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4. Jahrgang
Dienstag, 17. Mai 1921
Nummer 224
Abend- Ausgabe
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greibeit
Berliner Organ
ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Reparation und Rabinettserweiterung Ruhepausen der Revolution
Die Erfüllung des Ultimatums Deutschland zahlt sofort 150 Milliarden Goldmark
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Berlin, 17. Mai.
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In Ziffer 5 des Ultimatums hat sich die deutsche Regierung ver pflichtet, innerhalb von 25 Tagen eine Milliaade Goldmart in Gold oder anerkannten Devisen, oder in deuchen Scjahanweisungen mit breimonatiger Laufzeit zu bezahlen. In us führung dieser Verpflichtung hat die deutsche Regierung ents sprechend ihrem Vorschlag in dem Vermittlungsantrage an die amerikanische Regierung der Reparation om= mission zunächst eine sofortige 3ahlung von 150 Millionen Goldmark fast ganz in ausländis en Devisen angeboten. Sobald die Reparationstommis on bie Empfangsstelle benannt hat, werden die 150 Millionen Gon mart überwiesen werden. Vor Ablauf der 25tägigen Fris also Ende Mai, wird der Reparationsfommission eine weitere 3ahlung in bar, der Rest in deutschen Schaganweisungen, ges leistet werden. Wie wir hören, sind Dispositionen getroffen, welche bie Einlösung dieser Schahanweisungen innerhalb des vorges hriebenen Zeitraumes sicherstellen.
Kabinettsergänzung nach Rechts?
Die„ B. 3. am Mittag" bringt die Mitteilung, daß der Reichskanzler Dr. Wirth Verhandlungen mit dem leitenden Dis rektor der Kruppwerke, Dr. Wiedtfeld ein geleitet hat, mit Dem Ziele, ihn als Außenminister zu gewinnen. Ferner wird mitgeteilt, daß auch mit bayrischen Politikern über ben Eintritt in rettor der Kruppwerke, Dr. Wiebtfeld eingeleitet hat, mit
maglichkeit angedeutet, bie Regierungsfoalition furch den Sinzu
tritt der Deutschen Boltspartei zu erweitern. warten sein wird, so ist doch schon in diesem Augenblick der
ern auch eine Bestätigung dieser Mitteilungen abzu
Sinweis geboten, daß alle diese Pläne geeignet erscheinen, den günstigen Eindruck, den die Erklärungen des Reichs: Janzlers Dr. Wirth auch im Auslande hervorgerufen haben, zu erschüttern. Die Verbindung mit den Leuten, die die Annahme des Ultimatums abgelehnt haben, würde Deutschlands Stellung erneut wieder in jenem zweideutigen Licht erscheinen lassen, das bisher jede Verständigung unmöglich gemacht hat.
Dr. Wirth über die Entwaffnung
Taten unmittelbar bevorstehend
Der Reichstanzler Dr. Wirth äußerte sich in einer Unterredung mit dem Chefredakteur der ,, Germania" über die Ausführung der von uns angenommenen Londoner Beschlüsse folgendermaßen:
Also wir haben Ja gefagt. Es war ein aufrichtiges, ehrliches Ja. Wir knüpfen daran teine Bedingung im Sinne von formalen Konstruktionen, die die Aufrichtigkeit des Ja einschränken fönnten. Ich spreche also nicht von BeMingungen. Ich werde auch, was in meinen Kräften steht, das hin wirken, daß Entwaffnung und Leistungen an Sachgütern wie an Geld alsbald getätigt warden und hoffe, daß bereits in der nächsten Woche Weljungen ergehen können, die den Alliierten zeigen, daß wir nicht mit Worten spielen, sondern daß wir zu Taten, was in unferen Kräften steht, bereit sind. Unser Ja hat, so glaube ich, zu einer großen Entspannung der internationalen Lage geführt. Ich hoffe, daß baldige Leistungen auch auf dem Gebiet der Entwaffnung diese Spannung nollenden werden. So Gott will, wird man balb jagen tönnen in der Welt: Legt die Finte weg und fehrt alle zum Pflug und zum Amboß zurüd" Diese Anfündigung, daß noch in dieser Woche Schritte in bedug auf die Erfüllungen ber Bebig gungen der Entente Bedingungen über die Entwaffnung erfolgen werden, ist zu begrüßen, doch wird man mit einem endgültiges Urteil zurüchaften
müssen, bis man diese Schritte selber tennen gelernt hat.
