Nr. 21.

Die Gleichheit.

12. Jahrgang.

Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.

Die Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3051) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mr. 2.60.

Inhalts- Verzeichniß. Der Parteitag zu München .

-

Stuttgart

Mittwoch den 8. Oktober 1902.

Buschriften an die Rebaktion ber Gleichheit" find zu richten an Frau Klara gettin( 8undel), Stuttgart , Blumen­Straße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.

Zur Lage der Arbeiterinnen der Pinselindustrie in Nürnberg . Von 2. Stein. An Alle, die Feuilleton: Ein Kind. Von Paul Bröcker. Notizentheil: Weibliche Fabrik­Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation. Vereinsrecht der Frauen. Frauenstimmrecht.

es angeht. Bericht der Vertrauensperson. Aus der Bewegung. inspektoren. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Frauenbewegung. Dienstbotenfrage.

-

-

-

-

Arbeiterinnen und Arbeiter der Bürsten- und Pinselindustrie! Die Nummer enthält einen Artikel über die Lage der Pinselarbeiterinnen in Nürnberg , der Eurer besonderen Beachtung empfohlen sei.

Der Parteitag zu München .

Der Münchener Parteitag hat bestens gehalten, was die Stämpfer für die Befreiung des Proletariats von ihm erwarteten. Das ist das frohe, erhebende Bewußtsein, in welchem die Sozialdemokratie auf seine Berathungen und Entscheidungen zurückblicken kann. Der Parteitag hat nicht blos gewissenhafte und fleißige, er hat gute, tüchtige Arbeit geleistet, Arbeit, die jenen Doppelcharakter trägt, welcher das Sein und Thun der deutschen Sozialdemokratie in so hohem Maße auszeichnet. Und das ist es, was sie so thurmhoch über das Werk der Tagungen bürgerlicher Politiker emporhebt: die Verbindung von praktischer, positiver Kleinarbeit im Dienste der proletarischen Gegenwartsinteressen mit dem klaren, grundsäz­lichen Erfassen des historischen Entwicklungsganges seiner großen Gesichtspunkte und seiner weitreichenden Aufgaben; die Verbindung von fühler, nüchterner Erwägung der thatsächlichen Bedingungen für Arbeit und Kampf mit dem begeisterten Blick auf das ge­schichtlich bedingte Endziel und der flammenden Siegeszuversicht. Mag in den einzelnen Arbeiten des Parteitags, mag in der Stellungnahme einzelner Persönlichkeiten bald der eine, bald der andere Zug stärker hervorgetreten sein, ganz gleich. Beide fügten sich immer wieder in innerer, organischer Zusammengehörigkeit zum Ganzen aneinander. Einheitlich und geschlossen hat sich die Sozial­demokratie in München zur unscheinbaren aber unentbehrlichen und bedeutsamen Tagesarbeit gerüstet, wie zu den großen Kämpfen, deren Tragweite sich auch dem stumpfesten Verständniß aufdrängt.

Einheitlich und geschlossen! Soll damit etwa gesagt sein, daß in München Gegenfäße fehlten, und daß nicht hier und da die Polemik und Kritik scharfe Pfeile hinüber und herüber schoß? Keineswegs. Die Sozialdemokratie wäre nicht die sie ist, wenn dem anders gewesen: die Partei des jugendfrischen proletarischen Klassenlebens, das immer neue und schwierigere Arbeitsgebiete er­faßt und immer zahlreichere, darunter auch nichtproletarische Ele­mente mit sich fortreißt; die Partei der leidenschaftlichen Ueber­zeugungstreue von der geschichtlichen Wahrheit des Sozialismus. Aber weil sie das ist, so erwies sich auch das Gemeinsame als stärker wie die bekundeten Gegensäße, und das Bewußtsein von der Kampfesgenossenschaft für das eine große Ziel als ausschlag­gebender wie der Streit um Einzelfragen. Nicht einmal die bürgerlich liberale Presse wagt es, ihrer sonstigen berufsgemäßen Gepflogenheit nach, aus den Münchener Verhandlungen den Zerfall der Sozialdemokratie zu prophezeien. Und der truppenlose Führer der gut kaiserlichen Demokratie, Pfarrer Naumann, ist vom Klepper der Hoffnung von einer theoretischen Revision des revolutionären Sozialismus zum frumben Nationalsozialismus auf den Köter des Traumes gekommen, die Revision könne sich ohne Theorie durch Hinterthürchen in die Sozialdemokratie einschleichen und diese von innen heraus still korrumpiren.

