dieser Entscheidung, indem er fie in den allgeminen Rahmen des Friedensvertrags und in das Durch den Friedensvertrag vorgesehene System der Zwangsmaß
Das Mißverständnis
Keine Bernichtung der Dieselmotoren
gesetzt, denn es find noch lange nicht alle Streitfragen geklärt. nahmen stelle, abzuwägen haben. Wir schrieben schon, daß ein flares Bild der Situation erst gewonnen werden fann, wenn die Bedingungen des Friedens in ihrem vollen Sinn und Wortlaut bekannt sind. Anschei nend find Verhandlungen über die Lohnzulage voraufs gegangen, die mit der Bewilligung geendet haben. Ohne diese Bewilligung hätte die Fortsetzung der Verhand lungen für die Bergarbeiter feinen Sinn gehabt. Damit dürfte aber die Basis für weitere Verhandlungen über andere Punkte gegeben sein. Auch die Mitteilung, daß die Arbeitsaufnahme erst am Montag erfolgt, läßt erkennen, daß noch nicht alle Streiobjette durchberaten sind. Dennoch ist mit der endgültigen Beilegung des Konfliktes zu rechnen, wenn nicht ganz unvorhergesehene Vorfälle eintreten.
London, 27. Oftober.( Reuter.)
Die Konferenz der Regierungsvertreter zunächst mit den Bergwerksbesigern und dann mit dem Vollzugsausschuß des Bergs arbeiterbundes dauerte den ganzen Tag an. Der Kongreß der Vollzugsausschüsse aller Gewerkschaften, der für heute vormittag zusammenberufen war, um über die anges fichts des Kohlenstreits einzunehmende Haltung zu beraten, wurde bis zum nachmittag vertagt, um den Bericht des Vollzugsauss schusses der Bergleute entgegenzunehmen. Man glaubt, daß die Meinungsverschiedenheiten zwischen den letzteren und der Regies rung sich jetzt nur noch auf die Dauer des Zeitabschnittes beziehen, währenddessen die Lohnerhöhung versuchsweise bewilligt wird.
Der russische Außenhandel Der Bericht der russischen Handelsdelegation in London
D. E. Das Mitglied der russischen Handelsdelegation in London, Liberman, hat dem Vorstand des Obersten Volkswirtschaftsrates in Mostau Bericht über die Ergebnisse seiner Mission erstattet, dem folgendes entnommen sei: Die Handelsdelegation hatte vor allem die Aufgabe, die russische holzbearbeitende Inbustrie mit Maschinen zu versorgen, die Lage des Weltmarktes, insbesondere des, Holzmarttes, zu studieren und mit den europäischen Holzindustriellen über Waldtonzes= fionen in Rußland zu verhandeln. Maschinen tönnte man in großen Mengen erhalten. Von der russischen Delegation sind verschiedene Arten von Sägen, 60 Lokomobilen, mehrere Installationen für Sägemühlen und Holzbearbeitung gekauft worden. Es find dafür 10 millionen Goldrubel und 3 Millionen chwedischer Kronen bezahlt worden. Die Hälfte der Bestellungen ist Schweden in Auftrag gegeben. Die Waren werden über Reval geleitet werden. Die Preise in London waren höher als die chwedischen, jedoch wollte die russische Delegation die Hälfte der Aufträge an England gelangen lassen. Infolgedessen sind die Installationen für Sägemühlen in England bestellt worden. Augenblicklich so heißt es im Bericht ist Schweden anser Konturrent im Holzerport. Das Erscheinen unserer Delegation hat sofort ein Sinten der Preise auf schwedisches Holz bewirkt. Schweden hat sich uns gegenüber wohlwollend verhalten; im Bunde mit Rußland und Finnland will es die Holzpreise den anderen Ländern diftieren und so den Holzmarit monopolisteren. In erster Reihe müssen wir die Holz porräte aus dem Archangelſtschen Gouvernement exportieren, bie während der Herrschaft der Engländer im Norden an englische Firmen verkauft worden waren. Wir haben erklärt, daß wir diese Abmachungen nicht anerkennen. Was die Anahlungen betrifft, so find wir bereit, entgegenzukommen. 15 000 Standart haben wir an eine norwegische Firma verkauft m Tausch gegen 100 000 Tonnen Kohle. 3wei Schiffe mit Diefer Kohle sind bereits in Archangelst eingelaufen. Etwa 150 000 Standard wird ein schwedischer Bankkonzern kaufen und pird 50 Prozent des Kaufpreises nach Unterzeichnung des Verages auf Konto der russischen Regierung deponieren. Mit der
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London, 27. Oktober.
