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Einzelpreis 6.- Mk.

Die Greibeit erfcheint täglich einmal als Morgenausgabe und Montags als abenbausgabe mit den Unterhaltungsbeilagen Breie Belt"" Frauen- Weit" und Der Jugend- Genoffe". Der Bezugsbrets beträgt bei freier Zustellung ins Haus für den Monat Eeptember 150 m., im bons sablbar beitellinaen nebmen fämtliche Boltanstalten entgegen. Fernsprecher: Hanfa 1970, 1971 und 1972. Amt Moabit 2021. Redaktionssekretariat: Dönhoff 5593.

Verlag und Exped. Berlin NW 40, Kronprinzenufer 27, L

Dienstag, den 12. September 1922

5. Jahrg, Nummer 330

Die golfgefaltene Nonpareillezetle ober beren Raum loftet 25,-., einschließlich Inferatensteuer. Aleine Anzeigen: Das jettgedrudte Work 4, M., tebes weitere Wort 3,- M. einschließlich nferatensteuer. Laufende Anzeigen laut Tarif. Familien- Anzeigen und Stellen- Gesuche 16, M. netto pro Beile. Stellen- Gefuche in Wort- Anzeigen: bas fett gebrudte Wort 3, M., tebes weitere Mort 2,- t, Redaktion: Fernsprecher Dönhoff 4190, 4191 und 192 Berlin SW, 68, Ritterstr. 75, III,

reiheit

Berliner Organ

der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands

Die Aussichten

der Arbeiterpartei

Die Stellung Lloyd Georges ist erschüttert. Weder feine früheren liberalen Freunde noch die Konser­vativen haben besonderes Zutrauen zu ihm. Seinen Sieg bei den legten allgemeinen Wahlen verdankt er ohnedies nur der Khalistimmung. Lloyd George wußte geschickt den chauvinistischen Lappen zu schwingen und hinter diesem Lappen zog der Organi fator des Krieges und des Sieges" siegreich ins Parlament.

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Aber die Stimmung von damals ist verflogen. Ste mußte nüchternen Erwägungen weichen. Weder innen­politisch noch außenpolitisch hat das Kabinett Lloyd George besondere Erfolge aufzuweisen. Die irische Frage ist nur halb gelöst, wie der fortdauernde Bürger­frieg in Jrland beweist, die indische Frage aber und ebenso die ägyptische, sind von der Lösung weit ent­fernt. Man fonnte Gandhi, den Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, einsperren, aber den Geist dieser Bewegung dadurch nicht töten. In Aegypten verfehlten die blauen Bohnen Lloyd Georges ebenso ihre Wirkung. Hinzu kommt, daß Lloyd Georges Hal­tung zu dem durch den Versailler Vertrag aufge­worfenen Problemen niemand befriedigt, sondern so­wohl im Lager der Konservativen, als auch bei den sogenannten unabhängigen Liberalen, und vor allem bei der Arbeiterpartei auf heftige Opposition stieß. Allerdings, die Gründe dieser Opposition sind ver­fchieden. Die Tories und der Asquithflügel be­fämpfen Floyd Georges Politik aus anderen Gründen wie die Arbeiterpartei. Klar und eindeutig allein ist die Stellungnahme der Arbeiter gegenüber Lloyd Ge­orge, wie überhaupt die Politif der Arbeiterpartei in den letzten Jahren sich geradezu überraschend von allen ihr früher anhaftenden Unklarheiten freigemacht hat. Die Zeiten, wo sich innerhalb der Arbeiter partei alle möglichen Tendenzen und Richtungen und Kompromißneigungen breitmachen konnten, sind end­gültig vorbei.

