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3. Jahrgang
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Dienstag, 28. Dezember 1920
Nummer 552
Morgen- Ausgabe
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greiheit
Berliner Organ
Der Unabhängigen Sozialdemokratie Dentfidlands
Ein neuer Antistreikerlaß
Der Reichsverkehrsminister Gröner gegen das„ Streikfieber"- Bedrohung des Koalitionsrechts
Ueberflüssige Menschen
Von Artur Crispien I.
der Eisenbahnbeamten und Arbeiter, Aufklärung" Massenelend ist in Europa und besonders auch in Deutsch statt Aufbefferung
Die Regierung wird nicht müde, die Beamten ihres Wohlwollens zu sichern. Die Behörden erklären unzählige Male, daß ihnen nichts mehr am Herzen liege als die Sorge
um
die Beamten. Die bürgerlichen Parteien führen rednerische Wettkämpfe um die Gunst der Beamten auf.
In Wirklichkeit möchten sie alle die Beamten ebenso wie
die Arbeiter im Elend verkommen lassen. Die Organisationen drängen um eine Verbesserung der Einkommensverhältnisse. Als Antwort erhalten sie immer neue Vertröstungen oder man wirft den Beamten und Arbeitern einige Bettelpfennige hin.
Vor den Kulissen des Regierungstheaters spendet man den Beamten und den Arbeitern schöne Worte. Hinter den Kulissen aber hält man schon die Peitsche bereit, mit der sie gezüchtigt werden sollen. Der Reichsverkehrsminister Gröner hat an sämtliche Zweigstellen, Generaldirektionen und Eisenbahndirektionen folgendes Telegramm verfchidt:
Der flare und feste Standpunkt der Reichsregierung zur Frage des Beamtenstreits( siehe Reichsverkehrsanzeiger 24) ist von den Herren Bräsidenten mit allem Nachbend zu vertreten. Hierzu werden folgende Richtlinien gegeben:
1. Mit den Beamtenpflichten unvereinbar ist eine zum Streit treibende Zätigteit von Beamten usw. in und außer dem Dienst. Die Vorkommnisse beim Kapp- Butsch haben den Beamten vollkommen die Köpfe verwirrt.
2. Streitagitation innerhalb der Dienststunden und Diensträumen ist unzulässig, Anschläge an Eisenbahngebäude, die zum Streit auffordern, find zu verhindern, ebenso die Vers teilung von Drudschriften unter der Beamtenschaft zum 3wed der Streitagitation.
3. Die geeigneten Mittel zur Befämpfung bes Streit, fiebers unter der Beamtenschaft find anzuwenden. Dazu ge hört insbesondere Aufklärung über die schweren Folgen von Bes amtenstreifs für den Einzelnen, für die gesamte Beamtenschaft und ihre Stellung im Staate, für den Staatsgedanken, sowie für unsere politische und wirtschaftliche Entwicklung überhaupt.
4. Reichsregierung und Parlament haben die Not der Beamten durch die im Dezember getroffenen Maßnahmen an erfannt und werden auch weiter auf eine Milderung dieser Rotlage hinwirken. Die unbesonnenen fortgelegten Streifandro ungen dagegen scheinen nur eine Aufgabe zu haben, eine gerechte und soweit es die Verhältnisse zulassen, befriedigende Lösung der Besoldungsfrage zu verhindern.
Gröner.
