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Donnerstag, den 10. August 1922

inn

opin 5. Jahrg. Nummer 297

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greiheit

Berliner Organ

ber Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

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Vor einem neuen Provisorium

Ein kurzfristiges Moratorium

Die Londoner Ministerkonferenz, die die Vor-| beratungen zur Regelung der Reparationsfrage pilegt, ist nach dreitägigen Verhandlungen in ein höchst kri­tisches Stadium getreten. Poincaré stieß mit seinem auf produktive Pfänder" ausgehenden Plane, den unsere Leser an anderer Stelle skizziert finden, auf großen Widerstand. Ein Kreis von Sachverstän­digen hat diesen Plan auf seine Produktivität" ge­prüft. Die Sachverständigen sind zu dem Ergebnis gekommen, daß diese Produktivität" sehr gering sei. Das Ergebnis wird auf etwa 700 Millionen Goldmark geschätzt. Die Durchführung der Pfänderpolitik würde den größten Teil der Einkünfte verzehren. Außerdem müßte diese Politik aber sehr störend auf die Wirt­schaft wirken und der Lösung der Reparationsfrage aufs neue schwere Hindernisse bereiten.

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Besonderes Gewicht scheint Poincaré auf die Be­teiligung Frankreichs an deutschen Industrieunter­nehmungen gelegt zu haben. Aber gerade dieser Teil des Poincaréschen Planes wurde aufs entschiedenste verworfen und die französische Auffassung lebhaft be­stritten, daß auf diese Weise der Reparation große Be­träge zugeführt werden könnten. Der englische Schaß­fanzler Sir Robert Hornes erklärte, daß nach Durchführung des Planes von Poincaré die vorge= schlagenen Sicherheiten die Eigenschaft von Sank­tionen erhielten.

Die Gegenfäße zwischen Frankreich und England spitzten sich während der Verhandlungen immer mehr zu. Zeitweilig schien es, als ob der Abbruch der Entente unmittelbar bevorstände. Der Privatsekretär Lloyd Georges, Sir Edward Grigg, teilte einer von ihm zusammenberufenen Gruppe englischer Jour­nalisten mit, daß Lloyd George den Bruch der Entente als unvermeidlich ansehe. Poincaré wurde von der französischen Bresse unausgesetzt scharf gemacht, nicht mit leeren Händen nach Paris zurückzukehren, kein Moratorium ohne Pfänder", lautete die Parole, die man ihm von allen Seiten zurief. Lloyd George da­gegen ist nach den vorliegenden Meldungen ebenso fest entschlossen, das Verlangen Poincarés nach pro­Suktiven Pfändern" energisch zurückzuweisen. Beson­ders heftig verliefen die Verhandlungen vom Diens­tag. Die Engländer machten den Franzosen den Vor­wurf, mit unrichtigen Zahlen zu arbeiten. Auf feinen Fall könnte England sich mit den politischen Maß­nahmen Poincarés einverstanden erflären.

So kritisch auch die Situation scheint, so wenig ist es doch wahrscheinlich, daß es zu einem Bruch der Entente kommen wird. Weder Frankreich noch Eng­land können sich so etwas im Augenblick leisten. Wenn es Kreise in Deutschland geben sollte, die einen solchen Bruch mit Freuden begrüßen wollten, so ist es doch wohl nötig, darauf hinzuweisen, daß dieser gegen­wärtig für Deutschland nicht minder verhängnisvoll wie für die Ententeländer wäre. An Versuchen, den englisch- französischen Gegensatz zu überbrücken, hat es nicht gefehlt. Besonders bemüht war in dieser Hinsicht der belgische Ministerpräsident Theunis. Er nahm auch Gelegenheit, in einer langen Auseinandersetzung mit Poincaré den belgischen Standpunkt in dieser Frage zu vertreten. Das Brüffeler Stabinett sei sich bewußt, daß bei der augenblicklichen Lage zwei Arten von Politik miteinander in Gegensatz geraten seien, die englische, die die deutschen Entschuldigungen an­nehme, die französische, die glaube, daß Deutschland der gute Wille fehle. Wenn Deutschland für seine an scheinende Zahlungsunfähigkeit verantwortlich set, dann müsse es darunter leiden, um seine Pflichten fennen zu lernen. Wenn jedoch wirtschaftliches Miß­geschick vorliege, dann habe Deutschland einzig und allein Zeit und Hilfe notwendig." Zwischen diesen beiden Standpunkten suchte Theunis zu vermitteln. Es scheint, daß seine Vermittlungsversuche nicht ohne Erfolg bleiben sollen. Da auch die italinischen Ver­treter sich dem Widerstand Englands angeschlossen haben, und Poincaré nicht einmal seinen bisher treuesten Genossen Belgien bedingungslos auf seiner Ecite sah, hat auch er nicht umhin können, einen Pflock zurückzustecken. Sein Stimmungsumschwung ist sicher auch der französischen Regierung nicht unbekannt ge­

