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Mittwoch, den 2. August 1922

5. Jahrg. Nummer 289

Die wolfgefallene Nonpareillegeile oder deren Raum loftet 25,- M., einschließlich Inseratensteuer. Kleine Anzeigen: Das fettgebrudte Bort 4., tebes weitere Bort 3,- M. einschließlich Inseratenftener. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen- Besuche 16,-. netto pro Beile. Stellen- Gesuche in Wort- Anzeigen: das fett gebrudte Bort 3,- M., jedes weitere Wort 2, M. Redaktion: Fernsprecher Dönhoff 4190, 4191 mb 4192. Berlin SW, 68, Nitterstr. 75, III,

greiheit

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Deutschlands Zahlungsfähigkeit gegenwärtig erschöpft Das Spiel mit dem Feuer

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Generalstreik in Italien

Ruhraktion oder Revolution in Frankreich Die griechisch- türtische Spannung

Die Regierung gibt nunmehr die am Montag| Ansicht hiesiger Politiker, kritisch werden. Frankreich Poincaré überreichte Antwortnote auf die Forderung braucht das wird hier allgemein anerkannt dringend Frankreichs, die Ausgleichszahlungen in der fest­gesetzten Höhe von zwei Millionen Pfund Sterling zu leisten, bekannt. Sie hat folgenden Wortlaut:

Berlin, den 31. Juli 1922.

Herr Ministerpräsident.

Geld und kann bis November nicht mehr warten. Des­halb beurteilt man die Lage hier sehr ernst und man be­fürchtet, daß Frankreich doch noch zu Sanktionen gegenüber Deutschland schreiten wird. Es ist bezeichnend, daß der Daily Telegraph" schon dieser Tage aus Paris zu melden wußte, daß in Frankreich eine Revolution drohe, wenn

Ich beehre mich den Empfang der Note Euer Exzellenz Deutschland nicht zahle, und es verlautet hier bereits mit vom 26. Juli 1922 zu bestätigen.

Das Abkommen über die Ausgleichszahlungen vom 10. Juni 1921 ist von Deutschland nicht mit einzelnen Mächten, sondern mit der Gesamtheit der beteiligten alli­ierten Regierungen abgeschlossen worden. Demgemäß ist die Note der Deutschen Regierung vom 14. Juli d. J., wie der Französischen Regierung bekannt ist, gleichzeitig an die anderen hauptbeteiligten Mächte gerichtet worden. Die Deutsche Regierung fann sich über ihre weitere Stellung­nahme aus diesem Grunde erst schlüssig machen, wenn sich alle beteiligten Regierungen geäußert haben. Eine andere Haltung ist ihr auch angesichts der in ultimativer Form an­gedrohten, nicht näher bezeichneten Maßnahmen Frank­reichs nicht möglich.

Indem sich die Deutsche Regierung ein weiteres Ein­gehen auf die Sache selbst vorbehält, bemerkt fie schon jetzt: Die Zahlungen, die Deutschland im Ausgleichsverfahren und aus Artikel 297e leisten muß, tönnen legten Endes aur and derselben Duelle geschöpft werden, wie die Reparas tionszahlungen. Gleichviel, ob es sich um Schulden des Reiches oder um Privatschulden handelt, in beiden Fällen bleibt die Notwendigkeit der Herausnahme von Devisen ans der gesamten deutschen Bolkswirtschaft die gleiche und für die Wirkungen dieser Operationen auf den Markturs ist es ohne Bedeutung, an welche Stelle und auf Grund welcher Paragraphen die Zahlung erfolgt. Wenn die deutsche Volks wirtschaft die Entziehung von monatlich 50 Millionen Golds mark für Reparationszahlungen nicht tragen kann, so wäre es eine Jansion zu glauben, daß die Ausgleichszahlungen von fast 40 Millionen Goldmark monatlich weiterhin anf­gebracht werden können. Alle diese Leistungen fönnen nur als ein einheitliches Ganzes betrachtet und in einem ein­heitlichen Plane behandelt werden. Der deutsche Antrag, der nicht eine Kürzung der Ausgleichszahlungen, sondern lediglich ihre Verteilung auf einen längeren Zeitraum bes zweckt, beruht auf denselben Gründen, die für die Deutsche Regierung bei ihrem Antrag auf Gewährung eines Mora­toriums für die Reparationszahlungen maßgebend gewesen sind, nämlich der derzeitigen Erschöpfung der Fähigkeit Deutschlands zu Zahlungen in ausländischer Währung, die in dem katastrophalen Niedergang der Mark deutlich zum Ausdrud kommt. Inzwischen ist nach dem Eingang der Note Eurer Exzellenz ein neuer Sturz der deutschen Wäh­rung eingetreten und die Mart bis auf ein 100 ihres Friedenswertes gesunken.

