Nr. 20.
Die Gleichheit.
7. Jahrgang.
Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Tie„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2902) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch, den 29. September 1897.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.
Inhalts- Verzeichniß.
Die Hauptaufgabe des bevorstehenden Parteitags der Sozialdemokratie. Der gesetzliche Arbeiterinnenschutz. Referat vor dem Internationalen Kongreß für Arbeiterschutz von Margarethe Greulich in Zürich. ( Schluß.) Aus der Bewegung. Feuilleton: Der Brotherr. Skizze von
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Alfred Herm. Fried. Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin : Gewerkschaftliche ArbeiterinnenOrganisation. Weibliche Fabrikinspektoren. Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Soziale Gesetzgebung. Frauenbewegung.
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Die Hauptaufgabe des bevorstehenden Parteitags der Sozialdemokratie.
Der diesjährige Parteitag der deutschen Sozialdemokratie wird an Bedeutung sicherlich gar manchen seiner Vorgänger und gar manchen seiner Nachfolger überragen. Gewiß: jede Tagung der Sozialdemokratie hat eine Reihe von Fragen zu behandeln, die von dauernder, hoher Wichtigkeit für das Leben der Partei sind. Aber dem bevorstehenden Parteitag zu Hamburg liegt außer der Erörterung der diesbezüglichen Materien noch eine weitere Aufgabe ob. Er soll darüber entscheiden, ob in einer bestimmten Richtung das Kampfesfeld der Sozialdemokratie erweitert, ob ihr eine neue Aufgabe zugewiesen werden soll, eine Aufgabe, die unter den größten Schwierigkeiten gelöst werden muß. Die Stellungnahme der Sozial demokratie zu den preußischen Landtagswahlen, dies die Frage, die im Mittelpunkt der Hamburger Berathungen stehen und deren Beantwor tung von tieffurchendem Einfluß auf die Entwicklung der Sozialdemokratie und die Gestaltung des öffentlichen Lebens sein wird.
Daß die Sozialdemokratie im Allgemeinen sich an den Wahlen zu den gesetzgebenden Körperschaften der einzelnen Bundesstaaten betheiligen muß, ist schon längst nicht mehr zweifelhaft. Zu wichtig, zu zahlreich sind die Interessen der Volksmassen, die durch die einzelstaatliche Gesetzgebung beeinflußt werden, zum Theil völlig abhängig von ihr sind. Als Vorkämpferin für das Wohl der breiten werkthätigen Massen, aber auch in ihrem eigenen Lebensinteresse als politische Partei hat die Sozialdemokratie sich deshalb zur Betheiligung an den Landtagswahlen veranlaßt gesehen. Und dies ungeachtet des Umstandes, daß die Landtage der meisten deutschen Bundesstaaten nicht auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zusammengesetzt werden. Reaktionäre Wahlsysteme mehr oder minder verzwickter Natur, auf dem Zensus, der Klasseneintheilung der Wähler, der indirekten Ernennung der Volksvertreter beruhend, sind hier in Kraft. Ihnen zu Folge kämpft die Sozialdemokratie bei den Landtagswahlen unter weit größeren Schwierigkeiten und mit geringerer Aussicht auf Erfolg als bei den Reichstagswahlen. Nur unvollkommen, in gefälschter, verkümmerter Weise lassen die reaktionären Wahlsysteme den Volkswillen zum Ausdruck kommen. Wo indeß das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht über die Zusammensetzung des Parlaments entscheidet, da ist es der Besitz, der so gut wie ausschließlich über die politische Macht verfügt und diese zur einseitigsten Wahrung seiner Interessen ausnutzt.
