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Frauenstimme

Nr. 9+ 42.Jahrgang

Beilage zum Vorwärts

30. April 1925

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Feiert den 1. Mai!

Die diesjährige Maifeier fällt in eine Zeit, in der die auf gewühlten Leidenschaften der Wahlwochen noch nicht abgeebbt find. Tiefe Erbitterung über den Zufallssieg der von den Rommunisten unterstützten monarchistischen Minderheit paart sich in der arbeitenden Bevölkerung mit der Besorgnis, daß dieser Sieg der politischen Dummheit und Rückständigkeit den wirtschaftlichen und politischen Gesundungsprozeß Deutsch lands unterbricht und neue schwere Gefahren für die Republik und die Arbeiterbewegung heraufbeschwört.

In dieser Situation ist gerade die Maifeier geeignet, den Blick auf die geschichtlichen Zusammenhänge des Be­freiungstampfes des Proletariats hinzulenten und die unver fiegbaren Quellen seiner Kraft aufzudecken. Es sind nun 35 Jahre, als die Arbeiterschaft in den wichtigsten euro­ päischen Ländern laut Beschluß des Gründungskongresses der Zweiten Internationale vom Jahre 1889 zum erstenmal am 1. Mai für Achtstundentag, Arbeiterschuh und Völkerfrieden demonstrierte. Schutz der Arbeit und Kampf gegen den Militarismus, diese Losungen waren es vor allem, die seit dreieinhalb Jahrzehnten dem Weltfeiertag des Proletariats ihr Gepräge verliehen. Der Kampf um den Achtstundentag, der die Wurzel des tapitalistischen Profits an griff und die Grundlagen für ein menschenwürdiges Dasein des Proletariats schuf, und der Kampf gegen den Milita­rismus, der die politische Herrschaft des Kapitalismus und Im perialismus untergrub und an die Stelle der von nationalen und staatlichen Gegenfägen zerrissenen Welt eine überstaatliche Organisation aller Völker zu setzen suchte, diese beiden Be wegungen schritten vorwärts von Jahr zu Jahr und ihre Teil nehmer hielten jährlich am 1. Mai ihre Heerschau ab, um durch Sammlung aller proletarischen Kräfte die Ideen der sozialistischen Internationale zum Siege zu führen.

Der Weltkrieg schien diese Bewegung zu Boden geschlagen zu haben. Es schien, daß die Idee des internationalen Sozialismus unterlegen war und daß die große Armee der Arbeiter aller Länder sich aufgelöst hatte in ihre nationalen Bestandteile, um wieder den Mächten der Vergangenheit zu helfen, ihre Herrschaft aufzurichten. Aber wie trügerisch er wiesen sich diese Erwartungen. Mächtiger als je entfaltete sich nach dem Kriege die sozialistische Bewegung in allen Ländern. Die Massen erwachten aus dem trügerischen Rausch, in den die Herrschenden sie versetzt hatten. Sie erkannten das endlose Leld, das Militarismus und Kapitalismus über fie gebracht hatten. Es bewahrheitete sich das prophetische Wort von Friedrichs Engels: die Folge eines Weltkrieges würde die sein, daß die Kronen zu Dußenden über das Straßenpflaster rollen und daß niemand sich finden würde, der sie aufheben wollte. Allerdings gingen nicht alle Wünsche der zu revolu tionärer Aktivität erwachten Arbeitermassen in Erfüllung. Viele hoffnungsvolle Anfäße wurden durch die vielerorts ein sehende rückläufige Bewegung vernichtet. Doch aus den Kämpfen und Wirren der Nachkriegszeit fristallisierte sich dennoch immer deutlicher ein de motratifches Europa heraus, in dem die Arbeiterklasse mit erstarktem Selbstbewußt fein, mit gefestigter Organisation, mit vermehrter Macht in Staat und Wirtschaft die großen Ziele der internationalen sozialistischen Bewegung zu verwirklichen sucht.