Die Regierung, in deren Einverständnis der Reichsverfehrsminister Gröner dieses Telegramm verschickt, will allo mit ,, Aufklärung", mit einer frischen Ladung schöner Worte, den Hunger der Beamten stillen. Auf falte Weise soll ihnen
Um die Orgesch
Die Behandlung der deutschen Note
Paris, 27. Dezember. Die Botschaftertonferenz hat sich heute mit der Note der deutschen Regierung vom 22. Dezember befaßt, die sich auf die Entwaffnung der Einwohnerwehren bezieht. General Weygand und General Nollet wohnten der Sigung bei. Wie der„ Temps" meldet, einigte man sich nach kurzer Zeit dahin, elliierten Regierungen überlassen werden müßte.
daß die Entscheidung dieser Frage angesichts der Wichtigkeit den
Diese Meldung beweist, wie außerordentlich wichtig, die Orgeschfrage von der Entente aufgefaßt wird. Die deutsche Regierung spielt mit ihrer Taltit ein gefährliches Spiel, das dem deutschen Volfe noch manche Unannehms lichkeiten bereiten fann. Man ist auf der Ententeseite viel zu gut über Deutschland unterrichtet, um sich durch noch so gut stilisierte und dramatisch ausstaffierte Noten umſtimmen zu lassen.
Arbeitslosenunruhen in Breslau
Nach einer W. T. B.- Meldung fand auf dem Schloßplaz in Breslau gestern, Montag nachmittag, eine Arbeitslosenver jammlung statt, die von der Kommunistischen Partei gegen den Willen der Gewerkschaften und des Erwerbslosenrates ein berufen worden war. Nach Schluß der Versammlung bildeten die Teilnehmer einen Zug, um nach dem Rathaus zu ziehen, trotzdem der Polizeipräsident Umzüge verboten hatte. Die Menge griff die zum Schute des Rathauses bereitgestellte Bolizei, die den Zug
die freie Verfügung über ihre Arbeitstraft, das Streit recht, genommen werden.
Nicht durch Verbesserung der Lebenshaltung der Beamten und Arbeiter soll das„ Streiffieber" bekämpft werden, nicht durch die Anerkennung ihrer berechtigten Forderungen, sondern durch Berbot der Streifagitation, durch Maßregelung
der im Vordergrunde der Bewegung Stehenden.
Denn darüber darf man sich keinem Zweifel hingeben: das Telegramm des Reichsverkehrsministers richtet sich nicht allein gegen das„ Streiffieber", sondern gegen das Koalitionsrecht der Beamten und Staatsangestellten, gegen ihre Betätigung in gewertschaftlichen Formen.
Die Regierung irrt sich aber darin, wenn sie glaubt, daß lung gefallen lassen werden, wie zu Zeiten des wilhelminidie Beamten und Arbeiter sich heute noch dieselbe Behandschen Regimes. Mit seinem Telegramm wird Herr Gröner nur das eine erreichen, daß die Erregung, in den Eisenbahnerfreisen sich aufs höchste steigern wird. Aus den Organisationen der Eisenbahner wird denn auch schon mitgeteilt, daß sie und die Regierung Bertragsfontrahenten seien und daß die Regierung verpflichtet fei, die Beamten den Verhältnissen entsprechend zu entlohnen. Da das die Regierung bisher nicht getan habe, sei fie vertragsbrüchig geworden. Die Beamten nähmen ebenso wie die Arbeiter das Recht für sich in Anspruch, auch durch das Recht des letzten gewerkschaft lichen Mittels, den Streit, ihre Forderungen zu er zwingen.
Die Unfähigkeit der Regierung, die sich mit ihrem schlechten Willen paart, hat somit eine neue Konflikts stimmung geschaffen. Wenn sie nicht das Wirtschaftsleben in eine Ratastrophe hineintreiben will, so hat sie die Verpflichtung, nicht nur ihren Antistreiferlag vom 17. De zember sofort zurüczuziehen, sondern auch ebenso schnell die Zurüdnahme der Grönerschen Anweisung zur Bekämpfung der Streifagitation zu veranlassen.
Das wichtigste aber in dieser Stunde ist, daß die Lebens verhältnisse der Beamten und Arbeiter sofort eine den Verhältnissen entsprechende Aufbesserung erfährt!
