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4. Jahrgang
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Freitag, 9. Dezember 1921
Nummer 574
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Morgen- Ausgabe
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reibeir
Berliner Organ
ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands
Streit des Hochbahnpersonals
Herrenstandpunkt der Direktion
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Während am gestrigen Vormittag noch Aussichten zu einer friedlichen Beilegung des Konflikts bei der Hochbahn bestanden, hat sich die Lage im Laufe des Tages soweit verschärft, daß der Streit unvermeidlich ge= worden ist. Die Organisationen haben sich abermals an das Reichsarbeitsministerium mit dem Ersuchen gewandt, es möge die notwendigen Schritte zur Anbahnung von Verhandlungen mit der Direktion einleiten. Das Ministerium aber teilte den beteiligten Gewerkschaften mit, daß es nach eingehender Prüfung der Lage ablehnen müsse, nochmals in die Angelegenheit einzugreifen. Die Organis sationen richteten darauf noch einmal die Anregung zu neuen Verhandlungen direkt an die Direktion der Hochbahngesellschaft. Diese aber erklärte, daß sie teine Verhandlungen mehr zu pflegen gedente. Sie müsse auf ihrem Standpunkt beharren und hätte im übrigen die Angelegenheit ihrer Organisation, dem Arbeitgeberverband der Deutschen Straßenbahnen, Kleinbahnen und Privateisenbahnen, zur weiteren Erledigung übergeben.
Dagegen hat der Schlichtungsausschuß Groß- Berlin in Tegzter Minute einen Vermittlungsversuch gemacht. Er hat beide Parteien für den Freitag vormittag zu Verhandlungen geladen. Ob eine Aussicht auf ein günstiges Ergebnis oder auch nur auf ein Zustandekommen dieser neuen Berhandlungen besteht, ist angesichts der schroffen Haltung der Direktion höchst zweifelhaft. Der Versammlung der Funktionäre des Hochbahnpersonals, die gestern abend fiattfand, blieb bei dieser Sachlage jedenfalls nichts anderes mehr übrig, als den Streit vorzubereiten. Selbst eine Hinausschiebung des Streifs, zu der das Verhandlungsangebot des Schlichtungsausschusses vielleicht einen Anlaß gegeben hätte, fonnte nicht mehr in Betracht kommen, nach dem die Direktion alle Verhandlungen abgelehnt hatte. Eins der wichtigsten Verkehrsinstitute Berlins liegt also still. Die Hochbahner stehen in einem schweren Kampf, denn das ganze Berhalten der Direktion zeigt, daß die Gesellschaft für den Streit gerüstet ist und mit einem längeren Kampf rechnet. Das ist den Hochbahnern bekannt, wie in der Funktionärversammlung zum Ausdruck kam. Aber sie werden ihren Kampf völlig geschlossen führen; denn es geht ihnen lediglich um durchaus bescheidene, durch die Teuerungsverhältnisse unbedingt notwendig gewordene Gehaltsaufbesserungen. Der geringen Einsicht der Direktion und ihrem ausgesprochenen Herrenstandpunft ist es zu danken, daß die Hochbahn dem Berliner Publikum vorübergehend nicht zur Verfügung steht. Der Sympathieder gesamten Berliner Arbeiter= Ichaft tönnen die Hochbahner sicher sein.
Die Funktionärfonferenz
Der Obmann des Betriebsrats, Genosse Simann, schilderte die Slimmung der Hochbahner und die Haltung der Direttion. Diese richtet sich nach den Aeußerungen der Direktion auf eine längere Streifdauer ein. Simann machte nochmals darauf aufmerkjam, daß die Notstandsarbeiten verrichtet werden. Von der Haltung der Direktion in den nächsten Tagen hänge es ab, ob die Streitleitung eine Verschärfung des Streites anwenden werde. Zu einem Einsatz der Technischen Nothilfe bestehe auf Grund Der früher gemachten Erfahrungen bei der Direktion feine Neigung.. Zum Schlusse forderte Simann von den Funktionären, daß sie sich ohne Rückhalt der Pflicht unterwerfen, den von der Streifleitung getroffenen Maßnahmen zur Durchführung zu verHelfen.