Wenn diese Klärung sich vollzogen hat, so ist es in der Hauptsache zurückzuführen auf die Erfahrungen der englischen Arbeiterklasse während des Krieges. Auch in England hatte die Arbeiterschaft den Worten ihrer tapitalistischen Regierung über Ursache, Zweck und Ziel des Krieges Glauben geschenkt. Aber sehr bald mußte sie zu ihrem Reidwesen erfahren, daß sie ebenso mißbraucht worden war wie die Arbeiterschaft in den anderen am Krieg beteiligten Ländern. Der Sieg" war nicht ihr Sieg. Die großen Versprechungen, die die englische Regierung während des Krieges gemacht hatte, blieben entweder ganz unerfüllt oder wurden nur teilweise erfüllt. Es kam hinzu, daß die Aus­wirkungen des Krieges sehr schwer auf der englischen Arbeiterklasse lasteten. Der Steuern wurden mehr. Die Arbeitslosigkeit in England ist seit Jahr und Tag cine furchtbare. Zeitweise bezogen gegen zwei Millio­nen Arbeitslosenunterstützung. Hand in Hand mit dieser Arbeitslosigkeit gehen Lohnkürzungen in allen Industriezweigen. Bekannt sind die schweren Kämpfe, die die englischen Bergarbeiter und die Metallarbeiter im Laufe dieses Jahres gegen Lohnherabsetzungen ge­führt haben. Und wenn beispielsweise die Berg­arbeiter nach einem Ausstand von mehreren Monaten nicht nur zähneknirschend in einen Lohnabzug ein­willigen, sondern auch auf die bisherige Ausgleichung der Löhne verzichten mußten( die Regierung hatte während des Krieges und in den ersten Jahren nach dem Kriege durch Zuschüsse aus einem Ausgleichsfonds an start abgebaute Gruben den Bergarbeitern eine ge­wisse Lohnrate garantiert), so trägt daran der Wort­bruch des Kabinetts Lloyd Georges die Hauptschuld.

Versagt hat die Regierung auch in der Wohnungs­frage, in sozialpolitischen Fragen, kurz, in allen Fragen, die die Lebensinteressen der Arbeiterklasse berühren. Und immer wieder spielt die Regierung mit dem Gedanken, den Arbeitern bzw. der Arbeiter­partei die politische Betätigung zu erschweren, indem fie, analog einer früheren richterlichen Entscheidung den Gewerkschaften die Finanzierung der Wahlen der Arbeiterpartei untersagen will.

Alle diese Momente haben aufrüttelnd gewirkt, und die politische Bewegung der englischen Arbeiter unge­mein gefördert. Hiervon legte der Kongreß der Ar­beiterpartei in Edinburgh Zeugnis ab, wo man nicht nur dem Kabinett Lloyd George und der soge­nannten Koalition den Kampf ansagte, sondern auch dem unabhängigen Flügel der Liberalen um Asquith. Die englische Arbeiterpartei das ist der hauptsäch­lichste Beschluß in Edinburgh, und hierin dokumen­tiert sich der steigende Einfluß der Unabhängigen Eng­

Wieder auf dem toten Gleis

( cca.) Paris, 11. Sept. Die Nachrichten, die über die Hal­tung der belgischen Regierung zu dem Ausgang der deutsch­belgischen Verhandlungen heute abend hier eingelaufen sind, find widersprechender Natur. Die belgischen Delegierten De­lacroix und Bemelmans, sowie der Finanzsachverständige Philippson sind heute vormittag aus Berlin kommend in Brüssel eingetroffen und noch im Verlaufe des Morgens ein­gehend von Theunis und Jasper gehört worden. Eine offi­zielle Mitteilung über diese Zusammenkunft wurde der Presse nicht gemacht.

Infolgedessen sind die Zeitungsvertreter auf mehr oder weniger sichere Privatinformationen angewiesen. Der Be­richterstatter des Temps" glaubt, behaupten zu können, daß Theunis und Jasper ihre Entscheiduna vom Sonnabend auf­recht erhalten und die Verhandlungen als abgeschlossen und gescheitert betrachten. Dem gleichen Korrespondenten zu­folge versichert man in Brüssel, daß der am Sonnabend in Berlin veröffentlichte Bericht über das Ergebnis der deutsch­belgischen Verhandlungen nicht dem Gedankengang der belgi­ichen Regieruna entspricht. Dieis Communique fei vielmehr ohne Kenntnis der belgischen Regierung auf Verlangen der Berliner Regierung veröffentlicht worden. Die Brüsseler Regierung ist der Meinung, daß die Verhandlungen auf Grund der Entscheidung der Reparationsfommission end­gültig abgeschlossen seien.

Es set wahrscheinlich, so meldet der Temps" weiter, daß die belgische Regierung die Reichsregierung auf diplo­matischem Wege auffordern werde, die Schatzscheine für die Verfalltage vom 15. August und 15. September von je 50 Millionen Mark abzuliefern und die Golddepots, die zur Garantie dieser Schaßscheine dienen sollen, auszuführen. Wahrscheinlich wird man verlangen, daß diefe Golddepots an die belgische Nationalbant in Brüssel zum 15. September ausgeführt werden. Eine endgültige Entscheidung sei aber noch nicht getroffen. Voraussichtlich wird morgen die Ent­scheidung der belgischen Regierung und ihre Antwort an land diese Mitteilung angenommen oder sich geweigert haben das Deutsche Reich veröffentlicht werden. Erst wenn Deutsch­sollte, die Golddepots auszuführen, die die belgische Regie rung verlangt, wird diese die Reparationskommission von dem Vorfall unterrichten.