Frankreich und England über Oberschlesien
rait
Mißverständnisse oder Uneinigkeit? mutigt, auch, feinen Waffenstilstand nit den Aufrührern unter
London, 17. Mai.
„ Daily Expreß" zufolge, ist Frankreich ein neues Memo randum der englischen Regierung zugestellt worden, in dem darauf hingewiesen wird, daß die Rede Lloyd Georges in Frankreich augensgeinlich misverstanden worden fei, insbesondere seine Erklärung bezüglich der Erlaubnis, die Deutschland erhalten sollte, in Oberschlesien einzugreifen. Das Blatt jagt weiter, die englische Regierung wolle, daß alle mög lichen Schritte unternommen würden, um die Erfüllung des Friedensvertrages zu sichern, sowohl durch die Polen als auch die Deutschen.
Englisch- französischer
Notenwechsel
Frankreichs Haltung zu Oberschlesien
London, 15. Mai. Savas meldet: Hier wird versichert, daß die englische Regierung durch Vermittlung ihres Botschafters, Lord Hardinge, Briand eine Note über die Ereignisse in Oberschleiten übermittelte. Diese Note soll Argumente entwideln, die denjenigen, welche der englische Premierminister am gleichen Tage im Berlaufe seiner Rede vorbrachte, sehr ähnlich seien. In dieser Note habe Lloyd George Briand gebeten, sobald als möglich mit ihm in Boulogne zusammenzukommen, um die Lage zu prüfen. Briand soll Lloyd George geantwortet haben, indem er den französischen Standpunkt 10 zum Ausdruck brachte, wie er bereits befannt ist und wie er ihn übrigens durch die Erklärungen den Vertretern der Bresse gegenüber bekannt gegeben hat. Der französische Ministerpräsident hat den Wunsch ausgedrückt, Oberschlesien in Gemäß heit des Friedensvertrages und der Boltsabstimmung zugesprochen zu sehen, und den englischen Premierminister wissen lassen, daß er über diese Sache nicht mit ihm verhandeln könne, bevor er mit dem französischen Parlament Fühlung genommen habe.
Die Kammer soll nächsten Donnerstag ihre Arbeit wieder aufnehmen. Paris, 15. Mai.
Wie„ Petit Parifien" berichtet, wird in der Antwort der französischen Regierung auf die an sie gerichtete englische Note über Oberschlesien unter anderem gesagt, menn auch in gewissem Maße Polen die Verantwortung für die Ereignisse in Oberschlesien zufalle, so habe die polnische Regierung doch eine torrefie Haltung beobachtet und die Grenze gesperrt. Die Note erinnere auch an die Verantwortlichkeit Deutschlands und brüde Verwunderung darüber aus, daß die englische Regie rung noch nicht die von der Botschafterkonferenz beschlossene Demarche in Berlin ausgeführt habe. Die französische Regierung bestätige formell, daß die Vertreter Frankreichs in Oberschlesien niemals eine Politit der vollendeten Tatsachen er.
Festehung einer Demattationslinie abgeschlossen hätten. Endlich leugne man französischerfeits, jemals die Absicht gehabt zu haben, das gesamte oberschlesische Bechen nötigenfalls mit schließlich, daß, wenn Deutschland in Oberschleiten mit Waffenge Gewalt Palen zuzusprechen. Die französische Regierung erffäre walt eingreife, Frankreich auf einen Fall dem paffiv zusehen
föyne.
Petit Barisien" fügt hinzu, ein bewaffneter Gingriff Deutschlands in Oberschlesien würde riotwendigerweise als Ver legung des Friedensvertrages von Versailles, also als casus belli angesehen werden.
London, 16. Mai.
