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An die Redaktion des Vorwärts"!

Berte Genossen!

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Ich glaube im Namen vieler Frauen zu sprechen, wenn ich Jage: Wir sind froh, endlich eine Frauenbeilage am Borwärts" 34 haben. Sie werden es mir hoffentlich nicht übelnehmen, wenn ich etwas an der Zeitung fritisiere. Die Frauenbewegung, die Frauen­frage um nur zwei Sachen zu nennen, das alles find Dinge, die die Frauen zweifellos intereffieren, und ich will diese Artikel nicht missen. Aber darüber hinaus habe ich dann das Gefühl einer großen Lücke, z. B. nach dem Artikel Abbau des Jugendwohlfahrts­gefeßzes"( der mir gut gefallen hat) fuchte ich danach, ob nicht eine unserer Genoffinnen, die hier in Groß- Berlin in der Jugendwohl fahrt arbeiten, den Segen des Gesetzes mit Beispielen aus ihrer Arbelt demonstrierte. Bergeblich. Dann mußte ich darüber nach denken, daß doch viele Genoffinnen durch ihre Arbeit in manches Frauenfeben und-leid hineinsehen und bei guter sozialer Beobach tungsgabe wertvolle Arbeit an der Zeitung leisten fönnten. Was die Frau der Arbeiterflaffe bel thren täglichen Einholegängen als Hausfrau und im Kreislauf ihrer täglichen Tretmühle denkt und empfindet, das muß die Frauenwelt" bringen. Ebenso sollen ihre Sorgen und Verlegenheiten bei der Pflege und Erziehung ihrer Kinder zum Ausdruck kommen und Antwort finden. Wie das zu machen ist? Reben den Genoffinnen, die auf Grund der Erfahrun gen ihrer parlamentarischen Tätigkeit schöne Artikel schreiben fönnen, Jollen die einfachen Frauen zu Wort kommen. Sie sollen das Ge­füht haben: Das ist unser Blatt, hier fann ich meinen Mitschwestern erzählen, wie es mir geht und sie fönnen mir antworten. Bitte, überlegen Sie, ob Sie das Blatt nicht dem Krels der Leser öffnen Mit freundlichem Gruß Ihre P. G.

wollen.

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Antwort der Redaktion: Wir bringen Ihren Brief zum Abdruck in der Frauenwelt" und geben dadurch der Meinung Ausdruck, daß das Blatt erst dann felnen wirklichen Zwed erfüllt, wenn die Leferinnen sich selbst lebhaft an feiner Ausgestaltung be­teiligen. Wir, d. h. Redaktion und Leserinnen, werden uns sehr freuen, wenn wir gemeinsam von der Zeitung fagen können, daß sie das Leben der arbeitenden Frau und Mutter widerspiegelt. Zuschriften find an Frau Marie Juchacz oder die

BR

Redaktion des Vorwärts", belde Berlin S. 68, Linden> straße 8, zu richten.

Nur nicht Mutter werden!

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Bor furzer Zeit brachte der Vorwärts" die Nachricht von einem bevorstehenden Massen- Abtreibungs- Prozeß.

Im Geist sah ich hunderte von Frauen, alle auf verschiedene Weise vom Leben gekennzeichnet. Aber ich fenne wohl faum eine aus dieser großen Schar. In Wirklichkeit sah ich Frauenfchicfate, bie mir irgendwie einmal auf meinem Lebensweg begegnet sind. Und eines davon stand wieder nor mir, so lebendig, als hätte es heute und nicht vor 12 Jahren seinen Abschluß vor meinen Augen gefunden.

blid noch retten, die große Lebensenttäuschung mußte herunterge wärgt werden.

