Nr. 24.
Die Gleichheit.
12. Jahrgang.
Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3051) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 86 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Inhalts- Verzeichniß.
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Mittwoch den 19. November 1902.
Cornélie Huygens+. Von Mar Grunwald. Die fünfte Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine. Vom Hebammenelend. III. Von Marie Kunert . Aus der Bewegung. Feuilleton: Herbst im Spital. Gedicht von Otto Krille. Mutter Jones.( Fortsetzung.) Notizentheil: Vom Weberausstand in Meerane . Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenstimmrecht. Sittlichkeitsfrage.- Frauenbewegung.
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Cornélie Huygens+
Eine große Seele ist von uns gegangen, ein selten wahrhaftiger und hoher Charakter, eine hochbegabte Dichterin und eine tapfere treue Mitstreiterin im Kampfe des internationalen Proletariats.
Im hellsten Sonnenlicht des Tages, festen Schrittes, Klarsten bewußten Geistes kam sie zu uns, und im fahlen, versinkenden Scheine des Herbstes, im unerforschlichen, undurchdringlichen Sinnen ist sie selbstgewollten Weges von uns gegangen.
Uns, den Ueberlebenden, bleibt, was sie für Alle geschaffen, und Alle, die sie gekannt, verehrt und geliebt haben, bleibt ihr großes Beispiel, Nacheiferung weckend.
Als sie zu uns tam auf der Höhe bürgerlichen Ruhmes, trat sie als lezte, bescheidenste Streiterin in unsere Reihen, als sie von uns ging, stand sie unter den achtunggebietendsten Vorfämpfern, und ihr Ruhm begann weit über ihr kleineres Vaterland hinaus zustrahlen. Ungewollt, von einer tiefen Bescheidenheit, die nur aus der erkannten, weltumfassenden Größe unserer Ideen und ihren höchsten Maßstäben floß, stieg sie für ihre Dienste um das klassen bewußte Proletariat aller Länder von Stufe zu Stufe, und auf der Höhe berechtigster Anerkennung, frei und so gern gegebenen Dankes hat sie ihr eigener unergründlicher Wille von uns genommen....
Eine große Seele! Ein selten wahrhaftiger Cha ratter! Also bleibt unvergänglich in Allen, die sie persönlich kannten, ihr Bild; aber auch Allen, die sie nur aus ihren Werken fennen, muß sich zwingend dieser Eindruck aufbrängen, so durchdrang ihre hohe Persönlichkeit alles, was sie schuf. Wahr sein, war das erste und legte Gebot ihrer Lebensauffassung. Um die Wahrheit ihrer Erkenntniß gab sie Reichthum, bürgerliche Ehren, älteste Familienbande auf; mochte sie um der Wahrheit willen noch so Großes, Liebgewonnenes verlieren, es schmerzte sie nicht, es war ihr förmlich eine Freude innerlichster Befriedigung. Als sie, die aus einem der ältesten holländischen Geschlechter stammte, einem Geschlecht, das seinem Vaterland mit die größten Gelehrten, Dichter und Staatsmänner gegeben hatte, als sie in einer Zeit aufgewühltesten Klassenhasses zu dem armen, gefnechteten Proletariat ihres Landes fam, war dies für sie lediglich eine Erfüllung. der Pflicht der Wahrhaftigkeit, eine freudige Genugthuung einmal erkannter Wahrheiten. In einem Alter, wo Andere an Ruhe und Selbstgenuß erreichter Anerkennung und Erfolge denken, trat sie auf den schwersten, opferheischendsten Kampfplak; vor feiner Arbeit, keiner noch so anstrengenden Aufgabe scheute sie zurück; ihre hohe Auffassung von dem größten Kampfe, der die Welt bisher gesehen, ließ sie auch die kleinlichste Kleinarbeit im Dienste unserer Sache groß erscheinen. Sie, die einst so gefeierte Aristo fratin, der verwöhnte Liebling einer Großbourgeoisie trat ohne jede Forderung, voll selbstlosester Bescheidenheit an jegliche Arbeit heran. Die anstrengendsten Landagitationen, die dunkelsten Gegenden suchte sie förmlich mit Vorliebe auf, für die undankbarsten Aufgaben war fie die willigste Vollstreckerin. Der Dank eines ärmsten
Buschriften an die Rebaktion der Gleichheit" find zu richten an Frau Klara Bettin( 8undel), Stuttgart , BlumenStraße 84, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
Proletariers wurde ihr eine königliche Ehrung, so war sie mit ihrer ganzen wahrhaftigen Persönlichkeit, mit ihrer großen Seele die unserige geworden. Unsere holländische Bruderpartei ehrte sich selbst, indem sie treueste Arbeit in ihrem Dienste ehrte und Cornelie Huygens vor etlichen Jahren in den Parteivorstand wählte.