Times" erfährt, daß der britische Botschafter in Baris, Lord Hardinge, eine interredung mit Briand über Oberschlesien hatte und dem franzischen Premierminister die Ansicht der britischen Regierung unterbreitete, die in der Unterhausrede loyd Georges am Freitag dargelegt war. Im Leitartikel fordert die„ Times" auf, ruhig Blut zu bemahren. Lloyd George habe am Freitag nicht gesagt, daß man es Deutschland gesta ten solle, in Oberschlesien auf eigene Faust die Ordnung wieber herzustellen. Das Blatt ist der Ansicht, ohne Wiederherstellung Bolens jei ein dauernder Friede in Europa nicht erreichbar. Eine der Hauptschwierigkeiten sei jedoch dabei die Erziehung der Bolem selbst zu Berant wortungsgefühl und zur Anwendung politischer Mäßigung. Bolen müsse im eigenen Interesse peinlichst den Geist und den Buchstaben des Versailler Vertrages beobachten. Times ist der Ansicht, nicht wieder gutzumachender Schaden fönne der Lage des europäischen Friederis und daher auch Frankreich zugefügt werden, wenn die Schwierigteiten einer oberschle= gebietes oder anderer Teile Deutschlands benutzt würden.
Von Otto Bauer
„ Die Sowjetrepublik darf nicht mehr mit einem schnellen Siege der Weltrevolution rechnen", so sagte Lenin auf dem Parteitag der russischen Bolschewifi. Die Kapitalisten jubeln. Gibt nicht Lenin selbst die Hoffnung auf, die Weltherrschaft des Kapitals zu brechen? Begründet er damit nicht die Wiedereinführung des freien Getreidehandels in Rußland, die Auslieferung russischer Bodenschätze an ausländische Kapitalisten, den Friedensschluß mit Polen und den Verzicht auf die revolutionäre Politit in Vorderaften? Darf Mr. Lloyd George nicht Lenin loben, da der Führer der Sowjetrepublik mit der Fortdauer des Kapitalismus zu rechnen, sich seiner Macht zu beugen beginnt?
Wie so oft in der Geschichte, war auch diesmal die Niederlage auf den Schlachtfeldern die Quelle der Revo= Iution. Nur die besiegten Länder sind von der Revo lution erfaßt worden; in den Siegerländern blieb die Macht der herrschenden Klassen ungebrochen. So herrscht in den Ländern, die über die Rohstoffe, die Nahrungsmittel, die Kapitalien der Erde verfügen, deren Flotten das Weltmeer, deren Heere die Kontinente beherrschen, der Kapitalismus. Seine Weltherrschaft sett der Revolution der besiegten Län der ihre Schranken.
Aber auch innerhalb der revolutionierten Länder selbst ist die Revolution auf eine furchtbare Schranke gestoßen. Es ist der Gegensag zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft, zwischen dem Arbeiter und dem Bauern, an dem die Kraft der Revolution ihre Grenze fand. In Rußland konnte das Proletariat die Auflehnung der Bauernschaft gegen eine noch halbfeudale Agrarverfassung ausnügen, um sich der Staatsgewalt zu be mächtigen; aber sobald der Bauer die Ueberbleibsel des Feu dalismus zerstört, fich des Bodens der Grundherren bemäch tigt hat, sobald er als freier Eigentümer auf seinem Boden ligt, zwingt er, wie die Wiedereinführung des freien Getreibehandels so deutlich zeigt, durch die unbesiegbare Kraft seines passiven Widerstandes der aus dem Proletariat hervorgegangenen Staatsgewalt seinen Willen auf. Mitteleuropa hat die Revolution von Anfang an eine fonservative, vom fapitalistischen Geist beherrschte Bauern schaft vorgefunden. Die städtische Bourgeoisie, allein zu schwach, dem Ansturm des Proletariats zu widerstehen, fand in der Bauernschaft das starte Bollwerk gegen die proletarische Revolution. Hier stand, anders als in Rußland, die Revolution von Anfang an der einen reaktionären Masse, der Stadt- und Dorfbourgeoisie, gegenüber und alle Versuche, Arbeiter und Bauern gegen das Kapital zu alliieren, schei terten an der Gemeinschaft der Interessen der besitzenden Klassen in Stadt und Land.