An

die für die Schabwechsel vorgesehen ist, auf Jahre vers längert werden kann, wie das Angebot der deutschen Regie rung an die belgische Delegation es vorsah. Die Möglich­feit der Zustimmung der Reparationsfommission zu diesem Angebot ist um so mehr gegeben, als im Falle der Abieh­nung gemäß des Beschlusses der Reparationsfommission die Beschlagnahme des Reichsbankgoides erfolgen müsse. dieser Beschlagnahme hat aber selbst die französische Regie rung fein Interesse, da die Zahlungsfähigkeit der deutschen Republik durch eine Beschlagnahme nur noch in erhöhtem Maße herabgemindert würde, während Frankreich selber vs diesem Gelde nichts erhalten würde. Da auch die belgische Regierung offenbar bestrebt ist, zu einer Verständigung zu kommen, und die Engländer ihre vermittelnde Haltung wäh rend der ganzen Verhandlungen bewiesen haben, so würde die Zustimmung der Reparationsfommission zu dem deut­schen Vorschlage nicht nur im Bereich der Möglichkeit, son­dern auch im Gebiet der politischen Vernunft liegen. Erst nach der Lösung der belgischen Frage wird es möglich sein, das gesamte Problem der Reparationsfrage auf den Wunsch der französischen Regierung hin nochmals durchzusprechen. Von einer neutralen Seite, die während der Verhandlungen stets eine wohlwollende Haltung Deutschland gegenüber ein­genommen hat, und die an den Verhandlungen nicht gana unbeteiligt war, wird der Tena" mitgeteilt, daß die öffent­liche Meinung der Welt von der deutschen Regierung jezt wohl Aktivität und Initiative erwartet, und zwar in der Richtung der Organisation einer Garantieleistung der deuts schen Industrie. In welcher Form dies an geschehen hat. müssen natürlich die Verhandlungen zwischen der deutschen Industrie und der deutschen Regierung überlassen bleiben, aber der Wille zu diesen Maßnahmen muß jetzt durch die Tat so schnell wie möglich bekundet werden, da die Entwid­lung der Wirtschaftslage Deutschlands in erheblichem Maße von den kommenden politischen Entscheidungen abhängt. so muß die Industrie selber ein lebhaftes Interesse an der Lösung der Frage haben, zu der sie am besten durch eigene Mitarbeit beitragen könne.

Gerade das Gegenteil dieser Ausführungen behauptet Lloyd George für ein fürkisches Thrazien der aewöhnlich von belaischer Seite aut informierte Bericht­erstatter des intranfigeant" zu haben. Er schreibt, es sei

außerordentlich wahrscheinlich, daß Delacroix verlangen ihr den Mikerfola der belgisch- deutschen Verhandlungen be­

werde, daß die Reparationskommission zusammentritt. um

fanntzugeben. Aus dem Bericht des aleichen Korresponden ten scheint hervorzugehen, daß man in Brüssel den Eindruck hat, daß die Berhandlungen durch das Eingreifen von Stinnes gescheitert sind. Stinnes, so schreibt der Korrespondent, war wohl aeneiat. veriönlich seine Garantie zu geben, aber nur unter zwei Bedingungen.

in das Kabinett; 2. ein belgisch- deutsches Abkommen auf der Grundlage der Vereinbarungen mit Luberiae. Man weiß jest, io fährt der Korrespondent fort, daß Stinnes nunmehr den Play Nathenans einzunehmen wünscht. Ferner glaubt der Berichterstatter des Intransigeant" versichern zu fön­nen, daß der englische Botschafter in Berlin, Lord d'Abernon, in die deutsch- belgischen Verhandlungen eingegriffen habe, und den Belgiern durch die deutsche Regierung anbieten ließ, daß man die Schaßscheine in England di fontieren wolle, wenn diese für einige Monate prolongiert würden. Der Intransigeant" glaubt, es sei noch möglich, daß die deutsche Regierung im Verlaufe der nächsten 48 Stunden auf Veran­lassung Englands neue Vorschläge machen werde.