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Ganz allmälig, Schritt für Schritt, aber innerlich um so fester, war Cornelie Huygens zu uns gekommen, und mit dem größten Werke, das sie in all den Jahren großer literarischer, dichterischer Erfolge geschaffen, mit ihrem Berthold Meryan", hatte sie ihr selbstgesuchtes Glaubensbekenntniß abgelegt. Das größte Werk krönte die höchste Auffassung, und es ist nicht zu viel gesagt, daß dieses Buch sie als wahrhaft geniale Dichterin erscheinen läßt. Ein durchaus bürgerlicher Kritiker, der beste deutsche Kenner der holländischen Literatur, hat in dem ersten deutschen bürgerlich- demokratischen Blatte von diesem sozialistischen Romane gesagt, daß, wenn er nicht in holländischer, sondern in englischer Sprache erschienen, er ein internationales literarisches Ereigniß geworden wäre. Es wäre ein ganz vergebliches Unterfangen, von diesem bedeutenden Werke in einigen Strichen eine ungefähre Vorstellung zu geben. An dieser Stelle mag nur angedeutet werden, daß„ Berthold Meryan" nicht nur eine spannende, oft dramatisch gestaltete Erzählung enthält, eine krystallklare Konzeption des wissenschaftlichen Sozialismus, ein gut Theil holländischer Parteigeschichte, sondern vor Allem auch eine so tiefe und zugleich doch auch wieder allgemein verständliche Erörterung der Frauenfrage, wie sie eben nur eine Frau von umfassendster historischer, ökonomischer und politischer Bildung, zugleich aber auch von höchster dichterischer Begabung und abgeschlossenster Individualität zur Darstellung bringen kann.
Als Cornelie Huygens , eine der ersten und erfolgreichsten Borkämpferinnen der bürgerlichen Frauenbewegung in Holland , jegliche Verbindung mit dieser brach und in flarster Erkenntniß schärfstens getrennter Wege und Ziele allein der proletarischen Frauenbewegung ihre Dienste widmete, als sie in ihrem Büchlein ,, Die Liebe im Frauenleben" dies mit der ganzen Gluth und Reinheit und Kraft wahrhaftiger Ueberzeugung vor aller schmähenden bürgerlichen Welt vertrat: da ging doch ein Wehen wie das Ahnen höherer Wahrheiten, größerer Welten durch der Lästerer Herzen, und manche ehrliche bourgeoise Seele zog sich ganz vom Kampfe zurück. Unsere Dichterin aber hatte jezt erst mit der Erkenntniß des inneren unlöslichen Zusammenhanges der Befreiung des Proletariats und der Frau ihr volles Kampfesziel vor sich, und ihr Kampf für die Befreiung der Frau weitete sich so zum Kampfe für die Befreiung des gesammten Proletariats.
Aber doch haben die proletarischen Frauen ein besonderes Recht und auch eine besondere Pflicht, dieser großen und treuen Mitstreiterin zu gedenken. Denn immer hat ihr Herz den Leiden und Kämpfen der Frau besonders warm geschlagen, immer blieb sie bei all ihrer intellektuellen Schärfe, ihrer Energie, ihrer Leidenschaft ein Wesen tiefster Weiblichkeit, zartester Empfindungen, wahrer Keuschheit, ein Vorbild fast ohne Gleichen in dieser Vollkommenheit ausgebildeter Persönlichkeit.
Und jetzt ist sie freiwillig von uns gegangen, gegangen, als über Hollands Grenzen die Strahlen ihres Wirkens auch zu uns zu bringen begannen und Anerkennung und Liebe weckten, in der ungeschwächten Vollkraft geistigen Schaffens, voll neuer Pläne, neuer Hoffnungen. Ein strahlender Stern ist erloschen, der uns geleuchtet! Mar Grunwald.