Nr. 6.
Die Gleichheit
8. Jahrgang.
Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 2970) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch, den 16. März 1898.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet.
Zum 18. März.
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Juhalts- Verzeichniß.
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Erklärung von Klara Zetkin . Aus der Bewegung. Feuilleton: Die Fabrikarbeit der Frauen in Baden. Von D. Z.Ein gutes Gewissen. Von Alexander Kielland. Notizentheil von Lily Braun und Klara Zetkin : Weibliche Fabrikinspektoren. Frauenarbeit auf dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Frauenbewegung. Sittlichkeitsfrage. Schul- und Erziehungswesen.
Bum 18. März.
Ein halbes Jahrhundert ist verrauscht, seit im tollen Jahr" 1848 in Deutschland sich erfüllte, was der Dichter in fampfesfreudiger Hoffnung gesungen:„ Das Volk stand auf, der Sturm brach los." Von Frankreich her war der glühende Odem der Revolution nach Deutschland geweht, in die fromme Kinderstube; von Frankreich her, wo die Pariser Kleinbürger und Arbeiter als revolutionäre Kerntruppe zusammengeschlossen den filzigen. Louis Philipp verjagt hatten, der als verständnißinniger föniglicher Geschäftsführer der Großbourgeoisie zur Ermuthigung der betriebsamen Kapitalisten das Wort geprägt:„ Bereichert Euch!" An Stelle bes Bürgerkönigthums" war die Republit getreten, ein greifbarer Beweis dafür, daß die Monarchen nicht von Gottes Gnaden sind, sondern von Volkes Geduld.
In Deutschland schlug die revolutionäre Lohe flammend empor, sie hatte sich an den vom selbstherrlichen Regiment geschaffenen Zuständen, an den großen und fleinen Nücken und Tücken des Metternichschen Polizeistaats entzündet. Die aufstrebende deutsche Kapitalistentlasse fonnte nicht länger dulden, daß die politische Gewalt ausschließlich in den Händen des Junkerthums und absoluter Fürsten und Fürstchen ruhte, daß feudale Formen und Einrichtungen des staatlichen Lebens der wirthschaftlichen Entwicklung Schranken zogen. Sie bedurfte zur vollen Entfaltung und Ausnutzung ihres wirthschaftlichen Herrenrechts einer politischen Machtstellung, eines modernen Staatswesens. Handwerker, Kleinbürger und Bauern seufzten schwer unter den Segnungen" des patriarchalischen Zwangsregiments. Das Proletariat trug die Bürden und Fesseln der alten Ordnung und der jungen tapita listischen Ausbeutung. In der politischen Freiheit erblickten alle nicht bevorrechteten, sondern beherrschten Schichten der Gesellschaft das Allheilmittel gegen die Beschwerden ihrer sozialen Lage und die allgemeinen Mißstände. Mit eiserner Faust aber hielt der absolutistische Polizeifnüttel die Reime der neuzeitlichen, freiheitlichen politischen Entwicklung darnieder. In dem Abscheu gegen das bestehende Regime und zu seiner Niederwerfung fanden sich denn Bevölkerungsklassen zusammen, die durch tiefgehende, aber zum Theil noch nicht ausgewachsene und klar erkannte wirthschaftliche Interessengegensäße voneinander geschieden waren.
Das Bolt stand auf, der Sturm brach los! in Wien , in Berlin , in Dresden und anderwärts. Den wuchtigsten Schlag erhielt das absolutistische Regiment am 18. März in Berlin . Das Bolt behauptete sich im Ringen mit dem Militär. Der heldenhafte, siegreiche Kampf der Aufständischen zwang das feierliche Belöbniß einer Stonstitution dem auf dem Throne fizenden redseligen Romantiker ab, der bombastisch erklärt hatte, er werde nie zugeben, daß sich ein Blatt Papier zwischen ihn und sein Volk dränge"." Er, der mystisch verzückt von der besonderen geschicht
Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara gettin( Eißner), Stuttgart , RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
lichen Mission des Hohenzollernschen Gottesgnadenthums träumte, mußte der Revolution seine Reverenz erweisen, indem er Volksgebot gehorchend vor den gefallenen Freiheitskämpfern den Hut zog. Der 18. März war von wesentlichem Einfluß auf die Gestaltung der politischen Verhältnisse in ganz Deutschland , er war und bleibt der revolutionäre Siegestag par excellence, der Markstein für das Einlenken in neuzeitliche Bahnen.
