Nr. 2.
Die Gleichheit.
12. Jahrgang.
Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3051) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch den 15. Januar 1902.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe geftattet.
Inhalts- Verzeichniß.
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Sozialpolitischer Mumpit. Frauen als Metallarbeiter. Von Louise Ziets. Vom Schutz erwachsener Arbeiterinnen im Ausland. England, Frankreich . Von a. br. Die Bewegung unter den Wiener Blumenverkäuferinnen. Von Franz Lill- Wien . Aus der Bewegung. Feuilleton: Betrachtungen. Von Multatuli . Deutsch von Wilhelm Thal. Notizentheil: Soziale Gesetzgebung. Vereinsrecht. Frauenstimmrecht. -Dienstbotenfrage. Genossenschaftsbewegung.- Frauenbewegung. -Sittlichkeitsfrage. Kellnerinnenfrage.- Verschiedenes.- Literatur zur Frauenfrage.
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Sozialpolitischer Mumpik.
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Vor der unheiligen Bundeslade der junkerlichen Zollwucherer tanzt keine der reaktionären Parteien mit größerer Inbrunst, als das Zentrum. Die vom Regierungsentwurf vorgesehene Erhöhung der Zollsäge auf Getreide dünkt ihm bekanntlich noch allzu bescheiden, der Raub am werkthätigen Volke, zu dem diese Erhöhung allein schon führen müßte, noch allzu gering. Aber kaum eine der reaftionären Parteien verquickt dem Zentrum gleich die Politik scham losesten arbeiterfeindlichen Zollwuchers mit der Politik verwerflichster Reformheuchelei. Der Zollwucher ist nicht nur bestimmt, der Noth der Landwirthschaft dadurch abzuhelfen, daß er Krautjunkern, Eisenund Baumwollbaronen Zehntausende und Hunderttausende in die wohlgefüllten Taschen leitet. Er soll auch Mittel zu dem Zwecke sein, die Arbeiterklasse mit einer Witwen- und Waisenversicherung zu bedenken. Also lautet das Eiapopeia, mit dem die Zentrumspolitiker den großen Lümmel" der greinenden und rebellirenden katholischen Arbeiterschaft vor der drohenden Gefahr der Aus= plünderung einzulullen suchen.
Warum nicht der feigenblattlose, phrasenlose Zollwucher? Warum die Liebesmüh' der Herren, ihr reformeifriges, arbeiter freundliches Herz zu entdecken? Die Antwort liegt nahe genug. Keine der reaktionären Parteien muß in diesen bösen Tagen des allgemeinen Wahlrechts wie das Zentrum mit den proletarischen Massen großer Industriezentren rechnen. Keiner brennt deshalb wie ihm das Feuer der Nothwendigkeit auf den Nägeln, diese Massen durch irgend ein Kunststück politischer Taschenspielerei über den eingeleiteten Verrath ihrer Interessen zu täuschen, ihre Aufmerksamkeit durch ein vorgehaltenes Zuckerbrötchen zu fesseln, um ihnen die bittere Pille: Vertheuerung der Lebenshaltung und Verschlechterung der Erwerbsverhältnisse in den Mund zu schieben.
Wahrhaftig: würden die proletarischen Zentrumsanhänger auf diesen plumpen Schwindel hineinfallen, sie hätten die Stockprügel auf den Magen verdient, mit denen sie das Zentrum in seiner ,, Arbeiterfreundlichkeit" ebenso gnädig als reichlich regaliren will. Denn wie liegen die Dinge?
