Nr. 21.
Die Gleichheit
2. Jahrgang.
Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr 2564 a) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf.
Mittwoch, den 19. Oktober 1892.
Nachdruck ganzer Artikel uur mit Quellenangabe gestattet.
Augen auf und Taschen zu, ihr Frauen.
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Die
Seit langen Monaten hat es sich der größte Theil der bürgerlichen Presse angelegen sein lassen, durch Auf- und Abwiegeln in Betreff einer neuen Militärvorlage dem deutschen Michel das Bewußtsein zu schärfen, daß es seine verdammte Pflicht und Schuldigfeit sei, sich zu Ehren des Molochs Militarismus aufs Neue bis zu völliger Blutleere schröpfen zu lassen. Gegenwärtig weiß man nun, welche Vermehrung des Heeres die Regierung plant, man kennt annähernd die Größe der Opfer, welche in der Folge dem so wenig steuerfräftigen, aber dafür um so steuergeduldigeren deutschen Volte auferlegt werden sollen. Die Zahl der jährlich unter den Waffen stehenden Mannschaften soll um 95 000 erhöht werden, die Deutschland dadurch erwachsenden Lasten werden auf 65 Millionen Mark jährlicher dauernder Ausgaben und auf eine außerordentliche Mehrausgabe von 80 Millionen Mark veranschlagt. Die stockfonservative Streuzzeitung" meint nun zwar, daß die Mehrbelastung nicht denen auferlegt werden dürfe, die ohnedies schon schwer um die Behauptung einer bescheidenen Lebenshaltung zu kämpfen haben, sondern ausschließlich den Wohlhabenden und solchen Produktionszweigen, deren Reingewinn das Durchschnittsmaß offenkundig um ein Erhebliches übersteigt. Aber diese ihre Meinung ist natürlich eitel Geflunker. Zum Zweck der Begleichung der„ nöthig werdenden" Ausgaben ist eine„ Reform" der Tabak-, Bier- und Branntweinsteuer in Aussicht genommen. Die herrschenden Gewalten suchen also mit bemerkenswerther sozialpolitischer Farbenblindheit die Wohlhabenden" auf Seiten der ausgepowerten Volksmasse, und die Lohnarbeiter erscheinen ihnen beharrlich als die Betriebsunternehmer, deren„ Reingewinn das Durchschnittsmaß offenkundig um ein Erhebliches übersteigt." Deun wenn der Tabat bluten muß," wenn die Bier- und Branntwein steuer reformirt" wird, so sind es gerade wie stets bei einer wie stets bei einer indirekten Besteuerung die breiten Schichten des werkthätigen Volfes, denen der Löwenantheil" bei Aufbringung der neuen Steuerlasten zuertheilt wird. Wie recht und billig werden die schon ohnedies schwer um die Behauptung einer bescheidenen Lebenshaltung fämpfenden" Schlotbarone, Krautjunker, Börsenjobber und der Rest der nothleidenden oberen Zehntausend möglichst geschont. Nun soll zwar nach der Regierungsvorlage für die deutsche Infanterie die zweijährige Dienstzeit eingeführt werden. Allein wenn jemals, so gilt von dieser„ Reform" das alte Wort, daß ,, man die Danaer zu fürchten hat, wenn sie Geschenke bringend nahen." Abgesehen von den vielfachen Einschränkungen und Verflausulirungen im Betreff der zweijährigen Dienstzeit, sowie von dem Umstande, daß sie jederzeit ohne Reichstagsbeschluß rückgängig gemacht werden kann, beweisen am deutlichsten die angeführten Ziffern über das Wachsen der Reichsausgaben zu Militärzwecken, daß die„ Neform" feine Entlastung der deutschen Steuerzahler be= deutet. Sie ist nichts weiter, als die Wurst, mit der man nach der Speckseite wirft, der Syrup, welcher das bittere Tränklein versüßen soll.
