wendigen Soldaten. Soll der Arbeiter, der Kinderschutz darüber hinausgehen, so bedarf es immer wieder aufs Neue des Kampfes, des Einsetzens der ganzen Kraft von Seiten des vereinigten Proletariats. Und wahrlich, dieser Kampf thut Noth. Nicht zum Wenigsten gerade zum Schuße der Frauen und Kinder, welche von den Herren Rübenbaronen ausgebeutet werden.
Wohl in keiner anderen Industrie ist die Ausbeutung der Arbeiter, aller Glieder der Arbeiterfamilie so groß, als in der Zuckerindustrie. Hört die Ausbeutung in den Feldern auf, so beginnt sie in den Fabriken. Wie sich hier die Verhältnisse der Arbeitenden gestalten, das werden wir in einem folgenden Artikel zeigen. Erfreulicher Weise beginnen sich die Landarbeiter beider Geschlechter in neuerer Zeit energisch gegen ihre Ausbeutung zu wehren. Der Verband der Fabrik- und Landarbeiter hat just in der Provinz Sachsen eine erkleckliche Anzahl von Zahlstellen, die Mitgliedschaften von 400 bis 500 Personen aufweisen, darunter oft 50 Prozent Frauen. An verschiedenen Orten sind auch bereits Lohnerhöhungen durchgesetzt worden. Und das obgleich ein wirthschaftlicher Kampf für die Landarbeiter mit ungeheuren Gefahren und Schwierigkeiten verbunden ist. Stehen doch dieselben noch unter einem Ausnahmegesetz vom 24. April 1854, das Gesinde, Dienstleute, land- und Forstwirthschaftliche Arbeiter mit Gefängniß bis zu einem Jahre bedroht, falls sie gemeinsam, auf Grund einer Verabredung höheren Lohn fordern oder die Arbeit niederlegen. Um nicht in die Fußangel der gesetzlichen Bestimmungen zu gerathen, müssen die Leute, die nicht nebeneinander vorgehen können, ihre Forderungen wie die Gänse im Marsche nacheinander vertreten, wodurch ein Lohnkampf natürlich außerordentlich erschwert wird. Daß der Erfolg trotzdem nicht ausblieb, hat bei den Herren Zuckerbaronen den Verband der Fabrikund Landarbeiter zu dem bestgehaßten gemacht. Unzählige gerichtliche und polizeiliche Verfolgungen legen Zeugniß davon ab. Es geht jedoch vorwärts, trotz alledem und zu Nutz und Frommen aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten.
Die Frauenarbeit in der Buchbinderei.
Vor Kurzem erschienen statistische Erhebungen in den Buchbindereien und verwandten Berufen Deutschlands im Jahre 1900, die vom Vorstand des Deutschen Buchbinderverbandes herausgegeben wurden. Dieselben stellen eine starke Zunahme der beschäftigten Arbeiterinnen seit der letzten Berufszählung vom 14. Juni 1895 fest. Es wird die Vermuthung ausgesprochen, daß die Zahl der Arbeiterinnen in den 5 Jahren nach der Zählung um 8000 zugenommen habe. Die Berufszählung verzeichnet in der Buchbinderei und in den Kartonnagefabriken 31517 männliche und 14 763 weibliche beschäftigte
Hundert Hemden in der Woche.
Von Robert Seidel.
( Nachdruck verboten.)
„ Hundert Hemden in der Woche!" Trügt mein Auge? Täuscht mein Sinn? Nein! So steht's im Großstadtblatte, ,, Liefert eine Näherin."
,, Hundert Hemden in der Woche, Glatt und faltig, eng und weit;" Ist das nicht das größte Wunder Dieser wunderreichen Zeit?
Sind zwei schwache Frauenhände Nicht ein starker Zauberstab, Daß sie hundert Blößen decken Von der Wiege bis zum Grab?
Sicher schafft ihr heil'ger Zauber Auch der Zaub'rin Glück und Ehr', Und sie wandelt wie die Sel'gen, Auf der Lebensbahn einher.
