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Sonntag, 6. Februar 1921

Nummer 61

Morgen- Ausgabe

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Freiheit

Berliner Organ

Der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Lloyd George über Paris

auswärtige Angelegenheiten, oder seien es die Männer son 1914?

Die Schuld der Kreditbewilliger man werde niemals gestatten, bas bie Alalle, die den Krieg

London, 5. Februar.

In feiner aus Anlaß der Verleihung des Ehrenbürgerrechts in Birmingham gehaltenen Rede erklärte Lloyd George, die Pariser Konferenz, die mit Bezug auf gewaltige Fragen in einer Woche zur Uebereinstimmung gelangt sei, sei sich bewußt gewesen, daß

provoziert habe, ben Mächten Trok biete. Die legten Er­tlärungen des Premierministers sollen nach der Meldung des Temps einen stürmischen Beifall gefunden haben.

Die falsche Front!

In Bayern haben sich die Kommunisten mit den schwär zesten Reaktionären in eine Einheitsfront gestellt. Sie leh­nen die Pariser Beschlüsse ab und wehren sich ebenso wie die Nationalisten gegen jeden weiteren Verhandlungs versuch. Diese Haltung, die natürlich als die alleinig ,, revolutionäre" hingestellt wird, hat die bayrischen Natio­nalisten in helle Berzüdung versezt. Es ist schon eine Art Bundesbrü d'erschaft zwischen den Studenten und ben sogenannten Kommunisten geschlossen worden. In der Eisner ins Leben rief, wird heute für eine Einheitsfront zwischen Bourgeoisie und Proletariat in so unverblümter Weise Stimmung gemacht, daß es für die sonderbaren Ge­stalten, die sich anmaßen, die berufenen Führer der Arbeiter= schaft zu sein, nur eine Kennzeichnung gibt: es sind poli= tische Narren!

es unmöglich sei, den Welthandel wieder herzustellen, bevor in Dr. Simons und die Gewerkschaften Münchener. Neuen Zeitung", dem Blatte, das einst Kurt

Mitteleuropa normale Berhältnisse herrschten. Erste Borbedin gung dafür sei die Wiedereinstellung eines mitt­lichen Friedens, der abhänge von der Respektierung der Friedensnerträge. Deutschlands Militärmacht müsse unwiderhers fellbar gebrochen werden. Deutschland habe bereits ausgeliefert 31 000 Gesmüße, 33 Millionen Granaten, 70 000 Maschinenge­wehre, 3 Millionen Gewehre, 411 Millionen Patronen. Deutsch land habe aber noch immer zu viel Kriegsmaterial und Muni tionsherstellungsmaschinen und zu viel ausgebildete Mann­schaften. Lloyd George sagte, die Deutschland vorige Woche über­reichte Rechnung sei aufgestellt worden im Berhältnis zu Deutsch­lands Wohlfahrt, da Deutschland angesichts seiner augenblicklichen Lage zuerst nur ein Minimum bezahlen tönne. Simons, der ein außerordentlich aufrichtiger Staatsmann sei, beflage sich darüber, daß die Rechnung der Alliierten nicht vollständig sei. George sagte, Deutschland fönne die gesamte Rechnung haben, die fertig vorliege, er rate jedoch zur Annahme der bereits vorge legten Rechnung. Deutschland möge sich nicht durch augenblid­liche Leidenschaften dazu verleiten lassen, bie Torheiten von 1914 zn miederholen. Deutschland sei noch nicht so besteuert, wie Frant reich und Großbritannien. Die Forderungen der Alliierten seien gerecht und müßten durchgesetzt werden.

Die Alliierten wollten feine strengen Maßnahmen gegen Deutschland ergreifen, es sei denn, daß sie sich noch dem Deuts land von ehemals gegenüber befinden, das sich bemühe, sich den Folgen des Vertrages, den es unterzeichnet habe, zu entziehen, bas entschlossen sei, heute mit den Berträgen dasselbe zu tun, was es mit den früheren Verträgen getan habe, die es wie Fegen Papier zerrissen habe.

