4. Jahrgang. � Die«leiUkit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten (Mark). Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post(eingetragen unter Ztro. 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den Januar t8i>4. Zuschriften an die Redaktion der„Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin tEißner). Stuttgart . Rothebühl- Etraße 147. IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart . Furthbach-Straße IS. Genossinnen, gedenkt des Berliner Agitationssonds! Zwei Arten Nvthleidender. i- Die nothleidende Landwirthschaft! Die armen Krautjunker und Barone! Der arme Herr v. Manteuffel. der unglückliche Herr v. Kardorff, der bejammernswerthe Herr Plötz, Vorsitzender des Bundes der Laudwirthe! Die armen, armen Großgrundbesitzer! Seht doch die bettelnden Latifundienbesitzer an! Frieren sie nicht— in ihren warmen Biberpelzen, in ihren großartigen Palästen, die mit allen Luxuseinlichtungen der Neuzeit versehen sind? Hungert sie nicht— nach den üppigen Mahlzeiten, die sie tagtäglich halten? Dürstet sie nicht— nach den vielen Flaschen Champagner, die sie leeren? O dieser armen Hungernden und Darbenden, o dieser armen Nothleidenden! Sie verprassen in einem Tag, sie vergeuden in einer Nacht die Arbeit von Hunderten ihrer Knechte und Taglöhner. Aber seht nur, wie sie im Reichstage auftreten, diese Magnaten, diese Zuckerfabrikanten und Schnapsbrenner. Wie sie da jammern und wehklagen! Wie sie sich geberden, als ob ihre Lage schlimmer wäre, als die des letzten ihrer Knechte. Und die Regierung, Kanzler und Minister, hat ein offenes Ohr, ein ver- ständnißinniges Herz und eine zart mitfühlende Seele für diese Klagen und für dieses heuchlerische Janimergeschrei. Sie bemitleidet die Herren Agrarier, sie tröstet sie und— was die Hauptsache ist— sie berücksichtigt am meisten ihre Interessen. In Preußen hat ihnen erst kürzlich Miguel viele Millionen an Grundsteuer geschenkt, und jetzt, wo neue Steuern für das Reich geschaffen werden sollen, da fürchtet die Regierung mehr als eine Todsünde, die Agrarier etwas zu der Steuerlast heranzuziehen. Eher wirft sie Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen aufs Pflaster, eher belastet sie noch schwerer das ausgebeutete arbeitende Volk, das seine Bürde auch jetzt schon kaum zu tragen vermag. Die Liebesgaben dagegen, die sie den schnapsbrennenden Agrariern gemacht hat, die dürfen nicht um einen Deut gekürzt werden. Dem armen Volk die Tabaksteuer, den Agrariern die Liebesgaben. Dem armen Volk werden Millionen genommen, den reichen Großgrundbesitzern werden Millionen geschenkt. „Hat man viel, so wird man bald Noch viel mehr dazu bekommen, Wer nur wenig hat, dem wird Auch das Wenige genommen. Wenn du aber gar nichts hast, Ach, so lasse dich begraben— Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur, die etwas haben." Ein Viertel des gesammten deutschen landwirthschaftlich benutzten Landes gehört den Großgrundbesitzern, denjenigen, die über 100 Hektar Land ihr eigen nennen. In Preußen bildet der große Grundbesitz sogar ein Drittel der Bodenfläche, in Ostpreußen 38,6 Prozent, in Westpreußen 47,1 Prozent, in Posen 55,3 Prozent, in Pommern 57,4 Prozent. Da stehen sie nun, die reichen Gutsbesitzer, deren Vermögen sich auf Hundetttauseude, ja auf Millionen beläuft. Sie sind mit ihrem Besitze nicht zufrieden, sie schreien laut um Hilfe, sie betteln den Staat an, denn es scheint ihnen, daß sich ihr Reichthum nicht schnell genug vermehrt. Aber neben ihnen giebt es eine große Menge armer Bauern, die nichts zu essen haben, und die unter dem Drucke der kapitalistischen Großgrundbesitzer leiden. Ans einen Großgrundbesitzer kommen im Deutschen Reich 174 Kleinbauern, davon 88, die nicht einmal im Besitze von einem Hektar sind, ländliche Proletarier, die sich in der Noth- lage befinden, ihre Arbeitskraft den kapitalistischen Gutsbesitzern um einen Spottpreis verkaufen zu müssen. Diese proletarischen Parzellenbesitzcr bilden mit Weib und Kind eine Bevölkerung von zehn Millionen Köpfen. Die zehn Millionen bäuerliche Proletarier und Proletarierinnen Deutschlands führen ein elendes Leben, fast ein noch elenderes, als die industrielle Arbeiterschaft. Mancher Viehstall der„nothleidenden" Herren Agrarier ist besser eingerichtet, als die Wohnungen dieser„Bauern", gar mancher Hund erhält von seinem„nothleidenden" Herrn eine bessere Pflege, als wie sie sich diese Menschenkinder angedeihen lassen können. Sich von Kartoffeln nährend arbeiten sie vom frühen Morgen bis in den späten Abend im Dienst ihres Herrn, des„nothleidenden" Großgrundbesitzers. Für sie hat der Arbeitstag keine Grenzen, für sie giebt es keine Arbeiterschntzgesetze, nicht einmal für Frauen oder für Kinder. Groß und Klein schindet und rackert sich sein Leben lang ab für den reichen Großgrundbesitzer. Von dem Augenblick an, wo sich die Leute dem Gutsbesitzer vermiethen oder zu ihm in Tagewerk gehen, werden sie zu seinen Sklaven, die er züchtigen, die er prügeln kann, die er schwerer maltraitiren darf als seine Pferde und Hunde, denn da, wo die Arbeiterschntzgesetze ihre Kraft verlieren, gelten Gesetze zum Schutze der Thiere. Und der Lohn für diese über alles Maß hinausgehende angestrengte Thätigkeit, für dieses Hundeleben besteht in ein paar Pfennigen, von denen obendrein noch der Staat einen großen Theil wegnimmt in Gestalt von Steuern. Die armen landwirthschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen haben oft nicht einmal das Geld, um sich Salz zu kaufen zu ihren Kartoffeln. Sie leiden wirklich Roth, Roth und Elend. Sie leiden Roth, weil sie auf das Unverschämteste von den Gutsbesitzern ausgebeutet werden, die sich offiziell als„Nothleidende" geberden. Allein für sie, für die Ausgebeuteten und durch den Kapitalismus ins Elend Gestürzten hat die kapitalistische Regierung kein Ohr und kein Herz, und keinen Pfennig Geld. Seit Jahren schon herrscht in Europa eine Geschäftsstockung. In den letzten Jahren hat sie sich in Deutschland besonders fühlbar gemacht. Zahlreiche Arbeiter und Arbeiterinnen sind arbeitslos, haben kemen Verdienst, folglich kein Unterkommen in der winterlichen Kälte und keinen Bissen Brot. Massenweise verlassen Bauern und Arbeiter das Deutsche Reich und suchen jenseits des Ozeans eine Heimath, weil sie im Vaterlande nicht mehr menschenwürdig leben können. In den Jahren 1889 und 1890 sind zusammen 193173 Personen ausgewandert, 1891 und 1892 aber zusammen 236 428, also um 43255 Personen, das ist um 22 Prozent
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4 (24.1.1894) 2
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