Frauenstimme
Nr.13-47. 3ahraang Beilage zum Vorwärts
3. Juli 1930
Die Heldin des Alltags.
Arbeits- und Lebensverhältnisse der weiblichen Angestellten.
In einer Frauenzeitschrift fang fürzlich eine Buchhalterin zu| Doppelverdiener" die Feststellung des Familienstandes. 92 Proihrem 25jährigen Jubiläum ihr Lied von des„ Dienstes ewig gleich gestellter Uhr". Ein Lied von Resignation, von flaglos dargebrach tem Verzicht auf die frivolen Wünsche", von einer unter Papier und Zahlen begrabenen Jugend, durchzittert von einem leisen, bitteren Humor.
,, Ein Leben voller Pflicht und Einsamkeit, das Schicksal vieler Frauen unserer Zeit!
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zent der Befragten waren ledig, nur 8 Prozent verheiratet, ver witwet oder geschieden. Wenn man die zum Erwerb gezwungenen Frauen und Mütter unter den Verwitweten und Geschiedenen abzählt, wenn man ferner die infolge Erwerbslosigkeit des Mannes oder wegen Abzahlung einer Wohnungseinrichtung zum Verdienen gedrängten Ehefrauen abzieht, bleibt wirklich nur ein ganz kleiner Teil solcher Frauen übrig, an das sich das berüchtigte Odium des Doppelverdienens heften könnte.
Insgesamt 1,4 Millionen Frauen schäßungsweise stehen heube im Angestelltenberuf. Charakteristisch ist vor allem ihr starfes Wachsen, das sich in einer
Verdreifachung ihrer Zahl
und doch ,, keep smiling"! fällt's auch manchmal schwer, denn eines Tages wünscht man gar nichts mehr!" Die anspruchslosen Berse drücken gut die Seelenverfassung der alternden Angestellten aus. Die Persönlichkeit ist ausgelöscht, eine private Sphäre, der Wurzelort für Wünsche, Träume, Freuden und Schmerzen, existiert nicht mehr; der Mensch ist nur noch Teilfunktion des Betriebes", fühlt wohl sein Berarmen, aber findet sich dagegenüber der Berdoppelung der männlichen Angestellten in der mit ab. Das ist die typische Tragik der unscheinbaren, grauen Au. tagsheldinnen, der weiblichen Angestellten, wenn nicht das Schicksal ihnen das noch viel bitterere Los der ,, Abgebauten" bereitet. Dann dürfen sie
nicht einmal mehr Teilfunktion
sein, dann sind sie ein vergrämtes, verbrauchbes, über Bord des Lebensschiffes geworfenes Nichts. Uno eines diefer beiden Schick fale, abgesehen von einer oft recht fragwürdigen Versorgung" durch die Ehe, wartet auf alle jene fröhlichen, hübschgekleideten, zierlich beschuhten jungen Mädchen, die nach Geschäftsschluß die großen Verkehrsstraßen der Städte mit dem leichten Schritt ihrer Bataillone erfüllen. Das Auge des Bürgers wird in erfreulichster Weise getäuscht durch kunstseidenen Glanz, sorgfältige Ondulation und einen Hauch von Sicherheit und Gepflegtheit, der aus der Welt der großen Dame auf das vieltausendköpfige Heer der schaffenden Frauen und Mädchen herüberweht. Mit wieviel Darben und Verzicht der spär liche äußere Schimmer, der gehütete Schein von Eleganz erkauft werden muß, davon ahnt der satte Bürger ja nichts. Aber Zahlen reden eine unwiderlegliche Sprache. Sie in einem schmalen Bändchen gesammelt und damit das Leben und Arbeiten der weiblichen Angestellten der Deffentlichkeit bewußtgemacht zu haben, ist das Verdienst des Zentralverbandes der Angestellten. Die Umfrageergebnisse, die auf 5741 Fragebogen an Angestellte aller Altersklassen und Berufszweige eingingen, wurden von Susanne Suhr bearbeitet, übersichtlich zusammengestellt und unter dem Titel„ Die weiblichen Angestellten" mit einem knappen eindrucksvollen Zwischentext versehen.