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Nur Dank der revolutionären Erhebung des deutschen Proletariats war die Reaktion bezwungen worden. Von den Früchten der errungenen Siege ließ jedoch das führende„ honette Bürgerthum" äußerst wenig Denen zu Gute kommen, die sich löwenkühn für Volksfreiheit und Volksrecht auf den Barrikaden geschlagen. Mehr noch: es gab der Reaktion Errungenschaft nach Errungenschaft preis, es brach nicht Absolutismus und Junkerherrschaft, es paftirte vielmehr mit dem einen und der anderen aus feiger Furcht vor den mehr instinktiven als bewußten Aeußerungen des Klassenlebens der Arbeiter und ihren unklaren, überbescheidenen Forderungen. Um die Arbeiterklasse besser bändigen und ausbeuten zu können, verzichtete die deutsche Bourgeoisie darauf, Deutschland politisch zu einem modernen Staat umzuhämmern, welcher der frohndenden Masse in Gestalt voller politischer Freiheit Mittel gesichert hätte, ihre Intereffen wirksam zu vertreten. Sie hat seither den Berrath vollendet, den sie noch im Bannkreis der achtundvierziger Revolution begonnen. Das durch die Entwicklung des kapitalistischen Wirthschaftslebens zur unabweisbaren Nothwendigkeit gewordene Deutsche Reich ist himmelweit entfernt von den Idealen der Freiheit und Einheit, welche die besten Streiter des tollen Jahres" erträumt. Ein halbes Jahrhundert nach den revolutionären Kämpfen für das eine, freie Deutschland , achtundzwanzig Jahre nach Gründung des Deutschen Reiches stehen noch viele der wichtigsten Materien außerhalb des erst fürzlich geschaffenen einheitlichen bürgerlichen Rechts. Die tollfte Buntscheckigkeit charakterisirt die öffentlich- rechtlichen Gesetze und Einrichtungen der einzelnen Bundesstaaten, nur bezüglich ihres reaktionären Wesens herrscht, von Ausnahmen abgesehen, eine rührende Uebereinstimmung. Wir haben kein einheitliches, noch weniger ein freiheitliches Vereins- und Versammlungsrecht, Bestimmungen, welche von einer büttelhaften Auffassung des öffentlichen Lebens diktirt sind, werden willkürlich und spisfindig gehandhabt, um die arbeitende Masse politisch und wirthschaftlich unterworfen zu halten. Die Landtage, die kommunalen Vertretungen werden auf Grund der verschiedenartigsten, meist reaktionären Vorschriften gewählt, welche den Geldfad auf Kosten der Habenichtse bevorrechten. Das Schul- und Bildungswesen ermangelt der Einheitlichkeit. Ein engherziger, unduldsamer Geist, der ohne Fühlung mit dem lebendigen Kulturfortschritt ist, beherrscht größtentheils die Volksschule, die vielerorten als das Aschenbrödel des Kapitalistenstaats, als die Magd der Kirche behandelt wird. Die höheren Bildungsanstalten stehen im Banne der offiziell geaichten Wissenschaft, sie sollen Dienerinnen der herrschenden Gewalten sein, statt Trägerinnen und Förderinnen einer freien Geisteskultur, einer freien Forschung. Nicht Begabung und Bildungssehnsucht giebt ein Recht auf den Besuch höherer Schulen, sondern der Geldbeutel. Nicht nach einheitlichen Grundsäßen werden die Staatsangehörigen in den einzelnen Ländern zur Besteuerung herangezogen, Einheitlichkeit findet man nur bezüglich des Steuerunrechts, den Besiz so viel als möglich zu schonen und den Löwenantheil der Staatslasten der breiten Masse aufzubürden.