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Tragik des Berufes.

Wie fleine Maschinengewehre rattern die drei Schreibmaschinen zwischen den fahlen, schmucklofen Steinmauern und der milchigen Glaswand, die das Bureau in zwei Abteilungen trennt. Hier flappert immerfort, eintönig und unmelodisch, das freudlose Lied vom ertötenden Arbeitslos der Stenotypistin.

Schmale, gelentige Fingerchen laufen blitzschnell über das Alphabet, fleinen Apparaten gleichend, die unaufhörlich, unermüd­lich auf die Tasten frommeln. Die drei Mädchen hier, welche dies verzweifelte Konzert mit tauben Ohren führen, sind Virtuofinnen auf ihren Maschinen. Aber diese Birtuosität wird nicht geschätzt und schlecht bezahlt, sie sind nur lebendiger Zubehör zur Schreibmaschine, piel billiger als eine Continental oder Mercedes .

Trogdem sie nur nichtssagende Nullen sind in der Firma, wichtig, aber ohne Gewicht, trotzdem sie in ihrem Abteil solch ein gering geachtetes Dasein führen, troßdem dünten sie sich zu einer höheren Schicht gehörend. Wenn sich der Herr Major a. D. sein Diftat wiederholen läßt, lesen sie stets im geschraubtesten Hochdeutsch, ruft sie Herr v. X. in fein Brivatbureau, so lächeln sie wie Märchen­töniginnen. Sie wissen bestimmt, für den Kreis dieser Herren geboren zu fein, für jene Welt, die teure Zigaretten raucht und in elegenten Fauteuils fizt. Deshalb fühlen sie sich über ihre schrecklich anddende Arbeit erhaben; eingefullt in süße Illusionen ist sie ihnen nur unumgängliches Zwischenspiel.

Das jüngste dieser drei hier sitzenden Mädchen zählt siebzehn Jahre. Ihr junges Leben ist noch nicht verbogen oder abgetötet, sondern nur benommen von der Atmosphäre, die durch Glastüren und Direktorenzimmer meht. Sie ist erst ein Vierteljahr im Bureau tätig, schreibt mit Bedacht und Interesse, weil ihre Hände noch feine Maschinchen sind, die auch ohne ihren Eifer weiterlaufen. Aber von den Geschäftskolleginnen hat sie schon verschiedenes gelernt. Ver­schweigt bereits, daß sie noch sieben Geschwister hat, der Vater Kanalarbeiter ist, die Mutter zum Waschen geht. Nimmt sich in der Harrfrisur schon Lilian Harway oder Lil Dagover zum Vorbild, richtet ihre Kleidung nach den letzten Modeberichten, bewegt sich in feineren Manieren, schwärmt bereits für Kavaliere mit inter­effanten" Zügen. Auch zu Hause wittert sie den Abstand, in den sie der Beruf zu ihrer Familie stellt. Sie sieht plöglich, wie häßlich abgearbeitet die Mutter ist, wie rauh und ungehobelt der Vater, wie schmutzig die Brüder von der Arbeit kommen, wie unappetitlich und unwohnlich die Zimmer find. Langsam fühlt sie einen Unter schied zwischen ihr, die so fein im sauberen Bureau sigt, und der Schwester, welche in der Fabrik Zigaretten dreht.

Die Kollegin an der zweiten Schreibmaschine arbeitet schon zwölf Jahre in der gleichen Firma. Zweimal bewilligte ihr der Chef bereits fünf Mart außertarifliche Zulage, weil sie die fleißigste und schnellste Schreiberin ist. Aber diese Aufbesserungen bezahlte fie obendrein mit dem Leben, denn jeder Arzt sagt ihr ohne Unter­fuchung, daß fie höchstgradig tuberkulös ist. Doch sie glaubt nicht baran, sträubt sich dagegen, ist in der Familie unablömmlich. Der Bater liegt im Bett, die zwei Brüder sind erwerbslos. Die Zukunft bünit ihr zwar selber weniger rosig als den anderen Kolleginnen, bie noch voll überschäumender Phantasie sind. Wer zwölf Jahre ohne Erlösung an der Maschine sigt, wird sleptischer. Trotzdem lebt sie in der Einbildung frampfbaft weiter, bewegt sich im gleichen Ton wie die Umgebung. Wird sie wegen ihres schlechten Aussehens denn ihre Wangen sind bleich und eingefallen lächelt sie so vielfagend, daß alle meinen, es tomme von tollen Nächten und starkem Rauchen. Das imponiert. Derweilen geht sie nie aus; dazu reicht das Geld nicht. Aber sie tann phantastisch dichten. Studiert abends die Theaterzettel und erzählt am anderen Morgen von der blendenden Aufführung, liest kitschige Romane, um ben Inhalt als eigene Abenteuer wiederzugeben. Sie bringt es fertig, demonstratio eine Tafel Schokolade zu fnabbern, wenn sie auch hernach eine Woche lang zu Fuß ins Bureau eilen muß, weil thr die sechzig Pfennig wieder fehlen.

