Nr. 21.

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Die Gleichheit

5. Jahrgang.

Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.

Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin .

Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro . 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf.

Stuttgart

Mittwoch, den 16. Oktober 1895.

Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.

Die gewerkschaftlich organisirten Arbeite­rinnen in Deutschland .

Die nicht oft genug zu wiederholende Thatsache, daß im Jahre 1893 in der Großindustrie des Deutschen Reichs nach den Berichten der Gewerbeinspektoren 616 620 erwachsene und 75 446 jugendliche Arbeiterinnen thätig waren, daß die Zahl der ersteren binnen 12 Monaten um 40 187, die der letzteren um 2211 ge­stiegen ist, muß die Aufmerksamkeit wieder und wieder auf die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen lenken. Denkt man zu jenen 692 066 weiblichen Arbeitskräften noch die vielen Zehntausende von Frauen und Mädchen hinzu, welche in Klein­betrieben, im Handel- und Verkehrswesen und vor allem in der Hausindustrie dem Kapital zinsen: so erhält man eine Vorstellung der Masse von Proletarierinnen, welche mittels des gewerkschaft­lichen Stampfes ihr färgliches Brot, ihre knappen Mußestunden, ihre Gesundheit, vielleicht ihre Ehre gegen kapitalistische Raffgier bertheidigen müssen. Diese Zahlen geben aber auch einen Anhalts­punkt dafür, welch eminentes Interesse die männlichen Arbeiter daran haben, daß durch die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die gewerkschaftlichen Organisationen gefährliche Schmutzkonkurrentinnen in treuliche Stampfesgenossinnen verwandelt werden. Mit welchem Erfolge ist 1894 seitens der deutschen Gewerkschaften an der dies­bezüglichen Aufgabe gearbeitet worden? Das fündet uns die von ber Generalfommission der deutschen Gewerkschaften fürzlich ver= öffentlichte lebersicht über den Stand und die Stärke der deutschen Gewerkschaftsorganisationen". Nicht zum Wenigsten mit Bezug auf den Stand der gewerkschaftlichen Arbeiterinnenbewegung ver­bienen diese Angaben die Beachtung der gesammten Arbeiterpresse.

Im Jahre 1893 waren in 15 zentralisirten Gewerkschaften 5384 Arbeiterinnen gruppirt; 1894 weisen 12 solche Organi­sationen nur 5251 weibliche Mitglieder auf. Diese Zahl, mit ihrem Minus von 133, berührt im ersten Augenblick sehr unan­genehm. Bei den wenigen Tausenden gewerkschaftlich organisirter Arbeiterinnen bedeuten 133 verloren gegangene Mitglieder schon einen empfindlichen Rückschlag. Allein die Zahlen gewinnen ein anderes Aussehen, wenn man zwei Thatsachen Rechnung trägt. In den 5251 weiblichen Mitgliedern sind die im vorigen Jahr eingerechneten organisirten Plätterinnen nicht einbegriffen, deren Bahl allerdings nur noch 60 beträgt gegen 100 im Vorjahr. Ferner sind die statistischen Bogen nicht ausgefüllt worden von der Organisation der Kürschner, welche 1893 52 weibliche Mit­glieder zählte, von denen wir nicht wissen, ob sie zugenommen oder abgenommen haben. Rechnen wir mit den aus dieser Sachlage resultirenden Zahlen, so schrumpft das Minus der gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen 1894 gegen das Vorjahr auf 21 zusammen.

Sehr verfrüht wäre es noch, wollte man aus diesem Gr­

gebnis auf einen Stillstand der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen im Allgemeinen schließen. Vergleicht man die ein­zelnen Zahlen mit den diesbezüglichen Festlegungen von 1893, ſo gelangt man im Gegentheil zu der Ueberzeugung, daß die Ein­reihung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaften in manchen In­buſtrien recht erfreuliche Fortschritte gemacht hat. Daß diese That­

Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin ( Eißner), Stuttgart , Rothebühl­Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.

sache nicht sinnenfällig zu Tage tritt, erklärt sich vor allem durch den allerdings auffällig starken und bedenklichen Rückgang der organisirten weiblichen Tabatarbeiter. Er betrug 805; 1893 gehörten der Organisation 3636 Frauen und Mädchen an, 1894 nur noch 2831.

