156 Für unscrr Kinder lich eines schönen Morgens im Jahre 1440 aus dem Haupte des Johann Gutenberg hervor gesprungen wie Minerva aus dem Haupt des Zeus, so ist der Satz purer Unsinn. Keine Er findung ist in diesem Sinne Eigentum eines Menschen, und sei er noch so.bedeutend�; vielmehr ist es so: Viele Köpfe und Hände haben mitarbeiten müssen, haben mühsam Stein auf Stein gefügt, bisdie Zeit erfüllt war", und ein erleuchteter Kopf den Schluß stein in das stolze Gebäude setzen konnte; und an den Namen dieses Letzten in der Reihe knüpft sich dann meistens dieErfindung". So ist es auch bei Gutcnbcrg gewesen. Wie kam dieser Goldschmied überhaupt dazu, alle Zeit und Kraft seines Lebens an die Erfin dung der Buchdruckerkunst zu setzen? Etwa, weil er gerade auf diese interessante Sache erpicht gewesen wäre? Eine solche Annahme wäre töricht und entspräche nicht der geschicht lichen Wahrheit. Wie wäre er zu einer andauern den, eingehenden Beschäftigung mit der Buch druckerei gekommen, wenn nicht ein dringendes Bedürfnis nach leichter und rascher Verviel fältigung von Schriftsätzen vorgelegen hätte. Der gesteigerte Handelsverkehr am Ausgang des Mittelallers erj orderte einen regen geistigen Verkehr, und der ließ sich natürlich nur in den seltensten Fällen von Person zu Person erledigen; da war auch das geschriebene Wort nur ein Notbehelf. Denkt Euch einmal aus unserem Heuligen Verkehr die Buchdruckerkunst fort. Keine Bücher, keine Zeitungen, keine Warenanpreisungen, keine Plakate, keine Be richte über Börsen, Handel und Verkehr, keine Flugblätter, kein Nachrichtendienst usw. Wahr haftig: wäre die Kunst zu drucken heute noch nicht erfunden, wir müßten sie morgen er finden, und, seid überzeugt, sie würde erfunden werden. So ähnlich lagen die Verhältnisse auch zu Gulenbcrgs Zeil. Die Frucht war zur Ernte reif, das heißt die zu ihrem Heranreifen er forderlichen Vorbedingungen waren erfüllt. Und ehe sie nicht erfüllt waren, konnte auch die.Erfindung" nichtgemacht" werden; darum ist es töricht, zu sagen, die Erfindung der Buchdruckerkunst würde früher erfolgt sein, wenn Gutenberg eher gelebt hätte. Es ist un möglich, das Dach eines Hauses hinaufzusetzen, wenn nicht vorher die Mauern gebauf sind; diese Mauern standen aber bereits, als Gulen- berg mit seinen Arbeiten begann. Es ist nicht richtig, wenn in vielen Schulbüchern mitge teilt wird, daß man vor Gulenberg nur ge schriebene Bücher gekannt habe. Schon am Ausgang des vierzehnten Jahrhunderts kannte man den sogenannten Briefdruck; dieser bestand darin, daß man die ganzen Seiten eines zu druckenden Buches auf Holztafeln schnitzte; soviel Seiten das Buch haben sollte, so viel Holztafeln waren also erforderlich. Das war ein mühsames Verfahren, und es entsprach deshalb nur der Sachlage, wenn man sich in den beteiligten Kreisen fortgesetzt bemühte, das unvollkommene und zeitraubende Verfahren des Briefdruckes durch ein besseres zu ersetzen. Eigentlich galt es nur noch, den letzlen Schritt zu tun, die Buchstaben einzeln herzustellen, damit sie jederzeit wieder zu anderen Wörtern zusammengesetzt werden konnten. Dieser letzte Schritt mußte erfolgen, und wir dürfen durch aus sagen: Hätte Gutenberg damals nicht ge lebt, so hätte eben ein anderer den entschei denden Schritt getan. Tatsächlich soll zur selben Zeit und unabhängig von Gutenberg der Florentiner Bernardo Cennini die Buch druckerkunst erfunden haben. Durch dies« Beurteilung seiner Erfindung wird das Verdienst Gutenbcrgs durchaus nicht geschmälert; ist er es doch gewesen, der unter allen seinen Zeitgenossen am klarsten erkannt hat, zu welchem Ziele die Entwicklung des Buchdruckes hinstrebte; er hat, wie alle großen Erfinder, die Summe aller vor ihm geinachten Ersahrungen zusammengefaßt; das bleibt seine unsterbliche Tat. Aber ungeschichtlich ist es, um das noch einmal festzustellen, eine Erfindung allein und ausschließlich einem einzelnen Menschen zuzu schreiben; Hunderte, vielleicht Tausende haben daran mitgearbeitet, und, was das Wichtigste ist, sie alle schöpften nicht etwa nur aus ihrem Genie", sondern ausnahmslos gründeten sich ihre Bestrebungen auf ein vorliegendes Be dürfnis. Woher aber rührte dieses Bedürfnis? Wer hat es geschaffen? Niemand; ein Bedürfnis solcherart wird überhaupt nichtgeschaffen", sondern entsteht aus der wirtschaftlichen Ent wicklung. Ohne den mächtigen Aufschwung des Handelsverkehrs im Mittelalter ist die Ersinoung der Buchdruckerkunst überhaupt nicht denkbar. Oder, was meint Ihr, wäre es denkbar, daß irgend eingenialer" Ger mane zu Hermanns des Cheruskers Zeiten die Buchdruckerei erfunden hätte? Und warum nicht? Sicher hat es doch auch unter den allen Germanen geistig bedeutende Menschen gegeben, die etwas mehr konnten als Met