angesprochen

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Die Tonangebende nicht nur der dret, sondern auch der andern fechs Mädchen, die jenseits der Glaswand an der Maschine fizen, ist der Bagenkopf am Fenster. Ihre einzige Mitgift ist die wirklich schöne Fiqur und der kleine Lehrling vergißt nie, ihre Beine anzu schieten, die ihm so wundervoll unteusch vorkommen. Das Brole­tarische flopft fie eifrig von den Ladschuhen; vertuscht möglichst ihre Abkunft, falls sie nicht unglücklicherweise gerade jemand der elterlichen Wohnung im Borstadt- Ridgebäude entsteigen ficht. Alle 14 Tage bringt sie die Elegante Welt" mit ins Bureau und läßt sie groß mütig bei den anderen Heißhungrigen zirtulieren. Mit Alex, dem Bantiersohn, der sie stets heiraten will, aber immer zu tun hat, besucht sie jeden Abend das Kasino. Dort spielt sie die große Dame, fällt nie aus ihrer Rolle und spielt fie oftmals weiter, wenn sie bereits längst wieber vor der Maschine figt. Bis fie plößlich erwachi: tann fliegen die Gedanken erlösungsfiebrig, während die Finger Warenangebole flopfen, zu ihren beiden Freundinnen, welche auch Bureaumädchen waren, bevor sie splendide Kavaliere befreiten. Noch sitzen die drei Mädchen hinter ihrem Glasverschlag. Noch zehren sie von Opium falscher Hoffnungen. Aber die Hohlwangige an ber zweiten Schreibineschine wird die nächste Weihnachtsgrati­fitation taum mehr erleben. Vielleicht ist die letzte Station ihres Lebens ein Lungensanatorium für Unheilbare. Auch der chancen­reiche Bagenkopf wird jiber furz oder lang verschwinden, bein Bureau entlaufen, zum Aerger des fleinen Lehrlings, der sicherlich ihr auf­richtigster Verehrer war. Sie vermeint dem Unglück zu entfliehen und rennt dem Unglüd in die Arme. Mit dreißig Jahren vielleicht lehnt sie an gewissen Straßen: cken, abgegriffen und weggeworfen,

und hausiert mit ihrem Unterleib. Bleibt noch die Siebzehnjährige übrig. Ihr Schicksal ist schwerer zu prophezeten. Möglich, daß sie einen kleinen Angestellten heiratet, falls fie rechtzeitig ihre Erwar tungen vom Fabrikdirektor auf einen Lageristen reduziert. Möglich aber, daß sie den Anschlußzug in die Ehe versäumt. Dann ist sie wohl bleibt fie an der Maschine- nach ihrem zwölften Berufs. jahr auch nervenkrant oder schwindsüchtig.

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Kleine Schicksale kleiner Mädchen an fleinen Maschinen; eine Komödie der Beginn, tragisch das Ende. Und die Schreibmaschinen flappern weiter. Wilhelm Krist

Mussolini und die Frauen.

In allerlei europäischen Zeitungen psalmodiert Mussolini unter dem Titel Mein Arbeitstag" über seine Beliebtheit auf dem ganzen Globus, feine Arbeitskraft, seine Willensstärke und überhaupt seine unvergleichliche Vollkommenheit. Zu den Geschmacklosigkeiten der Selbstbeweihräucherung fügt der Diktator folgendes niedliche Be­tenntnis: Gelegentlich werden Frauen in sehr beschränkter Zahl zur Audienz vorgelaffen. Im Palazzo Chigi habe ich mich gewöhnt, hier und da ein Frauengesicht vor meinem Arbeitstisch zu sehen, aber ich bin eigentlich dafür, ihnen den Eintritt zu wehren. Im Palazzo Biminale, im Ministerium des Innern, wo ich am Morgen arbeite, habe ich stritteste Anweisung gegeben, nie eine Frau einzulassen. Frauen hemmen die rasche und gründliche Erledigung der Arbeit, da sie kein Verständnis für den geschäfts­mäßigen Charakter der Arbeit haben. Ihre Anwesenheit verlangt unnüze Höflichkeitsbezeugungen, die man sich unter Männern schenken kann."