Der Vertreter des Verkehrsbundes, Knobel, schilderte die legten Versuche zur Erzielung einer Einigung. Das Reichs= arbeitsministerium habe erklärt, daß es keine Beranlassung mehr habe, in den Konflikt einzugreifen. Der Schlichtungsausschuß Groß- Berlin, den die Direktion der Hochbahn durch Sofortige Anrufung des Arbeitsministeriums übergangen hat, ersuchte den Verkehrsbund, den Streik auf 24 Stunden zurückzustellen, um am heutigen Freitag die beiden Parteien nochmals zu einer Verhandlung zusammenberufen zu können. Knobel machte darauf aufmerksam, daß der Kampf der Hochbahner fein leichter sein werde, denn es handele sich nicht um die 3,50 M. Zulage, sondern auch um die Sicherung der lozialen Pofitionen im Tarifvertrage, deren Verschlechterung von den Arbeitgebern angestrebt wird. Alle Verhandlungsmöglichteiten seien erschöpft, ein Ausweichen gäbe es nicht mehr. Die Gewerkschaft werde den Kampf mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln unterstützen. Auf Grund verwirrender Zeitungsnotizen in der bürgerlichen Bresse stellte Knobel ausdrücklich fest, daß die Verheirateten mit Kindern durch den Schiedsspruch schlechter gestellt seien, als die Straßenbahner. Außerdem würde bei der Straßenbahn das Höchstgehalt bereits nach einem Jahre, dagegen bei der Hochbahn erst nach sechs Jahren erreicht.
Neue Verhandlungen sind angebahnt
In einer eingehenden Diskussion wurden die zu ergreifenden Streitmaßnahmen besprochen. Eine neuerliche Funttionärkonferenz am heutigen Abend wird den Bericht über die Aftion des Schlichtungsausschusses Groß- Berlin entgegennehmen.
Die wirtschaftliche Lage des Hochbahnpersonals Ueber die Löhne und Gehälter des Hochbahnpersonals und über die bisherigen Verhandlungsergebnisse wird uns vom Deutschen Verkehrsbund geschrieben:
Die bestehenden Löhne und Gehälter sind in Anbetracht der großen Teuerung äußerst gering. Sie betragen für das Vers tehrspersonal im Grundgehalt 1275 Mart, steigend pro Jahr um 10 Mart und erreichen nach sechsjähriger Dienstzeit 1325 Mart; dazu werden für die Gruppe 3ugfahrer, Weichensteller und Straßenbahnfahrer eine Tätig feitszulage von monatlich 39 Mart, für 3ugbegleiter, Blodwärter, Straßenbahnschaffner eine solche von 19,50 Mart monatlich gezahlt. Fahrkartenausgebe rinnen erhalten monatlich 1000 Mart, steigend pro Jahr um 10 Mart und erreichen nach sechsjähriger Dienstzeit 1050 Mart. Dazu werden Verkaufsprämien von 9, 12 und 15 Mart; im Reservedienst von 30 Mart gezahlt. Diese Vertaufsprämien erhalten nicht alle Fahrtartenausgeberinnen, sondern nur die, die eine festgelegte ziemlich hohe Summe für vertaufte Fahrkarten erreichen. Jm technischen Personal bezieht der Handwerker M. 6.90; der angelernte Arbeiter M. 6.70; der ungelernte Arbeiter M. 6.60 für die Lohnstunde. Nach einem Jahr erhöht sich der Lohnsatz um M. 0.10 für die Stunde. Kinderzulagen werden für alle Gruppen gewährt und zwar M. 75.- für den Monat.
Im Oktober sah sich die Arbeiterschaft auf Grund der großen Teuerung gezwungen eine Wirtschaftszulage von M. 1000.- zu fordern. Die Direktion bewilligte unter Hinzurechnung der Weihnachtsgratifitation( eine solche wurde alle Jahre gezahlt bis zur Höhe von M. 200-). 850.- für jeden Beschäftigten.
Dieses geringe Entgegenkommen löfte bei der BelegSchaft bereits Erregung aus. Sie glaubte daraus zu erkennen, daß die Betriebsleitung für ihre Lage, in die sie durch die dauernde viel zu geringe Bezahlung gekommen ist, fein Verständnis habe. Auch mit dem neuen Angebot kann sich die Arbeiterschaft nicht zufrieden geben. Sie bleibt immer noch weit hinter den Löhnen der Industrie, sowie den ihrer Berufskollegen bei der Stadt Berlin zurüd.
