132 Mr unskre Kindkr eine andere Eiche. Dieser ist nichts von Be deutung widerfahren, darum läßt sich auch nichts von ihr erzählen. Rings um den vier Bäumen standen mehrere schlanke Kiefern, einige kleine Obstbäume, eine wunderschöne große Linde und viele herrliche Rofenstöcke, und im sastiggrünen Grase blühten unzählige freundliche bunte Blumen. Lustig war es im Garten! Die schönsten Schmetterlinge trieben ihre Gaukelkünste in der Luft, fleißige Bienen summten umher und sammelten Honig für den langen Winter. Allerlei Käfer brummten herum oder tummelten sich aus Blumen und Blättern und am Boden zwischen Steinen und Gräsern. Flinke Ameisen arbeiteten emsig und wollten nimmer rasten und ruhen. Zu dem fröhlichen Treiben der kleinen Gäste, die Bäume, Sträucher und Blumen be suchten, paßte das lustige Zwitschern und Singen der gefiederten Sänger. Da waren Amseln, Finken und Meisen, die sich im Singen über boten. Unter sie mischten sich die frechen, vor lauten Spatzen, die sich immer zankten. Alle freuten sich des Lebens und sorgten für ihre Kinder. Die Eiche war der liebste Tummelplatz de? gefiederten Volkes. Sie bot den Vögeln alles, was sie hatte, damit sie den Erzählungen der kleinen Sänger lauschen konnte. Besonders gern blieben Herr und Frau Echwarzamsel bei der Eiche, und die Eiche hatte die beiden sehr lieb. Wenn im Frühling die Sonne golden auf ging, so sang Herr Schwarzamsel wunderschön von der Winlersnot, von Blütenpracht und Fruchtbarkeit. Die Eich« lauschte seinem Ge sang, sie wußte das Leben zu schätzen, mit allem Guten und allem Wechsel, den es bringt. Nur eins war der Eiche gar nicht recht. Nicht weit vom Garten stand ein langes Ge bäude mit einem hohen Schornstein. Wenn es dem Wind einfiel, so mußt« die Eiche es sich gefallen lassen, daß dichter schwefliger Rauch sie ganz einhüllte. Sie zankte dann den Wind tüchtig aus. Der aber fuhr lustig pfeifend durch ihre Äste. Das verdroß die Eiche, und sie schlug mit den Zweigen nach dem losen Gesellen. Als es der Wind wieder einmal recht toll getrieben hatte, klagt« die Eiche der guten Frau Amsel ihr Leid und sagt«:Ihr Vögel habt es gut! Ihr fliegt davon, wenn der garstige Rauch kommt. Warum machen die Menschen so viel Rauch?" Der Amselmann sang so schön er konnte, um der Eiche den Kummer zu verscheuchen. Frau Amsel aber, die nicht singen konnte, sprach: Tie Menschen wollen leben, Sic spinnen und sie weben, Sie pochen, Sie kochen; Sie müssen sich kleiden, Sie müssen sich nähren; Du mußt drunter leiden Und kannst dich nicht wehren." Als die Eiche etwas erwidern wollte, kam ein Hündchen mit lautemWau-Wau" in den Garten gesprungen. Erschrocken flogen die Singvögel davon, und die Sperlinge, die sich am Boden gebalgt hatten, flatterten auf die Zweige der Bäume. Die dicke Frau Sperling setzte sich unter das grün« Dach der Eiche und zankte:Piep, piep, piep, Dieser Dieb Snehll die Ruh Mir immerzu. Dieser Dieb, Piep, piep, piep!" Was will er denn hier im Garten?" frug die Eich«. Da macht« Frau Sperling eine wichtige Miene und zwitscherte: Piep, piep, piep, Der Ruhe Dieb Kommt nicht ohne seinen Herrn, Denn der hat den Kläffer gern. Und sein Herr ist jetzt gekommen, Weil den Garten er genommen. Piep, piep, piep, Mancher Hieb Wird nun mit der Axt getan, Und es knirscht der Säge Zahn. Wo die schlanken Bäume stehn Wird ein großes HauS erslehn. Fleißig zehn dann die Maschinen. Denn der Herr will Geld verdienen." Die Eiche zitterte vor Schreck, als sie das hörte. Sie hatte das Leben so lieb, und nun sollte sie sterben. Sie klagte es dem Winde, der durch ihr« Zweige fuhr. Der Wind aber flüsterte:Grüne« Kind, Schweig' geschwind: Ich bin doch der Wisperwind. Mir ist alle« einerlei, Ich bin überall dabei." Die Eiche fühlte sich ganz verlassen. Es gab wohl niemand, der ihr helfen konnte. Tief betrübt schüttelte sie im lauen Sommerregen blanke Tropfen von ihren grünen Zweigen. Die Kirschen waren längst zu roten Früchten gereift, die Birnen und Apfel färbten sich, als die Axt ihre» Einzug in den Garten hielt. Es