Und es schmückt am Erntefeste Sie der Blumen schönster Kranz, Und es führt der erste Bürger Sie voran beim Ehrentanz.
Und wenn einst die fleiß'gen Hände Müde werden, winket hold Ihr ein sonn'ger Lebensabend Mit der Arbeit Ehrensold.
Thor von einem andern Sterne, Denkst du so von unsrer Welt? Glaubst du, daß das Recht hier wohne Wie in des Barbaren Zelt?
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Personen. Nach der Schätzung des Buchbinderverbandes waren im Jahre 1900 allein in Berlin 7683 Arbeiterinnen in der Buchbinderei und in verwandten Berufen thätig. Auf Berlin folgte Leipzig mit 2549, Dresden mit 1717, Nürnberg mit 933, Stuttgart mit 900, Brieg mit 838, Frankfurt a. M. mit 788, Hannover mit 729, München mit 715, Chemnitz mit 444, Breslau mit 437, Fürth i. B. mit 375, Altona mit 250, Erlangen mit 170 Arbeiterinnen 2c. 2c.
In allen hier angeführten Orten ist die Zahl der Arbeiterinnen größer als die der Arbeiter, und zwar oft um ein vielfaches. Am meisten überragt die Zahl der Frauen die der Männer in der Buchbinderei und in verwandten Berufen in Brieg , wo neben den 838 Arbeiterinnen nur 48 Arbeiter ermittelt wurden. Leider ist aber in Brieg feine einzige Arbeiterin im Buchbinderverband organisirt. Den vorstehenden Umständen entsprechen auch außerordentlich niedrige Löhne, 7,50 Mt. im Durchschnitt pro Woche, bei 581/2 stündiger Arbeitszeit. Nur wenige Orte haben noch ungünstigere Verhältnisse, so z. B. Eisenberg mit 7,30 Mt. bei 59 stündiger Arbeitszeit, Brandenburg mit 6,80 Mt. bei 57 stündiger Arbeitszeit. In Chemnitz , wo auch feine Arbeiterin der Gewerkschaft angehört, beträgt der Wochenlohn der Arbeiterinnen 7,30 Mt. bei 60 stündiger Arbeitszeit, in Breslau , wo unter 437 Arbeiterinnen nur 24 organisirt sind, 7,45 Mt. bei 59 stündiger Arbeitszeit. Am besten sind die Arbeiterinnen in den Buchbindereien und verwandten Berufen organisirt in Stuttgart , wo 41,7 Prozent von ihnen dem Verband angehören, wo auch die 54 stündige Arbeitszeit bei 11,60 Mt. durchschnittlichem Wochenlohn üblich ist. Dann folgt Bremen mit 41,2 Prozent organisirter Arbeiterinnen, 54 stündiger Arbeitszeit und 9,45 Mt. wöchentlichem Lohne. Hieran schließt sich Leipzig mit 39,3 Prozent organisirten weiblichen Berufsthätigen, 534 Stunden durchschnittlicher Arbeitszeit und 10,95 Mt. Wochenlohn. In Altona sind 31,2 Prozent der Arbeiterinnen organisirt, auch hier wird 54 Stunden gearbeitet und 12,10 Mt. in der Woche verdient. Etwas stärker ist die Zahl der weiblichen Organisirten in Erlangen mit 33,5 Prozent. Hier herrscht die 58 stündige Arbeitszeit, und der Wochenverdienst beträgt 7,75 Mt. Da die Arbeiterinnen am Drte noch nicht lange der Organisation angehören, so konnte diese erst größere Erfolge in Aussicht stellen, aber noch nicht nachweisen. Das Gleiche gilt für Regensburg , wo 30,7 Prozent der Arbeiterinnen organisirt sind, 56,8 Stunden in der Woche gearbeitet und 7,75 Mt. verdient wird. Selbstverständlich kann die Gewerkschaftsorganisation dort am meisten leisten, wo nicht nur das Prozentverhältniß der organisirten Arbeiterinnen, sondern auch ihre absolute Zahl ins Gewicht fällt, wo sie demnach nicht so leicht durch indifferente Arbeitskräfte ersetzt werden können. Das ist nicht der Fall in Schleiz . Hier find zwar 40,7 Prozent der Arbeiterinnen organisirt, da es sich aber nur um 30 Personen handelt und eine ganze Reihe industriereicher
Wähnst du, wer die Nackten kleidet, Habe Brot und Gold und Ruhm, Und es herrsche bei den Christen Menschenrecht und Menschenthum? Hundert Hemden in der Woche Bringen Ehre nicht und Brot, Doch Erniedrigung und Mangel, Herzeleid und frühen Tod.