Bon unterrichteter Seite wird mitgeteilt: Aus verschiedenen Artikeln der deutschen Presse geht hervor, daß in bezug auf die Zerstörung von Dieselmotoren beträchtliche Mißverständs nisse herrschen. Es besteht keine wie immer geartete Absicht, fich mit anderen Dieselmotoren zu befassen oder solche zu beschädi gen, als mit Unterseeboot- Dieselmotoren; auch besteht keinerlei Absicht, die Dieselmotorenindustrie Deutschlands zu vernichten. Die Angelegenheit ist übrigens den verbündeten Regierungen überwiesen, befindet sich also sub judice. Solange die Entscheidung der verbündeten Regierungen schwebt, ist die Zerstörung aller Unterseebootdieselmotoren eingestellt und aufgehoben
worden.
Es zeigt sich, daß wir recht hatten, als wir schon vor einiger 3eit andeuteten, daß die ganze Geschichte mit den Dieselmotoren wieder einmal fünstlich aufgepumpt worden ist. Diese anscheinend offiziös veranlaßte Darstellung wird hoffentlich ge= nügen, um den nationalistischen Spettafel, der schon recht kräftig eingesetzt hatte, zum Schweigen zu bringen. Bor allem ermahnen wir die Arbeiterschaft, sich nicht in eine völlig unangebrachte Erregung versetzen zu lassen, die nur Wasser auf bie Mühlen irgendwelcher nationalistischen Geschäftemacher
treiben würde.
englischen Regierung haben wir einen Vertrag abgeschlossen auf Lieferung von einer Million Eisenbahnschwellen innerhalb
18 Monaten.
Dies ist die erste Handelsabmachung mit England. England Derpflichtet sich, uns Valuta, Maschinen, Zucker, Tabat u. a. zu geben. Die englische Regierung hat angefragt, welche anderen Eisenbahnmaterialien Rußland imstande wäre, zu liefern. Aehnliche Nachfragen liegen auch von seiten Frant reichs vor, sie find aber von der russischen Delegation abgelehnt worden angesichts ber feindlichen Haltung, die Frankreich der Sowjet- Regierung gegenüber einnimmt. Was die Konzeffionen betrifft, so erwies es fich, daß im Westen die Zahl der Interessenten sehr groß ist. Die diesbezüglichen Unterhandlungen betrafen haupts sächlich die Vorbedingungen. Die Konzessionsbewerber wünschen auf eine hinreichend lange Frist große Waldflächen im Norden Rußlands zu erwerben. Nach Ablauf der halben Frist erhält Rußland das Recht, die Konzessionen abzahlungsweise zu tilgen. auch das gesamte Inventar, unentgeltlich auf die russische Regie: Nach Ablauf der ganzen Konzessionsfrist gehen alle Rechte, wie rung über. Jm Auslande betrachtet man Rußland in erster Reihe als Markt, und zwar als unermeßliches Absaggebiet für Fabritate, und als Bezugsquelle für Rohstoffe. Besonderes Interesse für den russischen Markt zeigen die standinavischen Länder, die während des Krieges ihre Industrie hoch entwickelt haben. Dant Rußlands wollen sich die standinavischen Länder von der Berherrschaft Englands freimachen. Alle interessieren sich nur für die Frage, ob Rußland imstande sei, Rohstoffe zu liefern. Die Sandelsdelegation hat sechs Bewerbungen und Konzessionen mitgebracht, englische, schwedische, tanadische, norwegische. Am vorteilhaftesten sind die englischen Angebote: englische Handelsvertreter sollen demnächst in Rusland ein
treffen."
Uebernahme oftpreußischer Ortschaften durch Polen. Die durch den Beschluß des Botschafterrats vom 15. August d J. Polen zu gesprochenen drei Gemeinden Klein- Löbenstein, Klein- Nopper und Groschen des ehemaligen Abstimmungsgebietes Allenstein werden am 31. d. M., 11 Uhr vormittags, von den polnischen Behörden übernommen. Die drei Ortschaften werden der Woiwodschaft Pommerellen zugeteilt werden.
Der Kampf um die Vormacht im Often
Uns wird geschrieben:
Die Friedensverträge zwischen Lettland, Estland, Litauen, Polen und Rußland, die Verhandlungen der Randstaaten untereinander, die Bemühungen des Bölkerbundes, die Konflikte der Esten, Letten, Litauer und Polen durch Verhandlungen aus der Welt zu schaffen, haben in Westeuropa den Eindrud entstehen lassen, als ob der Osten sich nunmehr zu fonsolidieren beginne. Da heute mehr denn je englische Dentweise den Nachrichtendienst der ganzen Welt beherrscht und nirgends die Kenntnis der Probleme Osteuropas geringer als in England, nirgends weniger Interesse und Ver ständnis für die großen politischen Fragen an der deutschen Oftgrenze vorhanden ist als in dem britischen Weltreich, dessen Blick gebannt auf dem eigentlichen Orient haftet, so fehlt auch der übrigen Welt das nötige Verständnis für diese für Deutschland wie für Europa lebenswichtigen Probleme.
