Bur Frage der gewerkschaftlichen Agitation unter den Arbeiterinnen.
III.
Die Werkstubenagitation, die Werkstubenversammlung müßte unferes Erachtens in den Mittelpunkt der Bemühungen gerückt werden, die Arbeiterinnen der Gewerkschaft zuzuführen und sie zu überzeugten Gewerkschafterinnen zu erziehen. Nicht etwa, als ob durch sie die Agitation größeren Stils und die Gewerkschaftsversammlung überflüssig gemacht werden sollen. Es gilt vielmehr, mit ihrer Hilfe die Eine und die Andere vorzubereiten, zu ergänzen, fortzuführen, kurz der gewerkschaftlichen Organisation voll nutzbar zu machen. Die Werkstubenzusammenkunft kann in mannigfacher Hinsicht der weiblichen Eigenart, der Sonderstellung der Arbeiterin als Frau Rechnung tragen. In der Folge ist sie trefflich geeignet, die Verbindung zwischen der einzelnen Lohnstlavin und ihrer gewerkschaftlichen Berufsorganisation herzustellen und lebendig zu erhalten.
Sie schafft der Arbeiterin die durch häusliche Verpflichtungen und Lebensgewohnheiten weniger frei ist als thr Kamerad- die Gelegenheit, sich mit Ihresgleichen zusammenzufinden zum Gedankenaustausch über Arbeitsbedingungen und Interessen, jene Gelegenheit, die sich dem Mann so reichlich in Vereinen aller Art, ja beim Wirthschaftsgespräch darbietet. Sie löst in Folge ihres intimeren Charak ters den Bann der scheuen Zurückhaltung, der die Arbeiterin in großen Versammlungen so oft am Sprechen, an der Vertretung ihrer Interessen und Rechte hindert, und ermöglicht ihnen dadurch, lernend zu lehren. Sie bildet den natürlichen, vorzüglichen, geistigen Mittler zwischen der einzelnen Arbeiterin, die in weiblicher Rückständigkeit start individualistisch, ja egoistisch empfindet und denkt, und der Gewerkschaft, welche vom Geist der Solidarität beseelt und geleitet ist. Sie lehrt der ungeschulten Arbeiterin gleichsam das Abc der wirthschaftlichen Erkenntniß, des Gemeinsamteitssinnes, des Klassenbewußtseins und wiederholt und befestigt die Lektionen, welche die Gewerk schaftsversammlung, der Gewerkschaftskampf ertheilt.
Ihr Ziel erreicht die Werkstubenagitation um so vollkommener, je persönlicher sie jede einzelne Arbeiterin eines Betriebes erfaßt; je eingehender sie die Arbeits- und Existenzbedingungen der betreffenden Arbeiterinnengruppe von Tag zu Tag verfolgt; je gewissenhafter und schlagfertiger sie jedem Mißstand, jedem Vorkommniß gegenüber den Ausgebeuteten mit aufklärendem Wort und helfender That zur Seite steht; je mehr sie einem verständigen, liebevollen Familienrath gleicht, in der jedes Glied gleichberechtigt Sitz und Stimme hat.
Frühlingsruf.*
Von Andreas Scheu.
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Wiedererwacht sind das Licht und die Wärme, Wiedererstanden sind Farbe und Duft, Wiedergekehrt sind der Zugvögel Schwärme, Wohlflangerfüllt ist die würzige Luft! Alles, was Odem hat, dehnt seine Schwingen, Alles, was niedrig, schwebt hoffend empor; Alles, was Stimme hat, läßt sie erklingen Schallend und wirbelnd im weckenden Chor: ,, Wachet auf! Wachet auf! Wachet auf! Die ihr duldend der Liebe und Freiheit entbehrt. Der Frühling, der Frühling ist wiedergekehrt! Wachet auf! Wachet auf!"
Hört die Gewässer: Es ist mir gelungen! Murmelt vergnügt der lebendige Bach, Da er dem Joche des Frostes entsprungen, Als ihm der Lenz seine Fesseln zerbrach. Reißend und stürmisch, geschwellt von den Bächen, Toset und schäumet der Waldstrom einher; Hört ihr die donnernden Wogen nicht sprechen Weit über's Land, von der Quelle zum Meer: „ Wachet auf! Wachet auf! Wachet auf!
Die ihr Leben und Liebe und Freiheit begehrt Der Frühling, der Frühling ist wiedergekehrt! Wachet auf! Wachet auf!"
Hört den Gesang, der in grünenden Wäldern Laut aus gefiederten Kehlen erklingt; Höret das Preislied, das über den Feldern Jubelnd die Lerche dem Sonnenlicht singt!