Kein Zweifel: Nur ganze Arbeit tann uns helfen. Das land so riesengroß geworden, daß Millionen Menschen vor ihrem unmittelbaren Untergang stehen und Millionen Mens schen fluchtbereit sind. Nach neuesten Zeitungsberichten sollen schon bis jetzt 15 Millionen Europäer durch die Transatlantischen Linien dem amerikanischen Einwandes rungskommissar gemeldet sein. Darunter über 5 Millios nen Deutsche. Dr. Mar Hirsch schrieb dieser Tage im „ Berliner Tageblatt", es scheine eine verhängnisvolle Tats fache zu sein, daß Deutschland im nächsten Jahr nicht viel mehr als 50 Prozent seiner Bevölkerung aus eigenen Les bensmittelvorräten wird ernähren tönnen. Dr. Mar Hirsch wendet sich trotzdem gegen die Auswanderungsbestrebungen. Freilich aus biologischen oder rassenhygienis fchen Sorgen. Er befürchtet, von der Annahme ausgehend, daß die Auswanderer sich in der Hauptsache aus tatkräftigen Elementen zusammensehen, Beeinträchtigung der Regenes rationsfähigkeit des deutschen Boltes, wenn ihm durch die Menschen zugefügt werde. Dr. Mar Hirsch empfiehlt deshalb Auswanderung ein dauernder Verlust der bestveranlagten die wiederholt auch von der Unabhängigen Sozialdemokratie geforderte Urbarmachung der in Deutschland immer noch vorhandenen 2 Millionen Heftar Ded- und Moorland, wo zu noch 2% Millionen Heftar Sumpf fommen, die entwässert und bebaut werden könnten. Sier sei ein Betätigungsfeld für die Auswanderungsluftigen.
Wir schließen uns der erneut erhobenen Forderung der Nutzbarmachung des Ded, Moor- und Sumpflandes durch aus an. Leider hat man in Deutschland für diese große Kule turarbeit nichts übrig gehabt. Dafür desto mehr Milliarden für den Massenmord.
Doch mit der Nutzbarmachung von Oed-, Moor- und Sumpfland ist das Problem der Uebervölte rung feineswegs gelöst, das alle Kreise gegenwärtig lebs hafter denn je beschäftigt. Gibt es doch Leute, denen der Gräber, die als Denkmale des Krieges weite Länderstrecken bedecken, ganz und gar nicht genug sind. Leute, die das Mass senelend durch Vernichtung immer neuer Menschen zu bes feitigen raten. Berflucht einfach und wirksam. Denn in der Tat, wenn die Menschen ausgerottet sind, ist auch das Masa senelend verschwunden.
Der bekannte alldeutsche Professor Gruber schätzt, daß wir in Deutschland nicht weniger als 20 Millionen Men schen zuviel haben. Kapitalisten, wie Stinnes 3. B find derselben Meinung und empfehlen den Arbeitern die Auswanderung. Nicht wenige, die sich gute Christen nennen, erhoffen von dem Massensterben, das Deutsch lands arme Klassen in immer verstärkterem Maße heimsucht, eine Beseitigung der Uebervölkerung. So ist der kapitaliauch eine Wohltat. Serr, Deine Wege sind ebenso wunders bar, wie unbegreiflich!
Die Forderungen der Post- und Telegraphenbeamten Die in der Reichsgewerkschaft der Post und Telegraphenbeamten vereinigten Verbände mit über 200 000 Mitgliedern haben sich in bezug auf die Erhöhung des Teuerungszuschlags auf den Boden der Forderungen des Deutschen Bestische Kindermord zwar eine Geißel Gottes, aber zugleich amienbundes gestellt. Die Forderungen gehen dahin: Erhöhung des Teuerungszuschlags von 50 Prozent auf 75 Prozent, Festlegung eines Mindestteuerungszuschlags, und zwar für die Ortstlasse A von 7000 Mart.
aufhalten wollte, an. Nachdem die Polizei Schreckschüsse abgegeben hatte, zerstreute sich die Menge. Durch zurückprallende Rugeln wurden einige Personen verwundet, mehrere Beamte wurden durch Schläge und Steinwürfe, ein Pferd durch Messer stiche verletzt. Drei Personen wurden in das Allerheiligenhospital eingeliefert, von denen eine ihren Verlegungen erlegen ist. Vor dem Rathaus fanden später noch Ansammlungen statt, die nach Verhaftung einiger Personen zerstreut wurden.
