Leben zu bringen. Sie mußten sich opfern zum Nußen der Gesell schaft, einer Gesellschaft, welche sie zum Dank mit Fußtritten belohnt, statt sie wenigstens vor nackter Noth zu schützen. Den ,, Spizen" dieser Gesellschaft mußten sie die Taschen füllen, mußten ihnen ein Leben in Ueberfluß und Ueppigkeit verschaffen, sie selbst aber sterben in Jammer und Elend nicht besser und manchmal schlimmer dran, als die letzten Bettler. F. H.

Der Jahresbericht

der bayerischen Fabrikinspektion.

Von Dionys Binner.

Die Jahresberichte der bayerischen Fabrikinspektoren für 1898 bringen die ersten Mittheilungen über die Thätigkeit der beiden seit 1. Oftober 1898 angestellten Assistentinnen und haben betreffs des Termins ihres Erscheinens dem badischen Fabrikinspektionsberichte den Rang abgelaufen; sie wurden als erste im Reiche veröffentlicht. Daß sie wiederum, wie in früheren Jahren, Darstellungen der Ver­hältnisse eines Gewerbes enthalten, diesmal der Schneiderei, erhöht den sozialpolitischen Werth der Berichte.

Die Geschäftslage war nach den Berichten im verflossenen Jahre der in ganz Deutschland herrschenden wirthschaftlichen Prosperität entsprechend in Bayern eine günstige. Nur die Spiegelglas- und Fahrradindustrie, sowie die Draht- und Blattgoldfabrikation und die Feingoldschlägerei hatten Störungen zu verzeichnen. Auch die Textil­industrie klagte, namentlich in Oberfranken und Schwaben ; nichts­destoweniger ist die Zahl der von ihr beschäftigten Arbeiter gestiegen. Guter Geschäftslage erfreuten sich besonders die Maschinen- und Papierindustrie, die Baugewerbe und die Industrie der Erden und Steine 2c.

Unter diesen Umständen ist es nur natürlich, daß die Gesammt­zahl der Arbeiter gestiegen ist. Sie vermehrte sich von 495 509 im Jahre 1897 auf 524 102 im Jahre 1898, also um 28593; davon ent­fielen auf die Fabrikbetriebe 309 183( 1897: 286058) und auf die Handwerksbetriebe 214 919( 1897: 209 451). Arbeiterinnen waren im vorigen Jahre 90 855( 1897: 86 285) beschäftigt und zwar 72324 ( 68 580) in den Fabrik- und 18 531( 17 705) in den Handwerksbetrieben. In den Fabriken wurden 1898 rund 4200, im Handwerk rund 800 Arbeiterinnen mehr beschäftigt als im Vorjahre.

Von den Fabrikindustrien ist es die Textilindustrie, welche mit 28 385( gegenüber 22 533 männlichen Arbeitern) die größte Zahl von Arbeiterinnen beschäftigt, und zwar trotz des schlechten Geschäftsgangs um 1100 mehr als 1897. Dann folgt die Industrie der Erden und Steine mit 8411 Arbeiterinnen, die Metallindustrie mit 7165, die Nahrungs- und Genußmittelindustrie mit 6303, Bekleidung und Reini­gung mit 5085, Papierindustrie mit 3945, Holzindustrie mit 3569,

Ist das nicht genug?

Don August Strindberg .

Autorisirke Uebersehung von Emil Schering . Aus dem Simplicissimus".

Es ist eigentlich nicht weiter schade, daß der reiche Jüngling nicht Jesus fragte, was er thun solle, um das Räthsel des Lebens zu erfahren, denn Jesus hätte sehr wohl ihm dieselbe Antwort geben können wie auf die Frage nach der Seligkeit: Gehe hin und verkaufe alles was du hast und gieb es den Armen." Es war dagegen mehr schade, daß der reiche Jüngling das nicht that, und vor Allem, daß er nicht einen brennendheißen Junitag erlebte und im Kleide der geringen Gestalt eines sechzigjährigen Grünfram­höfers einen schweren Karren die Avenue de Neuilly hinunterzog, in einem fort mit seiner von intermittirendem Hunger und zu­nehmendem Alter zitternden Stimme rufend:

Cresson de fontaine!

La santé du corps! Quatre liards la botte! Quatre liards la botte!

( Brunnenkresse!

Ein gesundes Gericht! Vier Heller das Bund! Vier Heller das Bund!)

Er hat die linke Allee genommen und ist vor allen Thüren stehen geblieben; und alle Portierfranen haben abweisend genickt, denn die Jüngeren und Stärkeren sind bereits zeitiger aufgewesen und haben sie mit dem Bedarf des Tages versehen. Er ist bis

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chemische Industrie mit 3348, polygraphische Gewerbe mit 3218, Maschinenindustrie mit 1176, Bergbau, Hütten- und Salinenwesen mit 559 u. s. w. Von den Handwerksgruppen sind es die Gewerbe der Bekleidung und Reinigung, die in 20411 Betrieben 9650 Ar­beiterinnen beschäftigen; sodann folgen: die Metallverarbeitung mit 2300, die Baugewerbe mit 1569, das Textilgewerbe mit 1419, das Nahrungs- und Genußmittelgewerbe mit 1063, das Papiergewerbe mit 674 Arbeiterinnen 2c.

