108 Die Union der Schneiderinnen zu London führt in letzter Zeit eine energische Kampagne zur Beseitigung der Stückarbeitz welche die Löhne der Arbeiterinnen tiefer drückt und zur Verlängerung der Arbeitszeit führt, so daß im Schneider- und Konfektionsgewerbe geradezu menschenunwürdige Verhältnisse entstanden sind. In Karlsruhe sollte in letzter Zeit Frau Ihrer eine öffent­liche Frauenversammlung abhalten. Diese konnte jedoch nicht statt­finden, weil der Wirth das in Aussicht genommene, einzig passende Lokal verweigerte. Die Kapitalisten und ihre Zuhälter stellen Arbeiter und Arbeiterinnen gleich in Betreff der Ausbeutung, der Verfolgung und der Chikanirungen. Die Frauenarbeit auf der Weltausstellung zu Clziragu. Die Weltausstellung zu Chicago wird bekanntlich eine besondere, im eigenen, von Frl. Händen erbauten Palast untergebrachte Abthei­lung für Frauenarbeit enthalten.(Siehe Nr. 2 u. 4 derGleichheit. ") Der Ausschuß amerikanischer Frauen, welcher mit der Organisation und Leitung der betreffenden Abtheilung betraut ist, hat in verschie­denen Ländern die Bildung von Frauenkomitös angeregt, welche Sonderausstellungen der respektive» nationalen Frauenarbeit vorzu­bereiten haben. Für Deutschland hat sich ein solches Komitö in Berlin gebildet, das sich durch Zuwahl von 58 Damen aus dem Reiche ergänzen wird. Die Komitömitglieder rekrutiren sich ausschließlich aus den Kreisen der bürgerlichen Frauenwelt und stehen im Allgemeinen auf dem Standpunkt der bürgerlichen Frauenrechtelei farblosester und schwächlichster Richtung, nämlich der gesinnungstüchtigen, reichstreuen deutschen Frauenrechtelei. So darf es Niemand überraschen, daß die ersten Schritte des Komitss darin bestanden, für das Unternehmen den Schutz und die Glorie einesallerhöchsten" fürstlichen Namens zu erbetteln. Die Damen des monarchischen Deutschlands sind übrigens mit dieser ihrer schranzenwürdigen Handlungsweise nur in die Fuß­stapfen ihrer Schwestern der republikanischen Vereinigten Staaten ge­treten. Auch diese hatten nämlich nichts Eiligeres zu thun, als bei den Königinnen von England, Italien und Spanien , sowie der Gemahlin des Präsidenten der französischen Republik behufs Gewährunghöchst- dero" Protektion antichambriren zu lassen. Man denke, wie erbaulich! Der alten Viktoria von England, welche zeitlebens mehr Verständniß, Interesse und Sympathie für ihre königlichen Hunde als für die Frauenemanzipation an den Tag gelegt, wird vonfreien und stolzen Töchtern der größten Republik" das de- und wehmüthigeGesuch" unterbreitet, das Patronat der Frauenabtheilung der Ausstellung zu übernehmen,damit auch die Thätigkeit der Frauen auf der Ausstellung würdig vertreten sei." Wie man sieht:gleiche Brüder, gleiche Kappen." wir sind versucht zu sagengleiche Schellenkappen der Thorheit," mag die bürgerliche Frauenrechtelei unter monarchischer oder republikanischer Flagge segeln. Das Berliner Komits hat vier Sonderausschüsse konstituirt behufs planmäßiger Organisation von Unterabtheilungen, welche zeigen sollen, was die deutschen Frauen leisten auf den Gebieten 1) der Kunst; 2) des Unterrichtswesens für das gesammte weibliche Geschlecht; 3) der Hygiene, Medizin, Krankenpflege, Anstalten zur Hebung der Sittlich keit; 4) des Krippen- und Kindergartenwesens, der Ferienkolonien:c. Aus der Uebersicht erhellt, daß die Komitsdamen als biedere Frauenrechtlerinnen, die sie sind, wieder einmal eine Straßenlaterne für den Mond und die bürgerliche Frau für die Repräsentantin des weiblichen Geschlechts überhaupt, für dieNormalfrau" halten und mithin nur ein Bild von deren Wirken und Emanzipationsbestrebungen geben werden. Wir heben den Umstand nur hervor, weil er charak­teristisch ist für die Auffassung oder richtiger Begriffsverwirrung, mit welcher die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen an die Frage der Be­freiung des weiblichen Geschlechts herantreten. Die Thatsache an und für sich, daß die Damen des Berliner Komites kein Bild des Wirkens und der Emanzipationsbestrebungen der Millionen von Proletarierinnen zusammenzustellen versuchen, giebt uns dagegen keinerlei Anlaß zu Bedauern oder gar zu Entrüstung. Im Gegentheil, wir erachten dies für durchaus begründet. Bei der Entwicklung unseres heutigen Wirthschaftslebens, bei der Natur und dem