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Einzelpreis 20 Pfg.
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3. Jahrgang
Die Freiheit erfcheint morgens und nachmittags, Sonntags und Montags nu einmal. Der Bezugspreis beträgt bei freier Zustellung ins Haus für Groß- Berlin 10, M. im voraus zahlbar, von der Spedition felbft abgeholt 8,50 M. Für Bofts begug nehmen sämtliche Postanstalten Bestellungen entgegen. Unter Streifband bezogen für Deutschland und öfterreich 16,50 m., für das übrige Ausland 21,50 2. zuzüglich Valuta Aufschlag, per Brief für Deutschland und Osterreich 30,- 2. Redaktion, Expedition und Berlag: Berlin C 2, Breite Straße 8.9.
Montag, 22. November 1920
Nummer 493
Abend- Ausgabe
Die achtgespaltene Nonpareillezelle oder deren Raum koftet 5,-. einschließlich Seuerungszufchlag. Kleine Anzeigen: Das fettgebruckte Wort 2, M., fedes weitere Wort 1,50 M., einschließlich Teuerungszuschlag. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen- Gesuche 3,20 m. netto pro Zeile. Stellen- Gesuche in Wort- Anzeigen: das fettgedruckte Wort 1,50 m., jedes weitere Wort 1,- M. Fernsprecher: Bentrum 2030, 2645, 4516, 4603, 4835, 4649, 4921
greiheit
Berliner Organ
der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Das wahre Gesicht
Man fann sicher sein: wenn die reaktionäre Presse und die Wortführer der bürgerlichen Parteien einen Feldzug gegen eine in ihrer Phantasie bestehende Rote Armee, gegen Putsch pläne der Kommunisten und ähnliche Dinge eröffnen, daß dahinter die Verteidigung der nacktesten tapitalistischen Interessen steht. Diese Leute wissen genau, daß ihnen die Arbeiterklasse nur dann gefährlich ist, wenn sie gefchloffen auftritt, daß sie dagegen nicht viel zu befürchten haben, wenn das Proletariat sich in ein halb Dugend Gruppen teilt, zu mal dann, wenn einige von ihnen die Zersplitterung der Arbeiterklasse zum Prinzip erheben und vor der wirklichen Ges fahr von rechts die Augen verschließen. Immer deutlicher tritt gegenwärtig die Tatsache hervor, daß die Bourgeoisie nichts mehr fürchtet, als daß die Arbeiterschaft sich in geschlossener Front auf dem Boden des Kampfes um reale, greifbare 3iele, wie etwa die Sozialisierung des Kohlenbergbaues usw., zusammenfinden könnte. Deshalb fördert sie mit den raffiniertesten Mitteln die Spaltung des Proletariats, des halb macht sie die Bevölkerung fortgesetzt vor den angeblich von links drohenden Aufstandsplänen graulich, deshalb ist fie eifrig an der Arbeit, um die Kampforganisation der Konterrevolution auf das sorgfältigste auszubauen.
Vor uns liegt ein vertrauliches Rundschreiben bes Finanzausschusses des Bürgerrats von Groß Berlin, datiert vom 4. November 1920, und unterzeichnet Don Dr. Landsberg. Dieses Dokument zeigt deutlich die Methoden und Absichten der bürgerlichen Konterrevolutio näre. Es heißt in diesem Schreiben:
Schießereien im Gemeinderat
Sieben Tote
Bologna, 22. November.
Schießereien zwischen Sozialisten und ihren In der ersten Sigung des neuen Gemeinderates kam es zu Gegnern. Sieben Personen wurden getötet und etwa dreibig verlegt. Die Polizei stellte die Ordnung wieder her. Am Abend herrschte Ruhe in der Stadt.
Die Wiedergutmachung
Eine Richtigstellung
Lloyd
Die Frankfurter 3tg." meldet aus London: Aus der am Georges auf die Anfrage eines Parlamentiers ist ersichtlich, Sonnabend veröffentlichten schriftlichen Antwort daß der in Deutschland verbreitete Pariser Wolff- Bericht über das Georges auf die Anfrage eines Parlamentiers ist ersichtlich, englisch- französische Abkommen an entscheidender Stelle ungenau ist. Als Gegenstand der Genfer Konferenz wird in dem Abkommen die Erörterung der Reparationsfrage in ihrer Gesamtheit bezeichnet und durch folgenden eingeklammerten Sag erläutert: Gesamtbetrag der deutschen Schuld, Prüfung der Zahlungsfähigteit Deutschlands usw. Der Klammerfah ist im Wolffbericht ausgelassen worden. Andererseits wird der Reparationsfommission nicht wie Wolff fagt die Festlegung des Gesamtbetrages zustehen, sondern fie foll lediglich gemäß dem Friedensvertrag den Gesamtbetrag tundmachen( englisch declare"). Der Unterschied ist offensichtlich wesentlich. Puntt 4 sagt, daß der Oberste Rat erwägen wird, welche Schritte nötig sind einschließlich der Garantien und Strafen.