Zwar hat auch die Zahl der männlichen organisirten Tabak­arbeiter in der nämlichen Zeit etwas abgenommen, sie sant von 13 750 auf 13 714. Aber immerhin bleibt das bedeutende Zu­sammenschwinden der weiblichen Mitgliedschaft eine so bemerkens­werthe Erscheinung, daß sie eingehend nach ihren Ursachen unter­sucht werden sollte. Gerade für die Tabakindustrie spielt die Frauenarbeit in Hausindustrie wie Fabriffrohn eine hervorragende Rolle. Die sattsam bekannten Hungerlöhne der Arbeiter und Ar­beiterinnen dieses Gewerbes, die schweren hygienischen Mißstände, die sich hier mit brutalster Mißachtung menschlicher Lebenskraft geltend machen, predigen eindringlichst die Nothwendigkeit der ge= werkschaftlichen Organisation.

Einen Rückgang an weiblichen Mitgliedern haben außer dem Verband der Tabatarbeiter noch drei Organisationen zu verzeichnen. Die Gewerkschaft der Zigarrenfortirer verlor ihre sämmtlichen 50 weiblichen Mitglieder; dem Verband der Vergolder gehören nur noch 15 statt 40 Frauen und Mädchen an, und die Organisation der Blätterinnen weist von 100 nur noch 60 Angehörige auf. Insgesammt verloren die vier hier in Frage kommenden Gewerk­schaftsorganisationen 890 weibliche Mitglieder( 1893: 3826; 1894: 2936) oder rund 23 Prozent derselben.

Diesem Weniger steht bei acht Organisationen ein sehr er­hebliches Mehr gegenüber. Die weiblichen Mitglieder der organi­sirten Buchbinder, Gold- und Silberarbeiter, Holzarbeiter, Metall­

arbeiter, Sattler und Tapezirer, Schneider, Schuhmacher, Textil­arbeiter stiegen von 1488 auf 2370, also um 882 oder um rund 59 Prozent. Dazu wiesen 1894 die Konditoren 5, die Seiler

30 weibliche Mitglieder auf. Einzelne der angeführten Gewerk­schaften verzeichnen einen sehr stattlichen Zuwachs von weiblichen Mitgliedern. So stieg die Zahl der organisirten Arbeiterinnen der Schuhindustrie von 109 auf 230, also um 121, ihre Zahl hat sich mithin mehr als verdoppelt. Das Gleiche gilt von den organisirten Buchbinderinnen, deren Zahl sich von 213 auf 488 vermehrte, also um 275= 109 Prozent zunahm. In der Gewerk­schaft der Gold- und Silberarbeiter finden wir 227 gegen 53 Frauen und Mädchen, es ist eine Vervierfachung oder eine Zunahme von 328 Prozent der weiblichen Mitgliedschaft eingetreten. Beachtens­

werth stieg auch die Zahl der Arbeiterinnen in den Verbänden der Holzarbeiter, Schneider und Metallarbeiter. Wir bedauern, daß die lokal organisirten Gewerkschaften nicht dem Beispiel der General­kommission folgen und genau Buch führen über den Stand ihrer Mitgliedschaft und die Zahl der ihnen anhängenden Arbeiterinnen.

Die von der Generalkommission veröffentlichten Zahlen über die Entwicklung der gewerkschaftlichen Arbeiterinnenbewegung ent­halten den ermuthigenden Beweis, daß diese vorwärts marschirt, trok alledem. Troß des noch großen Indifferentismus der aus­gebeuteten Frauen und Mädchen; troß der mangelnden Werthung, welche einen Theil der Gewerkschaftler noch bezüglich der Arbeite­rinnenorganisationen charakterisirt; troß der Schwierigkeiten, welche