Frauenstimme

Nr. 5+ 41.Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

6. März 1924

Heimarbeit und Doppelexistenz.

Heimarbeit wird in der Regel noch schlechter bezahlt als andere Arbeit. Das kommt daher, weil in der Heimarbeit weit mehr als bel Betriebs- und Werkstattarbeiternn die einzelnen Arbeits. fräfte gegeneinander ausgespielt werden fönnen und weil als Heimarbeiter überwiegend folche Menschen beschäftigt find, die entweder seine vollen Arbeitskräfte darstellen( Krüppel) oder die zu einem Einkommen aus Rente, aus Vermögen, aus dem Arbeits­verdienst des Mannes, erwachsener Rinder usw, nur etwas hinzu­verdienen wollen und fönnen, und die zufrieden sind, wenn sie nur Gelegenheit hierzu finden.

Der Umstand, daß Heimarbeit so start von Personen verrichtet wird, die von ihrem Arbeitseinkommen nicht ihren gesamten Lebens. bedarf bestreiten müssen, ist wohl der erheblichste Grund für die niedrigen Löhne in der Heimarbeit. Deutlich zeigt dies die Tatsache, baß die niedrigsten Löhne für Arbetten üblich sind, die in der Regel von verheirateten Frauen ausgeführt werden, und zwar recht häufig von Frauen aus bessergestellten oder früher wohlhabenten Kreisen: für Handarbeiten funstgewerblicher Art.

Beim Verkauf in den Läden werden die hohen Preise für handgearbeitete Scchen begründet mit dem Hinweis auf die hand arbeit Es ist ja auch in der Tat die Art ter Arbeit, die diesen Gegenständen erst den Wert gibt. Recht häufig hat das Material, bas in der fertigen Ware stedt, wie z. B. bei Stridbeden das Barn, verhältnismäßig sehr geringen Wert Und doch sind Stridbecker. teuer. Den Wert biltet erst die Arbeit. Diejenigen aber, die die Arbeit leisten, erhalten in der Regel so wenig für ihre große Mühe, baß der hohe Verkaufspreis durch nichts gerechtfertigt wird.

Und doch finden sich immer wieder Frauen, die diese Arbeiten verrichten. Sie reißen sich förmlich danach. Sie sint froh, wenn fie nur wenige Pfennige verdieren für persönliche Bedürfnisse und awar durch Arbeiten, die nicht den Stempel des Ordinären in ihren Augen tragen, wie beispielsweise Werkstatt- oder wol gar Fabrik. arbeit, und bei der man vielleicht gar noch vertecken kann, daß es fich um Erwerbsarbeit handelt. Bei einer Unterredung zwischen der Leiterin einer Ausgabestelle für Heimarbeit, die sich bemüht, von ben Auftraggebern vernünftige Bielie zu erhalten, um anständig Löhne zahlen zu können, und die sich erstaunt darüber äußerte, daß ein Handarbeitsgeschäft bei so niedrigen Löhnen noch Arbeitsträfte bekommt, fagte bezeichnenderweise die Inhaberin des Geschäfts: Für uns arbeiten heute noch die Damen, die schon früher für uns ge. arbeitet haben: die Damen aus besserem Hause!"

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Auf diese, bzw. auf die gute Kleidung, die diese Frauen vielfach heute noch befizen, berufen sich andere Unternehmer, wenn sie die niedrigen Löhne, die sie zahlen, rechtfertigen wollen.

In einer Versammlung, an der die Schreiberin dieser Zellen teilgenommen hat, berief sich eine Bertreterin der Unternehmer auf die guten Mäntel mit Belztrogen, die die Frauen tragen, die für sie arbeiten, und tie nach ihrer Auffassung bewiesen, daß mit Stunden Cöhnen von 10 und 12 Pfennig auszukommen set!

Troh der unglaublich niedrigen Löhne für zahlreiche Dinge, die in der Heimarbeit angefertigt werden, ist die Nachfrage nach Heimarbeit riefengroß Mehr als früher schon sind die Frauen gezwungen, das Einkommen zu vermehren, das sie entweder aus Vermögen und aus Rente beziehen oder das der Mann und andere erwachsene Familienangehörigen haben. Heimarbeit bietet thnen dazu die günstigste Gelegenheit, und manchmal sogar die einzige Gelegenheit. Aus diesem Grunde und weil Frauenfeindlichkeit jetzt vielfach weibliche Arbeitskräfte von ihren bisherigen Arbeitsplätzen entfernt, ist die Zahl der Heimarbeiterinnen heute erheblich größer als früher, und riesengroß ist die Zahl derjenigen Frauen, die nach Heimarbeit verlangen, und die nun auf dem Arbeitsmarkt die. Schar

derjenigen Menschen vergrößern, auf die diejenigen sich stüßen, ble die Löhne niedrig halten wollen.