In der Näht'rin enge Kammer Zog das Elend grinsend ein; Darum rief sie: Hundert Hemden!" In die reiche Stadt hinein.
Hundert Hemden! Tausendstimmig Donnert uns'rer Zeit ins Ohr, Daß Gerechtigkeit und Liebe Schreit empört zu Gott empor. Mahnt die Heiteren und Harten Laut an Mitleid, ernst an Pflicht, Daß ihr Sterbehemd nicht zeuge Wider sie einst vor Gericht.
Ein Kranz auf Genoffin Eichhorns Grab.
Der warme, tiefgefühlte Nachruf, den die Nedaktion der ,, Gleichheit" in Nr. 13 der Genossin Eichhorn in Dresden widmete, hat mir zur Gewißheit gemacht, daß die in der deutschen Arbeiterpresse öfters genannte Genossin Eichhorn jene Frau ist, mit der ich in den Jahren 1877 bis 1880 in Zürich in der Bewegung thätig war. Genoffe Eichhorn bekleidete in jener Zeit eine Stellung im Arbeiterbildungsverein„ Eintracht", in dem ich kurz
vorher das Vizepräsidentenamt innegehabt hatte. Gewöhnlich war er bei Vorträgen von seiner Frau begleitet, die sich bald auch in der Aufklärungsund Organisationsarbeit nützlich machte. Ihr kluges Wesen und ihr sicherer Blick für das zur Zeit Nützlichste und Beste bewegten mich, sie zum Eintritt in den Vorstand der Fabrik- und Handarbeitergewerkschaft beider Geschlechter zu bewegen. Dort haben wir zusammen manche Vorstands- und Vereinssitzung durchlebt und uns immer wieder abgemüht, die schlechtest bezahlten und gebildeten Arbeiter und Arbeiterinnen für die Organisation und die Sozialdemokratie zu gewinnen. Es war ein hartes und scheinbar völlig nutzloses Stück Arbeit, aber wir sagten uns, auch das kleinste Glied der Arbeiterorganisation ist werthvoll, und wir wußten, wir arbeiten für die Zukunft.
Wir hielten selbst Vorträge und gewannen die berühmtesten Kräfte zu Vorträgen, aber oft waren nur ein paar Dutzend Leute da. Dann trösteten wir uns mit der Hoffnung: Es bleibt doch immer etwas hängen. Für die Opfer des Sozialistengesetzes haben wir manches Scherflein gesammelt und für die Wahlen von 1878 viele Hundert Mark. Genosse und Genossin Eichhorn halfen überall mit und nahmen überall Vertrauensstellungen ein. Es ging ihnen nicht gut, aber man half sich gegen seitig so viel man konnte, und so schlugen sie sich tapfer durch.
Da ich im Jahre 1879 von Zürich fortzog, so kam mir die Familie Eichhorn aus den Augen, aber oft habe ich ihrer denken müssen, denn Genosse und Genossin Eichhorn waren ein Herz und eine Seele in der treuen Arbeit für die hohe, heilige Sache der Sozialdemokratie. Ich lege einen Kranz auf ihr Grab. Zürich .
Robert Seidel.