Der neue Kurs in Griechenland
Das griechische Kabinett hat die Voltsabstimmung über die Frage der Rüdtehr König Konstantins auf den 28. November fest daß er das Ergebnis der Boltsabstimmung abwarten wird, bevor gesetzt. König Konstantin hat an die Regierung telegraphiert, er zurückkehrt. Die Regierung hat Steriades ersucht, das Amt des Kommissars für Smyrna weiter zu versehen. Der Leiter der Nationalbant Zaimis ist zurüdgetreten.
Mit Venizelos sind auch alle früheren Minister abgereist, ebenso eine Anzahl Rotabeln der Liberalen Partei, darunter mehrere Zeitungsdirektoren. Als der Erzbischof von Athen, Meletios, der Eidesleistung von Rhallis vor dem Regenten wie üblich beiwohnen wollte, weigerte sich Rhallis, ihn an zuerkennen, weil er in nicht verfassungsmäßiger Weise ernannt
Mit Schweren Sorgen steht das Bürgertum den kommenden Monaten entgegen, wenn die infolge des Dittats der Entente bereits bestehende Kohlennot und die dadurch bedingte Ar beitslosigfeit eine weitere Berschärfung erfahren haben werden. Eine hinzutretende Ernährungstrise dürfte dieses Bild noch tatastrophaler gestalten und bie Massen auf die Straße treiben. Dann wird eine bes Lights und der Wärme beraubte arbeitslose und unterernährte Bevölkerung den Boden abgeben, auf dem die kommunistis schen Parteien versuchen werden, ihr Ziel, die Dittatur des Proletariats, zu verwirklichen. Durch den in Halle erfolgten Anschluß des linken Flügels der U. S. P. D. an die dritte Internationale ist die Aktionskraft jener Schichten des Proletariats nicht unwesentlich gesteigert worden. Sie werden den Bersuch wagen, einen legten Stoß gegen die jetzige Gesellschaftsform zu unternehmen. Die terroristische Rede jenes blutdürftigen Vorsitzenden der Moskauer Internationale, Sino wjew, hat dem Bürgertum gezeigt, was diesem im Falle eines Sieges der Kommunisten bevorstehen würde, und welche tatastrophalen Wirtungen auch für das Wirtschaftsleben eintreten müßten. Diesen an Verbrechen und Wahnsinn grenzenden Versuchen gegenüber darf das Bürgertum nicht untätig bleiben, der Bürgerrat von Groß- Berlin, der stets für die Gleich. berechtigung aller Klassen im neuen Deutschland unter Auss Schließung aller parteipolitischen und tonfellio. Mellen Bestrebungen, für den unbedingten Schuß des Eigentums gegen gesetzlose bolschewistische und andere gewaltsame Eingriffe, fowie für die Unterlassung, aller die Grundlage der probuttiven Wirtschaft umgestaltenden Maßregeln eingetreten ist, hat es sich nach wie vor angelegen sein lassen, allen U e bergriffen bon jener Seite in entschiedenster Weise entgegenzutreten, alle Bes trebungen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit nachdrücklichst zu unterstügen. Wie der Bürgerrat von Groß- Berlin früher die Einrichtung einer bewaff. neten Einwohnerwehr in Groß- Berlin durch Hergabe bes deutender Mittel gefördert hat, so wird er auch weiter andere der Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit dienende Institutionen- u. a. die Technische Not. hilfe unterstügen. Er hat auf Grund eines von allen maßgebenden wirtschaftlichen Verbänden erteilten Mandats die vor. bereitenden Maßnahmen für einen evtl. Bürgerstreit als legtes Abwehrmittel gegen den Terror getroffen. Große Aufgaben hat der Bürgerrat bereits gelöst; noch größere stehen ihm bevor, für deren Erfüllung erhebliche Aufwendungen zu machen sind.