Es ist kein Zufall, daß die Hälfte der beantworteten Fragebogen aus Großstädten eingingen, denn hier konzentrieren sich die Massen der weiblichen Angestellten und geben den Großstädten stärker das Gesicht als die weiblichen Arbeiter. Die Hälfte der Ant wortenden waren Verkäuferinnen, die übrigen setzten sich zusammen aus Büro- und Kontorangestellten aller Art, Lagerhalte rinnen, Raffiererinnen, Kanzliftinnen und zum geringen Teil auch Fürsorgerinnen Antworten aus Betrieben mit über 50 Angestellten überwiegen. Dem Lebensalter nach gehörten die weitaus meisten Ermsenderinnen( rund 4000) den Altersstufen
von unfer 20 Jahren bis zu 25 Jahren
cn; dieses Bild entspricht auch der Angestelltenwirklichfeit, da diese Gruppen zahlenmäßig weitaus die stärksten sind. Bon besonderem Interesse ist heute in der Zeit des Generalangriffs auf die weiblichen
Beitspanne von 1907 bis 1925 ausdrückt. Immer neue weibliche Schichten strömen dem Angestelltenberuf zu: Frauen des verarmten Mittelstandes, zu raschem Erwerb gezwungene Töchter des Bürgertums und nicht zuletzt die aus proletarischem Milieu zu etwas ,, Besserem" sich drängenden( oder gedrängten) Mädchen. Von den 1928/29 die Berufsberatung in Anspruch nehmenden schulentlas. senen Mädchen strebten 40 Prozent nach dem Angestelltenberuf, ein Andrang, den die Wirtschaft gar nicht aufnehmen kann, und der zu ungesunden Erscheinungen führen muß. Ausgerüstet mit Volksschulbildung plus Berufsschule( Fortbildungsschule oder Handelsschule) tritt die überwältigende Mehrheit der jugendlichen weiblichen Angestellten den Anforderungen ihres Berufes entgegen. Ueber die Hälfte der Befragten hat außerdem eine Lehrzeit immer recht fraglichen Wertes genossen; dabei dürfte es sich wohl hauptfächlich um die Fortbildungsschülerinnen handeln. Eine weitere Tabelle lehrt, daß, je geringer bas Alter der Befragten ist, desto größer die Zahl der Volksschülerinnen, je höher, desto größer der Anteil der Angestellten mit höherer Schulbildung. Es sind dies die Angestellten bei Behörden in beamtenähnlichen Stellungen und die sogenannten Faftoten", die sich dank ihrer sofideren Vorbildung auch im höheren Alter in ihrer Stellung halten fönnen.
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Die Hälfte der befragten weiblichen Angestellten, also die aus der Volksschule entlassenen Mädchen, ging schon mit 14 bis 15 Jahren in den Beruf, und zwar zu zwei Dritteln in den Einzelhandel und die Genossenschaften. Mit 16. und 17 Jahren folgte ein weiteres Drittel mit dem Eintritt in den Beruf. Halbe Kinder noch, müssen die jungen Mädchen schon ihren Arbeitsplatz im Leben ausfüllen, denn es heißt verdienen. Erstaunlich gering ist die Fluktuation der weiblichen Angestellten von Betrieb zu Betrieb, denn 42 Prozent der Befragten hatten noch nicht ihre Stelle gewechselt. Natürlich hängt das mit dem geringen Durch schnittsalter der Befragten zusammen, darüber hinaus ist aber der Anteil der Angestellten,
die 6 bis 10 Jahre in einer Stellung bleiben, mit 23,5 Prozent überraschend hoch, besonders bei Genossenschaften und Einzelhandel. Die weibliche Angestellte wechselt ungern, wenn sie sich einmal irgendwo gut eingearbeitet" hat; sie hält auch schon unter dem Druck der drohenden Stellungslosigkeit zäh an der einmal erlangten Stellung feft. Das geringste Durchschnittsalter hat das Verkaufs personal, dann kommt das Büropersonal und zuletzt die sozialen Berufe. Die Gründe liegen