Nr. 20.

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Die Gleichheit

4. Jahrgang.

Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.

Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten ( Mark).

Die Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro . 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf.

Stuttgart

Mittwoch, den 3. Oktober 1894.

Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.

In memoriam.

Am 30. September sind es vier Jahre, daß das Sozialisten­gesetz schmachvollen Andenkens gefallen ist. Es fiel, behaftet vor der Geschichte mit einem doppelten Fluch: dem der ungeheuerlichsten sozialen Ungerechtigkeit und dem der vollständigen politischen Lächer­lichkeit. Denn in seines Wesens Wesenheit stellt es sich dar als wüste Ausgeburt der skrupellosen, furzsichtigen kapitalistischen Klassen­Herrschaft, bezüglich seines Erfolgs aber zeigt es sich als ein Schlag ins Wasser, der um so kindischer erscheint, je gewaltiger die Macht war, die ihn führte.

Das Sozialistengesetz sollte mit der Sozialdemokratie das deutsche Proletariat politisch und wirthschaftlich völlig knebeln, da­mit es dem Schlot- und Krautjunkerthum auf Gnade und Un= gnade zur Schur überliefert bliebe. 1878 waren bei den Reichs­tagswahlen für die Kandidaten der Sozialdemokratie 437 158 Stimmen abgegeben worden. Nach zwölfjähriger Herrschaft des Sozialistengesetes erklärten sich am 20. Februar 1890 nicht weniger als 1 427 323 deutsche Wähler für die Sozialdemokratie. beiden Thatsachen charakterisiren das Gesetz am schlagendsten in seiner Nichtswürdigkeit und Lächerlichkeit.

Die

Wohl sollte sich das Ausnahmegesetz vorgeblich nur gegen die umstürzlerischen Ziele der Sozialdemokratie richten; wohl sollte es vorgeblich feierlichen Versicherungen nach die berechtigten" Be­strebungen der Arbeiter in nichts schädigen. Aber was man in Wirklichkeit in und mit der Sozialdemokratie treffen und vernichten wollte, das war alles klassenbewußte Leben und Streben des Prole­tariats. Hatte sich dieses ja erkühnt, nicht blos Zeichen des erwachenden Klassenbewußtseins zu geben, sondern solche der beginnenden politischen Reife, begann es ja nicht blos gegen seine Knechtschaft zu murren, sondern stolz erhobenen Hauptes für seine Befreiung zu kämpfen.

Und wenn man gerade die Sozialdemokratie in erster Linie mit der ganzen Schärfe des Schwertes schlägen wollte, so war dies erklärlich genug. In ihr kristallisirte sich die klassenbewußte Erkenntniß, der klassenbewußte Wille des deutschen Proletariats, sie sammelte und erzog die proletarischen Streitkräfte, sie allein vertheidigte ernstlich gegen die Reaktion die farg bemessenen Volts­rechte, sie allein widersetzte sich energisch dem Streben der Be= sigenden, die Masse der Arbeitsbienen als Produzenten bis aufs Hemd auszuplündern und sie als Konsumenten durch festeres An­ziehen der indirekten Steuerschraube bis zum Weißbluten zu schröpfen.

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Das Sozialistengeset trat in Kraft. Es trat in Kraft, weil der bürgerliche Liberalismus nach Verrath an Volksfreiheiten lechzte, damit die Bourgeoisie, mit dem Adel in der Auspowerung der werk­thätigen Masse innig gesellt, mit diesem zusammen das Bereichert Euch" ungehindert und in größtem Umfange praktiziren konnte. Es trat in Kraft, weil die Besißenden in Bismarck der in seiner Person die Dreieinigkeit des Industrie, Agrar- und Jobber fapitals repräsentirte den politischen Hausknecht gefunden hatten, wie sie seiner bedurften: brutal und raffinirt, grundsatz- und ge= wissenlos, habsüchtig bis zum schmutzigsten Geiz und bornirt genug zu wähnen, mit einem Tritt seiner Stürassierstiefeln der geschicht­lichen Entwicklung bremsen zu können.

Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin ( Eißner ), Stuttgart , Rothebühl­Straße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.