Deutschland tönne bezahlen, wenn es wolle. Die deutschen Steuern feien nicht so hoch, wie bie in Großbritannien und Frank­reich. Es sei nötig, daß das Land, welches Schaden ange richtet habe, feine Verpflistungen gegenüber den beiden Län­dern erfülle, die die Opfer eines unprovozierten Angriffes ge= worden seien. Man sage, die deutschen Autofraten hätten den Krieg verursacht und nicht das deutsche Bolt. Das ganze deutsche Boll aber, einschließlich der Sozialisten, sei verantwortlich für den Krieg, und alle würden sich gern in die Siegesbeute geteilt haben. Schließlich erklärte Lloyd George, die Reparationslast, die man Deutschland auferlege, fei nicht übertrieben. Für die beiden ersten Jahre sei bie Belastung Deutschlands nicht so groß, wie die Englands und Frankreichs, die allein aus den Kriegspensionen herrührten. Es jei falich, dah man daran dente, dem deutschen Arbeiter ein wirtschaftliches Sflaventum aufzuzwingen. Solle vielleicht der französische Arbeiter bezahlen, der während des Krieges dem Eindringling herzhaft stand gehalten habe. Die Forderungen der Antierten seien gerecht und es müsse ihnen Folge geleistet werden. Dr. Simons habe gesagt, ez habe andere Borschläge zu machen. Das sei recht; menn seine Vorschläge recht und billig seien. so würden die Alliierten davon Kenntnis nehmen. Wenn sie aber nur ein Manöver seien. um der Repa rationspflicht zu entgehen, dann müßten die Alliierten hans deln. Simons habe während der Konferenz in Spa den Ein brud eines gerechten und verständigen Mannes gemacht, aber wer vertrete das heutige Deutschland? Sei es der Minister für

Der russische Gewerkschaftsstreit

D. E. Helsingfors, 5. Februar. In einer fommunistischen Parteiversammlung der Petersburger und Kronstädter Matrosen und Sajenarbeiter verteidigten Trogfi und Ginowjew ihrenStandpunkt in der Gewerkschaftsfrage. In der Diskussion machte der Kommissar der Baltischen Flotte Raskolnikow, ein Anhänger Troytis, den Matrosen den Vorwurf, fie wären für die Thesen Lenins und Sinojews, weil sie davon bie Wiedereinführung der gewählten Komitees in der Armee und Flotte erwarteten. Ginojen trat bief Auffassung entgegen. Die Resolution Sinojews, die zum Ausdrud bringt, daß die militä­rischen Methoden wohl in der Armee und Flotte, aber in den Ge­wertschaften nicht in vollem Umfange anwendbar seien, wurde gegen die Resolution Trogtis mit erdrüdender Mehrheit angenommen.

Trogli beschwert sich darüber, daß ihm in der Petersburger Presse tein Raum zur Darlegung seiner Ansichten über die Ge­werij haftsfrage gemährt werde. Die Lage ist noch feineswegs getlärt. Wie Sinojew in der Petersburger Prawda" mitteilt, haben sich die Stimmen im Zentralfomitee der russischen Kommu nistischen Partei in dem Streit um die Gemertschaftsfrage zu gleichen Teilen gespalten. Die Lage sei ernst und lönne nur durch ben Parteifongreß zur Entscheidung gebracht werden.

Berlin, 5. Februar.

Der Reichsminister des Aeußern nahm heute Gelegenheit, sich im Herrenhaus mit etwa 200 Vertretern der deutschen Gewerkschaften über die durch die Pariser Beschlüsse geschaffenen Lage auszusprechen. Der Minister beantwortete im Laufe der Aussprache eine Reihe von Fragen, die ihm aus der Bersammlung vorgelegt wurden. Es ergab sich dabei voll. fommene Uebereinstimmung der Vertreter der Ge­werkschaften mit dem von der Regierung eingenommenen Stand­punit.

Es wäre erfreulich, wenn die Deffentlichkeit über die Be: schidung und den Verlauf dieser seltsamen Versammlung, die sich angeblich durch so brüderliche Uebereinstimmung ausgezeichnet hat, näheres erfahren würde. Diese Allüren erinnern in recht unangenehmer Weise an 1914. Vielleicht ist die Frage gestattet, welche Gewerkschaften vertreten ist die Frage gestattet, welche Gewerkschaften vertreten maren und woher die Delegierten das Mandat für diesen Schritt hatten?

Besprechungen mit den Staats- und Ministerpräsidenten Berlin, 5. Februar.