Unsere Aufgabe wird es sein, allen Uebergriffen der von den Kommunisten geschaffenen politischen Arbeiterräte in ebenso entschiedener Weise entgegenzutreten, wie wir bisher die tommunalen Arbeiterräte bekämpft haben, die sich in einer jedes demokratische Empfinden verlegenden Weise das Recht anmaßten, über die auf Grund des freiesten Wahlrechts gewählten Gemeindebehörden eine Kontrollbefugnis auszuüben.
Wir
Aber nicht allein zur Durchführung unserer der Versöhnung der Gesellschaftsklassen dienenden, Ruhe und Ordnung sichernden Bes strebungen bedürfen wir erheblicher finanzielles Unterstügungen, fondern auch zur Abwehr aller die Grundlage unse. rer Wirtschaft zerstörenden Maßnahmen. wenden uns gegen alle aus parteipolitischen Gründen geforderten Sozialisierungsmaknahmen; nach wie vor belämpfen wir die Kommunalisierung von Gewerbezweigen, die von ben eine lozialistile Mehrheit aufweisenden städti. hero- Berlin mit allen Mitteln versucht werden wird. Hier heißt es für uns, im Interesse des schaffenden Bürgertums, den Kampf in schärfter Weise aufzunehmen,
absichtigten und bereits vorbereiteten Gegenmaßnahmen treffen, Nur dann fann der Bürgerrat von Groß- Berlin die von ihm bewenn ausreichende Mittel ihm zur Verfügung stehen.
Wir gestatten uns daher, die ergebene Bitte an Sie zu richten, uns durch eine größere Beitragsleistung unterstützen zu wollen. Jeder Beitrag bedeutet eine Versicherung gegen ZuMünchen schaudernd erlebt haben und wie sie uns Herr Sinowjew stände, wie wir sie in Moskau und Petrograd, in Budapest und mit zynischer Offenheit angekündigt hat.. Mit vorzüglicher Hochachtung
Der Finanzausschuß,
i. A.: Dr. Landsberg. Es ist in dem Schreiben des Bürgerrats vor allem von Bedeutung, daß die Not, die Arbeitslosigkeit, die Ernährungsfrise vollkommen zutreffend geschildert werden. Doch dieselben Kreise, die von dieser Not profitieren und Jelbst die Arbeitslosigkeit fördern, indem sie jene Betriebe schließen, deren Dividenden ihren übermäßig gesteigerten Appetiten nicht entsprechen, denken nicht daran, wie sie dieser Not und Arbeitslosigkeit steuern fönnten, sie sind vielmehr nur mit dem einen Gedanken beschäftigt: wie sie die„ des Lichts und der Wärme beraubte arbeitslose und unters ernährte Bevölkerung", deren Unzufriedenheit die Ruhe und Sicherheit der Kapitalistenklasse bedroht, niederzuknüppeln vermögen.
Es ist ungemein bezeichnend für die heuchlerische Moral der honetten bürgerlichen Gesellschaft, daß sie, zuwider der eigenen besseren Einsicht, die zu revolutionären Aktionen drängende Gärung der arbeitenden Massen nicht auf das ständig sich verschärfende soziale Elend dieser Massen, sondern auf die„ aufreizende" Tätigkeit lintssozialistischer Elemente und auf angeblich„ terroristische" Reden einzelner Personen zurüdführt. Die Abspaltung des linken Flügels der U. S. P. und sein Uebertritt ins fommunistische Lager, der von den bürgerlichen Parteien mit einem Aufatmen begrüßt wird, übergehend schwächt, wird nun als Anzeichen drohender revoUnd derselbe Sinowjew, bessen Berstörungsarbeit in Halle von der gesamten bürgerlichen Presse mit einem vergnügten Schmunzeln hingenommen wurde, wird nun, nachdem er
worden sei. Er wurde, wie bereits gemeldet, burch Theoffi. tos, bisher Priester in einer benachbarten Gemeinde, ersetzt. Die Gefängnisse wurden alsbald nach der Abreise von Venizelos geöffnet und die politischen Gefangenen in Freis heit gesett.
Ministerpräsident Lengues erklärte im französischen Kams merausschuß für auswärtige Angelegenheiten, daß man die durch den Sturz Benizelos geschaffene Lage nicht vertenne; er werde in aller Kürze mit Lloyd George eine Unterredung haben und zweifle nicht daran, daß ein völliges Einverständnis zwischen Frankreich und England über die nunmehr einzunehmende Haltung erzielt werden fönne.
