Nr. 11.

Die Gleichheit

5. Jahrgang.

Beitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen.

Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin .

Die Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro . 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf.

Stuttgart

Mittwoch, den 29. Mai 1895.

Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin ( Eißner ), Stuttgart , Rothebühl­Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.

In der Kommission aber war das Zentrum die ausschlag­gebende Macht, wie es im Reichstag die ausschlaggebende Macht ist. Du hast die Reaktion gewollt", erklärte es der deutschen Bourgeoisie," gut, Du sollst die Reaktion haben! Aber keine halbe, die volle, die ganze Reaktion! Nicht den Stillstand der Kultur­entwicklung, ihre Rückführung ins Mittelalter." Und das Zentrum

Des Umsturzrummels Glück und Ende. Die Umsturzvorlage, in deren Zeichen monatelang unsere poli­tischen Verhältnisse standen, ist gefallen. Sie fiel unter unfäglicher Verachtung draußen im Lande, unter stürmischer Heiterkeit drinnen im Parlament; sie fiel preisgegeben und verleugnet von Denen, die seinerzeit die lautesten Rufer gewesen zum Streit für Ordging ans Werk, es zog alle freiheitsmörderischen Konsequenzen, nung, Religion und Sitte".

Der Druck der öffentlichen Meinung, die in Fluß gekommene Protestbewegung, welche sich nicht auf die Masse des werkthätigen Volkes beschränkte, vielmehr weit hinübergriff in die Kreise von Besitz und Bildung, war zwar nicht allein ausschlaggebend, aber doch von sehr wesentlichem Einfluß auf das Schicksal des Wechsel­balgs Umsturzvorlage. Die bürgerliche Presse oppositioneller Fär­bung hallt deshalb wider von überschwänglichem Lob für das freiheitlich gesinnte und freiheitlich thatende deutsche Bürgerthum. Sie redet gar viel von der vernichtenden Niederlage, der unsterblichen Blamage, welche die Regierung gelegentlich des Umsturzrummels davongetragen hat. Davon, daß auch dem deutschen Bürgerthum, den bürgerlichen Parteien, ihr gerüttelt und geschüttelt Maß von dieser Niederlage, dieser Blamage zukommt, davon kein Wort.

Gewiß, die reaktionäre Regierung hat sich in Sachen der Umsturzvorlage bis auf die Knochen blamirt. Wir freuen uns auf­richtig der Thatsache. Aber darüber kann und darf nicht vergessen werden, daß die deutsche Bourgeoisie es war, die vor noch nicht Jahresfrist die reaktionäre Regierung aufforderte zu einem Kreuz­zug gegen den Umsturz; daß sie es war, welche die reaktionäre Regierung um scharfe Maßregeln gegen die Sozialdemokratie in be- und wehmüthiger Weise anwinselte. Und die bürgerlichen Parteien, allen voran die Nationalliberalen, stimmten in das Ge­winsel ein, verhießen mehr oder minder zynisch offen oder ver­schämt einer starten Regierung" ihre positive Mitarbeit" zur Knebelung der Sozialdemokratie.

Die Regierung verlor den Muth der Kaltblütigkeit" mit dem sie geprunkt, sie brachte im Reichstage die Umsturzvorlage ein. Parlamentarische und journalistische Wortführer der bürgerlichen Parteien standen nicht an zu erklären: die Vorlage ist ein Monstrum, ein Attentat gegen das Wenig, was das deutsche Volk an politi­schen Freiheiten besit. Der Kautschuk ihrer Fassung verleiht schneidigem Büttelthum und auslegefroher Juristerei die Macht­bollkommenheit, mit den verfassungsgemäß verbrieften Volksrechten nach freier Willkür vollständig aufzuräumen, jede mißliebige politische und soziale Strömung todtzuschlagen, Preß- und Redefreiheit, Vereins­und Versammlungsrecht zu frommen Sagen zu verwandeln.