In geradezu klassischer Weise dokumentiert sich in diesen Worten der Einfluß der Sexualtomponente mit ihren auf die Dentleistung hemmenden und verwirrenden Einflüssen. Der all­mächtige Diktator fühlt, daß vor ewig unabänderlichen Naturgesehen selbst der Faschismus kapituliert, und man mit ganzen Armeen von Schwarzhemden nicht ihre Notwendigkeiten besiegen fann. Was tut er? Er wählt den typischen Weg des Psychopathen, er weicht aus. Die Welt soll und darf nicht erleben, daß der Allgewaltige von Frauentränen erweicht wird, vor Frauenblicken erzittert oder gar von Frauenflugheit besiegt wird. Diese psychopathische Angst setzt sich um in objektive Begründungen. Mussolini , das Uebergenie des männlichen" Faschismus, hat Angst vor der einzelnen Frau!

Das gute Herz des Bundesrates. Der fatholische Pfarrer von schweizerischen Bundesrat gewandt und für eine in dürftigen Ver Sifiton am Vierwaldstättersee hatte sich vor einiger Zeit an den hältnissen lebende Schweizerfamilie, die zehn Knaben hat, eine eid­Frankfurter Beitung" erzählte, fein gutes Herz und überfandte der genössische Subvention erbeten. Der Bundesrat offenbarte, wie die Familie ein Goldstück im Werte von 100 Franken. Statt nun im Stillen dem Bundesrat dankbar zu sein, veröffentlichte der betreffende Geistliche den Entscheid in der Presse, was zu einer Flut ähnlicher Bittgefuche führte. Der Bundesrat ließ nun, um sich bei der Er­lebigung ein einigermaßen genaues Bild über die finanziellen Kon­mehr als zehn Kindern durchführen. Es stellte sich heraus, daß es sequenzen zu machen, Erhebungen über die Anzahl der Familien mit in der Schweiz nicht weniger als 2800 Familien gibt, die einen solchen Rinderlegen aufweisen. Infolgedessen hat der Bundesrat grundsätzlich beschlossen, es bei dem einzelnen Fall von Sisilon bewenden zu laſſen.

Jürgen.

Mein Freund Jürgen hat die Windpocken und ist zu Stuben­arrest verdammt, eine schlimme Angelegenheit, denn nun wird er mindestens zwölf Stunden lang täglich von seiner großen Schwester erzogen. Sürgen ist fünf und Gisi neun Jahre alt Es ist eine schlimme Sache für kleine Jungen, große Schwestern zu haben. Gerade hat Gisi einen nenen Anlaß gefunden, über Jürgen ein großes Gezeter anzustimmen, ein Gezeter, das schließlich sogar der Mutti auf die Nerven fällt Söre bloß, Jürgen, was die Gisi wieder mal für'n fürchterlichen Krach macht!" wendet sich Mutti zu ihrem Jungen. Nicht wahr als ob sie wirklich schon' ne Mutti wäre!" stimmt Jürgen traurig zu.

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Aber manchmal hat Jürgen wahrhaftig unrecht, und Multi muß ihm eine richtige Standrebe halten. So neulich beim Frühstück. Ernst und gesammelt läßt er das Donnerwetter über sich ergehen und Mutti macht endlich eine Atempause, froh, mit ihren scharfen Worten anscheinend tiefen Eindruck gemacht zu haben. Nun fommt Jürgen endlich zu Wort; und sanft, aber vorwurfsvoll bricht er in die Worte aus: Siehste, nu is die Meise vom Balkon weggeflogen, weil Du solchen Krach gemacht hast!"

Jürgens diesmaliger Weihnachtswunschzettel zeichnete sich; durch einige Originalität aus; er wird im Auguft angefangen, umfaßt aber trotzdem nur vier Wünsche. Gifi mußte ihn mit ihrer besten Ortho­graphie aufschreiben. So lautet er:

1. Einen steifen Krahgen wie für Herren. 2. Ein Feuerzeug zum Knipfen.

3. Ein Bebi genau wie bei Roses.

4. Großmulti neue Beine.

Trog aller Bescheidenheit und Selbstlosigkeit ließen sich die Wünsche meines Freundes leider nicht alle erfüllen. R. E.