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Endgültige Regelung im September oder Oktober

blieben. Nachdem die Dienstagssigung in London sich bis nach Mitternacht hingezogen hatte, spielte unaus­gesetzt der Telegraph zwischen Poincaré und dem Pariser Kabinett. Es fehlt in Paris nicht an Stimmen, die sein Verhalten aufs äußerste mißbilligen. Mel­dungen aus Paris besagen sogar, daß die Position Poincarés unhaltbar geworden sei. Die Nationalisten gebärden sich äußerst ungehalten. Der Bloc national, gebärden sich äußerst ungehalten. Der Bloc national, dem Poincaré seine Ministerpräsidentschaft verdankt, ist erschüttert. In Paris wird offen die Auffassung vertreten, daß Poincaré die Londoner Konferenz nicht überdauern wird.

Lloyd George drängt darauf, daß die Sachverstän­digenkommissionen sich auf drei Wochen nach Deutsch land begeben, um an Ort und Stelle die Sachlage zu prüfen. Der Theunissche Vermittlungsvorschlag empfiehlt ein provisorisches Moratorium von drei Monaten. In England scheint starke Neigung zu be­stehen, diesem Vorschlage zuzustimmen. Mit seiner Annahme wäre die Konferenz beendet. Eine weitere Konferenz, die für September oder Oktober in Aus­sicht genommen ist, soll die Reparationsfrage der Lösung entgegenbringen.

Die bisherigen diversen Reparationspläne der Entente waren Sprengpulver für die Wirtschaft eller Länder. Es wird höchste Zeit, aus dem Chaos herans­zukommen und Wiederaufbau an Stelle der fast ein Jahrzehnt wütenden Zerstörung zu setzen. Daran ist das Proletariat nicht minder wie die privatwirtschaft­liche Produktion interessiert. Die unzureichende Macht des Proletariats, noch beträchtlich dezimiert durch die

Selbstzerfleischung in den proletarischen Reihen, hat Reparations- und Staatslasten fast restlos den Lohn­

es bisher nicht verhindern können, daß die Kriegs-,

und Gehaltsempfängern aufgebürdet wurden. Aber

schwerer noch als durch die erdrückenden Stenern aller Art wurden sie durch die fortwährende Aushöhlung der Valuta geschlagen. Lohn- und Gehaltserhöhungen wurden meist schon wieder illusorisch, bevor sie sich wirksam erweisen konnten. Nur eine Stabilisierung der deutschen Währung gibt auch dem Proletariat die Möglichkeit, sich endlich eine halbwegs erträgliche Lebenslage zu sichern und die Kraft zur Abbürdung der steuerlichen Ueberlastung aufzubringen. To find zur Stunde die Lebensinteressen des deutschen Prole­tariats auf Gedeih und Verderb mit der Lösung des Reparationsproblems verbunden.

Der französisch- englische Gegensatz

Paris, 9. August. Vertinax unterstreicht im Echo de Paris" die Tatsache, daß die wichtigsten Pfänder, die Frank­reich beantragte, im Rheinlande gelegen seien. Dadurch ausüben, wenn es sich widerspenstia acige. Uebrigens wür­

tönnte man auf Deutschland einen moralischen Drud

AIS

den Beschlagnahmen im Rheinlande den Vorteil für Frant­reich haben, daß es sie allein vornehmen könnte. Robert Horne von diesem Plane Kenntnis befam, rief er,

wie Bertinax mitteilt.

Das find feine Garantien, das find Sanktionen. Dies Programm hat politischen Charakter!"

um Delaftenrie zu überzeugen, führte man englischerseits

an, daß die meisten dieser Maßnahmen nur Papiermark ein­schranken nur Papiermark eingenommen werden können, brächten, besonders würden an den etwaiden neuen 3oll­und über solche verfüae die Reparationskommission bereits in der Höhe von 4% Milliarden. Darüber war

Delafteyrie sehr bestürzt

und erklärte, davon habe er feine Kenntnis gehabt, sonst hätte er es sich ersparen können, erst türglich eine Million Francs aum Ankauf von Papiermark anzuwenden, die man gebraucht beftigen Widerstand leisteten die Engländer gegen die deut­habe, um Eintäufe in Deutschland vorzunehmen. Besonders fchen Staatswaldunaen als Pfandobjekt. Delaftenrie widerte jedoch auf alle Einwände, daß man hierbei weniger auf Geldeinahmen als auf Naturallieferungen in Hola rechne,

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Die Belgier machten sodann darauf aufmerksam, daß man einen circulus vitiosus beschreibe. Denn man habe Deutschland für 1922 bereits einmal ein Moratorium ae­währt. Die Erträgnisse der Ausfuhrtaxe sollen aber haupt­sächlich aur Abdeckung der Reparationszahlungen dienen, die im Bondoner Ultimatum feftaefest feten. Aber gerade von diesen Zahlungen habe man Deutschland für 1922 teilweise

2010

befreit. Infolgedeffen könne man nicht das, was die eine Hand gewährt habe, mit der andern wieder zurücknehmen. Mit den Milliarden Ausfuhrtaxe würde man aus Deutsch­land mehr herauszuholen suchen als man ihm für 1922 zu zahlen auferleat habe. Die Franzosen entgegneten, daß sich Ueberschüsse über die Moratoriumssumme ergeben, so man die 26prozentige Ausfuhrtare nur erheben solle; wenn fönne man dies aus der Reparationskasse wieder an Deutschland zurückzahlen. Es solle sich hierbei hauptsächlich um ein Druckmittel gegen Deutschland handeln.