Ueber die Stellungnahme Jtaliens zum griechischen System wechsel meldet der römische Vertreter des Corriere della Sera" in einem ofiziösen Artikel: Die italienische Regierung habe nicht die Absicht sich einer Attion anzuschließen, die einer fremden Einmischung in die inneren Angelegenheiten einer bes freundeten und verbündeten Nation gleichkomme. Italien habe sich auch vor 3% Jahren der Aktion Frankreichs und Englands nicht angeschlossen, obwohl diese beiden Staaten es für ihre Pflicht hielten, König Konstantin aus Athen zu entfernen.
Frankreich in Syrien
Paris, 21. November.
Die vereinigten Kammerausschüsse für Finanzen und auswärtige Angelegenheiten verhandelten gestern über die für Syrien und Cilicien verlangten Kredite in Anwesenheit des Generals Gouraud, des Ministerpräsidenten Leygues und des Kriegs ministers.
General Gouraub gab Aufklärung über die Expedition Frant Syrien sei seit dem Kampf von Damastus, und seitdem Emir reichs in Syrien und Cilicien seit November 1919. Die Lage in Feisal das Land verlassen habe, ausgezeichnet. Auch in Cis Mersina und Alexandrette sei für den Verkehr wieder licien sei die Lage gut. Die Eisenbahnlinie von Adana nach eröffnet worden. Ueberall gaben die Einwohner ihrer Befriedis gung darüber Ausdruck, daß die Ordnung wieder hergestellt sei. Ministerpräsident Lengues erläuterte die Verträge, auf Grund deren Frankreich in Syrien und Cilicien sei, und zeigte, wie der amtliche Sigungsbericht erklärt, welche ungeheure Bedeutung es habe, daß Frankreich sich in Syrien halte. Auch Regierung habe die feste Abficht, das Besagungsheer zu vers in Cilicien seien ihm wirtschaftliche Vorteile vorbehalten. Die ringern, sobald die Ausführung des türkischen Friedensvertrages es gestatte.
Jeine Schuldigkeit getan, als Schredgespenst der gesamten Bes völkerung vordemonstriert.
Mit zynischer Offenheit gesteht der Bürgerrat, daß er die bewaffnete Einwohnerwehr in Groß- Berlin durch Hergade bedeutender Mittel gefördert hat. Es ist anzunehmen, daß der Bürgerrat, obwohl er darüber schweigt, auch die an die Stelle der angeblich aufgelösten Einwohnerwehr getretene geheime militärische Organisation reichlich mit Mitteln ve: sorgt. Offen spricht er nur über die Notwendigkeit der Unterstützung der Technischen Nothilfe, dieser Streif brechergarde des Kapitals. Und er gibt unumwunden zu, daß ihm von allen maßgebenden wirtschaftlichen Verbänden das Mandat erteilt worden ist, die vorbereitenden Maßnahmen für einen eventuellen Bürgerstreif" zu treffen. Der dokumentarische Beweis ist also erbracht, daß der Bürgerrat die Zentrale aller jener heimtüdischen reaktionären Maßnahmen ist, die gegen jede Regung des Proletariats, sich von seiner elenden Lage zu befreien, gerichtet sind.
Doch nicht nur gegen spontan aufflammende Massenbe wegungen des Proletariats sind die Maßnahmen des Büra gerrates gerichtet. Seine Hauptsorge gilt jenen Aktionen des Proletariats, die darauf hinzielen, die Sozialisie rung in den Mittelpunkt eines von der gesamten Arbeiterflaffe getragenen Kampfes zu stellen. Offen sagt der Bürs gerrat der Sozialisierung und Kommunalisierung den schärf Sten Kampf an. Offen ruft er alle Kreise des Bürgertums, vom Großkapitalisten bis zum verängstigten Mittelständler, zur Abwehr aller die Grundlage unserer Wirtschaft zers störenden Maßnahmen", d. h. zur Abwehr aller Maßnahmen auf, die den fapitalistischen Charakter des jetzigen Wirt schaftssystems bedrohen und der Arbeiterklasse den Weg zur sozialistischen Wirtschaftsform freimachen sollen.
Diese Kampfansage des reaktionären Bürgertums muß für die gesamte Arbeiterklasse eine eindringliche Lehre sein. Das Schreiben des Bürgerrats zeigt uns das wahre Gesicht der bürgerlichen Gesellschaft, mit ihrer heuchlerischen Moral und brutalen Unterdrüdungspraxis. Es zeigt uns aber auch, in welcher Richtung sich die Kraft der proletari. Ichen Massen entfalten muß, um allen Widerständen zum Trotz ihr Ziel, die Aufrichtung der sozialistischen Gesellschaft zu erringen.