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Mit stolzer, kühler Ruhe kann deshalb das deutsche   Proletariat| Hannover  , Linden, Bremen  , Vegesack  , Osternburg  , Olden­zusehen, daß Tessendorffe unternehmen, an dem Baum zu rütteln und ihn mit den Papierkügelchen von Verfügungen und Verur­theilungen zu bombardiren. Es weiß, daß mit den Worten seines Dichters der 48er Revolution die Sozialdemokratie allen tückischen und nückischen Gegnern zurufen kann:

" Ihr Blöden, wohn' ich denn nicht auch, wo eure Macht ein Ende hat; Bleibt mir nicht hinter jeder Stirn, in jedem Herzen eine Statt? In jedem Haupt, das trotzig denkt, das hoch und ungebeugt sich trägt? Ist mein Asyl nicht jede Brust, die menschlich fühlt und menschlich schlägt? Nicht jede Werkstatt, drin es pocht? nicht jede Hütte, drin es ächzt? Bin ich der Menschheit Odem nicht, die rathlos nach Befreiung lechzt? Drum werd' ich sein!"...

Jawohl, die Sozialdemokratie wird sein, allen Künsten der Reaktion zum Trop."' s ist der Geschichte ew'ges Muß!" Was immer Polizei und Juristerei innig gesellt zu ihrer Bezwingung erflügeln: Wir pfeifen darauf!"

Der zweite Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands  .

Die Generalfommission der Gewerkschaften Deutsch= lands beruft einen zweiten Kongreß derselben auf den 4. Mai 1896 nach Berlin   ein. Bei der großen Wichtigkeit, welche die gewerk­schaftliche Bewegung nicht blos für die Proletarier hat, sondern auch für die Proletarierinnen, welche das Joch der Lohnsklaverei tragen, ist es selbstverständlich, daß die Arbeiterinnen dem Kongreß das regste Interesse entgegenbringen müssen, und daß wir uns in einem beson­deren Artikel mit ihm beschäftigen. Für heute sei nur der Aufruf der Generalkommission mitgetheilt:

An die gewerkschaftlich organisirten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands  .

Unter Zustimmung der Mehrzahl der Zentralvereinsvorstände hat die Generalfommission beschlossen, daß der

Zweite Kongreß der Gewerkschaften Deutschlands  am Montag, den 4. Mai 1896

in Berlin   stattfindet. Als Tagesordnung ist vorläufig vorgesehen:

1. Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten.( Wahl der Kommissionen, Prüfung der Mandate u. s. w.)

2. Rechenschaftsbericht der Generalfommission und Berathung der Anträge, betreffend:

a) Agitation; b) Lohnstatistik und Arbeitslosenstatistik; c) Streifunterstützung und Streifstatistik; d) Correspon­denzblatt".

3. Die Arbeitslosenunterstützung.

4. Die Arbeitsvermittlung als gewerkschaftliche und kommunale Einrichtung.

5. Berathung der nicht unter den vorstehenden Punkten er­ledigten Anträge.

Anträge, welche auf die Tagesordnung kommen sollen, oder auf die vorstehend genannten Tagesordnungspunkte Bezug haben, sind bis zum 1. März 1896 an die General kommission einzusenden. Sämmt­liche bis dahin eingegangenen Anträge werden veröffentlicht, damit sie in den Gewerkschaften diskutirt werden können.

Der Kongreß wird am 4. Mai 1896, Morgens 9 Uhr, eröffnet werden und dürfte voraussichtlich 4 bis 5 Tage dauern.

Die Wahlen der Delegirten werden nach den von dem ersten Gewerkschaftskongreß gegebenen Bestimmungen von den Zentral­vereinsvorständen ausgeschrieben werden.

Das Lokal, in welchem der Kongreß stattfindet, sowie die näheren Bestimmungen über die Anmeldung der Delegirten u. s. w. werden rechtzeitig bekannt gegeben werden.

Die Generalfommission der Gewerkschaften Deutschlands  . C. Legien,

Hamburg  , 3.-V.-N., Wilhelmstraße 8, I.

Aus der Bewegung.

Sehr guten Erfolg hatte die Agitation, welche Genossin Kähler ( Wandsbeck) im Auftrage der Generalfommission der deutschen   Ge­werkschaften unter den industriellen Arbeiterinnen von Mittel- und Nordwestdeutschland   entfaltete. Versammlungen fanden zu dem Zwecke in vierundzwanzig Orten statt, nämlich in Magdeburg  , Helm stedt, Schöningen  , Dessau  , Bernburg  , Hildesheim  , Peine  ,

burg, Delmenhorst  , Krefeld  , Köln   a. Rh., Kalt, Mülheima. Rh., Remscheid  , Halberstadt  , Braunschweig  , Vechelade  , Celle  und Hameln  . Nur in Braunschweig   fühlte sich eine hohe löbliche Polizei getrieben, in die Versammlung einzugreifen und das Juwel" des braunschweigischen Vereinsgesetzes in hellem Glanze strahlen zu lassen. Als nämlich die Referentin vom Großkapitalismus" sprach, erklärte der Ueberwachende mit tiefer Weisheit ,,, der Großkapitalismus sei eine öffentliche Angelegenheit", deren Besprechung in öffent­licher Versammlung Frauen nicht beiwohnen dürften. In der Folge. dieser zum mindesten originellen Auffassung kam es zur Auflösung der Versammlung. Recht erbauliche Dinge zur Charakteristik der Lohnsklaverei in des Wortes verwegenſter Bedeutung erfuhr die Re­ferentin in Helmstedt  . Dort werden die auf der Domäne arbeitenden Polenmädchen von den Aufsehern mit Stockprügel zur Arbeit getrieben, angeblich weil sie sonst zu faul sind". Fast allgemein waren die Versammlungen gut besucht, in einigen Orten sogar über­füllt. Dank der entfalteten Agitation wurden vier neue Zahlstellen des Fabrikarbeiterverbands gegründet, dem im Ganzen zirka fünf­hundert neue Mitglieder beitraten, darunter viele Arbeiterinnen. Es fonstituirte sich außerdem eine neue Zahlstelle des Textilarbeiter­verbands, und der Verband der Schneider und derjenige der Zigarren­arbeiter nahmen an Mitgliedern etwas zu. Der durch die stattgehabte Agitation erzielte Erfolg ist ein Ansporn zu weiterer fleißiger Arbeit. für die so dringend nöthige Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaftsorganisationen.

W. K.

Aufklärung über die Nothwendigkeit und den Nutzen der gewerk­schaftlichen Organisation der Arbeiterinnen unter diese und unter die Arbeiter zu tragen, war gleichfalls der Zweck der Agitationstour, welche Genossin Steinbach( Hamburg  ) in Süddeutschland   unternahm. Nach den von der Generalfommission der Gewerkschaften angeregten Vorarbeiten und Abmachungen sollte Genossin Steinbach in sieben­undzwanzig Versammlungen referiren. Doch durch die wohlweise Vorsicht der Polizeibehörden wurde eine Reihe von Versammlungen verboten oder aufgelöst, so daß nur in vierzehn Orten die Agitation einen ungestörten Verlauf nahm. In Nürnberg  , Fürth   und Erlangen   wurden die Versammlungen der Praxis des dem Unter­nehmerthum unschätzbaren bayerischen   Vereinsgesetzes entsprechend mit der Begründung verboten, daß die Gewerkschaften Zweigvereine der sozialdemokratischen Partei seien und daß in den einberufenen Ver­sammlungen der politischen Vereine Gewerkschaften politische Ange­legenheiten besprochen werden sollten, an deren Erörterung die Frauen nicht theilnehmen dürften. Der§ 152 der Gewerbeordnung, der auch den Arbeiterinnen das Vereinigungsrecht zuerkennt, wird durch diese scharfsinnige Auslegung des Vereinsgesetzes für die zohnsflavinnen zum todten Buchstaben. In Kempten  , wo die Polizeibehörden noch nicht so auslegungsfreudig wie in anderen Städten sind, durfte die Versammlung stattfinden. Nur verbot der Ueberwachende der Refe­rentin, über§ 152 der Gewerbeordnung zu sprechen, da dieser von öffentlichen Angelegenheiten handele! Im Elsaß   erwies sich der Diftaturparagraph als treffliches Mittel, die Unternehmer vor der Organisation der Arbeiterinnen zu bewahren und ihnen die weit­gehendste Ausbeutung der Lohnsklavinnen zu sichern. In Gebweiler  wurde die Versammlung ohne Angabe des Grundes verboten. Bei einer zwanglosen Zusammenkunft wies der Wirth die Referentin aus dem Lokal. Sechzig bis siebzig Personen, die gleichzeitig mit ihr auf die Gastfreundschaft des Mannes verzichteten, wurden auf einem nun unternommenen Spaziergang von einer ansehnlichen Polizeimannschaft begleitet, die aber in der Dunkelheit verloren ging, so daß sich die Spaziergänger bei einem Glase Bier ungestört über die überflüssige Bemühung der Beamten unterhalten konnten. In Dornach wurde die Versammlung aufgelöst, nachdem die Referentin zehn Minuten gesprochen hatte. In Niedermorschweiler wurde dieselbe vom Ueberwachenden nicht weniger als viermal unterbrochen, und als sie kezzerisch und unbelehrt die Vortheile des Textilarbeiterverbandes schilderte, kam es zur Versammlungsauflösung. Das letztere Schicksal ereilte auch die Versammlung in Rudolstadt  ( Thüringen  ), weil die Erörterung des am Orte ausgebrochenen Gerberstreits nach der Meinung des überwachenden Beamten eine städtische Angelegenheit war, die nicht erörtert werden durfte. Kurz, die Pflichteifrigkeit, mit welcher in dem Agitationsbezirk der Genossin Steinbach die Behörden ihres Amtes walteten, ließ gewiß auch in den Augen anspruchsvoller Kapitalisten und Ordnungsstüten nichts zu wünschen übrig. In einigen badischen Städten hatten leider die Parteizwiftigkeiten den Genossen keine Zeit gelassen, durch energische Agitation den Ver­sammlungen gut vorzuarbeiten. Diese waren in Folge dessen recht schwach besucht, und die Herren Kapitalisten konnten sich ins Fäustchen lachen, daß die Arbeiter über einem schädlichen Hausstreit den Klassen­