Amtlich. Unter dem Borsiz des Reichstanzlers fand heute eine Besprechung der Staats- und Ministerpräsidenten mit dem Reichskabinett über die durch die Note vom 29. vorigen Monats geschaffene politische Lage statt. Der Minister des Auswärtigen gab einleitend eine Uebersicht über den Inhalt und die Bedeutung der Ententeforderungen und über die Stellung und die weiteren Absichten des Reichskabinetts. Der Reichswirtschaftsminister er gänzte diese Ausführungen nach der wirtschaftlichen Seite. Der Reichsminister des Innern legte die im Inland zu ergreifenden Maßnahmen dar.

Sämtliche Anwesende erklärten ihr grundsägliches Ein­nerständnis mit der Stellungnahme des Reichs= fabinetts, wie sich diese aus der Reichstagsrede des Ministers bes Auswärtigen vom 1. dieses ergibt.

Die Einladung nach London

DA. Berlin, 5. Januar.

Wie die Dena" au amtlicher Stelle erfährt, hat der französische Botschafter 2aurent anlählich eines Besuches beim Reichsminister des Auswärtigen diesem im Auftrage des Präsidenten der Parijer Konferenz mündlich die Einladung übermittelt, deutsche bevollmächtigte Bertreter auf ben 1. März zur Konferenz nach London zu entfenben. Minister Dr. Simons hat sich die Antwort vorbehalten.

Lung äußerte sich einer der Führer der Deutschnationalen, Graf von Kanig, am 21. Oftober 1919:

Man tann faum verlangen, daß alle Bewohner des Abstim mungsgebietes für Preußen( Deutschland) stimmen werden, wenn fie wissen, fie tommen wieder in die Zwangswirtschaft.( Stenos gramm Spalte 5424.)

Damit niemand den Herrn Grafen mißverstehe, setzte er ausdrücklich hinzu: Vergessen Sie nicht, daß der Pole für den ostpreußischen Roggen 60 Mart pro Zentner zahlt!" Als Zwischenrufe die landesverräterische Gesinnung des Herrn Grafen brandmarkten, fuhr er höhnisch fort:" Jeder macht's so gut er's tann! Außerdem ist es nicht meine Sache, das Rationalgefühl zu wecken, sondern die der Re­gierung."

er=

Dafür wurde der Herr Graf aber sofort national bis auf die Knochen, als ein Geschäft wintte. Um höhere Zuschüsse für die ostpreußische Pferdezucht zu wirken, erzählte er der preußischen Landesversammlung: ,, Wer weiß, wie die Zeiten noch einmal werden; vielleicht wer­den mir doch einmal etwas mehr Kavallerie halten müssen und dürfen."

Und dieser Patriot ,, ist jetzt Spitzenkandidat der Deutsch­nationalen für die Reichstagswahl in Ostpreußen!

Nationalismus und Geldbeutel Anläßlich der Versuche der bürgerlichen Parteien, wiederum eine nationale Einheitsfront herzustellen, ist es nüglich, an die enge Verbindung zu erinnern, die bei diesen Prozentpatrioten stets zwischen ihrem Geld. beutel und ihrer jeweiligen politischen Saltung besteht. In der preußischen Landesversammhafteten zu führen.

Fortdauer des pfälzischen Milchstreits. Der Milchstreit in der Westpfalz hält immer noch an. Am Freitag erschien der Vor­ihende der Freien Bauernschaft Pflug aus Heltersberg im Automobil in der Westpfalz, um die Landwirte zum Wetterstreiten aufzufordern. Im Laufe des Tages fanden weitere Rundgebungen vor den Gefängnissen und Regierungsgebäuden stait, ohne jedoch zur Entlassung der Ber