Deutschland macht alle Anstrengungen, feine aus dem Kriege entstandenen Verpflichtungen au erfüllen. Hierzu ist aber vor allem die Gesundung seiner Volkswirtschaft not­wendig. Diese wirtschaftliche Wiederherstellung, wie die ganz Europas kann jedoch nur erfolgen durch die alsbaldige solidarische Zusammenarbeit aller beteiligten Mächte. Eine Politik der Drohungen wirkt nicht wiederaufbauend, son­dern zerstörend."

Revolution oder Ruhraktion

( DA) London, 1. August. In maßgebenden politi­schen Kreisen Englands sieht man der Zukunft recht peffi­mistisch entgegen. Die Verzögerung der Kabinettsbildung in Italien ist Lloyd George ganz gelegen gekommen, da fie als guter Grund anzusehen war, die Londoner Konfe renz noch um einige Zeit zu verschieben. Lloyd George hat versucht, die ihm zur Verfügung stehende Zeit gut auszu­nügen, aber ohne großen Erfolg. Man glaubt hier nicht, daß die Konferenz vom 7. August in der Reparationsfrage schon eine Entscheidung bringen wird, besonders nicht des­halb, weil die Vereinigten Staaten wiederum nicht offiziell teilnehmen wollen und auch weiteren Anleihen an euro­päische Gläubiger nicht geneigt scheinen. Man befürchtet daher, daß die neue Londoner Konferenz nichts anderes bringen wird als eine weitere Verschiebung der Entschei dung über das Reparationsproblem auf etwa November. Würde dieser Fall tatsächlich eintreten, würde Frankreich bis dahin weder von Deutschland größere Reparationszah­lungen, noch von Amerifa eine Anleihe erhalten oder würde Amerika ſich bis dahin auch weiterhin weigern, Deutschland eine größere Reparationsanleihe zuzubilligen, bann dürfte die innerpolitische Lage Frankreichs, nach der

größter Bestimmtheit, daß die französische Regierung den Vormarsch ins Ruhrrevier vorbereite und daß General Niessel als Oberkommandierender der für das Ruhrrevier bestimmten Streikräfte in Aussicht genommen sei.

Die Times" melden, es stehe jetzt fest, daß die Lon­doner Konferenz sich nur mit den Reparationen beschäf= tigen werde. Nach den bisherigen Dispositionen dürfte die am 7. August beginnende Besprechung nicht länger als drei bis vier Tage dauern. Im September tritt dann eine neue Konferenz zur Behandlung der Orientfragen, der Tanger­frage und vor allem der Frage des interalliierten Schul­denausgleiches zusammen. Lloyd George glaubt jetzt die Schuldenfrage nur entscheiden zu können nach Eintreffen des Berichts der englischen Sonderdelegation, die Ende Auguft nach Washington geht, um die amerikanische Stim­mung in der Schuldenfrage zu erkunden. Jedenfalls hat es England ganz aufgegeben, den Verzicht auf die fran­zösischen Schulden zu besprechen, bevor die Haltung Amerikas in der Frage der englischen Schulden nicht eins wandfrei feststeht.

Erneuter Generalstreik in Italien

( EP.) Rom, 1. Auguft. Der Avanti" veröffentlicht die Mitteilung des Zentralvorstandes des Arbeiterbundes, daß von heute, Dienstag morgen, an der Generalstreit in ganz Italien verkündet ist. Eine Mitteilung der sozialdemokrati­schen Parteileitung mahnt die Mitglieder an ihre Pflicht der Solidarität, damit die Maffen nicht in einem Augenblick ver­raten werden, wo sie sich gegen das System der Unterdrückung und der Gewalt erheben.