Dann fachie fie fich an der Nähmaschine zu ernähren und lernte später den zweiten Mann kennen. Jung, froh und lebenslustig trat er in ihr Leben, sprach ihr von feinen Zukunftsträumen, in welchen fe eine Stelle einnahm. Sie wußte es nicht, daß dieser Mann schon verheiratet und Vater war, er verschwieg es ihr, solange es ihr leicht gewesen wäre, den Traum abzuschütteln. Froh faufte fie Möbel von ihrem Spargelde, mietete die Wohnung, ließ sich die Bapiere zur Heirat aus der Heimat tommen und bezog schon immer mit dem Mann ihrer Liebe ihr neues Heim. Was sollte sie machen, als sie dann erfuhr, daß ans Heiraten vorläufig nicht zu denken war. Sie Hebbe den Mann. Daß er der Liebe diefes Weibes nicht würdig mar, gehört in ein anderes Rapitel. Eines Tages mußte fie ganz schnell in das Krankenhaus geschafft werden und erhielt dort einen Leibschnitt. Lange bange Wochen zitterten wir um ihr Leben, mit gebrochener Lebenskraft fam sie heraus. Ihre ganze Energie fon­entrierte sich nur noch auf ihre Näharbeit und auf den Gebanien: Unter feinen Umständen ein Kind. Eines Tages erhiel ich auf meiner Arbeitsstätte die Nachricht, daß fie roleter einmal schwer erfrankt sei. Ich fand eine Sterbende, Herzlähmung tonfta tierte der Arzt. Ueber die Ursachen der plötzlichen Erfrantung Sprach er sich nicht aus. Wenn er das gleiche beobachtet hat, was ich mit dem geübten Blick der Frau gesehen habe, dann wollte er sich nicht darliber äußern. Und das war wohl gut so.

Arbeiten und nicht verzweifeln!

M.

Auch an diesem geflügelten Wort bewahrheitet sich zur Stunde, daß Forderungen, Wünsche und Mahnungen etwas Relatives find: Biele, viele wollen arbeiten, um nicht zu verzweifeln! Aber die dunkle, tiefe Wirtschaftsfrise, in der wir steden, hinbert Hundert tausende in Deutschland , die gerne schaffen und für Brot sorgen wollen, an der Arbeit.

Die Erwerbslofenziffern find riesengroß. Riesengroß ist auch die Not der vom Schicksal hart getroffenen Frauen und Männer. Es fehlt an allem, was zum Leben nun einmal nötig ist. Zur materi ellen Not.gesellt sich die seelische Not, die Bedrückung des Gemütes. Berzweifelt ist der Abwehrkampf gegen Hunger und Kälte. Woht noch nie hat eine wirtschaftsfrise( dle ja im Wesen des Kavitalis mus begründet liegt und periodisch auftritt) eine so große Not ge­zeitigt, eine so erschöpfte Arbeiterklasse vorgefunden. Erschöpft ist die Arbeiterfiaffe deshalb weil sie im Kriege großentelis vom Bor handenen leben mußte: Alle Wäsche, Kleider, Möbel und der kleine Hausrat wurden gebraucht, nein verbraucht, well nichts getauft werden konnte: Es gab ja nichts. Gewiß fam dann eine Zeit wirt­fchaftlicher Blüte. Aber es war wirklich nur eine Scheinblüte; zwar nicht für die Großindustrie, aber für die Arbiter! Biel " Geld wurde verbient, wir wurden Millionäre, Milliardäre, Billionäre, aber Bettwäsche, Handtücher, Leibwäsche, Betten und Hausrat fonnten die wenigsten in dem Maße ersetzen, wie es erforderild gewesen wäre.

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Sa trifft diese Krise die Arbeiterflaffe doppelt hart, well fle ausgehungerter, ausgepowerter und deshalb wehrloser ist, als fie jemals war.