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In der That: einem Petrus gleich, der Seelen fischt, sollten die Trägerinnen und Träger der Werkstubenagitation jeder einzelnen Arbeiterin nachgehen, jede einzelne bei ihren persönlichen Bedürfnissen, Interessen, Wünschen packen. Zu diesem Behufe müssen sie die lange Werkeltagsqual der Arbeiterinnen kennen, wie ihre farge Feiertagsfreude. Ihr Ohr und Herz muß dem Schrei der Klage offen stehen, wie dem schüchternen, kaum vernehmbaren Lallen der Sehnsucht nach Bildung und Freiheit. Mit den sozialen Untugenden der weiblichen Lohnsklaven müssen sie rechnen, aber auch mit ihren Vorzügen. Sie haben zu berücksichtigen, daß jeder anscheinende Alltagsvorgang in der Berufsthätigkeit, der Existenz der Arbeiterin für diese zu einer Katastrophe werden kann, welche das dürftige Stückchen Lebensglück verschlingt, das ihr die kapitalistische Ausbeutung gelassen hat. Die Träger und Trägerinnen der Werkstubenagitation müssen vor Allem gründlich Bescheid in den Berufs- und Betriebsverhältnissen der Arbeiterinnengruppe wissen, der sie die Segnungen der Organisation erschließen wollen. Was in Fabrik und Werkstatt vorgeht, was sich hier zum Bessern oder Schlechtern wandelt, haben sie von Tag zu Tag, von Woche zu Woche aufmerkſamst zu verfolgen. Ob sie mit den Arbeiterinnen zusammenfrohnden oder nicht, mit ihrem Wissen, Verstehen und Fühlen müssen sie in innerer Gemeinschaft mit ihnen leben.
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Folgende Vorbedingungen sind es aber besonders, die unserer Ansicht nach all dies ermöglichen. Die Werkstubenagitation muß von Leuten in erster Linie von Frauen getragen werden, welche täglich, stündlich in inniger Fühlung mit den Arbeiterinnen stehen, die organisirt, gewerkschaftlich geschult werden sollen; von Leuten, welche als gewerkschaftlich Geschulte in stetem, engem Zusammenhang mit dem Gewerkschaftsleben des Berufes, des Ortes stehen; von Leuten, welche in der Folge aus jedem Vorkommniß im Betrieb oder Berufszweig die aufklärende Konsequenz ziehen, jede geeignete Gelegenheit sofort für die Organisation ausnüßen können. Die Werkstubenagitation kann nicht ruckweise von auswärts betrieben, sie muß dauernd am Orte, im Industriezentrum unterhalten werden. Sie bedarf deshalb ihres eigenen, ständigen Stabes agitatorischer Kräfte, die ihr gleichsam jede Minute gerüstet, arbeitsbereit zur Verfügung stehen.
Die Werkstubenagitation muß ferner in der Hand von Leuten ruhen, die mit klarem Kopfe und warmem Herzen bei ihrer Aufgabe sind, sich ihr mit ganzer Seele widmen. Klarer Kopf und warmes Herz für die Interessen der Arbeiterinnen, klarer Kopf und warmes Herz aber auch für das Wesen, die Ziele der Gewerkschaft! So wenig die Werkstubenagitation der großen rednerischen Talente, der hervorragenden sozialpolitischen Gelehrsamkeit bedarf, so wenig kann sie die
Höret des Rosses luftschnaubende Nüstern; Hört seiner Ungeduld stampfenden Huf; Hört aus dem Dröhnen, dem Singen, dem Flüstern,- Einzig allein den verheißenden Ruf: ,, Wachet auf! Wachet auf! Wachet auf! Der euch Leben und Liebe und Freiheit gewährt, Der Frühling, der Frühling ist wiedergekehrt! Wachet auf! Wachet auf!"
Höret die rufende Stimme der Winde, Die aus den wogenden Lüften ertönt; Ob sie vom Süden spricht, weich und gelinde, Ob sie vom Westen rüttelnd erdröhnt: ,, Wo wir auch perlende Stimmen umfachen, Wo wir auch stöhnende Herzen umweh'n Ueberall seh'n wir die Armen erwachen, Ueberall sehen wir Kämpfer ersteh'n. Wachet auf! Wachet auf! Wachet auf! Die ihr müde und einsam und kettenbeschwert Der Lenz, der Befreier ist wiedergekehrt! Wachet auf! Wachet auf!"
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Gesang der Jungen.*
Von Dtto Krille.
Wir sind der junge Staat, erzeugt Vom Proletarierweibe. Uns hat die Mutter Noth gesäugt An ihrem dürren Leibe.
Aus elendsdunkler Hütte Schooẞ, Mit wunden Füßen, nackt und bloß, Sind wir emporgestiegen.
Vor uns der sonnentrunk'ne Tag
Nun geht's hinein mit Schwerterschlag Zum Sterben oder Siegen.
Des Reichthums Kinder können froh Am Wissensquell sich laben,
Ob sie auch Hoffarth nur und Stroh Im stolzen Schädel haben. Doch hat man unsern Feuergeist Mit Stock und Bibelspruch gespeist, Er ist noch nicht gestorben, Und schaffen wir auch ohne Glück In Nacht und dunstiger Fabrik, Wir sind noch nicht verdorben!
Noch glüht in unserm Arm die Kraft, Der Stolz des rothen Blutes, Noch gährt und braust die Leidenschaft Des tecken Jugendmuthes. Und tragen wir auch huckepack Den steinbeschwerten Bettelsack, Und müssen wir gleich hungern Und ohne Arbeit, ohne Brot, Getrieben von der blassen Noth Auch lumpen oft und lungern:
Der Zukunft Morgen bleibt uns doch, Den hoffnungskühn wir schauen, Wir brechen doch das alte Joch Der Sklaverei und bauen Der Menschheit eine reiche Flur. Und klingt auch jetzt im Liede nur Das Maienglück der Erden: Hinaus! Hinan! Der Morgen naht! Der Freiheit Mutter ist die That. Das Lied soll Wahrheit werden!