Frauenstimme
Nr. 448. Jahrgang
Beilage zum Vorwärts
19. Februar 1931
Das Spiel des Kindes.
Vom Urmenschen zum Kulturmenschen.
feiten durch eine geeignete Anpassung seiner Umgebung an die find lichen Größen- und Kräfteverhältnisse möglichst erleichtern.
Wer einmal Kinder verschiedener Altersstufen beim Spiel beob.| selbständige Entwicklung seiner technischen und intellektuellen Fähig achtet und sich über den Sinn der Spiele Gedanken gemacht hat, der wird bald erkennen, daß in der fortschreitenden Ablösung der verschiedenen Arten der Spiele mehr liegt als eine einfache Intelligenzentwicklung des Kindes. Das kann man schon daran erkennen, daß alle von Erwachsenen so häufig in unpsychologischer Weise erdachten Spiele, die nur auf die Intelligenzentwid. lung des Kindes zugeschnitten sind, von den Kindern meist instinktiv abgelehnt werden.
Die findliche Selbstbeschäftigung im Spiele stellt sich als eine kurze Wiederholung der fulfurellen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft dar.
Wir sehen im Seelenleben des Kindes einen Vorgang wirksam werden, der uns vom organischen Leben her wohlbekannt und durch das sogenannte blogenetische Grundgeseg" von Ernst Haedel erklärt worden ist. Dieses Gesez besagt, daß die Ontogenese( Entwicklung des einzelnen Individuums im Mutterleibe) eine abgekürzte Wiederholung der Phylogenese( Entwicklung der gesamten Art des betreffenden Lebewesens) darstellt. Zu diesem Gesetz fommt noch als Ergänzung der von Karl Schmeing so genannte Vorgang der„ biogenetischen Perspettive", also die Tatsache, daß in der ontogenetischen Wiederholung ein Entwicklungs. abschnitt auf eine um so fürzere Zeitdauer zusammengedrängt ist, je weiter er entwidlungsgeschichtlich zurückliegt. Schmeing hatte dabei nicht nur die förperliche Entwicklung des Embryos im| Auge, sondern vor allem auch die seelische Entwicklung des Menschen nach der Geburt. Man fann sagen, daß die Wiederholung der Entwidlung der Tierreihe, von der wir Menschen abstammen, unge. fähr bis zur Geburt erreicht ist, und daß sich von der Geburt des Menschenfindes bis zu seiner Reisezeit die Entwicklung vom Ur menschen zum Kulturmenschen vollzieht. Dies gilt frei lich nur ungefähr; denn es ist erwiesen, daß die Intelligenz des menschlichen Neugeborenen noch nicht ganz die Intelligenzstufe eines erwachsenen Schimpansen erreicht, diese Jedoch schon nach etwa einem Jahre eingeholt und gar überholt hat. Und wie die Kultur der Menschen aus der Not entstenden ist, so entwickelt sich auch das Seelenleben des Kindes durch die Kraft des Konfliktes, durch immer neue Konflikte mit einer Umgebung, die nicht auf das Kind, sondern auf den Erwachsenen zugeschnitten ist.
Die erste spielerische Betätigung des kleinen Kindes, wenn es sehen und greifen gelernt hat, steht etwa auf der Stufe der Kan ni balen. Alles, was in feine Umgebung tommt, wird neugierig betastet und untersucht und womöglich in den Mund gesteckt, um gewissermaßen symbolisch dem eigenen Ich für immer einverleibt zu werden. Das Kind braucht diese Untersuchung seiner Umgebung zur Verfeinerung seiner Wahrnehmungsfähigkelt und Ausbildung der primitivsten Intelligenz. Diese Kindheitsstufe entspricht also ungefähr jenem uralten Zeitalte:, in dem der primitive Mensch mit Hilfe seiner erwachenden Intelligenz die Welt zu entdecken begann und sich mit der ersten techrischen Gelbsthilfe die Natur dienstbar zu machen versuchte. Diese mehr und mehr bewußt werdende Freude des fleinen Kindes an eigener Betätigung und Erfindung ist von Maria Montessori in den Mittelpunkt ihrer Kindergartentätigtelt gestellt worden. Man soll dem Kinde die
Etwa zwischen dem 5. und 8. Lebensjahre beginnt sich neben der Intelligenz auch das Gemüt des Kindes zu entwickeln. Das Kind läßt sich Märchen erzählen, spielt mit Puppen oder Lleren und beginnt, ein gefühlvolles Verständnis für die lebendige Natur zu gewinnen. Dieses Märchenalter entspricht wahrscheinlich wahrscheinlich jener Epoche, in der sich aus einer intensiveren Naturbeobachtung und unter dem Einfluß gewisser fcgialer Bedürfnisse beim primitiven Menschen die animistische( seelenfultliche) und totemistische( gößenfultliche) Religion herausbildete. Dieses Alter wird von einer Entwicklungsstufe abgelöst, die
man als
Helden- oder Abenteueralter
bezeichnen tann. Die Kinder dieses Alters( 8 bis 10 Jahre) bevorzugen die wilden Bewegungsspiele in der freien Natur und zeigen einen deutlichen Hang zur Romantit. Ritter und Räuber, Indianer und Trapper, Robinson und ähnliche Heldengestalten stehen im Mittelpunkt ihrer Spiele, die mehr und mehr einen ausgeprägten Sinn für Solidarität und Ritterlichkeit aufzuweisen beginnen. Das entwicklungsgeschichtliche Spiegelbild dieser Altersstufe müssen wir etwa zu Beginn der Kultur der sogenannten höheren Primitiven suchen, zu einer Zeit also, als die Sippenordnungen entstanden, die einzelnen Bölferstämme regelrechten Krieg miteinander führten und die Technik bereits einen gewissen Grad von Kunstfertigkeit erreicht hatte.
Allmählich tommen die Kinder dann in dle Zelt der Borpubertät( etwa 11 bis 13 Jahre), während deren die Spiele mehr und mehr praktischen Charakter annehmen. Es ist die Zelt, in der der Junge bastelt, z. B. Faltboote und Radioapparate baut, und in der das Mädchen sich aus eigenem Antrieb in Küche und Garten zu betätigen beginnt. Hier liegt der
Uebergang vom Spiel zur Wirklichkeit,
und auch der Lesest off diefer Altersklasse bevorzugt die zwar noch abenteuerlich- spannenden, jedoch schon wirklichkeitsnahen Geschichten( Detektiverzählungen, Entdecker- und Forscherberichte und dergleichen).
Tritt der Jugendliche dann, je nach seiner törperlichen Konftitution früher oder später, in die Zeit der Reife( Pubertätsze! t) ein, so fann man seine Beschäftigung eigentlich nicht mehr als Spiel bezeichnen. Sofern man von dem leider allzu häufigen sozialen Drud abfieht, der zu verfrühter Erwerbsarbeit nötigt, fann man doch nicht verkennen, daß die sportliche und geistige Betätigung der Jugend in der Reifezeit noch nicht den Charakter der reifen, unmittelbar in den Dienst der Gesellschaft gestellten Erwachsenenarbeit trägt. Die Tätigkeit der Jugendlichen stellt olel. mehr eine zielbewußte Vorbereitung zu biefer späteren Erwachsenenarbeit dar, zu der der Körper trainiert und der Geist ausgebildet werden soll. Hoffen wir, daß eine, fünftige günstigere Entwoldlung unserer Gesellschaft auch der proietarischen Jugend die Möglichkeit einer ruhigen Entwicklung geben wird!
Ewald Bohm.