Das Ausnahmegesetz erhob das blutigste Unrecht zum Recht, es verlieh der rohen Vergewaltigung einer ganzen Klasse den Schein der Gesetzlichkeit. Es stellte die deutschen Arbeiter, soweit sie ihre Interessen erkannten und mit den richtigen Mitteln zu wahren strebten, außerhalb der Gesetze, erklärte sie in Acht und Bann und bot gegen sie alle Gewaltmittel auf, die dem Klassenstaat zur Ver­fügung standen. Für sie gab es keine Preßfreiheit mehr. Die Schriften, aus denen die Arbeiter in der Gestalt von Wissen Waffen für ihren Befreiungskampf holten, wurden verboten und konfiszirt. Die periodische Arbeiterpresse, die politische wie die gewerkschaft­liche, ward brutal oder tückisch erwürgt. Die schattenhafte Ver­eins- und Versammlungsfreiheit war für das deutsche Proletariat nicht länger mehr vorhanden. Die ausnahmegesetzliche Reaktion zerschmetterte die gewerkschaftlichen wie die politischen Organisationen. Das Vermögen der proletarischen Vereine, das die Armuth Pfennig für Pfennig zusammen entbehrt hatte, fiel- falls man nicht rechtzeitig vorgebeugt hatte der Beschlagnahme anheim, Ver= sammlungen wurden nicht erlaubt oder auf den sinnlosesten Anlaß hin und auch ohne solchen aufgelöst. Der berüchtigte Streikerlaß des zynischen Polizeiminister Buttkamer setzte der klassenstaatlichen Mißachtung verfassungsgemäß verbriefter Volksrechte die Krone auf und zeigte auch dem blödesten Auge die Koalitionsfreiheit der deut­schen Arbeiter als bloße Farce, den Klassenstaat als Gensdarm des Geldsacks. Das Wahlrecht wagte die reaktionstrunkene Rapi­talistensippe nicht offen anzutasten. Aber durch die thatsächliche Aufhebung der Preßfreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts suchte man den Proletariern die richtige Ausnutzung des Wahl­rechts zu verunmöglichen. Den armseligen Resten der Wahlfrei­heit, die trotz alledem noch fortvegetirten, wurde durch Nücken und Tücken ohne Zahl und ohne Namen der Garaus gemacht.

In Gegenden, wo das Proletariat besonders zielklar und energisch war, sollte der kleine Belagerungszustand mit seinen Schrecken die aufsässigen Lohnsklaven bändigen. Der Richterstand ward systematisch korrumpirt, damit die Geheimbundprozesse mit ihrer akrobatenhaften Verrenkung und Auslegung der Gesetzesterte die klassenbewußte Arbeiterbewegung erdrosselten. Puttkamer erhob das Lockspielthum der Nichtgentlemen" zur Ehre einer sakro­sankten Staatseinrichtung, denn es sollte die Vorkämpfer des Prole­tariats ans Messer, dieses selbst aber vor die Kanonen liefern, den Vorwand schaffen zur gründlichen Vernichtung jedes proletari­schen Klassenlebens.

Kurz mit allen Mitteln der Gewalt und Niedertracht wendete sich der Klassenstaat gegen die moderne Arbeiterbewegung, mit allen Mitteln der Gewalt und Niedertracht wendete er sich gegen ihre Träger. Keine Maßregel war ihm zu grausam, zu schmutzig, zu kleinlich, er spielte sie gegen die Leute aus, die nicht das Brand­mal einer kapitalfrommen Gesinnung trugen. Haussuchungen, Si­stirungen, Briefsperre, polizeiliche Ueberwachung, monatelange, oft durch nichts gerechtfertigte Untersuchungshaft, Verurtheilungen zu hohen Geldstrafen, zu Gefängniß und Zuchthaus prasselten hagel­dicht auf sie hernieder. Damit nicht genug. Planmäßig suchte man die wirthschaftliche Existenz Jedes zu ruiniren, der in der politischen oder gewerkschaftlichen Bewegung irgendwie hervortrat. Der politisch thätige oder gewerkschaftlich organisirte Proletarier