Frauenstimme
Nr.13+ 44.Jahrgang Beilage zum Vorwärts
23. Juni 1927
Höherer Brotpreis- niedrigere Löhne!
Was unsere Frauen oft so unmutig, ja apathisch macht, das ist die Tatsache, daß sie trotz aller Kämpfe, trotz aller Opfer, die der Haushalt in Zeiten von Streits, der durch Rationalisierung verursachten Arbeitslosigkeit zu bringen hat, fein Vorwärts, teine fühlbare Besserung ihrer Lage wahr nehmen können. Wie leicht kommt da die Stimmung auf: Wozu all die wirtschaftlichen Kämpfe, die Organisierung in Gewerkschaften oder auch in politischen Parteien, die den Organisationen geopferte Zeit und bas Beitragsgeldes führt ja doch zu nichts! So begreiflich diese Stimmung sein mag- so gefährlich ist sie auch für die ganze soziale Lage der Arbeiterfamilie. Ist sie doch erst der Untergrund, auf dem die für solche Zustände Verantwortlichen ein weiteres Herabdrücken der Lebenslage erreichen können.
Unsere proletarischen Frauen und Mädchen unterschätzen noch zu sehr die Bedeutung ihrer eigenen Rolle in dieser Entwicklung. Man hat sich gewöhnt, die wirtschaftlichen Kämpfe der Gewerkschaften zu sehr losgelöst vom politischen Geschehen zu betrachten Und doch steht nichts so sehr im Mittelpunkt des politischen Kampfes, als der Lohn. Man spricht nicht sehr häufig von ihm in den Parlamenten- und dennoch gehts bei den meisten Gesetzen um den Anteil der Schaf fenden am gesellschaftlichen Gesamtprodukt, um den Anteil, den die Arbeiterschaft an den geschaffenen Gütern erhalten soll, sowie darum, wieviel davon sie wiederum abzugeben haben für die Unterhaltungsfoften des Staates. Freilich, dieser Teil des Lohnkampfes, der sich in den Parlamenten und in den poli tischen Kämpfen abspielt, der erscheint
verschleierten Aufmachung werden sie natürlich unklar und der Leser oder die Leserin meinen, sie seien nicht gebildet genug, diese Dinge zu verstehen.
Aber gerade der Besizbürgerblock, der jetzt in der deutschen Republit das Szepter führt, gab uns schon einigen Anschauungsunterricht und rüstet sich gerade dazu, dem Bolke eine neue Lektion zu erteilen, wenn es nur aufpassen will. Kaum war mit der neuen Bürgerblockregierung der Groß
Brot!
Fabriken stampfen Tag und Nacht. Der Bergmann bohrt in dunklem Schacht. Die schwarzen Schlote qualmén. Das Korn steht hoch in Halmen. Die Lerche schmettert ihren Sang. Die Sonne scheint voll Ueberschwang Und tönet ihre Psalmen.
Die Erde dröhnt vom Hammerschlag. Das Brot wird kleiner jeden Tag. Die dunklen Massen darben. Bald steht das Korn in Garben. Und steht in Garben auch das Korn, Jns Erntelied springt heißer 3orn, Weil Diele Hungers starben.
Das Brot bleibt klein, die Sorge groß. Umsonst schenkt sich der Erde Schoß. Die Sonne tönt ihr Psalmen. Die schwarzen Schlote qualmen. Und wird die Scheuer berstendvoll, Die Armen frißt der Hungerzoll... Der 3orn steht hoch in Halmen!!
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den meisten unserer Frauen zu schwierig, zu kompliziert und| zu unintereffant, als daß sie sich näher darum fümmern möchten. Allein diese Interesselosigkeit derer, die am meisten daran intereffiert sein sollten, ermöglicht aber den Regierenden, ihr frivoles Spiel mit dem Schicksal des Volkes zu treiben. Den Herren Agrariern und Großindustriellen ist das politische Getriebe nicht zu uninteressant, und darum sichern sie sich den überwältigenden Anteil an den von den Arbeitenden produzierten Gütern, darum fönnen sie trok etwas geftiegener Lohnhöhe ihr eigenes Einkommen vergrößern, den Arbeiter aber um den Erfolg des Lohnkampfes auf dem Umweg über die Politik wieder betrügen.
Sind denn diese Handlungen des politischen Kampfes wirklich so undurchsichtig, so schwierig und kompliziert, daß einfache Arbeiterfrauen sie nicht verstehen könnten? Ganz im Gegenteil. Sie sind denkbar einfach, wenn man sich nur die Mühe nimmt, sich um sie zu fümmern. Kompliziert gemacht werden sie erst durch den Phrasenschwall der bürgerlichen Zeitungsschreiber, die den Auftrag haben, die wahre Wirkung volksfeindlicher Maßnahmen zu verschleiern. Und in dieser
agrarier Schiele ans Ruder im Landwirtschaftsministerium gefommen, als auch schon die Ausbeutung der breiten Boitsmassen zum Besten der kleinen Zahl Großagrarier einfezte. Trotzdem wir ein Millionenheer von Arbeitslosen hatten, wurde der Zoll für Mehl heraufgesetzt. Das Volk aber ließ dies ruhig geschehen und die Hausfrau spürte es entweder in der Gewichtsabnahme des Brotes oder in der Erhöhung seines Preises. Das war der erste Streich, und da er so ruhig hingenommen wurde, bedeutete dieses passive Berhalten eine Ermutigung zu weiteren Streichen. Zu diesen bereitet man sich jetzt vor. Man will weitere Lebensmittel zölle erhöhen! Es sollen heraufgesetzt werden: der Weizenzoll von 5 M. auf 5,50 M. für den Doppelzentner, der Kartoffelzoll von 50 f. auf 1 M. für den Doppelzentner, die Fleischzölle von 21 M. auf 32 M. und 37,50 M. für den Doppelzeniner.
Was aber bedeutet diese Absicht, sollte sie durchgeführt werden, für die Hausfrau? Daß sie fünftig höhere Preise für das Brot, für die Kartoffel und für das Fleisch würde bezahlen müssen? Und zwar nicht nur für die Waren, die aus dem Ausland bei uns eingeführt werden, sondern auch für alle von unseren deutschen Agrariern gelieferten Mengen. Denn das ist ja der Zweck des 3olls unjeren notleidenden" deutschen Großgrundbesitzern soll geholfen werden! Deren Vertreter sizen in dieser Bürgerblodregierung und der Großgrundbesig will dafür, daß er sein monarchistisches Ideal vor. fäufig in die Rumpellammer stellte, auch etwas Klingendes eintauschen. Er hat das Ideal der Monarchie eingetauscht gegen höhere Preise für seine Produkte gegen stärkere Ausbeutung der Volksmassen. Denn er fennt feine größere Gefahr, als die des Aufstiegs des Proletariats. Darum wird der Angriff sogleich von verschiedenen Fronten aus vorgenommen. Neben den obenerwähnten Zollerhöhungen denkt man noch an eine Erhöhung des Zuckerzolls, den Herr Schiele bereits vor einigen Monaten anfündigte. Die notwendigsten Lebensmittel des Volkes scheinen gerade die geeignetsten Produkte, on denen sich eine Minderheit bereichern soll. Die andere Angriffsfront wird dirigiert vom Herrn Reichspostminister. Sämtliches Porto soll um rund 50 Bro3. erhöht werden. Nun, denken viele unserer
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