-

Es war nicht, wie es den Anschein gehabt, die Frage der bayerischen Wahlrechtsreform, welche die gegensätzlichen Auffassungen in der Partei zum Aufeinanderplazen brachte. Diese Frage ist und wir bedauern das durchaus nicht außer= halb der Erörterungen des Parteitags geblieben. Sicherlich nicht daher, weil das Münchener Milieu Die eines Besseren belehrt hätte, welche die Haltung unserer bayerischen Landtagsfraktion in der Sache für eine unrichtige hielten. Sie hatten ihre Auf­fassung nicht aus den Fingern gesogen, sondern auf Grund ein­gehender Beschäftigung mit den bayerischen Verhältnissen gewonnen. Aber eine Auseinandersetzung über den Fall konnte auf dem Parteitag unterbleiben. Was von der einen und anderen Seite zu ihm Erhebliches gesagt werden konnte, das war in der Presse bereits gesagt worden. Daß die Mehrheit der Genossen die Zu­ſtimmung der bayerischen Landtagsfraktion zu der Wahlrechts­resolution nicht billigte, stand außer Zweifel. Allein dieser That­sache durch eine Resolution einen formellen Ausdruck zu geben, die für die bayerischen Genossen einen bitteren Beigeschmack haben mußte, das widerrieth mehr als ein triftiger Grund. Ob die Haltung der bayerischen Landtagsfraktion einen taktischen Rechen­fehler bedeutet oder nicht, darüber wird der Erfolg entscheiden. Was aber die grundsäßliche Seite der Frage anbelangt- die Ueberschätzung der parlamentarischen Thätigkeit der Partei und die ungenügende Berücksichtigung ihrer außerparlamentarischen politischen Aktion Aktion so begegnen wir ihr auch in der Haltung der Gesammt­partei der und jener Frage gegenüber. So wünschenswerth uns eine klärende Erörterung des vorliegenden Problems erscheint, so wenig dünkt uns jetzt die Situation dafür geeignet. Schließlich und nicht zum Mindesten war es auch die Rücksicht auf die bevor­stehende Reichstagswahl, die zum Unterlassen einer Auseinander­segung stimmte, die nicht unabweisbar nöthig, dafür aber geeignet war, die Kampfesfreudigkeit eines Theils unserer Genossen zu vermindern.

"

-

"

"

"

Die sogenannte Zeitschriftendebatte" brachte den Zu­sammenprall der Gegensäge, welche die Partei umschließt. Es ist bezeichnend, daß diese Debatte durch Praktiker" und nicht durch " Theoretiker" aufgerollt ward; daß ihr Ausgangspunkt das Defizit der Neuen Zeit" und keine Doktrin war, daß sie in der Haupt­sache der Geschäftskonkurrenz zwischen dem genannten offiziellen Organ der Partei und den Sozialistischen Monatsheften" galt. Nichts ist deshalb unbegründeter als das Gefasel bürgerlicher Blätter, daß die heißen Erörterungen einen Kampf um die Mei­nungsfreiheit darstellen, die durch die Träger des alten Dogmas" vernichtet werden sollte. Was in weiten Kreisen der Genossen Entrüstung gegen die Sozialistischen Monatshefte" erregt hatte, war nicht die von ihnen vertretene revisionistische Tendenz, sondern die auf die Spize getriebene geschäftliche Schmußkonkurrenz, deren sich ein Kaufmann schämen würde, der auf leidliche Reputation hält. Was erbitterte, war weiter der Umstand, daß hervorragende

"

"