Zunächst sieht der Zolltarifentwurf der Regierung nirgends mit einer Silbe vor, daß die durch den Zollwucher erhöhten Reichseinnahmen für Zwecke der Witwen- und Waisenversicherung verwendet werden sollen. Was vorliegt, sind nichts als unverbindliche Anregungen und Wünsche einzelner Zentrumsmänner, denen ein junkerlicher Vorfämpfer des Zollwuchers mit einem verständnißinnigen Augurenlächeln zunickte. Auch wenn diesen Anregungen, die sich vielleicht zu einem Antrage verdichten, die höflichste Verbeugung des bestgescheitelten Regierungsmannes zu Theil würde: am Ende ständen die Zentrumsleute
Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin ( 8undel), Stuttgart , BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
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sicherlich wieder einmal als blamirte Europäer" und nicht als erfolgreiche Sozialpolitiker da. Die Regierung hat behufs Erhaltung des Junkerthums als herrschende Klasse nicht blos dafür zu sorgen, daß Dank des Zollwuchers erhöhte Einnahmen die Hammersteine jeglichen Namens davor schüßen, den Unterhalt ihrer Flora Gaß und die Spielschulden ihrer„ harmlosen" Söhne mit dem Zuchthaus bezahlen zu müssen. Als Dienerin der herrschenden Klassen überhaupt muß sie darauf bedacht sein, die phantastisch anschwellenden Kosten der kapitalistischen Klassenpolitik zu decken, ohne daß die bemitleidenswürdigen schwächeren" Schultern der Besitzenden durch eine progressiv start steigende Einkommens- und Vermögenssteuer belastet werden. Was die Reichskasse vom Ertrag des Zollwuchers abbekommt, muß helfen, die Löcher zu stopfen, welche Militarismus, Seegewaltsträume und Weltfeldmarschallslorbeeren in das Budget reißen. Eine bessere Fürsorge für Witwen und Waisen gehört zu jenen Kulturaufgaben, für welche das Deutsche Reich in seiner glorreichen Herrlichkeit nie genügend Mittel übrig hatte und übrig haben wird.
Jedoch gesezt auch, das Unbegreifliche würde Ereigniß, dem Zentrum gelänge es, gegen wucherische Zollsäge eine Witwen- und Waisenversicherung einzuhandeln. Die Arbeiterklasse müßte dann nur einen winzigen Vortheil mit einem unendlichen Schaden be= zahlen. Nur der kleinste Theil der Ergebnisse des Zollwuchers fließt in die Reichskasse und könnte günstigsten Falles zu Gunsten der Witwen und Waisen aufgewendet werden: nur der Ertrag der Zölle auf die eingeführten ausländischen Waaren. Der Löwenantheil strömte in Gestalt künstlich gesteigerter Preise für die betreffenden einheimischen Erzeugnisse den agrarischen Schnapphähnen und ein zelnen Gruppen von Schlotjunkern zu. Von den vielen Hunderten von Millionen, um die zum Beispiel hohe Zölle auf Brotkorn die Existenzkosten des werkthätigen Volkes vertheuern, kommt der Reichs= kasse nicht mehr als etwa ein Neuntel zu Gute, den übergroßen Rest säckeln die Großgrundbesizer ein. Riesensummen zwänge also der Zollwucher den arbeitenden Massen ab und würfe sie Reichen und Sehrreichen in den Schoß. Wahre Bettelpfennige dürften sie dagegen durch Vermittlung des Reiches für ihre Witwen und Waisen aufwenden.
Die Zahl der Witwen und Waisen aber würde der Zollwucher obendrein beträchtlich vergrößern. Die Wissenschaft hat schon längst statistisch nachgewiesen, daß in Zeiten der Lebensmitteltheuerung und des schlechten Erwerbs die Zahl der Erkrankungen steigt, Hungertyphus und andere Seuchen weite Verbreitungsgebiete finden, die Ziffer der Todesfälle in die Höhe geht. Indem der Zollwucher den Lebensbedarf künstlich vertheuert, den Verdienst unsicher gestaltet und schmälert: schafft er Witwen und Waisen. Tausenden und Zehntausenden proletarischer Männer und Frauen fürzt er freventlich das Leben, weil er sie mit stärkerer Arbeitsqual und schwereren Sorgen belastet und sie zu einer entbehrungsreicheren Lebenshaltung zwingt. Das Zentrum fügt der Brutalität der Ausraubung der arbeitenden Massen noch die Schamlosigkeit der Verhöhnung der Beraubten hinzu, wenn es dieselben für die Plagen des Zollwuchers mit dem Hinweis auf eine Versicherung der Witwen und Waisen vertröstet. Die verheißene Wohlthat" gleicht der Wohlthat" eines Straßenräubers, der Jemand niederknüttelt und bis aufs Hemd ausplündert, ihm aber zur Entschädigung für alle Leiden entweder die paar Kupferpfennige in die Hand drückt, die er unter den geraubten Silber- und Goldmünzen vorgefunden,
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