Darum fonnte sich das Personal der Hochbahn auch nicht mit der mit Hilfe des Reichsarbeitsministeriums ausgearbeiteten Vereinbarung einverstanden erklären. Sie enthielt folgende Bedingungen:
Als Wirtschaftsbeihilfe werden gezahlt: 150. M. für das männliche und weibliche Personal und 75 M. für die in der Werkstatt beschäftigten Jugendlichen.
Auf die jetzt bestehenden Löhne und Gehälter wird für Monat Dezember ein Zuschlag für Handwerker von 2,70 M., für angelernte Arbeiter 2,50 M., für ungelernte Arbeiter 2,40 M. und für Arbeiterinnen 1,70 M. pro Stunde gezahlt.
Der Nachtzuschlag wird um 10 Pf. erhöht. Bei jungendlichen Arbeiterinnen betragen die Zulagen 85 Pf. für die Lohnstunde. Das männliche Verkehrspersonal erhält 510 M., bas weibliche Verkehrspersonal erhält 410 M. pro Monat Zuschlag. Die Tätigkeitszulagen werden erhöht für Zugprüfer um 3 M.; für Zugfahrer, Weichensteller, Bahnhofswarte und Straßenbahnfahrer um 2 M.; für Zugbegleiter, Blodwärter und Straßenbahnschaffner auf 1,25 M. für die Dienstschicht.
Fahrkartenausgeberinnen erhalten eine monatliche Verkaufsprämie von 12 M., 15 M. und 20 M.; im Reservedienst von 35 M. monatlich.
Die Höchst löhne für das Schaffnerpersonal werden in Zukunft in 4 Jahren erreicht und zwar werden zugelegt nach jedem der ersten drei Jahre 10 M., nach dem 4. Jahre 20 9. M. Die Zuschrift fügt diesen Darstellungen hinzu: Schon heute erflären die Hochbahner in aller Oeffentlichkeit, daß sie nicht in den Streit treten des Streifes willen, sondern daß sie dazu durch die Not und um leben zu können, gezwungen werden, zum Streit zu greifen. Nach wie vor sind sie zum Frieden bereit, aber auch, wenn es sein muß, 8 um Kampf entschlossen.
Loucheur in London
London, 8. Dezember. Loucheur ist heute in London eingetroffen, um das Reparas tionsproblem mit Mitgliedern der britischen Regierung zu er örtern. Unmittelbar nach seiner Ankunft begab er sich nach dem Shazamt, wo er eine zweistündige Beratung mit dem Schatzfanzler Sir Robert Horne, Sir John Bradbury und Bladett hatte. Loucheur jette seine Ansicht über die Frage der deutschen Zahlungen in Waren, die das Wiesbadener Abkommen vorsicht, auseinander und gab Gründe dafür an, weshalb Frankreich diesen Weg eingeschlagen habe. Heute nachmittag begaben sich Loucheur und Chension, der mit ihm aus Paris gekommen ist, zusammen mit Sir Robert Horne und Bladett nach Chequers zu Lloyd George, wo sie die Nacht verbringen werden und von wo sie morgen nach ihren Beratungen mit Lloyd George wieder nach London zurückkehren.
DieinternationaleOrganisation der Arbeiterklaffe
Genosse Friedrich Adler hielt anläßlich des Barteitages der österreichischen Genossen ein äußerst instruktives Referat über die internationale Organisation des Proletariates, das wir im nachfolgenden in seinen wesentlichsten Teilen wiedergeben.
I.
Die Entwicklung der wirtschaftlichen Konjunt. tur hat nicht zuletzt auch auf das Schicksal der Internationale ihren großen Einfluß gehabt. In den Momenten unmittelbar vor dem Zusammenbruch der Mittelmächte, unmittelbar nach dem November 1918, als der Gedanke in den Massen so stark verbreitet war, daß nun unmittelbar aus diesem Zusammenbruch der Sozialismus hervorgehen, die Weltrevolution wirklich kommen werde, hatte natürlich die dritte Internationale eine überaus starke Anziehungskraft auf die Massen in den verschiedenen Ländern geübt. Und umgekehrt, in den Momenten, wo sich wieder die Erholung des Kapitalismus durchzusetzen schien und in den Massen der Gedanke erweckt wurde: ja, wir haben noch eine absehbare Zeit mit dem Kapitalismus zu rechnen, müssen uns darauf einrichten, innerhalb des Kapitalismus die Interessen des Proletariats zu vertreten, in dieser Entwicklungsepoche hat natürlich die Neigung zur zweiten Internationale eine gewisse Steigerung erfahren, haben gewisse Antipathien, die während des Krieges aufgetaucht sind, in den einzelnen Para teien eine Abschwächung zu verzeichnen gehabt.