( EP.) Rom, 1. August. In Rom hat die Arbeiterschaft schon am Montag abend die Arbeit eingestellt, als fie von dem Streitbeschluß Kenntnis erhielt. Die Straßenbahnen verkehren nicht, und da auch die Druder fich an dem Streit beteiligen, find die Reitungen hente morgen nicht mehr er.

Schienen.

( EP.) Mailand, 1. Auguft. In Genna und ganz Ligurien hat der Generalstreit Dienstag früh begonnen, ebenso in der Lombardischen Hauptstadt, wo Wasser- und Lichtversor der Lombardischen Hauptstadt, wo Wasser- und Lichtversor­gung jedoch sichergestellt sind. Bon heute abend ab werden die Zeitungen nicht mehr erscheinen. Die Behörden treffen umfassende Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung.

( EP.) Rom, 1. Auguft. In den ersten Morgenstunden sind über ganz Rom zahlreiche Truppen verteilt worden, um die Ordnung und den Verkehr zu sichern. Alle Pläße sind mili­tärisch besetzt worden. Die Beleuchtung der Stadt ist sicher­gestellt. Die ersten Morgenzüge find regelmäßig abgegan­gen. Der Präfekt hat den Autoverkehr verboten.

Angriffsgeist der griechischen Truppen

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( EP.) London, 1. August. Daily Chronicle" schreibt: Die Nachricht von der Vorbereitung eines griechischen Vor­marsches auf Konstantinopel hat in der türkischen Hauptstadt große Erregung hervorgerufen. Hunderte von türkischen Einwohnern haben ihre Wohnungen verlassen und sich nach der asiatischen Seite begeben. Es spielen sich ähnliche Szenen ab, wie beim Vormarsch der bulgarischen Armee 1912. Die Aliierten haben außerordentliche Maßnahmen zur Aufrecht­erhaltung der Ordnung getroffen. Zu ernsten Kämpfen ist es jedoch noch nicht gekommen, doch haben neue Vorpostens gefechte stattgefunden. In militärischen und politischen Kreisen wird die Lage immer noch als sehr ernst betrachtet. Es bestehen und hierin liegt die große Gefahr- erheb liche Meinungsverschiedenheiten zwischen der griechischen Leitung und den Alliierten. Aus beftinformierter Quelle läßt fich sagen, daß die Italiener, Engländer und Franzosen zu sammen über nicht mehr als 4-5000 Bajonette verfügen. Die Griechen landen fortwährend neue Truppen und Artillerie. Wenn das auch nur ein ariechischer Bluff sein sollte, so ist die Möglichkeit eines Konfliktes doch vorhanden. Unter den in Thrazien gelandeten griechischen Truppen herricht ein patrio: tischer Angriffsgeift. Wie ,, Morningpost" aus Konstantinopel meldet, habe Mustafa Kemal den Franzosen militärische Hilfe angeboten und erklärt, daß er die neutrale Zone in Klein­afien nicht verleben würde. Wie dieselbe Meldung besagt, glauben die Alliierten Konstantinopel im Falle eines griechis schen Angriffes bis zum Eintreffen von Verstärkungen ans Aeaupten, Malta und Syrien halten zu können.

Auf dem Balkan ist es wieder einmal sehr brenz­lich geworden. Eigentlichen Frieden hat es dort seit zehn Jahren überhaupt nicht gegeben. Dem Krieg der Bulgaren, Serben und Griechen gegen die Türkei mit anschließendem Krieg Serbiens und Griechenlands gegen Bulgarien folgte bald der Weltkrieg, der die Balkanländer aufs Neue schwer verwüstete. Seit im übrigen Europa die Waffen ruhen, wüten die Kriegsfurien im Orient weiter. Bald siegten die Türken, bald die Griechen. Da aber beide Länder aufs höchste erschöpft sind, kam es schließlich zur Waffenruhe. Diese Waffenruhe drohte dieser Tage wieder einmal von kriegerischen Abenteuern abgelöst zu werden. Die Griechen landeten Truppen in Rodosto und trugen sich mit dem Gedanken, auf Konstantinopel zu marschieren. Das Vorgehen Griechenlands ist nur im Zu­sammenhang mit den Gegensäßen zwischen der frans zösischen und englischen Orientpolitik zu verstehen.