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Allerdings, die Regierungsvorlage fann nur verwirklicht werden, wenn die Majorität des Reichstags ihre Zustimmung zu der
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Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin ( Eißner ), Stuttgart , RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
selben giebt. Wo aber wäre die Reichstagsmajorität, welche ein fräftiges Nun und Nimmermehr" Plänen und Forderungen entgegenseßte, welche auf eine Stärkung der Klassenherrschaft abzwecken? Gewiß, die Wortführer verschiedener politischer Parteien geberden sich gegenwärtig als ganz gewaltige Gegner der neuen Militärvorlage. Aber die deutschen Proletarier beurtheilen die Herren nicht nach ihren Worten, denn sie haben dieselben an der Arbeit gesehen. Sie wissen, daß all die maulstarken Helden der bürgerlichen Nörgelparteien die liebliche Gewohnheit haben, mit„ Männerstolz vor Königsthronen" von oben kommende Zumuthungen an das deutsche Volt allerunterthänigst" mit dem Theil zu pariren, aus dem die Beine zu wachsen pflegen; sie wissen, daß die steif= leinene Entrüstung dieser steifleinenen politischen Goliathe regelmäßig zwischen der ersten und dritten Lesung einer Regierungsvorlage in ihrer inneren Hohlheit jämmerlich zusammenbricht, daß sie zu jedem politischen Schacher zu haben sind, vorausgesetzt, daß er etwas einbringt. Nur die einzigen Sozialdemokraten werden wie bei früheren Attentaten gegen Gut und Blut des arbeitenden Deutsch lands erklären:„ Keinen Mann und keinen Gröschen."
Und dieser ihr Wahlspruch der Forderung gegenüber er müßte ein vieltausendstimmiges Echo finden in der proletarischen Frauenwelt; er müßte zur Devise werden, unter welcher gewaltige Massen ausgebeuteter, ausgehungerter Proletarierinnen, welche durch die Militärvorlage mit einer weiteren Verschlechterung ihrer Lage bedroht werden, auch ihrerseits abwehrende Stellung zu der Frage nähmen.
Der gang und gäbe Zopf will zwar, daß das politische Leben und Treiben für die Frauen ganz besonders aber für die Frauen des Proletariats ein dreimal heiliges Rührmichnichtan sein und bleiben solle. Allein wenn irgend welches politische Er| eigniß geeignet ist, die Haltlosigkeit dieser Ansicht bloszulegen, zu zeigen, wie dringend die eigensten Lebensinteressen der Proletarierinnen fordern, daß diese sich um die politischen Verhältnisse kümmern, sie verstehen lernen und Einfluß auf ihre Gestaltung zu gewinnen suchen, so ist es gerade die Frage von der Vermehrung des Heeres und der Vermehrung der Steuerlasten.
Der Frau des Arbeiters, ja vielfach auch der Frau des Handwerkers, des Unterbeamten, ihr fehlt der Groschen, welcher durch eine Mehrbelastung mit Steuern dem Haushalt verloren geht. Nach angestellten vorläufigen Abschätzungen soll auf den Kopf der Bevölkerung Bevölkerung wird die neue Militärvorlage angenommen- ein Mehr an Steuern von 2-3 Mark entfallen. Eine sechsköpfige Familie würde also mit 12-18 Mark indirekter Abgaben mehr gegen früher belastet. 12-18 Mart, was will diese Summe bedeuten für das Haushaltungsbudget eines champagnerdurstigen Großgrundbesizers, dem nur die Frage Kopfzerbrechen macht, wie er es anzufangen habe, damit er jährlich 30 000 Mark ausgeben fönne, wenn er nur 20000 Mark einnimmt." 12-18 Mark, welche ansehnliche Summe für das Budget einer Arbeiterfamilie, deren Jahreseinkommen sich vielleicht auf 700-1000 Mark beziffert! Hier, wo die Hausmutter das Wunder fertig bringen muß, mit winzigem Wochengeld viele hungrige Mägen zu füllen, wo sie mit aller Kunst, aus alten Kleidern von Vater und Mutter neue Gewandung für die Kleinen herzustellen, diese doch nur in