Diese Krise trifft die Frauen der Arbeitertiaffe aber befonders. Das deutsche Arbeitereiend ist riesenhaft; daß es uns Ein Beib, gefund an Körper und Seele, mußte, feiner eigenen mit feinem Elend nicht so ins Gesicht schreit, daß Berwahrlosung Meinung nach, auf das verzichten, was im Leben des gefunden und Berlumpung nicht massenhaft auftreten, ist nur den Arbeiter Weibes das höchfte ist, auf die Mutterschaft. Sie war sehr einsam, frauen zu danken, die das Wenige an Hausrat, an Kleidern und troh ihrer Ehe. Außer den gelben Blumen und dem wilden Wein auf ihrem Balkon hatte sie auch einen Hund. Und einmal wieder, Wäsche mühevoll zufammenhalten, jedes Feßchen Stoff verwerden, ach wie so oft, war Schmalhans Küchenmeister bei ihr, es war fein durch Waschen und Stopfen die größte Schäbigkeit verwischen. Geld da und die Miete war fällig, wegen der Steuern war gepfändet Hier ist eine Erscheinung, die für die Lebenskraft und den Ordnungs­morden. Die Hundesteuer aber war bezahlt. Da fragte ich fie, ob finn des deutschen Boltes im allgemeinen, der deutschen Arbeiter sie es denn für richtig halte, das fo fauer verdiente Geld für Hunde- frau im besonderen Zeugnis ablegt. Diese Erscheinung soll uns fteuer auszugeben. Den Hund muß ich haben, sonst verlerne ich freuen. Ele soll uns aber auch nachdenklich machen: Einmat das Sprechen! Den ganzen Tag allein, bis in die späte Nacht über erschöpft sich jede Kraft! Darum foll sich die S- lbsthilfe elne Nähmaschine gebeugt, bei einer entfezlich monotonen Arbeit der Arbeiterklaffe entfalten. Dazu sind alle verpflichtet. die selbst. fann man wohl das Sprechen verfernen." Mit einem so reichen nicht vom Unglüd betroffen sind; ihnen droht das Unglück der Er Schatz von Liebe im Herzen hatte sie nicht den Mut, ihrem gefunden Gefüht zu folgen, Mutter zu werden. Warum nicht? Weil ihre Ehe werbslosigkeit auch einmal, dann werden die Rollen vertauscht. Dar nicht legitim war, weil sie nicht den Namen des Mannes trug, der über aber darf nicht vergessen werden, daß unser Rämpfen nach wie ber Bater ihres Kindes geworden wäre. Sie war eine Waise, und vor dem Kapitalismus gilt. ich verstand den sehnsüchtigen, ja den hungrigen Ausdrud ihrer schönen nachtbunffen Augen, settdem sie mir in einer vertrauten Stunde erzählt hatte, wie sie als Kind nach Mutterlebe gehungert hat. Abwechselnd bei hartherzigen Berwandten oder im Waisenhause wurde die frendlose Jugend rerlebt, fein Fünfchen Liebe war übrig für diefes liebehungrire Kind. Durch harte Arbeit mußte in der Jugend und später das Stüd Brot verdient merdon Trotz allem, vielleicht auch gerade beswegen war le fich früh ihres Menschentums bewußt geworden, leider nicht bis zur letzten Konfequenz. Noch zitterte die Empörung in ihr nach, wenn sie davon sprach, melch unwürdige Behandlung ihr oft zuteil geworden, als Dienstmädchen und später als Berkäuferin in einem Schlächterlaten. Der erste Mann trat in ihr Leben, aber er meinte es nicht chrlich. Auf ihr Geld hatte er es abgefehen. Die Sparpfennia die sie, die An­fpruchslose, fich fo mühsam zurückgelegt, fonnte sie im letzten Augen­

Nach dem Kriece und dem Zusammenbruch ber alten Mächte in Deutschland erhofften piehe den Sieg der sozialen Revolution. Die Arbeiterklaffe war noch nicht start genug, wichtige Machtmittel in den Händen zu behalten: fle war nicht einig und geschlossen. An scheinend slegt das tamitalistisch- egolftische Prinzip über das sozia­liftisch- altruistische. Anscheinend! Der übermütige Anhänger fanita­liftischer Gedankengänge soll nicht zu früh jubeln: Die Arbeiterklasse. verzweifelt nicht! In ihrer Niederlage von heute liegt der Aufstieg von morgen. Zertreten fann fie fein Kapitalismus . auch wenn feine Bertreter jubeln. Unfere Organisationen werden wachsen; mehr zum Leben wird triumphieren! Elisabeth Kirschmann- Röht. ( in Die arbettende Frau", Köln .)

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