Von den Arbeiterinnen waren 10 782 unter 16 Jahren, 80073 über 16 Jahre alt. Die Zahl der männlichen jugendlichen Arbeiter unter 16 Jahren betrug 45 918. Im Verhältniß zur Arbeiterzahl in den Fabriken machten die Arbeiterinnen 20,3 Prozent( 1897: 24,5 Prozent) aus, die jugendlichen Arbeiter 7,5 Prozent( 7,8 Prozent); zur Arbeiterzahl im Handwerk stellten erstere 7,2 Prozent( 7,0 Prozent) und letztere 15,7 Prozent( 16 Prozent). Das prozentuale Verhältniß der Arbeiterinnen und der jugendlichen Arbeiter in den Fabriken hat sich trotz der absoluten Zunahme weiter gebessert, dagegen im Hand­werk nur das der letzteren, während das der Arbeiterinnen um etwas ungünstiger geworden ist.

Leider werden feine Mittheilungen über die Zahl der ver­heiratheten Arbeiterinnen gemacht, wie dies im Bericht der badischen Fabrikinspektion geschieht. Bei der Wichtigkeit der Erscheinungen, welche im Zusammenhang mit der Erwerbsarbeit verheiratheter Frauen auftreten, ist es unbedingt nothwendig, die Ausdehnung und die Folgen dieser Arbeit mit genauester Aufmerksamkeit zu verfolgen. Für das laufende Jahr sollen bekanntlich laut Anordnung des Reichs­amts des Innern die Fabrifinspektoren für ganz Deutschland eine Erhebung über die Fabrikarbeit verheiratheter Frauen vornehmen. Unseres Erachtens, aber müßten die einschlägigen Verhältnisse stetig verfolgt werden. Hier liegt ein Arbeitsgebiet vor, auf dem sich zumal die weiblichen Aufsichtsbeamten bethätigen könnten und bethätigen müßten.

Ueber die Thätigkeit der beiden Funktionärinnen" während ihrer dreimonatigen Amtsperiode ist in diesem Blatte bereits kurz berichtet worden. Es ist zu wünschen, daß die Damen über ihre Thätigkeit und ihre Wahrnehmungen selbständige Berichte machten, welche unverändert dem Gesammtberichte der Fabrikinspektion ein­verleibt werden sollten. Die Einbeziehung ihrer Mittheilungen in die acht Einzelberichte der Aufsichtsbeamten gestattet keine klare Ueber­sicht über die Thätigkeit der Assistentinnen und keine volle Würdigung ihrer Leistungen. Von den Einzelberichten enthalten nur die von den Aufsichtsbezirken Oberbayern und Mittelfranken einige nähere An­gaben über die Thätigkeit der Funktionärinnen. Darnach hat die eine Beamtin in Oberbayern 28 Betriebe revidirt. Sie berichtet darüber u. A.: Den neuerdings gemachten Beobachtungen zufolge wäre die anderthalbstündige Mittagspause vielen Arbeiterinnen erwünscht, doch scheuen sie sich wegen Lohnausfalls und sonstiger

zur Porte Maillot gekommen und sieht die Avenue hinab, die sich scheinbar endlos bis zur Seine hinunter erstreckt. Er nimmt seine schwarze Baumwollmüße ab und trocknet den Schweiß der Stirne mit dem Aermel seiner blauen Blouse. Soll er jegt umkehren und die rechte Seite nehmen, oder soll er nach Paris hineinstreben und sein Glück suchen, das große Glück, die Sous zu verdienen, die erforderlich sind, um Kraft zu bekommen, auch morgen seine Karre zu schleppen? Soll er seinen letzten Franc für den Zoll riskiren und sich dann in das unbekannte Geschick werfen? Ja, er wagt den Versuch, bezahlt seinen Oftroi und zieht in die Avenue de la Grand Armee hinein.

Die Sonne ist gestiegen und die Straßensteine sind noch von gestern warm; die feine Stadt stinkt nach Schlafkammerluft, die kein Wind in Bewegung setzt, wenn sie durch die geöffneten Fenster des Schlafzimmers hinausströmt, und die Sonnenstrahlen machen den Dampf glühend, der von den verschütteten Essenresten raucht; Zigarrenstümpfe und Tabaksspeichel, Pferdemist und Apfelsinen­schalen, Selleriestengel und Papier haufen quellen zwischen zurück­gebliebenen Kehrichthaufen in dem dicken Strome hervor, den der Wassermann aus der Röhre herausläßt, und mit dem er alles zu= sammen nach dem Gitter der Kloake hinunterspült. Der Alte ruft, wird aber von Omnibus und Karren überstimmt; und Niemand fauft. Müde und verlassen sett er sich auf eine Bank unter die Platanen. Die Sonne findet ihn noch durch das staubige Laub und verbrennt ihn stellenweise. So trist scheint die Sonne für den Müden, der so gern den Himmel bewölkt und einen Plazregen den unleidlichen Brand löschen sehen möchte, der die Kraft aus den Nerven zieht und die Sehnen dörrt.