In Nr. 642 der genannten Zeitung wird an der Spitze eine Zuschrift des Führers der Münchener nationalistischen Studenten, Dr. Hans von Sentig, veröffentlicht, also jener Studenten, die während der Kapptage mit dem Frei­ins Ruhrgebiet zogen und dort unter der forps Epp Arbeiterschaft eine fürchterliche Schlächterei ver­anstalteten. Herr von Hentig versucht seine neugewonnenen fommunistischen Freunde damit zu vertrösten, daß die Stu­denten damals erschüttert vor jenen Arbeiterleichen geftan­den und das Grauen über den ganzen Widersinn dieses Bruderfampfes wie eine Lähmung empfunden" hätten. Er will bamit eine Brüde schlagen hinüber zur Arbeiter­schaft, und das gelingt ihm in der Tat. Denn der Führer der bayrischen Kommunisten, O'tto Thomas, ein Mann mit einer sehr leicht auswechselbaren Meinung, reagiert so­fort auf das Anerbieten. Er freut sich über die wachsende Einsicht in den akademischen Kreisen", also bei den Studenten, die bisher von den Kommunisten schlechthin, und zwar nicht ganz mit Unrecht, als Arbeitermörder be­zeichnet wurden. Er hält die Zeit für gekommen, wo sich zeitfreiwillige Mordstudenten und Proletarier die Hände reichen, um gemeinsam ein neues Deutschland, eine neue Welt, zu bauen". Während wir aus der Roten Fahne" dauernd die Losung vernehmen, die Bourgeoisie müsse vom Proletariat entwaffnet werden, schwärmt Otto Thomas von einer brüderlichen Verteilung der Macht und der Waffen.. Er schreibt:

Zeilt mit uns die Waffen! Laßt uns einen Nährstand und einen Wehrstand schaffen, eine Front, eine Linie. Lagt uns die Banten und die Börsen, die Fabriken und Zechen, den deutschen Boden, und was er an Gütern und Erzen enthält, zum Eigentum der Nation machen, und die Nation wollen wir gemeinsam vere teibigen gegen alle Spekulanten der Welt."

Durch seinen nationalistischen Rausch nun einmal in den Wahn verseht, daß die Bourgeoisie auf Grund einer güt. lichen Berständigung dem Proletariat ihr Eigentum herausgeben und ihre Macht widerspruchslos abtreten fönnte, versteigt sich Herr Otto Thomas dann zu der Be­hauptung, daß der Tag, da wir uns erheben müssen, be= reits gefommen sei. Studenten und Arbeiter sollen auf die Straße ziehen, die revolutionäre Bolfserhebung ausrufen" und den Krieg, der noch nicht zu Ende ist, gemeinsam mit Rußland aufnehmen.

Da die wirren Juustonen eines Narren immerhin einigen Deutschland noch so viele gibt, wollen wir allen denen, die Boden finden fönnen, da es der Narren leider Gottes in von einer revolutionären Erhebung durch einen freiwilligen Verzicht des Bürgertums auf seine Macht, träumen, doch den Kernfaz der sozialistischen Lehre ins Gedächtnis zurückrufen, daß das Proletariat nie und zu keiner Zeit in den Besit der Macht fommen fann, es set denn, daß es diese Macht dem Bürgertum in einem zähen Kampfabgerungen habe.

Die Stimmung unter den bayrischen Kommunisten deutet allzusehr auf jene Zeit in Ungarn hin, wo die Bourgeoisie ebenfalls, weil sie feinen anderen Ausweg mehr kannte, dem Proletariat freiwillig die Macht übertrug. Der Ausgang dieser Revolutionsspielerei ist bekannt, die Enttäuschungen find so schmerzlicher Natur, daß das ungarische Proletariat auf Jahre hinaus zerschmettert am Boden liegen wird. Aber menn jemand aus der Geschichte nichts lernt, so sind es die Kommunisten. Denn obwohl die Katastrophe der ungarischen Räteherrschaft und ihre Ursachen gerade in der kommunistis schen Presse sehr eingehend erörtert worden sind, finden sich heute wieder Führer" dieser Partei, die die allgemeine Verwirrung ausnügen möchten, um unter den gleichen Be dingungen wie in Ungarn zur Herrschaft zu gelangen! Die Katastrophe wäre natürlich auch hier unausbleiblich, und gerade deshalb muß die Arbeiterschaft mit scharfem Blic alle Vorgänge überwachen, damit sie jederzeit in der Lage ist, den Katastrophenpolitikern aller Schattierungen eine geschlossene Abwehrfront entgegenzustellen.

Die Bundesbrüderschaft der bayrischen Kommunisten mit den Reaktionären und Nationalisten ist um so bezeichnender, als gerade die bayrische Regierung in der Frage der Pariser Beschlüsse eine Haltung einnimmt, die geradezu auf die Entfesselung einer Katastrophe hinwirkt. Natürlich nicht im im

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