Um so mehr muß es deshalb schmerzen, daß zum Schutze gegen Ausbeutung der Arbeitskraft der Heimarbeiterinnen nicht die Maß­nahmen durchgeführt worden sind, die die Vertreter der Arbeiter. schaft seit vielen Jahren gefordert haben, und zu denen der Reichstag endlich im Juni v. J. durch seinen Beschluß. Fachausschüsse für die Heimarbeit zu schaffen mit dem Rechte der Lohn­festlegung, tie Möglichkeit gegeben hat.

Angeblich ist kein Geld vorhanden, um selche Fachausschüsse zu bilden. Darum bleibt für die Heimarbeiterinnen nichts anderes übrig, als ebenfalls den Weg zu beschreiten, der von einem Teil der Arbeiterschaft längst als der einzige zur Besserung der Lef enslage erkannt worden ist: Der Weg der Selbsthilfet Je eher er beschritten wird, um so beffer für die Heimarbeiterinnen und für die Gertrub Hanna. Gesamtheit der Arbeiterschaft.

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Unter dem Schlagwort Doppelegiftenz", das an Schauerge. schichten und Kino gemahnt, wurde noch dem Krieg ein Feldzug gegen die Erwerbsarbeit der verheirateten Frauen unternommen. Auf Grund der im März 1919 erlassenen Berord nung zur Freimachung von Arbeitsstellen" ordneten allenthalben die Demobilmachungsausschüsse die Entlessung der Frauen an, deren Männer über ein Einkommen verfügten. Die daraufhin vor­genommenen Entlassungen verheirateter Frauen erfüllten aber nicht die Hoffnungen, die an diese Maßnahme zur Minderung der Arbeitslosigkeit gefnüpft waren. Die Arbeitslosigkeit nahm im Gegenteil noch beträchtlich zu. Biele verheiratete Frauen wurden zwar entlassen. Ihre Tätigkeit aber wurde fast nie orbeitslosen Familienvätern übertragen. Ein Mittel zur Scheffung von Arbeits­gelegenheit waren die domaligen Arbeiterinnenentlassungen be. stimmt nicht.

Aber ganz abgesehen von dem Mißerfolg der gewählten Maß­nahme offenbart sich in der Berordnung ein absolutes Unverständnis für das Problem der Freuenerwerbsarbeit. Es ist darum äußerst bebauerlich, daß die Entlassung der verheirateten Arbeiterinnen Zu ftimmung fand bis in die Kreise der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter hinein, und daß ein ähnlicher Feldzug gegen die Doppel­existenzen" wieder in der gegenwärtigen Krife unternommen wurde. Auch beim Beamtenabbau werden ähnliche Wege beschritten, worauf in der Frauenwelt" bereits hingewiesen wurde.

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Bereits vor dem Kriege waren die Löhne der Arbeiter so wenig zureichend zur Erhaltung ihrer Familie, daß ein sehr wesentlicher Teil aller Ehefrauen Erwerbsarbeit leisten mußte. Bei der letzten Berufszählung im Jahre 1907 gob es in Deutschland insgesamt 10,8 millionen verheiratete Frauen, von ihnen waren 2,8 Millionen- also mehr als ein Biertel- hauptberuflich erwerbstätig. Insgesamt waren damals 9,4 Millionen Frauen erwerbstätig. Von ihnen waren

5,6 Millionen

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ledig. verheiratet. 2,8 verwitwet.. 1,0

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59,4 Proz.

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Das heißt also, daß im Jahre 1907 von je zehn erwerbs. tätigen Frauen sechs ledig, drei verheiratet und eine verwitwet waren. Inzwischen hat die Erwerbsarbeit der verheirateten Frauen ganz augenscheinlich noch zugenommen. Daß eine so große 3ahl verheirateter Frauen einer außerhäuslichen Be­rufsarbeit nachgehen muß, ist eine Tatsache von solcher wirtschaft­lichen, fezialen und poli ischen Bedeutung, daß der Versuch lächerlich wirft, jeweils bel passender Gelegenheit einfach mit Hife einer Ber. ordnung die Entlassung dieser Frauen aus threm Arbeitsverhältnis zu dekretieren. Dabei tommt es höchstens zu Härten gegen einzelne