In
Die Revolution hat in Osteuropa die halbfeudale Grundeigentumsordnung zerstört und das bäuerliche Privateigentum am Grund und Boden hergestellt. Sie hat in Mitteleuropa die halbfeudalen Militärmonarchien vernichtet und bürgerliche Republiken begründet. All das ist gewiß ein gewaltiger Fortschritt. Aber der Sozialismus ist es nicht. Lenin selbst gesteht, daß wir vorerst noch mit der Fortdauer der Kapitalsmacht rechnen, ihre schnelle Ueberwindung nicht hoffen dürfen. Was Wunder, daß die Kapitalisten triumphieren!
fischen Regelung als Borwand für eine Besehung des Ruhr- daher Absagstockung und Arbeitslosigkeit; hier minder
Die Haltung Ajnerikas
Paris, 17. Mai.
Der„, Chicago Tribune" wird von ihrem Sonderberichterstatter aus Washington gemeldet, daß gewisse Anzeichen dafür vors liegen, daß die amtlichen Kreise mit den Aeußerungen Lloyd Georges im Unterhaus, am vorigen Freitag, sympathisieren. Es sei jedoch unrecht, daß er sich so heftig ausgedrückt habe, weil das Uueinigteit zwischen Frankreich und EngIand hervorrufe. In Washington werde es für wichtiger gehalter, daß die Einigkeit zwischen England und Frankreich wiederhergestellt, als daß die oberschleffiche Frage geregelt werde. Die Stellungnahme Washingtons were wahrscheinlich in offi. zie II bleiben und mittels moralischer Unterstügung die Lage beeinflussen.
( Weitere Nachrichten siehe dritte Seite.)
Jeland. Freitag abend find in einer Hauptstraße von Dublin vierzehn Bürger durch eine Bombe ,, die nach einem Frachtauto mit Silfspolizisten geworfen wurde, verwundet worden.
Und dennoch triumphieren sie zu früh. Seht euch nur um in der kapitalistischen Welt! In England feiern die Kohlengräber, weil die Bergwerksbesitzer die Kohle nicht abzusehen vermögen; in Desterreich drosselt die Kohlennot alles wirtschaftliche Leben. Die Textilindustrie Englands, Amerikas, der neutralen Länder entläßt zehntausende Arbeiter, weil sich unverfäufliche Gewebe in ihren Speichern häufen; und auf dem ganzen europäischen Festland gehen Millionen in Lumpen, weil sie teine Gewebe faufen fönnen. Die ameritanischen Landwirte sind in Not, weil ihre Ernten unverfäuflich in den Lagerhäusern liegen bleiben; und in ganz Europa herrscht Not an Agrarprodukten! Dort hochwertiges Geld, wertiges, daher würgende Teuerung! Aber hüben wie drüben derselbe Gegensaz zwischen beispiellos Schnell anwachsendem Reichtum, Ueberfluß, Lurus und bittes rem Elend der Massen, fortschreitender Verelendung der geistigen Arbeit, Verkümmerung und Entartung aller höhe ren Kultur! Und innerhalb dieser Welt, in der die inneren wirtschaftlichen Widersprüche des Kapitalismus gewaltiger, furchtbarer entfaltet sind als je zuvor, und die Klassen gegenfäge schroffer denn jemals, verschärfen sich zugleich auch all die anderen dem Wesen des kapitalistischen Herr schaftssystems entspringenden Gegensätze: das Wettrüften zur See zwischen England und Amerita, die offene Feind schaft zwischen Amerita und Japan, die faum verhüllte zwischen Frankreich und Italien, die Auflehnung der Besiegten in Europa und Borderasien, die Rebellion der Unterworfe nen von Irland bis Indien, die Feindschaften und die inne ren Krisen der neugegründeten Staaten in Mittel- und Oft europa Krisenherde, Kriegsgefahren, Revolutionsfeime überall! Wer fann glauben, daß diese Weltordnung von Dauer sein fann? Und jede neue Krise, jede neue KataStrophe gibt der sozialen Revolution neuen Anstoß! Nein, die Kapitalisten haben keinen Grund, zu triumphieren. Die soziale Revolution ist nicht tot. Sie hält ein in ihrem Laufe