Frankreichs Verlangen steht nach einer Macht­stellung am Bosporus. Durch den Friedensvertrag war Trazien an Griechenland gefallen. Frankreich ist bestrebt, diesen griechischen Kriegsgewinn zu schmä­Iern. Es fritt für eine Verselbständigung Traziens ein, für eine sogenannte Internationalisierung, mie wir sie in Danzig sehen. Das ging der englischen Po­litik aber wider den Strich. England will Griechens land sich als treuen Wächter am Bosporus erhalten. So begegnen sich die Gegensäße zwischen der Türkei und Griechenland auf einer Ebene mit den Gegenfäßen zwischen Frankreich und England.

Griechenland ist durchaus unzufrieden damit, daß Smyrna durch den Beschluß von London an die Türkei zurückgegeben werden soll. Kurz entschlossen, ermutigt durch das Chaos im Orient, gab es ein Statut heraus, nachdem Smyrna die politische Selbständigkeit gegeben war. Selbstverständlich, daß diese Selbständigkeit unter griechischer Oberherrschaft gedacht ist. Die in Smyrna ansässigen Griechen sind jedoch von der griechischen Herrschaft gar nicht erbaut. Während ihrer Zugehörig­feit zum osmanischen Reich waren sie wenig von Lasten bebritat. Seit ihrer Zugehörigkeit zu Griechenland ist das anders geworden. Diese Aenderung dämpfte den Patriotismus der Griechen in Smyrna. Unter er­neuter türkischer Herrschaft hofften sie auf Erleich terung dieser Lasten. Dieser Stimmung wollte Griechenland durch die Verselbständigung Smyrnas begegnen.

Frankreich will von einem großen Griechenland nichts wissen. Auch Italien steht einer Entwicklung Griechenlands zu einem größeren Griechenland mit großem Mißbehagen gegenüber. Die Neutralisierung Traziens soll den territorialen Besitz Griechenlands schwächen, und die Türken von der griechischen Gefahr befreien. Daher sucht Frankreich auch Bulgarien, Ru­mänien und Südslavien für seine Neutralisierungs­pläne zu gewinnen. Rumänien brauche, wenn die Dardanellen verschlossen werden, einen ungehinderten Handelsweg über ein neutralisiertes Trazien. Süd­slavien habe wegen Saloniki die gleichen Inter­effen usw.

Adrianopel gleicht einem Heerlager. Unausgesetzt werden Reserve und Landwehr zu ihren Truppen ge rufen. Oberstkommandierender ist General Hadjia nestis. Er hält die Armee für fähig und bereit, Kon stantinopel sofort zu nehmen. Es fragt sich nur, was a Großes damit erreicht wird. Griechenland hat keines wegs die Gewähr, für den Fall der Einnahme Kons stantinopels oder gar ganz Anatoliens, in England die genügende Rückenstärke zu finden. England und Frankreich sind vorderhand noch aneinander gebunden, so groß auch die Gegenfäße sein mögen. In der Tat hat denn auch nicht nur Frankreich, sondern auch Eng­land Griechenland zu verstehen gegeben, daß einem griechischen Vormarsch auf Konstantinopel Entente­Erreichbare truppen Widerstand leisten würden. Ententetruppen wurden bereits in Marsch gesetzt. Das hat offenbar auch Griechenland ein wenig zur Vorsicht gemahnt. Nach einer Reutermeldung wurde der englischen Regierung die feste Zusicherung" ge­geben, daß kein peinlicher Zwischenfall" eintreten werde. Der türkische Minister dagegen hat dem Ober­kommissar der Entente eine Note überreicht, die genaue Mitteilungen über die griechische Truppenzusammen­ziehung an der thrazischen Grenze enthält. Die Note gibt die Nummern der Regimenter an und meldet die Abfahrt von fünf Transportzügen von Adrianopel gegen Tschorlu und Tscherkeßköi. Die angesammelten Truppen feien in einer Stärke von dreißigtausend Mann erschienen. Diese Truppenbewegungen über­