Dies gilt ganz besonders von Preußen. Der preußische Landtag ist ein Werkzeug der rücksichtslosesten, bornirtesten Klassen
Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart , Rothebühl. Straße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
herrschaft des Besizes. Krautjunkerthum und Schlotjunkerthum innig geſellt bestimmen in ihm über den Zuschnitt der politischen Verhältnisse in Preußen. Besonders die schloßgesessenen Großgrundbesizer sind im preußischen Landtag die ausschlaggebende Macht. Die bürgerliche Opposition, die ohnehin aus Furcht vor dem Proletariat nur höchst selten Mannesmuth zu ernstem Widerstand gegen reaktionäre Gelüste verspürt, ist hier so gut wie völlig einflußlos. Bei jeder Gelegenheit fast erweist sich das preußische Abgeordnetenhaus als Bollwerk der schlimmsten Reaktion, als feste Stüße der Macht und der Ausbeutungsfreiheit des ostelbischen Junkerthums.
Seine Mitglieder werden eben auf Grund eines Wahlrechts gewählt, das seiner Zeit sogar von Bismarck als das elendeste aller Wahlsysteme gebrandmarkt wurde. Das Wahlrecht zu dem preußischen Landtag ist nicht gleich. Durch die auf dem Zensus fußende Eintheilung der Wähler in drei Klassen begünstigt es die politische Machtstellung der Reichen und Reichsten. Eine winzige Minderheit von Wählern der ersten Klasse ernennt die gleiche Zahl von Wahlmännern, besitzt also den gleichen politischen Einfluß, wie die bei Weitem größere Zahl der Wähler zweiter Klasse und wie die ungeheure Mehrzahl der Wähler dritter Klasse. Das indirekte Wahlsystem, dem zu Folge die Wähler nur Wahlmänner wählen, die ihrerseits die Abgeordneten ernennen, treibt die politische Benachtheiligung der Volksmassen auf die Spize. Die Wahlmänner jeder einzelnen Klasse wählen nicht für sich ihre Abgeord= neten, die Wahlmänner der drei Klassen treten vielmehr zur ge= meinsamen Ernennung der Abgeordneten zusammen. Die Wahlmänner der ersten und zweiten Klasse, welche fast ausnahmslos die Meist- und Vielbesitzenden repräsentiren, stimmen in der Regel zusammen gegen die Wahlmänner der dritten Klasse, die Vertreter der kleinen Leute und Habenichtse. So kann der Wille der breiten Volksschichten im preußischen Landtag nicht zum Ausdruck, nicht zur Geltung kommen. Der Umstand, daß die Stimmabgabe eine öffentliche und mit Zeitverlust und allerhand Scherereien verknüpft ist, trägt außerdem noch besonders dazu bei, der Masse das Wählen zu verekeln. Die öffentliche Stimmabgabe bedroht vielfach die Freiheit der Wahl der wirthschaftlich abhängigen Arbeiter, Der färglich ge= Handwerker, kleinen Geschäftsleute, Beamten 2c. lohnte Arbeiter wird so und so oft vor der Bethätigung seines politischen Rechtes zurückschrecken, wenn er dieselbe mit dem Verlust des halben oder ganzen Tagelohns bezahlen muß. Noch andere „ Schönheitsfehler" des preußischen Dreiklassenwahlrechts wirken in der gleichen Richtung wie seine charakteristischen Merkmale, in der Richtung der politischen Machtlosigkeit der Masse und der Stärkung der politischen Gewalt der oberen Zehntausend.
Die Masse des preußischen Volkes hat deshalb bisher den Landtagswahlen kühl bis ans Herz hinan gegenüber gestanden. Sie blieb der Urne fern, sie erblickte in der Wahlbetheiligung nicht ein Mittel, ihre Interessen gegenüber der Raubgier ihrer Herren von Geburts- und Geldsacksgnaden zu vertheidigen und zur Geltung zu bringen. Und der Sachlage entsprechend griff die Partei der frohndenden Volksschichten, die Sozialdemokratie, nicht in den Wahlkampf ein. Allzu groß dünfte ihr das Mißverhältniß zwischen den großen Opfern des Kampfes und den einzuheimsenden winzigen Erfolgen; zu thener erkauft erschienen ihr einige wenige Mandate