Die Breslauer Vorgänge beweisen erneut, daß die Heranziehung von Polizei gegen friedliche Demonstranten das Aufreizendste und Dümmste ist, das eine Behörde machen fann. Es geht ohne Polizei, unblutig und ruhig, wie die Berliner Arbeitslosenfundgebungen bewiesen haben. Die Arbeitslosen sind keine tollen Sunde, die man mit bewaffneter Macht im Baume halten muß. Wann wird der preuBische Polizeigeist das einmal einsehen?
Franzöfifcher Parteitag
Baris, 27. Dezember.
Der Sozialistentongreß in Tours lehnte den Antrag, die Entscheidung über den Anschluß an die Dritte Internationale einstweilen aufzuschieben, a b. Als erster Stedner Sprach Sem Sat, ber sich gegen den Anschluß aussprach.
Buchbenderstrekt in der Schweiz. Infolge von Lohnstreitigkeiten ift im Schweizer Buchdrud- und Zeitungsgewerbe Streit ausge brochen. Die Arbeit wurde in Bern und Et. Gallen völlig, in Genf teilmeise eingestellt. In den übrigen Städten der Schmei erscheinen die Zeitungen noch.
Kein Unsinn ist zu groß, als daß er nicht Kommunisten fände, die seine Propheten würden. Auf dem ersten Bes triebsrätefongreß bezog sich ein Kommunist in seiner Rede auf die Gruberiche Behauptung, nach der in Deutschland gea genwärtig 20 Millionen Menschen zuviel vorhanden wären. Da diese überschüssigen Menschen schließlich vor dem Hungertod ständen, schien es dem Kommunisten nühlicher und ehrenvoller zu sein, wenn die Uebervölkerung durch einen frisch- fröhlichen Bürgerkrieg behoben würde. Es müßte fchon ein sehr frischer" Bürgerkrieg sein, um die Bevölke rung Deutschlands von 60 auf 40 Millionen Menschen herunterzubringen. Das Massenschlachten während der viereinhalb Kriegsjahre hat Deutschland" nur" 2 Millionen Menfchen gekostet.
Sandelte es fich für Deutschland nur um den zahlenmäßigen Verlust von Bollsgenossen, meint Dr. Max Hirsch, so müßte man sich unter den gegenwärtigen Verhält nissen wohl oder übel damit abfinden. Denn Voltszahl und Nahrungsmittelvorrat feien forrelative Größen. Das heißt, die Zahl der Menschen steht in Wechselbeziehungen zur Menge der Lebensmittel. Gins hänge vom anderen ab. Offenbar haben wir es hier mit einem Hinweis auf jene Bevölkerungstheorie von Malthus zu tun, auf die ich noch zurüdtommen werde.
Zunächst möchte ich jene immer wiederkehrende Behaup tung zurüdweisen, als hätten wir erst nach dem Kriege unter dem Vorhandensein ,, überflüssiger Menschen" zu leiden. In zahllosen Artikeln in der Presse, in vielen Flugfchriften und Broschüren wird darauf hingewiesen, daß Deutschland mit dem Krieg agrarische Ueberschußgebiete verloren habe. Ohne bie Gebiete, über die durch Boltsabstimmung entschieden wer den soll, hat Deutschland durch den sogenannten Friedensver trag 14,4 Prozent( 77 500 Quadratkilometer) feines Flächen inhalts und 12,7 Prozent( 8,2 Millionen Menschen seiner Bevölkerung verloren. Der Verlust an agrarischen Ueber Schußgebieten, der Niedergang der Produktion, vor allem in der Landwirtschaft, der Zustrom von Flüchtlingen und