Stand unserer modernen Großindustrie, da ist unserer Ansicht nach eine Sonderausstellung der Erzeugnisse industrieller Frauenarbeit genau die nämliche Kinderei wie die sogenanntenAr­beiterausstellungen." Abgesehen von etlichen Zweigen der Haus­industrie, welche sich, wie z. B. die Spitzenfabrikation, ausschließlich oder fast ausschließlich in den Händen von Frauen befinden, und von einzelnen Branchen der Großindustrie, in denen die Frauenarbeit über­wiegt, ist heutzutage Dank der Maschinentechnik auf industriellem Gebiete Männer- und Frauenarbeit nicht mehr von einander zu trennen. Die Maschinentechnik läßt an Stelle des individuell(von einem Einzelnen) das kollektiv tvon einer Gesammtheit) erzeugte Produkt treten, sie bewirkt, daß die Leistung des Einzelnen in der Leistung einer Gesammtheit untergeht, sie verwischt die Unterschiede zwischen gelernter und ungelernter, zwischen Männer- und Frauen- Das Veilchen. von V. Oulet. tSchluß., Violette nahm beinahe unbewußt die dargereichte aufgehäufte Schale, und ließ ihre Augen in die Runde schweifen. Man sah wie sie nach Athem rang. Sie hatte endlich verstanden, in was für einer Gesellschaft sie sich befand. Alle Greuel, die sie in dem Feuilletonroman gelesen, und die denselben begleitenden Schmähungs- reden der Madame Lenoir traten ihr vor die Seele. Nun, liebes Kind," sagte jetzt die Hausfrau freundlich,gieb mir Deine Blumen, ich glaube, sie sind Dir nicht schlecht bezahlt." Meine Blumen, Madame, gebe ich Ihnen nicht." Violette hatte ihre Stimme wiedergefunden, und mit der Stimme auch einen niegekannten exaltirten Muth.Nicht eine dieser Blumen, die Frucht meiner Arbeit, gebe ich für alle Ihre Diamanten, die Frucht Ihrer Schande-- und Ihr Alle, die Ihr ein armes Mädchen beschimpft und verhöhnt, seht wie ich Euer Geld zu schätzen weiß," und mit einer heftigen Geberde warf sie die Schale zu Boden, so daß selbe klirrend an einem Tischfuß zerschellte und die Goldstücke in alle Ecken rollten. Die Wahnsinnige, jagt sie fort," rief die Hausfrau,sie insultirt uns." Ein junger Mann, der sich, an dem ganzen Auftritt unbe- theiligt, bisher in einer unerlenchteten Ecke des Salons aufgehalten hatte, trat nun in die Gruppe. Violettens Herz stand still: Leon! Leon, den sie abwesend glaubte, hier und in solcher Ge­sellschaft? Aber er würde sie jetzt schützend in seine Arme nehmen, dachte sie, und sie von hier entfernen. Dies that er jedoch nicht. Er näherte sich der Hausfrau, beugte sich zärtlich über ihre blendende Schulter und sagte: Ereifern Sie sich nicht, schöne Palmyre, wissen Sie, wer es ? wagt, Sie zu beleidigen, Sie, die stolze einstige Favoritin eines Königs? es ist ich habe die Kleine recht gut gekannt die Maitresse eines Clowns." Violette stieß einen dumpfen Schrei aus, und wie ein zu Tode getroffenes Wild wankte sie zur Thüre, um zu fliehen. Es hielt sie Niemand zurück, die Diener öffneten ihr die Hauspforte, ! so kam sie auf die Straße und stürzte am nächsten Eckstein zu­sammen. Da weinte und stöhnte sie leise. Ihr armer schöner Liebestraum war also dahin! Doch sie raffte sich schnell wieder auf, da sie sich plötzlich ihres Kranken erinnerte; der Clown, dessen Maitresse sie hatte sich die grausamen Worte wiederholt das war ja ihr geliebter, pflegebedürftiger alter Bernard, zu ihm mußte sie zurückeilen, sie war ja des Armen einziger Trost, sowie er der ihre.Du verkennst Dein Kind nicht, Bernard, Du nnd Marco, Ihr seit die einzigen, die mich gerne haben und ich Euch auch... O mein Gott, lasse mir nur den theuren Freund gesunden für Liebesglück war ich ohnehin nicht geschaffen ich bin nicht hübsch und nicht liebenswürdig aber mein Gott, laß mich nur Arbeit finden, damit ich den theuren Kranken gut pflegen kann nnd damit er noch frohe Tage erlebe durch sein dankbares Kind!" So betete Violette, während sie sich nach Hause schleppte; die vielen eben erlebten Aufregungen hatten ihre Kräfte arg er­schöpft, und sie kam nur mühsam weiter. Endlich war sie bei ihrer Wohnung angelangt und eilte in das Krankenzimmer. Marco, der neben dem Bett saß, heulte jämmerlich. Violette stürzte zu dem Pflegevater:Papa, Papa, wie geht es Dir warum bist Du allein? Wo ist die Wärterin?" Sie ging den Arzt zu holen," antwortete der Kranke mit schwacher Stimme,mir ist sehr schlecht."