Diese Ziele scheinen mitunter in den Hintergrund zu treten und selbst bei vielen Teilnehmern der Bewegung in Bergessenheit zu geraten. Sie stehen aber dennoch richtung gebend vor der Arbeiterbewegung in allen Ländern, selbst wenn manche ihrer Teilnehmer sich mitunter ihrer nicht be­

wußt sind. Es ist, als ob unzählige kleine und große Ströme einem Ziele, einem großen Meere zuftreben. Sie quellen aus der Tiefe, sie durchwühlen das Erdreich, sie schwemmen alle Widerstände fort, fie erfüllen die Mission, die ihnen von den sie treibenden Kräften auferlegt ist. Mitunter scheint es, daß einzelne von ihnen Umwege machen, verflachen oder ins Stocken geraten. Aber dieser Schein trügt. Die Kräfte, die diese Ströme in Bewegung gesetzt haben, überwinden schließ­lich auch alle auftretenden Hemmungen und Stockungen unb führen die immer breiter anschwellenden Wassermengen dem großen Meere, ihrem Ziele zu.

Ebenso verhält es sich auch mit der Internatio nalen Arbeiterbewegung. Sie ist fein fünstliches Produkt, teine Zufallserscheinung, sondern die natürliche Folge der kapitalistischen Entwicklung, die sich in der Arbeiter flasse ihren eigenen Totengräber geschaffen hat. Ihren Toten­gräber, der nicht nur das Alte, Morsche, Unbrauchbare be feitigt, sondern der auch die Grundlagen einer freien Welt schafft und die Menschen dazu erzieht, eine neue gesellschaftliche Organisation gründen zu können. Wie wurde diese Bewegung der Arbeiterklasse verhöhnt und verlacht, als sie vor faum zwei Menschenaltern, seit der Gründung der Ersten Inter­nationale ihren Zug um die Welt antrat. Wie wurden auch die 1889 verkündeten Parolen der Maifeler von der bürger­lichen Welt als Utopien verspottet, mit blutigem Hohn über­schüttet. Und doch: wie hat sich in den wenigen Jahrzehnten, die seitdem verstrichen, das Bild geändert. Die sozialistische Arbeiterbewegung ist zu der gewaltigsten Massenbewegung der modernen Zeit emporgewachsen. Sie übt auf die Politik der kapitalistischen Länder den stärksten Einfluß aus: fie greift richtunggebend in Verwaltung und Gefeßgebung ein; fie er obert im Wirtschaftsleben eine Position nach der anderen: fie beherrscht im steigenden Maße das Geistesleben der Massen und ist zu einer der wichtigsten kulturschöpferischen Kräfte im modernen Gesellschaftslebens geworden.

Und doch: in wie frassem Widerspruch stehen mitunter die Ereignisse des Alltages zu dieser Erkenntnis. Welch eine bittere Enttäuschung bedeutet es beispielsweise, daß es der sozialistischen Arbeiterschaft Deutschlands nicht gelungen ist, die Wahl eines Reichspräsidenten zu verhindern, der in der ganzen Welt als Symbol des Krieges und der sozialen Reaktion, als willenlose Puppe einer machthungrigen, revancheluftigen Clique betrachtet wird, die nur darauf aus­geht, neue innere und äußere Komplikationen heraufzu beschwören. Wie bitter muß es ferner empfunden werden, daß fast zwei Millionen Proletarier, Männer und Frauen, unter der verantwortungslosen Führung kommunistischer Abenteurer selber mitgeholfen haben, eine solche Schicksals. schwere Wendung in der deutschen Politit herbelzuführen. leber alle diese niederdrückenden Empfindungen hilft nur die Erkenntnis hinweg, daß die sozialistische Bewegung weder durch die politische Unreife nationalistisch verhetter fleinbürgerlicher oder halbproletarischer Schichten, noch durch die fanatische Ber­bohrtheit hyperradifaler Elemente aufgehalten werden kann, deren sogenannter Kommunismus" nur ein Zerrbild des Sozialismus ist.

Alle Frauen und Männer der Arbeiterklasse, denen es wirklich ernst ist um die großen Ziele des internationalen Sozialismus, werden sich am jezigen 1. Mai um so fester um die Fahne der Sozialdemokratie zusammenschließen, die in allen Ländern die stärkste Kraft darstellt, um ble sozialistische Bewegung zum Siege zu führen.