Run handelt es sich bei der prinzipiellen Stellungnahme zu dem Problem der Internationale eben darum, sich von diesen momentanen Stimmungen nicht leiten zu lassen, sondern sich klar zu werden, welches unsere Aufgabe sein muß. Wenn nun der Kampf zwischen zweiter und dritter Internationale getobt hat und die einen geneigt waren, in der zweiten alles Böse, in der dritten alles Gute, andere wieder umgekehrt in der dritten nichts Gutes und alles Gute nur in der zweiten zu sehen, so ist es im Grunde doch nur ein findischer Gedanke, auf der einen Seite nur Gutes und auf der anderen Seite nur Böses zu sehen. Den Gegensatz, um den es sich da handelt, könnte man wohl dahin formulieren, daß sich die zweite Internationale immer mehr und mehr zu einer Internationale der sozialen Reform herausgebildet hat, während sich die dritte klar und deutlich, wie es in allen ihren Resolutionen und Thesen ausgedrückt ist, bewußt auf eine Internationale der sozialen Revolution beschränken will. Dadurch tritt nun die Funktion unserer Arbeitss gemeinschaft sozialistischer Parteien deutlich hervor. In dem historischen Moment, in dem wir uns befinden, in dem wir einerseits nicht wissen fönnen, wie lange sich der Kapitalismus noch erhält, andererseits aber mit den Möglichkeiten auch eines Zusammenbruchs in sehr absehbarer Zeit rechnen müssen, in einer solchen Epoche sollen wir uns in unserer organisatorischen Vorbereitungen weder auf die soziale Reform noch auf die soziale Revolution beschränken, wir müssen uns eine internationale Organisation schaffen, die beiden Even= tualitäten gewachsen ist, die das Proletariat zu den fetten großen Kämpfen mit dem kapitalistischen System organisiert, die andererseits aber auch das Proletariat bereithält, wenn der Kapitalismus seine Herrschaft noch Jahr und Jahre behauptet, um in diesen Jahren den täglichen Kampf des Proletariats zu führen. Und das ist der Grundgedanke, der unserer Arbeitsgemeinschaft zugrunde liegt, daß wir uns nicht auf das eine oder das andere beschränken, allen Aufgaben des Proletariats gerecht zu werden geeignet sondern daß wir nach organisatorischen Formen suchen, die find.
Wir sehen in unseren Tendenzen die resultierende der gesamten proletarischen Bewegung, ins dem wir eben die Aufgaben des Moments auf sozialrefor matorischem Gebiet und die große Aufgabe der Zukunft, die soziale Revolution, gleichermaßen umfassen. Wir haben immer wieder der Arbeiterklasse nicht nur die momentanen Aufgaben zu erklären, die sie verleiten tönnien, die großen Aufgaben der Zukunft zu vergessen, sondern wir haben dem Proletariat immer wieder die Gesamtaufgaben vor Augen zu führen; nicht nur das, was heute ist, sondern auch das, was in der Zukunft wird.
Nun steht es so, daß wir vor zwei Jahren mehr Zeit darauf verwenden mußten, flarzulegen, warum wir nicht zur dritten Internationale gehen, als das heute vielleicht not wendig ist. Bei Moskau besteht eine geradezu grandiose Kunst des Abwirtschaftens im Vertrauen der Massen, und es ist Moskau ge= lungen, so rasch alle Sympathien, die es bei den Massen hatte, und auf der ganzen Welt haben mußte, aus dem ganzen Gange der Entwicklung zu verwischen, so daß wir heute schon eher in der Lage sind, wiederum mchr von der zweiten Internationale sprechen zu müssen und uns deren Gebrechen wieder ins Bewußtsein zu rufen, als das von der dritten