Nun steht die Welt plötzlich erschrocken vor den neuen litauisch- polnischen Kämpfen, vernimmt mit Staunen, daß vertappte polnische Truppen Wilna, Minst und in wenigen Tagen auch Kowno besetzen und Schein regierungen zwecks Organisation polnischer Vasallenstaaten errichten. Man ist in England einigermaßen überrascht und erschreckt. Das ganze Randstaatengeschäft steht auf dem Spiel. Man beginnt zu begreifen, daß mehr als polnischer Größenwahn in diesen unerwarteten Ereignissen" stedt.
Ohne Zweifel hat Polen diplomatisch ein frevelhaftes Spiel getrieben. Als die Litauer ihren Frieden mit Sowjet rußland abgeschlossen hatten und auf diesen bauten, als Warschau noch durch die bolschewistische Armee bedroht war, da bettelte Polen ängstlich um die Anerkennung der Curzon Linie und rief schließlich den Völkerbund an. Dann kam der Rückschlag. Die rote Armee brach zusammen, Polen bekam seine Truppen gegen Litauen frei und nun war von der Curzon- Linie, die die Litauer zu spät anzuerkennen bereit waren, nicht mehr die Rede. Die polnische Regierung fümmerte sich den Teufel um alle Noten, Entscheidungen, Vor haltungen, Ermahnungen, Drohungen und Kommissionsbe schlüssen des Völkerbundes, sie bejezte diejenigen Gebiete Armee zu gefährden, besetzen konnte. Sie tat stets so, als ob Litauens, die sie, ohne ihre Operationen gegen die rote fie zu Verhandlungen bereit sei, erhöhte bei jeder neuen Sitzung, entsprechend der militärischen Lage, ihre Forde rungen, ließ troh des mehrfach abgeschlossenen Waffenstillstandes unter den nichtigsten Vorwänden ihre Truppen weiter in Litauen einmarschieren, brach alle ihre Vers sprechungen und Zusagen. So gelangten die Polen zunächst an die Memel, freisten nach Besetzung des Suwalti- Gebietes von allen Seiten Wilna ein und schickten schließlich den Gene ral Zeligowski mit dem sehr durchsichtigen Trick, den unbots mäßigen zu spielen, mit zwei Divisionen nach Wilna.
Das polnische Verfahren zeugt von einer Strupel. losigkeit, die bisher in der Geschichte beispiellos war. Der polnische General bereitet von Wilna aus durch Heran ziehung von 6-8 neuen polnischen Divisionen einen neuen Angriff gegen den letzten Rest des litauischen Staates vor und die polnische Regierung erklärt faltlächelnd, daß sie mit alledem nichts zu tun habe, daß sie aber plötzlich Volksabstimmung in ganz Litauen verlange. Nach der Niederringung Litauens wird Lettland sich freiwillig der polnischen Oberhoheit angliedern, dann folgt Estland, denn der Weg von Grodno über Kowno führt auf der Memel nach der Hafenstadt Memel und die Düna mündet bei Roga.
Man mag diplomatisch das Vorgehen Polens so sehr ver urteilen, wie man will, politisch muß man zugestehen, daß es eine gewisse innere Logif hat, nämlich die obenerwähnte, daß alle die Randstaaten nur im Anschluß an eine Großmacht des Ostens lebensfähig sind. Die Frage ist nur, ob Polen diese Großmacht wird sein können.
Zu dieser politischen Verhöhnung der Entente würde Polen Selbstverständlich nie den Mut finden, wenn es nicht durch macht Polen soll die französische Vorherrschaft in Osteuropa Frankreich in jeder Hinsicht gedeckt wäre. Die Großbedeuten. Frankreich braucht für seinen Hafen Memel, den es fest in der Hand hat, das Hinterland Litauen und Weißruthenien. Frankreich beginnt mit der Errichtung der pol nischen Großmacht des Ostens die Neufinanzierung seiner in Rußland gefährdeten Anleihen. In diesem Plan ist Polen Weißruthenien, die Ukraine, ja, Polen selbst, sind Faust nur Werkzeug genau wie die Wrangelsche Armee. Litauen, pfänder in der Hand Frankreichs, mit denen es in Zukunft bie Zahlung seiner russischen Anleihen auf dem einen oder anderen Wege sichern, die Fundierung seiner Bormachts stellung in Osteuropa vornehmen will.
Der englisch- französische Gegensatz in den Ostfragen fann nicht mehr verkannt werden. Bisher ist der Posten der eng lischen Gegenmaßnahmen noch offen. Die englische Regie rung hat auf eine falsche Karte gesetzt, als sie versuchte, durch Aufnahme der Handelsbeziehungen zu Rußland dem pol nisch- französischen Konkurrenten in der Vormachtsstellung Salt zu stellen. Die Kurzsichtigkeit der maßgebenden Mos fauer Politiker, die durch ihre Haltung während der letzten Monate die Wiederherstellung wirtschaftlicher und diplo