Kompromißverhandlungen

( EE.) London, 9. August. Die ersten Besprechungen fanden heute zwischen Lloyd George, Poincaré und Theunis gele gentlich eines Frühstücks statt, das Lloyd George vormittags. in der Downingstraße gab. Diese Besprechung zog sich bis 12% Uhr hin. Man versichert in englischen Kreisen, daß Poincaré gewiffen Milderungen seiner Vorschläge zugestimmt habe, insbesondere der Verwendung der 26prozentigen Auss fuhrabgabe. Nachmittags fanden weitere Besprechungen zwischen beiden Ministerpräsidenten statt. Eine Vollsizung wurde heute nicht mehr abgehalten. Man gibt als Ursache für die achtundvierzigstündige, Unterbrechung der offiziellen Besprechung an, daß der Bericht des Redaktionskomitees noch nicht fertiggestellt sei. Der Belgier Bemelmans hatte, wie bekannt, den Auftrag erhalten, über die französischen Vorschläge einen Bericht zu erstatten. Tatsächlich traten die Mitglieder des Redaktionskomitees heute gegen 9% Uhr vormittags im englischen Schazamt zusammen, um Bemel­mans Bericht zu erörtern. Aber die nichtfranzösischen Sach­verständigen erklärten, daß die Vorbehalte, die zu den fran­

zösischen Vorschlägen gemacht seien, nicht scharf genug aus­gedrückt wären. Infolgedessen sei eine Ueberprüfung des Berichts erforderlich.

Wegen der Verzögerung infolge der notwendig werden­den Neuſtilisierung des Berichts dürfe feine Bollfigung

abgehalten werden. Dieser Vorschlag soll doch wohl nichts Beit zu geben, in Privatbesprechungen zu einer Einigung

zu gelangen. Die Finanzsachverständigen hielten dagegen heute um 12% Uhr die angeordnete offizielle Besprechung

ab. Wenn irgendmöglich, soll ihr Bericht heute abend Kloyd George und Poincaré noch zugestellt werden. Nach­besprach sich Lloyd George etwa eine halbe Stunde mit deur italienischen Außenminister Schanzer. Die Belgier entfalten eine emfige Tätigkeit. Sie wünschen, daß ihr Anleiheprojekt durchgehe, wodurch die Priorität für ihre Reparationsforde rungen gesichert würde. Sie wollen daher die Konferenz veranlassen,

ein Abkommen zu treffen, daß etwa 14 Tage Gül: tigkeit hätte, worauf Ende dieses Monats eine neue Konferenz einberufen werde, um eine allgemeine Verhandlung in der Reparationsfrage folgen zu laffen und das Anleiheprojekt zu erörtern. Wenn, was als möglich angesehen wird, zwischen Blond George und Poincaré heute abend eine Einigung zustande täme, so würde die Konferenz morgen ihre letzte Voll­fizung abhalten, um die erzielten Beschlüsse offiziell zu notifizieren. Morgen früh wird sich das englische Kabinett versammeln und gleichzeitig wird Poincaré die Mitglieder des französischen Kabinetts von den Londoner Ereignissen in Kenntnis seßen, um im vollen Einvernehmen mit ihnen sein weiteres Vorgehen zu bestimmen. Man hält es für wahrscheinlich, daß Poincaré am Freitag London ver­lassen wird.

Lloyd Georges Zugeständnisse

Paris, 9. Auguft. Der Sonderberichterstatter von Havas 9% bis 12% Uhr erklärt, über die heute vormittag von dauernde Unterredung zwischen Poincaré, Lloyd George und Theunis berichten zu können, Lloyd George habe von den französischen Vorschlägen angenommen: die 26prv= zentige Abgabe von der deutschen Ausfuhr, die Beschlagnahme der Bolleinnahmen und die kontrolle der Staatsgruben im Ruhr­gebiet und der Domanialforsten am linken Rheinufer. Die anderen Vorschläge wie die Zoll­schranke in den Rheinlanden und im Ruhrgebiet stießen noc auf feften Widerstand der englischen Regierung. Au Poincaré fcheine unnachgiebig zu sein. Die Sachverständi­gen sollten nachmittags nochmals die Frage der ftrittigen Pfänder prüfen.