Diese Bedingungen waren: 1. der Eintritt der Volkspartei

Neue Verhandlungen in Paris

Staatssekretär a. D. Bergmann und der Vorsitzende der Kriegslastenfommission, Fischer, haben, wie die Dena" er

fährt. fich heute nach Paris begeben, um sich zur Verfügung

der Reparationsfommission zu baiten. Man nimmt an, daß die Reparationsfommission spätestens Ende der Woche die Entscheidung darüber fällen wird, ob die sechsmonatige Frist,

lischen Arbeiterpartet-wird ganz selbständig in den Wahlkampf eintreten und jedes Bündnis mit bürger­lichen Parteien ablehnen. Den gleichen Kampfesgeist atmeten die Verhandlungen des Gewerkschafts­kongresses, der vorige Woche in Southport tagte.

Daß dieser Kampfesgeist feineswegs Strohfeuer ist, daß vielmehr die von der englischen Arbeiterpartei pro­pagierten Ziele in den weitesten Kreisen der Arbeiter­schaft feste Wurzel geschlagen haben, zeigen die ver­schiedenen Nachwahlen. Wierzehn Size hat die Arbeiterpartei bei diesen Nachwahlen gewonnen, in anderen Kreisen ist sie der Koalition bedenklich nahegerückt. Noch bedeutsamer ist der Umstand, daß die Arbeiterpartei bei den Nachwahlen ihre Stim= menzahl verdoppelt hat, obwohl sie nur üben ein einziges Tagesorgan in Großbritannien verfügt. Schon heute wäre sie, wäre die Wahlkreisgeometrie nicht eine im Interesse der bürgerlichen Parteien aus­

( DA.) London, 11. September. Hier hat der Fall von Smyrna große Erregung hervorgerufen. Eine Kabinetts­sibung, die heute mittag zusammengetreten war, hat sich nur mit der Orientfrage beschäftigt. Es heißt, daß Lloyd George geneigt ist, den Türfen nicht nur Kleinasien, sondern auch Thrazien ganz zurückzugeben, wenn die kemalistische Regie rung die Freiheit der Meerengen weiter garantiert. Es vers lautet weiter, daß eine Zusammenfunst der alliierten Außen­minister zur Lösung der Orientfrage vorbereitet werden soll.

Die Gemeindewahlen in Thüringen

Am Sonntag haben in Thüringen Gemeindewahlen statt­gefunden. Die bisher bekannt gewordenen Resultate sind höchst unvollkommen und lassen einen Schluß auf das End­ergebnis nicht zu. Nicht einmal über die Wahlbeteiligung war bis gestern abend lebereinstimmendes zu erfahren. Durchweg wird angenommen, daß eine wesentliche Verschie bung der Parteistärken nicht stattfand Die USP. und SPD. gingen in einer ganzen Reihe von Kreisen gemeinsam vor. Sie haben durchweg ihren Stand gehalten. Aus den neun Ereisfreien Städten liegen folgende Ergebnisse vor: Gera 27 Sozialisten, 26 Bürgerliche, Altenburg 23 Sozia listen, 18 Bürgerliche, Weimar 15 Sozialisten, 24 Bürger­liche, Apolda 11 Sozialisten, 18 Bürgerliche, Jena 21:26, Arnstadt 15:16, Eisenach 14:25, Gotha 16:27.

Von dem übrigen Wahlausgang waren bis Schluß der Redaktion nur Teilresultate zu erfahren. Die Bürgerlichen waren ebenso wie die USP. und SPD. vielfach vereinigt in den Wahlkampf gezogen.

geflügelte, eine sehr starke Fraktion im Parlament. Aber alle Wahlkreisgeometrie wird den Vormarsch der Arbeiterparteien nicht aushalten. Bereits rechnen liberale und konservative Politiker mit der Möglich feit, ja der Wahrscheinlichkeit, daß die Arbeiterpartei bei den nicht mehr aufzuschiebenden allgemeinen Wahlen als stärkste Partei in das englische Unter­haus einziehen und mit der Bildung der Regierung Hetrant werden wird. In der Arbeiterpartei felbst hat man diese Möglichkeit ebenfalls ins Auge gefaßi.

Angesichts des antiimperialistischen und anti­apitalistischen Charakters der Arbeiterparteien würve die Nebernahme der Regierung durch sie innen- und außenpolitisch von den weittragendsten Folgen sein. Eine unverzügliche und gründliche Revision des Versailler Friedensvertrages wäre un­ausbleiblich. Ist es doch die englische Arbeiterpartei die stets die Tragödie von Versailles bekämpft hat.