Troz alledem besaß die bürgerliche Reichstags majorität weder die politische Einsicht, noch den politischen Muth und Anstand, die Umsturzvorlage in erster Lesung abzulehnen, sich prinzipiell und endgiltig zu verwahren gegen jede Vergewaltigung der politischen Freiheiten, gegen jebe Knebelung der lleberzeugung irgend einer politischen Partei. Umgekehrt: bis in die süddeutsche Volkspartei fanden sich Barlamentarier, welche von dem guten", dem be­rechtigten Kern" der Umsturzvorlage zu sprechen wagten. Diese flog nicht in den wohlverdienten Papierkorb, sie wanderte in eine

Kommission.

auch die äußersten, welche im Reime in der Umsturzvorlage ent­halten waren. So verwandelte sich die Umsturzvorlage unter den Händen der Kommission aus einem Werkzeug zur Knebelung des flassenbewußten Proletariats zu Gunsten der Klassenherrschaft der Besitzenden in ein Werkzeug zur Unterdrückung der modernen Wissen­schaft und Kunst, des modernen Kulturlebens zu Gunsten der Herrschaft der katholischen Kirche . Nicht das Proletariat allein sollte mundtodt gemacht, politisch und wirthschaftlich an Händen und Füßen gefesselt werden, auch die gesammte neuzeitliche Stultur­entwicklung, die doch in erster Linie und vor allem den Besitzenden zu Gute kommt.

Das war nicht nach dem Geschmack des aufgeklärten", des " gebildeten" Bürgerthums. Der aufgeklärte, gutgesinnte Bour­geois hatte zur schonungslosesten Niederbüttelung der Sozialdemo kratie, der Arbeiterklasse gehegt. Daß er selbst aber nicht mehr unbeschränkte Freiheit haben sollte, sich am Stammtische als Frei­denker" aufzuspielen, Gott zu lästern und sich in Gedanken der illegitimen Freuden eines zarten Verhältnisses" über die Ehe weidlich luftig zu machen, das empfand er als eine Schmach, gegen die er sich wehren mußte. Gegen die Kommissionsfassung der Umsturzvorlage kam eine Protestbewegung in Gang, die zuerst und zumeist von Gelehrten, Künstlern, Schriftstellern, Journalisten, Buchhändlern 2c. getragen wurde, aber nach und nach immer weitere Kreise in der Welt der Besitzenden und Gebildeten zog. Es regnete Petitionen und Proteste gegen die dem Reichstag an= gesonnene Verböserung des gemeinen Rechts.

Die oppositionelle bürgerliche Presse hat diese Kundgebungen bürgerlicher Schichten als Beweise verherrlicht für die politische Wiedergeburt der deutschen Bourgeoisie, sie hat diese selbst über den grünen Klee gepriesen als heldenhafte Vorfämpferin für poli­tische Freiheit und modernes Kulturleben. Nichts falscher als diese Werthschätzung. Diese Kundgebungen reden laut und eindringlich vom politischen Verfall des deutschen Bürgerthums. Abgesehen von einigen wenigen, die ausgehen von ehrlichen Demokraten, von ernſten Sozialreformern und schwärmenden Ideologen, protestiren sie nicht gegen den Versuch eines Umsturzgesetzes überhaupt, nicht gegen jede Bedrohung und Beschränkung der färglichen deutschen Volksfreiheit, sondern nur gegen die Uebergriffe des Zentrums", gegen die klerikalisirte Fassung der Kommissionsvorlage. Mit einem mastirten Sozialistengesetz, wie es die Regierung wollte, hätte sich das gebildete" deutsche Bürgerthum mit Freuden abgefunden, von Bestimmungen wollte es nichts wissen, die mit neben dem Prole­

tariat auch die Bourgeoisie in ihrer geistigen und politischen Be­wegungsfreiheit getroffen hätte.

Die seichte, aber breite Protestbewegung hat den kompromiß­Lüfternen bürgerlichen Politikern das Rückgrat gesteift, sie sprangen der Regierung nicht über den Stock. Aber nicht der Druck der