Die ersten weiblichen Hörer wohnen in diesem Halbjahr den Vorlesungen der Universitäten Königsberg und Erlangen bei. In Königsberg besuchen acht Damen die Vorlesungen über Re­formationsgeschichte; in Erlangen nehmen zwei Volksschullehrerinnen und eine Sprachlehrerin an den Uebungen im Seminar für romanisch­englische Sprachen theil.

Gegen die gleichberechtigte Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium in Preußen erklärte sich die Unterrichts­kommission des preußischen Abgeordnetenhauses, indem sie über eine diesbezügliche Petition des Berliner Frauenvereins zur Tagesordnung überging.

Frauen als Schildermalerinnen sind in Berlin in letzter Zeit thätig. Gleich ihren männlichen Kollegen tragen die Malerinnen graue Leinwandkittel zum Schuße gegen Farbentropfen, der Kopf ist mit einer Art Kapuze bedeckt. Sehr beachtenswerth ist die Gewandt­heit und Sicherheit, mit der die jungen Handwerkerinnen sich auf den Leitern und Gerüstbrettern bewegen. Die meisten von ihnen sollen sich während ihrer Lehrzeit auch fleißig im Turnen geübt haben, um allen Anforderungen ihres Berufes gewachsen zu sein. Nach den übereinstimmenden Urtheilen von Fachleuten verdient die Fähigkeit und Zuverlässigkeit der Malerinnen volle Anerkennung. Es wird ihnen besonders gewissenhaftes und sauberes Arbeiten und wie den seit Kurzem in der Stuben- und Dekorationsmalerei be­schäftigten Frauen ein lebhaft entwickelter Schönheitssinn nachgerühmt.

* Die Frauenrechts Liga in Paris , ein radikaler und sehr thätiger Verein, hat an sämmtliche Syndikate( Gewerkschaften) Frank­ reichs Fragebogen folgenden Inhalts vertheilen lassen: 1. Sind Frauen in Ihrer Industrie beschäftigt? 2. Sind sie Mitglied Ihres Syndikats? 3. Falls sie es sind, können Sie uns mittheilen, ob die Mitgliedschaft der Frauen Ihnen vortheilhaft erscheint oder nicht? 4. Falls Frauen Ihrem Syndikat nicht beitreten können, welches sind Ihre Gründe für ihren Ausschluß?" Die Antworten, die zum Theil in befriedigender Ausführlichkeit schon eingelaufen sind, sollen be­arbeitet und veröffentlicht werden.

* Sechshundert weibliche Aerzte praktiziren in Rußland ; viele von ihnen sind in großen Fabriken, an denen hauptsächlich Frauen beschäftigt sind, angestellt, wo ihre Wirksamkeit eine besonders segensreiche ist. Und wir Deutschen pflegen unseren östlichen Nachbarn achselzuckend als" Barbaren " anzusehen!

Eine Ausdehnung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes fordert der Bund der Frauengenossenschaften" in England auf Grund einer stattgefundenen Enquete. Er verlangt einen Marimal­arbeitstag, wie er für die Tertilarbeiterinnen besteht, für die in den übrigen Gewerben beschäftigten Frauen und Mädchen. Ferner eine Beschränkung der Ueberstunden mit dem Ziel absoluten Verbots der­selben. Schließlich eine Vermehrung der weiblichen Fabrifinspektoren und Ausdehnung der Arbeitsschutzgesetzgebung auf die Heimarbeit.

Das passive Wahlrecht für das House of Keys" besitzen die steuerzahlenden Frauen auf der Insel Man seit dem Jahre 1881. Die an der Nordwestküste Schottlands gelegene Insel hat 54000 Ein­wohner keltischer Abstammung, die ihre eigene Verfassung und Ver­waltung bisher festgehalten haben. Die Insel Man steht unter eng­lischer Oberhoheit, welche ein Gouverneur repräsentirt.

* Ein Reformgesetz, das passive Wahlrecht der Frauen betreffend, soll dem Parlament von Neu- Seeland vorgelegt werden. Bekanntlich besitzen die Frauen in Neu- Seeland bereits das aktive Wahlrecht.

* Eine starke Bewegung zu Gunsten der Selbständigkeit der englischen Kolonien Australiens tritt in den Vordergrund des inneren politischen Lebens dieser Länder. Ihre Führer sehen als Ziel die Gründung der Vereinigten Staaten von Australien " vor sich. Da die Frauenbewegung dort eine sehr vorgeschrittene ist in Südaustralien hat das weibliche Geschlecht z. B. dieselben po­litischen Rechte wie das männliche so wird jetzt schon eifrig agitirt, daß der fünftige Staatenbund von vorn herein die Frauen als gleichberechtigte Bürger ansieht.

* Die Gegner des Frauenstimmrechts versuchen, dieses auf alle Weise lächerlich zu machen. So haben fürzlich einige amerikanische Blätter die Nachricht gebracht, und deutsche haben sich beeilt, sie kritiklos zu kolportiren, daß in Colorado , wo die Frauen die volle politische Gleichberechtigung besitzen und drei weibliche Abgeordnete dem Parlament angehören, ein Gesetzentwurf angenommen worden sei, wonach die Frauen zum Militärdienst herangezogen werden sollten. Das uns vorliegende neue Militärgesetz von Colorado lautet dagegen: Jeder gesunde männliche Bürger........ im Alter zwischen 18 und 45 Jahren,

ist der Militärpflicht unterworfen." Der

96

Gouverneur von Colorado , Adams, schreibt dazu: Dieses Gesetz ist angenommen und von mir unterzeichnet worden. Im Entwurf fehlt das Wort, männlich, es wurde aber sofort, noch vor der Annahme im Parlament, eingefügt." Dieser erste, gar nicht diskutirte Entwurf ist also die Basis all des weitverbreiteten Unsinns.

Die Riesenwäscherei von Pullman- City( Nordamerika ), der bekannten Schöpfung des berühmten und berüchtigten Waggonfabri­kanten, bildet ein Seitenstück zu der kürzlich an dieser Stelle geschil= derten Londoner Riesenwäscherei. In der Waschanstalt von Pullman­City wird sämmtliche Wäsche gewaschen, die in den Schlaf- und Luruswaggons der Pullman- Kompagnie im Gebrauch ist. Die Menge derselben ist beträchtlich, denn in den Pullman- Waggons werden täglich Betttücher und Kissenüberzüge gewechselt, und dies auch für die Reisenden, die mehrere Nächte hindurch fahren. Die Wäscherei ist in einem Gebäude installirt, das 45 Meter lang und 27 Meter breit ist, Dampfheizung und elektrische Beleuchtung hat. Das nöthige Wasser wird direkt aus dem Michigansee in den Betrieb geleitet. Das Waschen, Spülen, Trocknen, Stärken, Plätten geschieht auf me­chanischem Wege. Mittels Riesenmaschinen wird die Wäsche in heißem Seifenwasser gewaschen, darauf mehrmals mit heißem und kaltem Wasser gespült und gebläut. Die betreffenden Verrichtungen bean spruchen im Ganzen eine halbe Stunde Zeit. Jede Waschfrau kann in einer Stunde 400 Betttücher waschen, pro Tag werden in der Anstalt 45-48000 Betttücher, Ueberzüge und Handtücher gewaschen. Die gespülte Wäsche wird durch eine Reihe von acht Zylindern hin­durchgezogen, welche das Wasser ausdrücken und die Stücke in voll­ständig getrocknetem Zustande zurückgeben. Das Plätten der Bett­wäsche geschieht mittels großer Zylinder, die mit Dampf geheizt werden. Die fertige Wäsche wird von Pullman- City aus nach Chicago in großen Körben gesendet, von denen jeder 200 Betttücher oder 1000 Handtücher oder 1000 Rissenüberzüge enthält. In der Dampfplätterei sind 70 Frauen und 20 Maschinenmeister beschäftigt. Im zweiten Stockwerk des Gebäudes werden die Hemden und Leinen­anzüge gestärkt, welche das Dienstpersonal der Pullman- Waggons trägt. Jede der hier aufgestellten 5 Stärfemaschinen kann in einer Stunde 75 Hemden und 1000 kleinere Wäschestücke stärken. Die technische Entwicklung nimmt der Hausfrau, dem Einzelhaushalt eine wirthschaftliche Aufgabe nach der anderen ab, macht sie mit Ersparniß von Zeit, Kraft und Kosten zur Sache der Großindustrie und schafft damit Vorbedingungen für die Befreiung des weiblichen Geschlechts.

Quittung.

Für die streifenden Wäscherinnen in Neu- Isenburg liefen bei der Unterzeichneten bis jetzt ein: 709 Mt. 10 Pf., darunter von den Genossinnen in Erfurt 16 Mt.; gesammelt beim Gewerkschafts­fest zu Roburg durch Genosse Mampelt 17 Mt. 10 Pf.; von den Genossinnen und Genossen in Gera 15 Mt.; von den Genossinnen in Chemnitz 20 Mk.; von den Genossinnen und Genossen in Köln 40 Mt. Frau M. Wengels, Vertrauensperson.

Der Redaktion der Gleichheit" gingen zu: Herr Bosch 2 Mt.; zwei sozialdemokratische Kunstmaler 2 Mt.; Arbeiterinnen­verein Dresden durch Genossin Schmidt 2. und 3. Rate zusammen 100 Mt.; vom Gewerkschaftskartell Altenburg durch Genosse Metzschke 50 Mt.; K. R. 1 Mt.; 2. K. 2 Mt. 50 Pf.; von den Stötterizer Ge­nossinnen durch Genossin Pöllnitz 3 Mt. Summa 160 Mt. 50 Pf. Zusammen mit den in Nr. 10 und Nr. 11 quittirten 270 Mt. 430 Mt. 50 Pf.

Die Beträge sind dem Vorsitzenden der Lohnkommission der streifenden Wäscherinnen übermittelt worden. Weitere Gaben werden von Genossin Wengels und der Redaktion der Gleichheit" entgegen­genommen.

Die Redaktion der, Gleichheit.

Zur Beachtung.

Seitens der Unterzeichneten gelangen Listen zur Samm­Inng von Geldern für die Agitation unter den proletarischen Frauen zur Ausgabe. Die Genossinnen allerorten werden dringend ersucht, sich solche Listen kommen zu lassen und fleißig für Aufbringung von Mitteln zu wirken.

Frau M. Wengels Vertrauensperson.

Berlin O, Fruchtstraße 30, Quergeb. 2 Tr.

Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin ( Eißner) in Stuttgart. - Drud und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart .